Eine Historische Betrachtung der Entstehung vom Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland vom 19. bis zum 21. Jahrhundert


Hausarbeit, 2021

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe


II. Inhaltsverzeichnis

Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der zentralen Begriffe aus Historischer Sicht
2.1. Definitiondes Begriffes „Bildung“ zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert
2.2. Definitiondes Begriffes „Erziehung“ im
2.2.1. 17. Jahrhundert
2.2.2. 18. Jahrhundert
2.2.3. 19. Jahrhundert
2.2.4. 20. Jahrhundert
2.2.5. 21. Jahrhundert
2.3. Sozialisation

3. Geschichtlicher Wandel der Tätigkeitsfelder
3.1. Historischer Blick auf das deutsche Schulsystem
3.2. Historischer Blick auf die Kinder und Jugendhilfe
3.3. Die Etablierung der Ganztagschule

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

III. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Verbindung zur kategorialen Bildung (Seel, 2005, S.19)

Abbildung 2 Partnership for the 21st century learning (Scharnhorst und Kaiser, 2018, S.9)

Abbildung 3 Informelle-, Non-Formale- & Formale Bildung (Picht, 2018)

Abbildung 4 Lebensphasen im historischen Vergleich (Raithel et. al., 2009, S.48)

Abbildung 5 Sozialisationsinstanzen (Hurrelmann, 2006)

Abbildung 6 Strukturprinzipien von Jugendhilfe und Schule (Rausch und Berndt, 2012, S. 51) .

Abbildung 7 Pisa-Ergebnisse 2018 (Florentine, 2019)

Abbildung 8 Das deutsch Schulsystem (Maaz et al., 2018, S.1)

Abbildung 9 Aufbau des Jugendamtes in Deutschland (IJAB, 2009)

1. Einleitung

Kann die Ganztagschule durch eine aktive1 Förderung der Gesundheits- und Persönlichkeitsentwicklung präventiv gegen Armut und Ungerechtigkeiten der sozialen Herkunft arbeiten? Inwieweit kann die Ganztagschule die ganzheitliche Bildung (kognitive, affektive, soziale, kommunikativpersonale) der Kinder und Jugendlichen als Sozialisationsstation übernehmen?

„Zukunft Bildung und Betreuung“ lautet der Plan der Bundesregierung, mit dem Investitionsprogramm seit 2003 den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen zu fördern. Ziel ist es, eine moderne Infrastruktur im Ganztagsschulbereich zu schaffen, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren sowie die Chancengerechtigkeit im Bereich der sozialen Herkünfte zu verbessern (BMBF, 2017). Dies habe zur Folge, dass die Schüler und Schülerinnen (SuS) vergleichbar mehr Zeit im Bildungswesen bzw. dem Ort Schule verbringen, wodurch diese zu einer wichtigen Sozialisationsstation für Kinder und Jugendlichen wird (Rausch 2012, S.17). Mit der Schule als Sozialisationsstation verbindet sich das Bildungswesen (Schule) mit dem Erziehungswesen (Kinder- und Jugendhilfe im Folgenden KJH).

Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegt auf der historischen Einordnung des Bildungs- und Erziehungssystems in Deutschland und verfolgt die zentrale Frage, wie die Begrifflichkeiten „Bildung und Erziehung“ sowie das Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland entstanden sind.

Die Ganztagschule wird mit der Verbindung der beiden Systeme nun vor neue Herausforderungen gestellt (Coelen 2008, S.17). Rausch (2012) betont, dass die Schule auf die „Probleme, die das soziale Miteinander von unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Interessen und Lebensthemen, Milieubezug, Kultur und Religiosität (...) [, welche die] Schülerinnen und Schülern mit sich bringt, nicht eingestellt“ seien (S.17). Zudem handle es sich im Erziehungswesen primär um die non­formalen Bildung, was das soziales Lernen oder die Konfliktbearbeitung beinhaltet (Deinet 2020 S. 881). So seien rund 78% der KJH mit der Aufstellung von freizeitbezogenen Angeboten (wie z.B. Sport, Spiel oder kreative Angebote) beschäftig, im Gegensatz zur Schule, die Ihren Handlungsschwerpunkt auf die Wissensvermittlung lege (ebd.). Lassen sich Bildungs- und Erziehungssystems in der Ganztagschule verbinden?

