Von jeher kam es immer wieder dazu, dass eine Auflehnung gegen die vorherrschende politische oder gesellschaftliche Ordnung notwendig wurde. Diese konnte auf viele Arten ausgeführt werden, seien es Demonstrationen, Flugblätter, Streiks oder etwas ganz anderes. Eine sehr interessante Form der politischen Kritik ist allerdings Lyrik, da diese schriftlich erfolgte und uns so bis heute erhalten geblieben ist. Außerdem konnten lyrische Werke durch geschickt in das Gedicht eingearbeitete Kritik, die nicht für jedermann direkt ersichtlich ist, auch unter staatlicher Kontrolle verfasst werden. Gerade zu DDR-Zeiten war es schwierig, Kritik an der Regierung oder am System auszuüben, ohne mit strengen Sanktionen rechnen zu müssen. Dennoch trauten sich viele Lyriker, ihre Kritik in Versen zu verstecken. Dies ging teilweise gut, jedoch in einigen Fällen auch schlecht aus.
Ziel dieser Arbeit ist es, diese teilweise gut versteckte Kritik unter Berücksichtigung biografischer und kulturhistorischer Hintergründe aus den Gedichten heraus zu arbeiten und DDR-kritische Gedichte in den Kontext politkritischer Lyrik anderer Epochen einzuordnen und zu untersuchen. Es soll gezeigt werden, ob, wie und warum sich die politkritische Lyrik der DDR von anderen politkritischen Gedichten unterscheidet. Hierfür soll zunächst ein grober Überblick über politkritische Lyrik im Lauf der Zeit verschafft werden, damit die Gedichte der DDR später unter Berücksichtigung dieses Hintergrundes untersucht und eingeordnet werden können.
Im Kernteil geht es um Lyriker, die zu DDR-Zeiten im DDR-Gebiet gelebt und gedichtet haben. Jeder wird mit einer kurzen Biographie vorgestellt, darauf folgt eine kurze Einführung in die Lebenshintergründe des jeweiligen Autors. Die Dichter wurden nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Viele der Texte wurden erst durch ein Projekt veröffentlicht, dass unterdrückte DDR Lyrik aus Archiven zusammengesucht und publiziert hat. Dadurch sind die meisten Texte noch nicht viel von der Wissenschaft untersucht worden, verdienen aber dennoch, zum Kanon der DDR-Literatur gezählt zu werden. Autoren die bereits stark bearbeitet wurde, beispielsweise Biermann, werden in dieser Arbeit nicht untersucht. Das Hauptaugenmerk liegt auf Gedichten, die durch die Unterdrückung und Zensur in der DDR wenig Beachtung erhielten.
Inhaltsverzeichnis
1. Kritik in Versen
2. Politkritische Lyrik im Lauf der Zeit
2.1. Mittelalter
2.2. Von der Aufklärung bis zur Romantik
2.2.1. Aufklärung
2.2.2. Sturm und Drang
2.2.3. Romantik
2.3. Französische Revolution
2.4. Jahrhundertwende
2.5. Entwicklung politkritischer Lyrik
3. Kritik und Zensur in der DDR
3.1. Publikation und Zensur
3.2. Unterdrückte Lyrik
4. Politkritische Lyrik innerhalb der DDR
4.1. Stefan Döring
4.1.1. Lyrik vom Prenzlauer Berg
4.1.2. ich fühle mich in grenzen wohl
4.2. Gabriele Stötzer
4.2.1. Eingeschränkte Freiheit
4.2.2. gewalt
4.3. Ralf-Günter Krolkiewicz
4.3.1. Haft
4.3.2. Augenblick
4.4. Günter Ullmann
4.4.1. Zum Schweigen verurteilt
4.4.2. Wir sind schuld
4.5. Edeltraud Eckert
4.5.1. Der Kampf gegen die Unmenschlichkeit
4.5.2. Augen und Worte
4.6. Günter Kunert
4.6.1. Die Unperson
4.6.2. Abends gehe ich
5. Aktuelle politkritische Lyrik
5.1. Der ‚Erdowahn‘
5.2. Die Böhmermann-Affäre
5.3. Zensur im Deutschland des 21. Jahrhunderts?
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht politkritische DDR-Lyrik, die unter staatlicher Zensur entstand und teilweise erst nach der Wende durch Archivprojekte zugänglich wurde, um die Bedingungen unterdrückten Schreibens zu analysieren und in einen größeren Kontext politkritischer Literatur einzuordnen.
- Analyse von versteckter Kritik und künstlerischen Strategien zur Umgehung von Zensur in der DDR.
- Biografische und kulturhistorische Einordnung von Lyrikern und ihren Werken unter Berücksichtigung von Unterdrückung.
- Untersuchung der Entwicklung politkritischer Lyrik von historischen Epochen bis in die DDR-Zeit.
