Das Neue Testament berichtet uns nur wenig von der Gestalt Mariens. Wir begegnen Maria nur an vereinzelten Stellen. Doch als Mutter unseres Herrn ist von so großer Bedeutung für uns Christen, dass schon die Menschen in den ersten Jahrhunderten mehr von ihr wissen wollten: Wer war sie vor der Geburt Jesu? Wo wurde sie geboren? Wer waren ihre Eltern? Was hat sie gemacht, bis sie von Gott erwählt wurde? Auf all diese Fragen will das Protevangelium des Jakobus eine Antwort geben. Das Protevangelium zählt zu den apokryphen Schriften, d. h. es besitzt keine Kanonizität. Und doch hatte es großen Einfluss auf unsere Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte.
Diese Arbeit beschäftigt sich eingehend mit dem Protevangelium im Vergleich zum kanonischen Lukasevangelium. Der Schwerpunkt der Arbeit stützt sich auf den Vergleich der Verkündigungsszene in beiden Schriften. Dem gehen eine allgemeine Einführung zum Protevangelium und eine kurze Einführung zum Lukasevangelium voraus. Abschließend beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Gestalt Mariens im Gesamt der apokryphen Schrift im Vergleich zur lukanischen Maria.
Die Übersetzung des Protevangeliums ist dem Buch von Schneemelcher entnommen und „beruht auf den Angaben von Tischendorf und de Strycker, unter besonderer Berücksichtigung des Pap. Bodmer V“. Der lukanische Text entstammt der Einheitsübersetzung. Da es in der Forschung nur wenig deutsche Literatur zum Protevangelium des Jakobus gibt, stützt sich die Textexegese vor allem auf das Werk von Ehlen , daneben findet vereinzelt das englische Werk von Smid Berücksichtigung. Die theologische Synthese basiert weitestgehend auf dem Buch „Maria. Mutter Jesu und gottgeweihte Jungfrau“ von Becker.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Das Protevangelium des Jakobus
1.1 Titel und Inhalt
1.2 Verfasser und Abfassungszeit
1.3 Einheitlichkeit
1.4 Gattung und Intention
1.5 Theologischer Charakter
2. Das Lukasevangelium
3. Die Verheißung der Geburt Jesu im Protevangelium des Jakobus (11) und im Lukasevangelium (1,26-38)
3.1 Text
3.1.1 Protev 11
3.1.2 Lk 1, 26-38
3.2 Struktur
3.3 Kontext
3.4 Textexegese
3.5 Theologische Aussage
4. Die Gestalt Mariens im Protevangelium des Jakobus im Vergleich zum kanonischen Lukasevangelium – Eine Theologische Synthese
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Bild Marias, wie es im apokryphen Protevangelium des Jakobus entworfen wird, im kritischen Vergleich mit dem kanonischen Lukasevangelium, um die theologischen Differenzen und die Bedeutung dieser legendarischen Darstellung für die christliche Frömmigkeitsgeschichte herauszuarbeiten.
- Vergleichende Analyse der Verkündigungsszenen in beiden Schriften.
- Untersuchung der Mariologie des Protevangeliums im Gegensatz zur Christologie.
- Bewertung der Rolle Marias als heilige Asketin und "neue Eva".
- Reflexion über die Bedeutung der unterschiedlichen Marienbilder als Vorbild im Glauben.
Auszug aus dem Buch
3.4 Textexegese
Wie bereits erwähnt steht im Protevangelium die lukanische Verkündigungsszene im Hintergrund. Anders als bei Lukas ist sie nicht als Parallele zur Verkündigung an Zacharias gestaltet. „Der Autor des Protevangeliums versucht seinerseits Lukas zu übertreffen und in bestimmter Hinsicht zu modifizieren.“51 Lukas ist gewiss die Hauptquelle, doch daneben wurden mit Sicherheit auch andere mündliche Quellen verarbeitet. Das lukanische Evangelium lag dem Autor noch nicht als kanonisch vor, daher hatte er wohl auch keine Scheu es zu bearbeiten, da es für ihn keine „höhere[n] Wertigkeit“52 als die anderen Quellen besaß.