Zunächst werden im ersten Teil die grundlegenden Begriffe Bildung und Erziehung näher erläutert sowie eine kurze Betrachtung der Sozialisationstheorie. Im Kapitel 3 wird auf die Entstehungsgeschichte der Schule und der Jugendhilfe in Deutschland eingegangen. Dies endet mit der Beschreibung der Zielvorstellungen der Ganztagschule. Für die Beschreibung der Historischen Zusammenhänge wurde eine Literaturrecherche betrieben.

2. Definition der zentralen Begriffe

Zentrale Frage dieser Arbeit sind die Historischen Zusammenhänge. An dieser Stelle der Arbeit, werden die zentralen Begrifflichkeiten Bildung und Erziehung definiert.

2.1. Bildung

Der Begriff Bildung weist ein mehrperspektivisches Verständnis vor und ist im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel zu betrachten. Hierzu eine allgemeine Definition zu finden ist schwierig, daher wird der Begriff Bildung im folgendem aus der historischen Perspektive beschrieben.

Zuerst werden zwei Perspektiven des Bildungsbegriffes unterschieden. Zum einen die individuelle Ebene, welche den Bildungszustand einer Person (dem gebildet sein) definiert und zum andern die gesellschaftliche Ebene als ein Verständnis der Allgemeinbildung einer Bevölkerung. Auf der individuellen Ebene wird Bildung den Fähigkeiten zugeordnet, wahre Erkenntnisse zu gewinnen oder ein Verständnis für komplexe Zusammenhände zu bilden. In älteren pädagogischen Kontexten beschreibt Raithel et al. (2009) wurde Bildung als eine Kultivierung eines Menschen beschrieben, damit dieser an der „Gesellschaft üblichen Lebensformen“ (S. 36) teilnehmen kann. In diesem Zusammenhang beschreibt Raithel et al. weiter, wurde in der deutschen Gesellschaft durch den Idealismus Bildung der sittlichen Bildung zugeschrieben, bei der es primär um die Herausformung von inneren Werten gehe (ebd.). Seel (2015) beschreibt die Sitten-Bildung als eine Herausbildung von Gesinnung bzw. der Haltung einer Person (S.17).

In Verlauf des 19. Jahrhundert entwickelte sich das Model der formellen und materiellen Bildung, welches Klafki 1959 mit der kategorialen Bildung verband. Damit verbindet er die Diskussionen, welche in der bildungstheoretischen Diskussion bis Mitte des 20. Jahrhunderts unversöhnlich gegenüberstanden (Seel 2015, S.18).

Kernaussage der materiellen Bildung ist die faktische Gegebenheit von Inhalten. Gebildete Personen sind demnach Personen, die über spezielle Inhalte verfügen, welche nach unspezifischen Kriterien als wertvolle Inhalte bestimmt worden (Stangl 2012). Die materielle Bildung habe sich dabei in zwei Bereiche entwickelt; zum einen in die Theorie des Klassischen. In der Klassischen Theorie haben Inhalte, welche sich über die Jahrhunderte hinweg erhalten haben, z.B. alte Sprachen, einen höheren Bildungsgehalt. Die andere Auslegung ist der Scientismus, in dem die wissenschaftlichen Erkenntnisse bzw. die Personen, die über das Wissen diese Erkenntnisse vorweisen können, als höher gebildet angesehen werden (Stangl 2012).

Die formelle Bildung entsprang dem neuhumanistischen Ansatz, dieser habe sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer konservativen Ideologie entwickeln, die den Schwerpunkt auf generalisierbare Erkenntnismethoden bzw. dem Lehren von Denkmethoden lege (Seel 2015, S.17). Ende des 20. Jahrhunderts lässt sich für die formelle Bildung wiederum ganz neue Definitionen finden (siehe unten).

Abb. 1. Verbindung zur kategorialen Bildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Seel, 2005, S.19.

Die formelle und materielle Bildung führte Klafki (1959) unter dem Begriff der Kategorie Bildung zusammen, unter der er die Fähigkeit versteht, sich Sachverhalte gedanklich durch eine gelernte Methode anzueignen. Dabei werden Objekte und Merkmale in Klassen geordnet, so dass das Erkennen und Verstehen sowie die Inhalte der Klasse repräsentiert werden können (Seel 2015, S.19). Seel (2015) beschreibt, dass damit die Kategorie Bildung vereinfacht, gesagt die Verbindung zwischen Können und Wissen sei (S.19).

