Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, herauszufinden, inwieweit sich in Schnitzlers „Liebelei“ Elemente des traditionellen bürgerlichen Trauerspiels und der bürgerlichen Wertordnung finden lassen. Es soll untersucht werden, in welchen Kategorien und Belangen das Drama der Konzeption des traditionellen bürgerlichen Trauerspiels des 18. Jahrhunderts entspricht. Dafür soll zunächst, im ersten Teil der Arbeit, verhandelt werden, worin typische und charakteristische Merkmale, Elemente und Motive des bürgerlichen Trauerspiels bestehen, insbesondere hinsichtlich der Werteordnung, welche innerhalb der bürgerlichen Familie gelebt wird. Der zweite Teil der Arbeit bezieht sich auf das Wien zur Zeit des Fin-de-Siècle, und soll näher erläutern, inwieweit sich Schnitzler von dem entsprechenden Zeitgeist in seinem Werk inspirieren lassen hat und wo sich zeitgenössische Einflüsse auf das Stück feststellen lassen. Der Fokus soll dabei auch gerichtet werden auf das in dieser Zeit vorherrschende Frauenbild und wie sich dieses auf die Konzeption von Schnitzlers Frauentypen auswirkt. Der dritte Teil schließlich bezieht sich konkret auf Schnitzlers Stück „Liebelei“ und soll darlegen, wie es Schnitzler gelingt, über seine Figurenkonstellation und die Darstellung der entsprechenden Charaktere verschiedene Beziehungskonzeptionen und Auffassungen von Liebe zu veranschaulichen. Darüber soll auch die Aktualität des bürgerlichen Wertekanons verhandelt werden. Auf dieser Grundlage soll schließlich die Frage geklärt werden, ob diese Werte bei Schnitzler noch als aktuell und vertretbar erscheinen, welche Ideale und moralischen Ideen als zeitlos modern gewertet werden kennen und an welchen Stellen es in dieser Hinsicht zu Diskrepanzen kommt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Familie als zentrales Element des bürgerlichen Trauerspiels
3. Arthur Schnitzler und das Wien des Fin-de-Siècle
4. „Liebelei“
4.1 Figurenkonstellation
4.2 Christines Ideale
4.3 Destruktion der Vaterautorität
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Arthur Schnitzlers Drama „Liebelei“ Elemente des traditionellen bürgerlichen Trauerspiels integriert und dabei zeitgenössische Wiener Gesellschaftsnormen sowie spezifische Geschlechterrollen kritisch hinterfragt.
- Analyse des bürgerlichen Trauerspiels als Gattung und Werteordnung.
- Einfluss des Wiener Fin-de-Siècle auf Schnitzlers Menschenbild.
- Untersuchung der Figurenkonstellation und der Ideale von Christine.
- Dekonstruktion der Vaterautorität innerhalb der bürgerlichen Familie.
- Gegenüberstellung von Rollenerwartungen und individueller Identität.
Auszug aus dem Buch
4. „Liebelei“
Im Laufe des 19. Jahrhunderts kommt es zu einer Spaltung des Bürgertums selber. Statt der strikten und unüberbrückbaren Standestrennung des Ancien régime, statt dem politisch-sozialen Unterschied zwischen Adel und Bürgertum, wird jetzt ein ökonomisch-sozialer Unterschied zwischen Groß- und Kleinbürgertum gemacht. Allerdings findet sich auch in der „Liebelei“ dasselbe soziale Gefälle, mit derselben Verteilung auf die Figuren, wie es auch im bürgerlichen Drama beschrieben wird. Ein junger Mann aus reichem Hause, ein armes „Mädel aus der Vorstadt“ – die soziale und räumliche Differenzierung von „großer“ und „kleiner“ Welt findet hier seine Entsprechung von großräumigem Palast versus Bürgerstube innerhalb der modernen Großstadtlandschaft. Die bescheidenen Kleinbürgerverhältnisse der Vorstadt illustrieren, wenn auch nicht mehr ganz so strikt, die Moral und die Gemütswerte der bürgerlichen Familie des 18. Jahrhunderts. Das Äquivalent zur Lebensweise der Aristokratie als Privileg des Müßiggangs findet sich verkörpert durch das zu Geld gekommene Großbürgertum.