Gibt Lukas zwar eingangs einen biografischen Einblick, finden wir stattdessen im Protevangelium eine genaue Situationsbeschreibung: Maria verrichtet ihre häuslichen Aufgaben und holt Wasser am Brunnen. Mit dieser Szenerie, die auch auf dem Titelblatt der vorliegenden Arbeit abgebildet ist, setzt die Verkündigungsszene der apokryphen Schrift ein. Maria verrichtet die Aufgaben einer Magd. Dies verwundert, wurde ihr doch bisher im Verlauf der Erzählung königliche Würde verliehen. Aber gerade eben bei dieser einfachen, niederen Tätigkeit, beim Wasser holen am Brunnen, vernimmt sie die Stimme des Gottesboten. Der Brunnen ist biblisch gesehen als Ort der Begegnung nicht unbekannt: Isaak begegnet Rebekka an einem Wasserbrunnen (Gen 24,15f). Jesus offenbart sich der Samariterin am Jakobusbrunnen (Joh 4,4-42). So begegnet auch Maria hier in der Verkündigungsszene der Stimme des Gottesboten.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Gestalt Mariens ein und skizziert das methodische Vorgehen beim Vergleich zwischen dem Protevangelium des Jakobus und dem Lukasevangelium.
1. Das Protevangelium des Jakobus: Dieses Kapitel liefert grundlegende Informationen zu Herkunft, Datierung, literarischer Gattung und dem theologischen Charakter dieser apokryphen Schrift.
2. Das Lukasevangelium: Hier werden kurz die Entstehung und die erzählerische Besonderheit des lukanischen Evangeliums hinsichtlich der Darstellung Marias erläutert.
3. Die Verheißung der Geburt Jesu im Protevangelium des Jakobus (11) und im Lukasevangelium (1,26-38): Das Kernstück der Arbeit vergleicht detailliert die beiden Verkündigungsszenen hinsichtlich Textgestalt, Struktur, Kontext und Exegese.
4. Die Gestalt Mariens im Protevangelium des Jakobus im Vergleich zum kanonischen Lukasevangelium – Eine Theologische Synthese: Dieses Kapitel arbeitet in einer Synthese vier zentrale Unterschiede heraus, darunter das Vorherrschen der Mariologie vor der Christologie.
5. Fazit: Das Fazit reflektiert das Ergebnis der Untersuchung und diskutiert die heutige Relevanz des apokryphen Marienbildes im Vergleich zum biblischen Zeugnis.
Schlüsselwörter
Protevangelium des Jakobus, Lukasevangelium, Maria, Verkündigungsszene, Mariologie, Christologie, Jungfräulichkeit, Neue Eva, Apokryphen, Heiligkeitsverständnis, Frömmigkeitsgeschichte, Exegese, Verkündigung, Gottesbote, Vorbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Vergleich der Mariengestalt im apokryphen Protevangelium des Jakobus und im kanonischen Lukasevangelium.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Verkündigungsszenen, der Entwicklung der Mariologie sowie dem unterschiedlichen Heiligkeitsverständnis in beiden Texten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine theologische Synthese aufzuzeigen, wie das Protevangelium ein Marienbild konstruiert, das sich deutlich vom kanonischen Befund abhebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-kritische sowie vergleichende literarische Exegese angewandt, gestützt auf fachwissenschaftliche Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Gegenüberstellung der Verkündigung an Maria und erarbeitet systematisch die vier Hauptunterscheidungsmerkmale der Marienbilder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Mariologie, Christologie, Protevangelium, lukanisches Evangelium und die Rolle Marias als "neue Eva".
Welche Bedeutung hat das "Magd-Sein" für die Darstellung Marias?
Das Protevangelium nutzt das Motiv der Magd als Rahmen, um einerseits häusliche Pflicht und andererseits die außergewöhnliche Erwählung Marias in Verbindung mit königlicher Würde darzustellen.
Warum wird im Protevangelium von einem "Doketismus" gesprochen?
Aufgrund der Schilderung, dass Maria schmerzfrei und unter unversehrten Bedingungen gebiert, wird die Frage aufgeworfen, ob hier ein doketischer Zug vorliegt, der Christus als rein geistiges Wesen betrachtet.
- Arbeit zitieren
- Sandra Baltes (Autor:in), 2011, Maria - Ein Vorbild!? Die Gestalt Mariens im Protevangelium des Jakobus und im Lukasevangelium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159908