Anfang des 21. Jahrhunderts lassen sich „modernere“ Definitionen zu den Begriff Bildung finden, in dem der Begriff Bildung den Prozess der Individualität bzw. Persönlichkeitsbildung umfasst. Geprägt wird diese Definition durch das Bildungsideal des Humboldtschen, demnach sei Bildung mehr als eine Aneignung von Wissen (Bax 2011). Vielmehr sei Bildung der Erwerb eines moralischen Systems, das es einem Menschen ermöglicht, seinen Standort zu definieren, über Persönlichkeitsmerkmale und Handlungsorientierung zu verfügen. Hierbei führt Bax (2011) folgende Definition von Kössler H. an:

Erwerb eines Systems moralisch erwünschter Einstellungen durch die Vermittlung und Aneignung von Wissen derart, dass Menschen im Bezugssystem ihrer geschichtlich­gesellschaftlichen Welt wählend, wertend und stellungnehmend ihren Standort definieren, Persönlichkeitsprofil bekommen und Lebens- und Handlungsorientierung gewinnen.

In Bezug auf die angeführte Definition von Kössler H. und unter Betrachtung der aktuellen Zeit des Kapitalismus, könnte man Bildung folglich als die Anschlussfähigkeit in der Lebensform des Kapitalismus verstehen (Müller H. 2017, S.27), bzw. als die gedankliche Auseinandersetzung mit der Lebensform des Kapitalismus nach ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt (Raithel et al. 2009, S. 36). Im Hinblick auf die voranschreitende Digitalisierung stellt Scharnhorst et. al. (2018) die Frage, welche Kompetenzen die Lernende und Arbeitnehmende durch Bildung erwerben sollten, um anschlussfähig bzw. gewappnet für die Zukunft zu seien. Seiner Meinung nach werden in der Zukunft transversale Kompetenzen (Problemlösen, Kommunikation, Zusammenarbeit oder Kundenorientierung) benötigt (S. 9). Hierzu führt er das „Partnership for the 21st century learning“ an, dass diese vier zentralen Kompetenzen herausstellt.

Abb. 2. Partnership for the 21st century learning

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an: Scharnhorst und Kaiser, 2018, S.9.

Scharnhorst et. al. (2018) kommt in seinem Fazit zum Schluss, dass transversale Kompetenzen vor allem abhängig von spezifischen Situationen seien, in den situationsspezifischen Kompetenzen auf andere verwandte Situationen angewendet werden können. Folglich sei Bildung abhängig vom Bildungskontext, in dem transversale Kompetenzen erlernt werden können. Hierbei unterscheiden sich drei Bereiche (der Informelle Bildung, der Formale Bildung und der Non-formale Bildung), welche u.a. Sahlberg P. (1999) wie folgt definiert.

Im Bereich der Informelle Bildung fallen lebenslange Lernprozesse, welche Haltungen, Werte, Fähigkeiten und Wissen vom Einfluss der Lebensumgebung umfassen und aus der täglichen Erfahrung in und mit der Interaktion der Umwelt gezogen werden. Hierzu zählen (Familie, Nachbarn, Marktplatz, Bibliothek, Massenmedien, Arbeit, Spiel etc.)

Das staatliche Bildungssystem (Grundschule bis zur Universität) wird als Formale Bildung verstanden. Die Formale Bildung wird dem institutionalisierten kulturellen Kapital in der Kapitals Theorie von Bourdieu zugeordnet und umfasst Titel, Urkunden oder Zeugnisse, was eine hohe Abhängigkeit der Bildungsinstitutionen auf das Einkommen vorweist (Bourdieu 1983, S. 189-190).

Für die Non-formale Bildung hat sich im deutschsprachigen der Begriff der außerschulischen Bildung etabliert. Hierunter fallen Programme der persönlichen und sozialen Bildung junger Menschen, welche in Jugendorganisationen und Gruppen praktiziert werden. Dabei werden partizipativ, freiwillig organisierte Prozesse mit Bildungszielen für jeden Menschen zugänglich gemacht, um die Vermittlung von Lebensfertigkeiten zu ermöglichen, sowie die Lernenden auf die Rolle aktive Bürger*innen vorzubereiten (Sahlberg P. 1999).

Abb. 3. Informelle-, Non-Formale- & Formale Bildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Picht, 2018.

2.2. Erziehung

Was ist genau Erziehung und wie hat sich der Begriff in der Zeit gewandelt. Im Folgenden wird dieser Fragestellung nachgegangen in dem eine historische Betrachtung des Begriffes Erziehung stattfindet. Die Entwicklung des Begriffes ist dabei nicht exakt und kann nur grob zusammengefasst werden.

