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„Lǧin iqdili lġaŗad“: Der Dämon wird mein Anliegen erledigen.

Mystik im Alltag. Dämonen, Besessenheit und Frauenmagie als sozio-psychologische Phänomene?

Title: „Lǧin iqdili lġaŗad“: Der Dämon wird mein Anliegen erledigen.

Research Paper (undergraduate) , 2008 , 27 Pages

Autor:in: Mohamed Amjahid (Author)

Ethnology / Cultural Anthropology
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Summary Excerpt Details

Um diese Beziehungen zu verdeutlichen und zu verbildlichen, werden vier Situationen, im Rahmen der religiösen und gesellschaftlichen Abläufe in Marokko, beschrieben. Dabei wird besonders darauf geachtet, nicht in eine Art Exotismus und Sensationslust zu fallen. Eine Exotisierung wird mit dem Hinweis verhindert, dass diese Menschen einen hohen Grad an Frömmigkeit besitzen. Diese Situationen stellen tatsächlich individuelle Erlebnisse dar, sie sind zwar auf eine gewisse Anzahl von (rituell-)gläubigen Menschen in Marokko übertragbar, aber nicht verallgemeinerungsfähig. Ein scheinbar logischer Automatismus ist auszuschließen, was die Komplexität der Materie verdeutlicht. Im Hintergrund spielt die Problematik, wie man die Praktiken darstellen kann, eine ausschlaggebende Rolle.
Im Fokus stehen folgende Fragestellungen: Welchen Zweck besitzen die heiligen Rituale? Was für eine Rolle spielen sie im Alltag des Gläubigen?
Die erste Situation beschreibt ein Interview mit dem Leiter (muqqadem) einer bedeutenden Bruderschaft (ṭaifa), der zu den Praktiken der Rituale Stellung nimmt. Die zweite Situation behandelt die Arbeit eines frommen Imams, ein Vertreter des „offiziellen Islams“, der die Praktiken der, nach seiner Meinung heidnischen, ṭaifa verurteilt und zurückweist. Die dritte Situation studiert den Gender Aspekt, ein wichtiger Gesichtspunkt in der Rollenverteilung innerhalb der Gruppe. Die Erzählungen einer in diesem Bereich erfahrenen Frau zum Thema Frauenmagie illustrieren und beleuchten einen Teilbereich der Interaktion zwischen den Geschlechtern und der Position der Frau innerhalb der marokkanischen Gesellschaft generell und der Bruderschaft speziell. Der letzte Bericht stützt sich auf den Aufsatz „Mohammed and Dawia: Possession in Morocco“ von Vincent Crapanzano. Dieser untersucht, anhand der Biographien von Mohammed und Dawia, dieselbe Fragestellung wie diese Arbeit. Dieses Beispiel dient als „externes“ Fallbeispiel und soll die Argumentation unterstützen.
Diese Fallbeispiele sind Resultate einer nun fast zweijährigen Begleitung der Feldforschung von Martin Zillinge. Interviews und Beobachtungen sind die Hauptquellen dafür. Zu eigenen Erfahrungen kommen ethnologische Texte, beispielsweise von Vincent Crapanzano und Frank Maurice Welte, dazu.
Eine Interpretation zur Funktion des Volksislams in der marokkanischen Gesellschaft der muḥibbi wird gegeben. Es folgt der Aufbau einer theoretischen Basis, die die Hypothesen erläutern soll.

Excerpt


Gliederung

1. Einleitung

2. Fallbeispiele: Situationen der Besessenheit, des Exorzismus und der Frauenmagie

2.1. Die Tabla Sibtiʾin: Heiligenkult als Lustoase?

2.2. Exorzismus: Dämonenaustreibung beim Imam

2.3. Machen wir ihn impotent!: Die Frauenmagie

2.4. Mohammed und Dawia: Ein besessenes Leben

3. Erkenntnisse aus den Fallbeispielen

4. Resümee und theoretische Basis

5. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht anhand ethnographischer Fallbeispiele aus Marokko die Funktion von Heiligenkulten, Trance-Ritualen und Dämonenglauben. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welchen Zweck diese Praktiken im Alltag der Gläubigen erfüllen und wie sie als Bewältigungsstrategien für sozio-psychologische Spannungen sowie als Ventil für individuelle Bedürfnisse dienen.