Der ursprüngliche Titelentwurf von „Liebelei“ lautet „Das arme Mädel“ und bezieht sich nur auf das Einzelschicksal der Protagonistin. Durch die spätere Umänderung in „Liebelei“ verweist der Titel auch auf ein gesellschaftliches Phänomen. Der spielerische Charakter der Liebesbeziehungen, welche verbunden sind mit dem Typ des „süßen Mädels“ und den „Liebeleien“, deutet sich bereits im Titel an. Diese Beziehungen werden im Drama inszeniert, ihnen kommt aber auch eine Bedeutung im Kontext der Jahrhundertwende zu. Die Spielregeln dieser „Liebeleien“ werden von Männer aufgestellt. Diese sind durch ihre soziale Herkunft dazu in der Lage, „süße Mädel“ aus der Vorstadt zu erobern. Sie können eine unverbindliche Liaison eingehen, welche mit keinerlei Verpflichtungen verbunden ist. Durch die Figur des „süßen Mädel“ offenbaren sich soziale und gesellschaftliche Probleme innerhalb dieser vermeintlich „unverbindlichen“ Geschlechterbeziehung. Diese Probleme sind es, welche in letzter Konsequenz zu der Katastrophe führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit erläutert das Ziel, Schnitzlers „Liebelei“ im Kontext des bürgerlichen Trauerspiels und der Wiener Moderne zu untersuchen.
2. Die Familie als zentrales Element des bürgerlichen Trauerspiels: Es wird analysiert, wie das bürgerliche Trauerspiel als literarische Gattung auf Familienstrukturen, Tugendideale und Standeskonflikte basiert.
3. Arthur Schnitzler und das Wien des Fin-de-Siècle: Der Fokus liegt auf der soziologischen und psychologischen Perspektive Schnitzlers auf das Wiener Stadtmilieu und das Rollenbild der Frau.
4. „Liebelei“: Das Kapitel befasst sich mit den sozialen Unterschieden, der Entstehung des Titels und der Analyse der geschlechtsspezifischen Spielregeln.
4.1 Figurenkonstellation: Eine Analyse von Christine als Protagonistin, die an romantischen Idealen festhält, im Kontrast zur Realität ihrer Zeit.
4.2 Christines Ideale: Untersuchung der Diskrepanz zwischen Christines Wunsch nach absoluter Liebe und der sozialen Wirklichkeit sowie ihrer Reduzierung auf das Rollenbild des „süßen Mädels“.
4.3 Destruktion der Vaterautorität: Es wird beleuchtet, wie Schnitzler die traditionelle Vaterfigur durch eine Modernisierung seiner Moralvorstellungen in Frage stellt.
5. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass das Stück sowohl Spuren des traditionellen Trauerspiels trägt als auch einen kritischen Modernisierungsprozess durchläuft.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Liebelei, bürgerliches Trauerspiel, Wien Fin-de-Siècle, Frauenbild, süßes Mädel, Vaterautorität, Tugendideal, soziale Konventionen, Rollenerwartungen, Liebeskonzeptionen, gesellschaftliche Moderne, Gattungsgeschichte, Identitätsfindung, Maskerade.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers „Liebelei“ und prüft, inwiefern dieses Drama die Struktur und Wertvorstellungen des traditionellen bürgerlichen Trauerspiels des 18. Jahrhunderts aufgreift, modernisiert oder kritisch unterläuft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Familie, die Definition weiblicher Tugend, die Bedeutung von Standesunterschieden im Wien des Fin-de-Siècle sowie die psychologische Auseinandersetzung zwischen den Generationen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schnitzler durch die Darstellung seiner Figuren und die Konfrontation verschiedener Werte das bürgerliche Trauerspiel weiterentwickelt und die herrschenden Geschlechterrollen seiner Zeit kritisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den historischen Gattungsrahmen (bürgerliches Trauerspiel) als auch den kulturhistorischen Kontext (Wiener Moderne) für eine tiefgehende Textanalyse von „Liebelei“ nutzt.
Was genau wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels theoretisch verortet, Schnitzlers Bezugnahme auf den Zeitgeist des Fin-de-Siècle dargelegt und die Figurenkonstellation sowie die Destruktion der väterlichen Autorität im Drama detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören das „süße Mädel“, gesellschaftliche Normen, Vaterautorität, Liebeskonzeptionen und der Modernisierungsprozess innerhalb der literarischen Gattung.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Christine?
Christine wird als eine Figur dargestellt, die in einer idealistischen Tradition verhaftet ist, jedoch an der Diskrepanz zwischen ihrem Wunsch nach absoluter Liebe und der sozialen Realität des „süßen Mädels“ scheitert.
Was unterscheidet das Drama von klassischen Trauerspielen hinsichtlich der Vaterfigur?
Im Gegensatz zu klassischen Trauerspielen unterliegt der Vater in Schnitzlers Werk einem eigenen Entwicklungsprozess, in dem er seine strengen moralischen Normen hinterfragt und sich von ihnen abwendet, was die Vaterautorität dekonstruiert.
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- Johanna Pötter (Autor), 2016, Zur Aktualität bürgerlicher Werte anhand von Arthur Schnitzlers "Liebelei", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159184