Art 6 II Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Der Begriff Erziehung ist in der Erziehungswissenschaft ein alter Begriff und lässt sich auf unterschiedlicher Art und Weise definieren. Abhängig von Zeit, Ort oder Ansichten der Personen, welche diesen Begriff beschreiben. Aus Historischer Sichtweise stammt der Begriff aus dem englischen „education“ und ist in Europa seit der Emanzipation im 19. Jahrhundert umfangreich beschrieben worden. Primär wird mit dem Begriff Erziehen die pflegerische Aufgabe, des Auf- und Großziehen von Kindern und Jugendlichen verstanden, was sich im Deutschen Grundgesetz Art. 6 II verankert hat. Dolch (1965) versteht unter Erziehung eine menschliche Interaktion im zwischenmenschlichen Kontext, durch welchen eine dauerhafte Verbesserung des zu Erziehenden im Verhalten und Handeln erzielt wird (S.54). Dabei erstreckt sich Erziehung auf dem kompletten Umfang der leiblichen Funktionen bis zu den höchsten geistigen Prozessen (Bildung) der Wesensverwirklichung der Person (S.55). So auch die meisten Publikationen, welche Erziehung zumeist als einen Vorgang beschreiben, indem Kinder und Jugendliche bestimmte Normen und Regeln der aktuellen Zeit angeeignet werden, um unerwünschtes Verhalten zu unterbinden bzw. erwünschtes Verhalten zu zeigen (Neumann 2002, S.10). Folglich ist Erziehung ein Begriff, welcher durch sich verändernde Erziehungsideale und durch aktuelle Normen und Wertvorstellungen beeinflusst wird.

2.2.1. 17. Jahrhundert

Laut Neumann (2002) sei Johann Amos Comenius der wohl der erste Pädagoge, der im 17. Jahrhundert lebte. Er vertrat die Auffassung, dass Erziehung für alle Menschen, unabhängig des Geschlechtes und des sozialen Standes sei und dabei allumfassend betrachtet werden müsse. Hierzu führt er die Bereiche Belehrung bzw. Bildung, Sittlichkeit und Gottesfurcht an, wobei hier die Sittlichkeit den Normen bzw. der Erziehung zugeordnet werden kann (S.12). Hinzu kommt, dass Johann Amos Comenius, während seiner Zeit als Lehrer, darauf achtete, dass die Erziehungsmaßnahmen im Zusammenspiel mit dem Entwicklungsstand des Kindes gebracht wurden. Damit griff er schon im 17. Jahrhundert Aspekte der Entwicklungspsychologie des 20. Jahrhunderts auf (ebd., S.12). Ein weiterer wichtiger Punkt der Erziehung sei das Menschenbild der aktuellen Zeit, aufgrund der Wechselwirkung zwischen Erziehungsideale bzw. Wertvorstellung und Erziehung. In der Betrachtung der Kindheit kann der Blick auf eine globale Sicht geweitet werden. Hierbei seien Fragestellungen nach den Universalien menschlichen Entwicklungen im Kindesalter sowie nach den sozio-kulturellen Differenzen des Aufwachsens von Kindern präsent (Lenhart 2008, S.6). Da soziale Entwicklungen komplexe Dynamiken haben, werden im Folgenden nur Eckdaten der Entwicklung der Kindheit angeführt.

2.2.2. 18. Jahrhundert

Anfang des 18. Jahrhunderts waren Kinder „gezwungen“ ihre Kindheit für das Erlernen von Aufgaben zu nutzen. Kinder hatten mehr Pflichten als Rechte und wurden, aufgrund der wirtschaftlichen Ausgangssituation von den Eltern, früh an (körperliche) Arbeit herangeführt. Kinder aus adligen Familien waren dafür angedacht, einst die Geschäfte der Familie zu übernehmen und mussten sich dem entsprechend wie erwachsene Menschen benehmen. Während der Industrialisierung waren Kinder für vielfältige Aufgaben im Haushalt verantwortlich und mussten teils arbeiten gehen. Prägnant für diese Zeit ist jedoch, dass Kinder als „kleine Erwachsene“ angesehen wurden und es eine Kindheit defacto nicht gab. Dazu kam kindliche Züchtigung als Erziehungsmethoden. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam das Konzept der natürlichen Erziehung auf, welches durch das Werk „Émile, ou de l'éducation“ von Jean-Jacques Rousseau geprägt wurde. Das kindliche Menschenbild des 18. Jahrhundert fasst Rousseau in seinem Werk auf, in dem er schreibt, „man suche stets den Mann im Kind, ohne an den kindlichen Zustand zu denken, aus dem der Mann sich erst allmählich entwickelt“ (Rousseau 2016, S. 1). Rousseau erachtete die Kindheit als Entwicklungszeitraum und prägte damit die natürliche Erziehung. Seine Ansichten waren aus der Romantik entstanden, als es galt, dass alles, was aus der Hand des Schöpfers hervorkomme, sei gut (Kind als Göttlich Schöpfung). In der Zeit der Aufklärung, zu der auch Rousseau gehörte, veränderte diese Ansicht das Leben von Kindern. Hinzu kam das Prinzip der Gewaltenteilung, bzw. die Ablehnung gegen den Absolutismus sowie die Eigenverantwortlichkeit, welche sogar 1776 in der US-Unabhängigkeitserklärung Einzug fand (Seel 2015, S.242).