  • Die Rolle von Besessenheit und Exorzismus in marokkanischen Bruderschaften
  • Die psychologische Dimension von Frauenmagie als Machtinstrument
  • Die Interaktion zwischen offizieller Religion und volksislamischen Praktiken
  • Soziale und existenzielle Funktionen des Dämonenglaubens
  • Die Bedeutung von Ritualen als Ventil für den Umgang mit gesellschaftlichen Zwängen

Auszug aus dem Buch

2.3. Machen wir ihn impotent!: Die Frauenmagie

„Die Frau kann ihre besondere nähe zur ʿalam achur, der anderen Welt, ihr Wissen um die dunklen Mächte der Toten und Dämonen nutzen, um den Inbegriff der männlichen Macht, seine Potenz, zu kontrollieren.“

Fatna, die eine der Hauptinformanten für den gerade zitierten Aufsatz ist, lebt oberhalb einer ẓawia, einem heiligen Schrein, in einer winzigen Wohnung. Ihr Mann war ein muḥib und zerfleischte sich den Kopf beim Trancetanzen. Er ist vor vielen Jahren gestorben und hat sie als allein erziehende Mutter eines Sohns zurück gelassen. Diese Aufgabe meisterte sie recht gut und aus ihrem Sohn wurde ein Polizist, er heiratete und gründete eine Familie. Trotz seines sozialen Aufstiegs beging er Selbstmord. Jetzt wohnt Fatna alleine und fühlt sich für die fünf Enkelkinder zuständig.

Fatna ist nicht wie die anderen Frauen in der ẓawia, sie ist selbstbewusst und scheut keinen Konflikt. Sie hat alles fest im Griff und ist für die marokkanische Gender-Hierarchie fortgeschritten emanzipiert. Sie arbeitet als Gemüsehändlerin und hat beste Kontakte. Dazu bezieht sie eine kleine Rente von ihrem verstorbenen Mann, worauf sie auch immer zu sprechen kommt, wenn es in der ẓawia um das Thema Geldverteilung geht. Die etwa Sechzigjährige mischt regelmäßig mit ihren Interventionen die Bruderschaft der ḥmadša auf und erschüttert die Festen der männlichen Welt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die religiöse Praxis des Islams in Marokko ein und erläutert den Fokus auf Volksislam sowie die Projektion alltäglicher Lebensrealitäten auf die mystische Dämonenwelt.

2. Fallbeispiele: Situationen der Besessenheit, des Exorzismus und der Frauenmagie: In diesem Kapitel werden vier konkrete Fallbeispiele vorgestellt, darunter Interviews mit einem Bruderschaftsleiter, einem Imam, einer als Hexe geltenden Frau sowie die Analyse eines bereits publizierten Fallbeispiels.

2.1. Die Tabla Sibtiʾin: Heiligenkult als Lustoase?: Das Unterkapitel beschreibt die Rolle eines Bruderschaftsleiters und die Funktion der Zeremonie der „Sabbatgeister“ als therapeutisches Mittel zur Bewältigung persönlicher Bedürfnisse.

2.2. Exorzismus: Dämonenaustreibung beim Imam: Hier wird die Arbeit eines Imams beleuchtet, der sich von den Bruderschaften distanziert und versucht, Patienten durch Koranrezitationen und den Verweis auf orthodoxe Regeln zu heilen.

2.3. Machen wir ihn impotent!: Die Frauenmagie: Dieses Kapitel untersucht die Anwendung von Magie durch Frauen als Mittel zur Machtausübung und zur Kompensation ihrer untergeordneten sozialen Rolle innerhalb der patriarchalen Struktur.

