Das Sterben lernen. Betrachtungen des Todes in Michel de Montaignes Essais

Ein Vergleich zu modernen Auffassungen


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Montaignes Todesbetrachtungen
2.1 Der Tod in den Essais
2.2 Das Sterben lernen in Montaignes Essai Nr. 20, Buch eins
2.3 Die Einübung des Todes in Montaignes Essai Nr. 6, Buch zwei

3. Zur Relevanz von Montaignes Ausführungen über den Tod für die Gegenwart
3.1 Todesfurcht im 21. Jahrhundert
3.2 Die Vorbereitung auf den Tod
3.3 Mediatisierung und Bebilderung des Todes
3.4 Paradoxien im Umgang mit dem Tod im 21. Jahrhundert
3.5 Montaignes Betrachtungen des Todes im Vergleich zum Umgang mit dem Tod im 21. Jahrhundert

4. Reflexion der Arbeit und Ausblick in die Zukunft

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jeder Tag sei dir der letzte, der dir lacht,

weil dannjeder, der noch folgt, dich dankbar macht.“ (Montaigne 1998, S. 45)

In manchen Kreisen scheint das Sprechen über den Tod tabu. Beim Familienessen werden große Augen gemacht, wenn ein Kind gerne wissen würde, wie denn Opa damals eigentlich genau gestorben sei. Noch verblüfftere Gesichter würden sich aufzeigen, wenn das Kind daran denke, wie es denn sei, selbst einmal zu sterben. Dafür ist der Kleine doch noch viel zu jung, würden einige am Tisch behaupten, darüber müsse er sich jetzt noch keine Gedanken machen. Das liegt vor allem daran, dass viele Personen das selbst lieber auch nicht möchten. Im Gegensatz dazu finden sich in Talkshows Gäste, die von Nahtoderfahrungen, Krankheiten, Gewaltdelikten, psychischen und physischen Schmerzen sprechen und es kommt das Gefühl auf, dass der Tod auch in den Medien allgegenwärtig ist. Die Fragen, die dabei aufgeworfen werden, lauten vor allem: Was ist der Tod und wann kommt er? Wie verhält man sich gegenüber dem Tod und hat das Leben im Angesicht des Todes überhaupt einen Sinn?

Es wäre legitim zu hinterfragen, wieso solch ein düsteres Kapitel des Lebens zum Hauptthema einer Hausarbeit einer jungen Pädagogikstudierenden gemacht werden sollte. Michel de Montaigne würde dieser Frage wahrscheinlich entgegnen, dass der Tod nicht nur als unabdingliches Ereignis eines jeden Lebens zu sehen und zu akzeptieren, sondern gar zu begrüßen und der Umgang mit ihm zu lernen ist. Dazu gehört auch, ihn stets hinter jeder Ecke zu erwarten. Es ist für Montaigne irrelevant, wie lang und wie weit fortgeschritten das Leben eines Individuums ist - das Sterben muss jeder lernen, und das am Besten so früh wie möglich. Folglich wäre eine Hausarbeit darüber zu verfassen für Montaigne möglicherweise ein Anfang.

Ob Montaignes Thesen, die hier bereits kurz angeklungen sind, in einem Gegensatz zu gegenwärtigen Auffassungen bezüglich des Umgangs mit dem Tod stehen, soll in dieser Arbeit analysiert werden. Speziell soll herausgearbeitet werden, ob Montaignes Ideen vom Tod über die Literatur moderner Philosophinnen hinaus Anschluss an das Denken der Menschen im 21. Jahrhundert gefunden haben. Die Basis für diesen Vergleich bilden Montaignes Ausführungen aus seinen Essais „Philosophieren heißt sterben lernen“ sowie „über das Üben“ versus aktuelle Literatur über die moderne Todesthematik in Deutschland.

Im folgenden Kapitel werden Montaignes Todesbetrachtungen in den beiden genannten Essais dargestellt. Kapitel 2.1 bildet dafür eine allgemeine Einleitung in die Todesthematik von Michel de Montaigne, wonach in Kapitel 2.2 sowie 2.3 die Hauptthesen der Essais „Philosophieren heißt Sterben lernen“ und „Über das Üben“ herausgearbeitet werden.

Das dritte Kapitel bildet aktuelle Erkenntnisse über den Umgang mit dem Tod im 21. Jahrhundert ab. Kapitel 3.1 beinhaltet Ausführungen über die Todesfurcht, während Kapitel 3.2 von der Vorbereitung auf den Tod handelt und Kapitel 3.3 Auskunft über die Medialisierung und Bebilderung des Todes gibt. Anschließend folgt eine Zusammenfassung mit Blick auf die sich ergebenden Paradoxien in Kapitel 3.4, bevor schließlich in Kapitel 3.5 die Forschungsfrage dieser Arbeit final beantwortet werden soll. Abgeschlossen wird diese Arbeit mit einer objektiven Bewertung der Arbeit sowie einem zukünftigen Ausblick.