2.2.3. 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert zeichnete sich durch eine Reihe von Revolutionen bzw. radikalen Umbrüchen des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aus:

(Dazu gehören bspw.: 1789 Ausbruch der Französischen Revolution; 1807 Reformen in Preußen: Bauernbefreiung, Aufhebung des Zunftzwangs; 1832 Massenkundgebung des liberal gesinnten Bürgertums und der Studentenschaft; 1862 Bismarck wird preußischer Ministerpräsident; 1865 Genfer Konvention; 1866 Krieg zwischen Preußen und Österreich; 1876 Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland; 1917 Erster Weltkrieg)

Dazu kam die globale Industrialisierung, welche die Verhaltens- und Denkweisen der Menschen beeinflusste. Die Revolution löste zudem Angst bei den Herrschern im europäischen Raum vor weiteren Revolutionen im eigenen Land aus. Dies zog nach sich, dass Erziehung und Bildung im Bildungswesen für eine Fundamentaldisziplinierung missbraucht wurden, um die Kontrolle mithilfe der Unterdrückung der individuellen Freiheiten und Rechten zu erlangen. In Deutschland sorgte dies für eine Nationalerziehung im Bildungswesen (ebd. S. 252). In der Zeit wurde die Erziehung für die Milderung dieser politischen Repression verstanden, um funktionelle Untergebene zu erzeugen (Erziehen als Zucht). Diese Art von Erziehung brachte den Begriff der schwarzen Pädagogik vor, welcher das Operieren mit Gewalt und Einschüchterung meint (ebd. S.263). Die schwarze Pädagogik ziele darauf ab, durch körperliche oder seelische Mittel ein Tun oder Unterlassen des Kindes zu bewirken, wobei es darum gehe, ein starkes Über-Ich in der kindlichen Seele zu erziehen, damit Normen und Wertvorstellungen verankert werden können und Triebansprüche des Es unterdrückt werden (Stangl, 2021). Im 19. Jahrhundert drückte sich die schwarze Pädagogik primär durch Bestrafungen mit Rute, Rohrstock oder Lineal aus, wohingegen im 21. Jahrhundert sich die schwarze Pädagogik in bspw. Belohnungs- und Bestrafungssystemen (z.B. in Form von Belohnungstafeln oder gute/schlechte Wolken) ansatzweise wiederfinden lassen.

2.2.4. 20. Jahrhundert

Die erste Hälfte des ersten 20. Jahrhunderts, in dem der erste und zweite Weltkrieg stattfanden, lässt sich die Pädagogik als Kriegs- oder Völkische Erziehung verstehen. Das Leben war von Krieg, Not und Hunger gekennzeichnet und völkisch-nationalen Ideologie wurden in der Erziehung praktiziert. Den wohl größten Kontrast bildete die 68er-Bewegung zur der völkisch-nationalen Ideologie sowie des autoritären Erziehungsstils und prägte das frei, selbstbestimmte und mündige Menschenbild, nach dem der Mensch seine Persönlichkeit in einer freiheitlich demokratischen Welt entfalten soll (Seel 2005, S.298).

[...]


1 Es wurde bei der Ausarbeitung auf eine genderneutrale Formulierung geachtet. Sollte dies an einigen Stellen nicht ausreichend sein oder überlesen wurden sein, beziehen sich nichtsdestoweniger die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Eine Historische Betrachtung der Entstehung vom Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland vom 19. bis zum 21. Jahrhundert
Hochschule
IU Internationale Hochschule
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1159900
ISBN (eBook)
9783346559753
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganztagschule, Ressource und Sozialisationsstation, Persönlichkeitsentwicklung, Historische Betrachtung, Bildungs- und Erziehungssystem, Erziehungssystem, Bildungssystem
Arbeit zitieren
Tobias Zimmermann (Autor:in), 2021, Eine Historische Betrachtung der Entstehung vom Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159900

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