Das Anderle von Rinn


Seminararbeit, 2006
10 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Das Anderle von Rinn

2 Die Verherrlichung des Anderl von Rinn

3 Gegenbewegungen ab 1900

4 Die Argumente der Befürworter des Kultes

5 Gegen die Ritualmordthese

Literaturverzeichnis

1 Das Anderle von Rinn

Am 26. November 1459 wurde Andreas, genannt Anderle, in Rinn geboren. Er war der Sohn von Simon und Maria Oxner. Nachdem der Vater gestorben war zog die Mutter mit Andreas zu seinem Taufpaten Johann. 1462 erblickten jüdische Händler das Kind auf dem Hof des Taufpaten. Sie versuchten es zu stehlen, doch die Mutter bemerkte es und brachte es in Sicherheit. Bei ihrem nächsten Aufenthalt in Rinn lernen die Juden Andreas´ Taufpaten kennen. Sie forderten ihn auf, ihnen den kleinen Anderl zu übergeben. Andreas würde es bei ihnen besser haben. Und Johann würde dafür einen Hut voll Geld bekommen. Der verschuldete Trunkenbold zögerte zwar, willigte dann aber doch ein. Er vereinbarte mit den Händlern einen Zeitpunkt, wo die Mutter auswärts beim Kornschnitt war.

Und wirklich, am besagten Tag ging die Mutter los und übergab das Anderl in die Obhut des Taufpaten. Doch als die Juden das Geld übergeben und das Kind abholen wollten, brach ein Unwetter los. Dadurch kam der Handel nicht zustande. Als sich das Gewitter aber verzogen hatte, führten die Händler das Kind aus dem Haus. Sie brachten es zu einem großen Stein in einem Birkenwäldchen. Dort entkleideten sie es, schnürten ihm den Hals zu, damit es nicht schreien konnte, und zerschnitten und zerstachen es. Das Blut aus den Wunden fingen sie auf und füllten es in Gefäße. Das tote Kind hängten sie dann an eine Birke. Danach verschwanden sie so schnell es ging außer Landes.

Währenddessen war die Mutter immer noch beim Kornschnitt auf dem Feld. Plötzlich fielen ihr drei Blutstropfen auf die Hand. Etwas Schreckliches ahnend eilte sie daraufhin nach Hause. Doch sie fand ihr Kind nicht mehr vor. Der Taufpate wollte zuerst nichts sagen, gab dann aber zu, dass er es jüdischen Kaufleuten übergeben hatte. Er sagte ihr, dass diese ihm versprochen hatten, aus dem Kind etwas Ordentliches zu machen und dass er das Geld mit ihr teilen würde. Doch als Johann das Geld aus dem Hut nahm, wurde es zu Weidenblättern. Das machte ihn irrsinnig, er konnte nicht mehr sprechen und verfiel in tobendes Rasen. Deshalb musste er an einer Kette, zuerst in der Stube, dann im Stall, gehalten werden. Nach zwei Jahren wurde sein Elend durch den Tod beendet.

Das Anderl wurde feierlich in Rinn bestatte, auf seinem Grab wuchs eine weiße Lilie. Diese wurde von Buben der Familie Pögler abgerissen. Daraufhin starben sie und fast alle Familienangehörigen einen jähen Tod. Die Birke, an der der Junge gehangen hatte, grünte sieben Jahre lang durchgehend. Der Ziegenhirte, der sie später umhaute, stürzte und brach sich das Bein. Er starb in jungen Jahren. (vgl. Melzer 1994, S. 8)

2 Die Verherrlichung des Anderl von Rinn

1475 wurde Andreas vom Friedhof in die Kirche in Rinn überführt und verehrt. In einer Nische wurden die Reliquien beigesetzt. Am Ort des Geschehens wurde ein Gedenkkreuz eingeweiht.