2. Montaignes Todesbetrachtungen

2.1 Der Tod in den Essais

„Philosophieren heißt sterben lernen“ - so lautet der Titel des Essais Nr. 20 des ersten Buches der Essais von Michel den Montaigne. Doch auch in weiteren Essais, deren Hauptthemen äußerst vielfältig sind, finden sich wiederholt flüchtige Annäherungen an das Thema wieder, was die Bedeutung für den Autor manifestiert. Gleichzeitig spiegelt die Tatsache, dass der Tod nicht zwingend zum Hauptthema eines Essais gemacht werden muss, folgendes wieder: Der Tod ist allgegenwärtig. Eine ausdrückliche Fokussierung auf die Thematik Tod ist dabei nicht zwangsläufig notwendig, (vgl. Friedrich 1948, S. 35)

Montaigne selbst wurde zu seinen Lebzeiten im 16. Jahrhundert mit dem Tod einiger Nahestehender konfrontiert, worunter auch fünf seiner Kinder zählen. Es ist jedoch bedeutend zu erwähnen, dass Montaigne nicht sehr viele Wörter darüber in seinen Essais verliert. Vielmehr versucht er herauszuheben, dass sein Wissen über den Tod vornehmlich von eigenen Erfahrungen stammt, die ihm so etwas wie Nahtoderfahrungen ermöglichten und in ihm eine Art Todesneugier erweckten. Zu solch einem Erlebnis zählt beispielsweise sein Reitunfall, (vgl. ebd., S. 39) welchen er vor allem im Essai Nr. 6 des zweiten Buches „Über das Üben“ thematisiert, worauf später detailliert eingegangen wird.

Die Todeserörterungen in Montaignes Essais haben, wider der Erwartungen an solch ein düsteres Thema, nichts Düsteres an sich. Montaigne legt seine Auffassungen zum Tod so ruhig betrachtend und ohne Dramaturgie dar, als beschäftige er sich mit einer ganz normalen Sache, (vgl. Friedrich 1948, S. 33) Allerdings ist seine Schreibart dabei nicht zu verwechseln mit einer Art Sympathie zum Tod oder gar Todesfreundschaft, wie beispielsweise in Ausführungen zur Zeit der Mystik. Vielmehr haben zeitgenössische Bürger in Montaignes Auffassungen zum Tod die Wiederkehr stoischer Todesbewältigung gesehen, (vgl. ebd., S. 34)

Eine deutliche Tendenz, die in Montaignes Essais zu sehen ist, ist die der Abkehr von der christlichen Todesdeutung hin zu einer apriorischen Todesanwesenheit im Hier und Jetzt, (vgl. ebd. S. 37) Auf diese soll in diesem Kapitel das Hauptaugenmerk der Analyse gerichtet werden.

2.2 Das Sterben lernen in Montaignes Essai Nr. 20, Buch eins

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt, gibt es einige Essais von Montaigne, die sich hauptsächlich mit der Todesthematik beschäftigen. Dieses Kapitel setzt sich mit dem Essai „Philosophieren heißt sterben lernen“ auseinander, dessen Titel sich an einen Satz von Cicero anlehnt, (vgl. Friedrich 1948, S. 35)

Montaignes Intention hierbei ist es, dem Tod die Negativität zu nehmen, was bedeutet, die Menschen sollten keine Furcht vor ihm haben. Dies soll mittels der Einsicht geschehen, der Tod sei eine Notwendigkeit im Rahmen der natürlichen Ordnung, anstatt eine Katastrophe, die eine Ausnahme darstelle, (vgl. ebd., S. 41) Aus Montaignes Ausführungen lässt sich interpretieren, der zeitgenössische Mensch hebe sich oft aus dem Kosmos heraus und sehe sich nicht wirklich als stofflich-leibliches Wesen, welches er ist.

Demnach beinhaltet der Titel des Essais ein Vorausbedenken des Todes und seine Einübung unter Berücksichtigung der eigenen, dem Tod untergeordneten natürlichen Rolle.

Neben der generellen Todesvergessenheit, die Montaigne überwinden will, hebt er hervor, dass es weder einen Raum noch eine Zeit gibt, in welcher ein Mensch dem Tod näher oder ferner geweiht ist. (vgl. Friedrich 1948, S. 44) Es ist egal, welcher gefährliche oder ungefährliche Beruf ausgeübt oder wie riskant die Freizeit gestaltet wird, der Tod könnte hinter jeder Ecke lauern, (vgl. ebd.) Diese Einsicht impliziert zugleich die Kostbarkeit aber auch die Nichtigkeit des Lebens, denn es könnte jederzeit und überall vorbei sein, weswegen ein Mensch seine Zeit genießen und sinnvoll verbringen sollte. Gleichzeitig zeigt der Tod jedoch, dass ein jeder stets gewillt sein sollte, vom einen auf den nächsten Moment aus dem Leben und der Welt zu verschwinden. Um das zu verdeutlichen schreibt der Autor, dass ein Mensch sich rechtzeitig von Beziehungen und materiellen Dingen freimachen sollte, zumindest in dem Maße, dass er, wenn es so weit ist, nicht einer Person, einem Ding oder einem Zustand nachtrauert. Solch einen Abgang von der Welt empfände Montaigne als unwürdig, (vgl. Montaigne 1998, S. 49)

Aus diesem Grund betont Montaigne auch unablässig, dass es nicht darauf ankommt, wie lang oder kurz ein Mensch lebt, um die Qualität seines Daseins zu bewerten.

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Details

Titel
Das Sterben lernen. Betrachtungen des Todes in Michel de Montaignes Essais
Untertitel
Ein Vergleich zu modernen Auffassungen
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1159567
ISBN (eBook)
9783346556233
ISBN (Buch)
9783346556240
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sterben, betrachtungen, todes, michel, montaignes, essais, vergleich, auffassungen
Arbeit zitieren
Luisa Schneider (Autor:in), 2020, Das Sterben lernen. Betrachtungen des Todes in Michel de Montaignes Essais, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159567

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