2.4. Mohammed und Dawia: Ein besessenes Leben: Basierend auf einem externen Fallbeispiel wird die Ehe zweier besessener Personen analysiert, deren Identitätsfindung und Beziehungsdynamik eng mit ihrem Glauben an Dämonen verknüpft sind.

3. Erkenntnisse aus den Fallbeispielen: Dieser Abschnitt interpretiert die erhobenen Daten und arbeitet heraus, dass religiöse Symbole und Praktiken soziale sowie psychische Ventile zur Lebensbewältigung darstellen.

4. Resümee und theoretische Basis: Es erfolgt eine Zusammenführung der Ergebnisse, wobei das Modell des „Common Sense“ von Clifford Geertz genutzt wird, um die Kohärenz von Glaubensvorstellungen und Lebenspraxis zu erklären.

5. Fazit: Das Fazit ordnet die marokkanischen Befunde in einen globalen Kontext ein und betont, dass religiöse Rituale weit über den Placeboeffekt hinaus als Instrumente zur Strukturierung der menschlichen Existenz dienen.

Schlüsselwörter

Marokko, Ethnologie, Volksislam, Bruderschaft, Dämonen, Besessenheit, Exorzismus, Frauenmagie, Trance, Heiligenkult, Identität, Psychologie, Ritual, Ǧin, Gender-Hierarchie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das sozio-religiöse Phänomen des Volksislams in Marokko, insbesondere die Praktiken rund um Dämonenglauben, Besessenheit und Magie.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Im Zentrum stehen die Funktionen von Heiligenkulten und Ritualen als Ventil für individuelle und psychologische Bedürfnisse sowie deren Rolle im sozialen Gefüge der marokkanischen Gesellschaft.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Arbeit hinterfragt, welchen Zweck heilige Rituale im Alltag der Gläubigen erfüllen und wie sie zur psychischen Bewältigung von Lebenskrisen und sozialen Spannungen beitragen.

Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?

Der Autor nutzt die Methode der Feldforschung, die auf Interviews, Beobachtungen und der Analyse ethnographischer Texte basiert, um die individuelle Lebensrealität der Akteure zu verstehen.

Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?

Der Hauptteil analysiert vier Fallbeispiele: die Praktiken eines Bruderschaftsführers, die Arbeit eines Imams, die Anwendung von Frauenmagie sowie die Lebensgeschichte eines besessenen Ehepaars.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Marokko, Volksislam, Dämonen, Besessenheit, Magie, Trance, Heiligenkult und ethnologische Ritualforschung.

Welche Rolle spielt die „Ventiltheorie“ in dieser Analyse?

Die Ventiltheorie besagt, dass religiöse Zeremonien und tranceartige Zustände den Gläubigen erlauben, aus den Zwängen des Alltags auszubrechen und psychologische sowie biologische Bedürfnisse auszuleben, ohne gesellschaftliche Normen dauerhaft zu verletzen.

Wie unterscheidet sich die Vorgehensweise des Imams von der der Bruderschaften?

Der Imam distanziert sich von materiellen Mitteln der Bruderschaften und setzt primär auf Koranrezitationen, um den Patienten in den offiziellen, orthodoxen Glauben zurückzuführen, wobei er jedoch ähnlich wie bei der Bruderschaftstherapie eine direkte psychologische Einflussnahme ausübt.

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Details

Title
„Lǧin iqdili lġaŗad“: Der Dämon wird mein Anliegen erledigen.
Subtitle
Mystik im Alltag. Dämonen, Besessenheit und Frauenmagie als sozio-psychologische Phänomene?
Author
Mohamed Amjahid (Author)
Publication Year
2008
Pages
27
Catalog Number
V115957
ISBN (eBook)
9783640181780
ISBN (Book)
9783640181964
Language
German
Tags
Dämon Anliegen gin iqdili lgarad mystik Marokko Heiligenkulte Glaubensrichtungen Trance Feldforschung Heilig Schrein Capranzano
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Mohamed Amjahid (Author), 2008, „Lǧin iqdili lġaŗad“: Der Dämon wird mein Anliegen erledigen., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115957
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