- Gegenüberstellung von DDR-Lyrik mit aktuellen Beispielen politkritischer Satire zur Diskussion von Meinungsfreiheit.
Auszug aus dem Buch
4.1.2 ich fühle mich in grenzen wohl
ich fühle mich in grenzen wohl
komm hoch wenn ich wenns hoch kommt / wenns mir hochkommt unten bin / und angeschallt mein schleudersitz / ist angespannt wie aufmerksam // ich lehn mich an gesichert und entspannt / ich fühle mich in grenzen wohl / begehre nichts was ich nicht lieber hätte / noch was ich lieber täte tatwerkzeug // ist allenfalls ein räderwerk der uhr / das ende aller fallen jeden falls / kommt mit der zeit verdächtig vor // dies ticken hier zersetzt den standpunkt / der im gedrängten raum noch bleibt / und immer mehr verdichtet wird die zeit
Das Gedicht ich fühle mich in grenzen wohl von Stefan Döring ist Teil der Sammlung komm geh, welche zwischen 1979 und 1984 verfasst wurde. Damit zählt es zur frühen Schaffensphase des Lyrikers zu der Zeit, in der die Literaturszene am Prenzlauer Berg entstand. In der Sammlung befinden sich Gedichte, die Staat, Gesellschaft, Politik und Sprache der Zeit kritisieren. Veröffentlicht wurde die Sammlung erst im 1989 erschienenen Gedichtband heutmorgestern. Bei der Interpretation des Gedichts werden Hauptthesen herausgearbeitet, die der Fragestellung der Arbeit dienlich sind. Alle Thesen werden vor dem Hintergrund der bereits erarbeiteten Grundlage betrachtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kritik in Versen: Die Einleitung erläutert das Interesse an politkritischer DDR-Lyrik als Mittel gegen Zensur und legt das Ziel der Arbeit fest, diese unter Berücksichtigung biografischer Hintergründe zu analysieren.
2. Politkritische Lyrik im Lauf der Zeit: Dieses Kapitel gibt einen chronologischen Überblick über die Tradition politischer Dichtung vom Mittelalter bis zum Vorabend der DDR-Zeit als Grundlage für die spätere Analyse.
3. Kritik und Zensur in der DDR: Der Abschnitt beleuchtet die systemische Unterdrückung der Literatur durch den Staat und die Entstehung von Untergrundlyrik innerhalb der DDR-Gesellschaft.
4. Politkritische Lyrik innerhalb der DDR: Im Kernteil werden verschiedene Lyriker und ihre unterdrückten Werke einzeln interpretiert, wobei die spezifischen Bedingungen ihrer Entstehung und die künstlerische Gestaltung zentral stehen.
5. Aktuelle politkritische Lyrik: Abschließend wird der Bogen zur Gegenwart gespannt, indem aktuelle Debatten wie die „Böhmermann-Affäre“ auf ihre Relevanz im Kontext von Zensur und Meinungsfreiheit hin untersucht werden.
Schlüsselwörter
DDR-Lyrik, Politkritik, Zensur, Literaturgeschichte, Unterdrückung, Stefan Döring, Gabriele Stötzer, Ralf-Günter Krolkiewicz, Günter Ullmann, Edeltraud Eckert, Günter Kunert, Prenzlauer Berg, Staatssicherheit, Meinungsfreiheit, Satire.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit?
Die Arbeit untersucht Lyrik aus der DDR, die aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber dem sozialistischen System unterdrückt wurde oder nur inoffiziell verbreitet werden konnte.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen staatlicher Zensur auf die literarische Produktion, die Bedeutung von Biografie für das Schreiben unter Repression und die Entwicklung politkritischer Lyrik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, versteckte Kritik in den Gedichten unter Einbeziehung biografischer und historischer Kontexte freizulegen und in die deutsche Literaturgeschichte einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text formal (Metrik, Struktur) und inhaltlich untersucht, ergänzt durch die historische Einordnung der Lebensumstände der Autoren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden exemplarisch die Werke und Biografien von sechs verschiedenen Lyrikern analysiert, die unter DDR-Bedingungen kritisch schrieben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Zensur, Staatssicherheit, unterdrückte Literatur, politischer Widerstand in Versen und Meinungsfreiheit zusammenfassen.
Wie geht die Autorin mit dem Fall Böhmermann um?
Das Kapitel nutzt den Fall als modernen Vergleichspunkt, um aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von Meinungsfreiheit und Zensur in Deutschland im Vergleich zur DDR-Zeit gewandelt hat.
Welche Rolle spielen die Archivprojekte für diese Arbeit?
Die Arbeit basiert maßgeblich auf Veröffentlichungen aus Projekten wie dem „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“, die es erst ermöglichen, die regimekritischen Texte heute wissenschaftlich zu erschließen.
- Arbeit zitieren
- Julia Reuter (Autor:in), 2017, Verse hinter der Mauer. Gedichte gegen den Sozialismus im Kontext politkritischer Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159939