Der Kaiser Maximilian I beschloss 1507 an derselben Stelle eine Kirche zu bauen. Der, der für den Bau beauftragt wurde, veruntreute aber das dafür vorgesehene Geld, wodurch seine Familie ins Unglück gestürzt wurde. Erst am 2. Dezember 1678 konnte die Kirche feierlich eingeweiht werden. Besonders dank Hippolyth Guarinoni, der die Geschichte des Anderl von Rinn erforscht und untersucht hatte, konnte das Geld dafür aufgebracht werden.

1744 wurden die Gebeine des Kindes nach Judenstein, wie der Ort seither genannt wird, überführt, wo sie am Hochaltar der neuen Kirche ausgesetzt wurden. 1752 sprach Papst Benedikt XIV das Kind selig und genehmigte den Kult. Andreas von Rinn wurde zum Schutzpatron der Gemeinde Rinn. Seit 1678 ist er auch Patron des Landes Tirol, neben dem hl. Joseph. Er galt auch als Patron von Österreich und des Heiligen römischen Reiches. Jedes Jahr wurde eine feierliche Prozession zum Judenstein veranstaltet. (vgl. Melzer 1994, S. 16)

Die ersten Aufzeichnungen stammten aus dem 17. Jahrhundert von Guarinoni. Die Gebrüder Grimm veröffentlichten die Geschichte des Anderl von Rinn 1816 in ihrem ersten Band deutscher Sagen. 1893veröffentlichte Joseph Deckert eine Schrift, in der auch das Anderl von Rinn enthalten war. (vgl. Wikipedia)

Das Anderl soll bei allen möglichen Sorgen und Nöten helfen. Der Kaplan Gottfried Melzer zählt auf: bei Krankheiten, Schmerzen und Leiden, bei Unfällen, Familien- und Prüfungssorgen und bei vielen anderen Alltagsnöten. Das Kind soll besonders Kindern helfen, verlorene Dinge wiederbringen und bei der Wohnungssuche helfen. (vgl. Melzer 1991, S. 2)

Bis heute entstanden rund um das Anderl unzählige Lieder, Gedichte und Gebete. Auch ein Theaterstück wurde darüber verfasst.

In einem Gebet heißt es: „Allmächtiger Gott, Du Wiederhersteller der Unschuld, für dessen Ehre der unschuldige heilige Blutzeuge Andreas von gottlosen Juden mit bitterster Qual und Pein getötet worden ist […]. Amen.“ (Melzer 1994, S. 35) Auch in einem anderen Gebet ist die Rede von einem Kind, das „nach Deinem Beispiel von seinem Paten treulos verraten und den Juden schändlich verkauft, von ihnen angespien, seiner Kleider entblösst, am ganzen Leib durchstochen, und endlich an einem Baum zur Schande aufgehängt worden ist“. (Melzer 1994, S. 38) Im 19.Jahrhundert entstanden verschiedenen Gedichte zu diesem Thema in Tirol. Einige Strophen davon möchte ich hier wiedergeben.

„Tragen´s in den Waldesraum

Zu dem hohen Birkenbaum,

Wo sie´s, wie es bitt und weine,

Schlachten auf bemoosten Steine.

Und sie waschen wohlgemut

Sich die Händ´ in seinem Blut,

Daß gebeizt von solchen Laugen

Besser sie zum Wucher taugen!

In einem anderen Gedicht:

„Tief im stillen Waldesraum

Steht ein hoher Birkenbaum,

An dem Baum hängt eine bleiche,

Blutgetünchte Kinderleiche.“

(vgl. Hempel 2006)

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Anderle von Rinn
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Juden in Tirol-Gedächtniskultur und Pädagogik
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
10
Katalognummer
V115955
ISBN (eBook)
9783640180615
ISBN (Buch)
9783640180745
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anderle, Rinn, Juden, Tirol-Gedächtniskultur, Pädagogik, tirol, kult
Arbeit zitieren
Sigrid Lang (Autor), 2006, Das Anderle von Rinn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115955

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