Syntaktischer Wandel: Die Entstehung des bestimmten Artikels im Italienischen

Von der Durchsetzung des lateinischen Demonstrativpronomens "ille". Zur Entstehung des bestimmten Artikels "il"


Seminararbeit, 2021

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grammatikalisierung und Reanalyse
2.1 Definitionen und Stufen der Grammatikalisierung
2.2 Reanalyse
2.3 Bedeutungswandel
2.4 Verhältnis zwischen Grammatikalisierung und Reanalyse

3. Grundlagen der Grammatikalisierung von bestimmten Artikeln
3.1 Abgrenzung von Demonstrativpronomen und bestimmten Artikeln
3.2 Abgrenzung von Definitheit und Indefinitheit
3.3 Zyklus des Grammatikalisierungsprozesses von bestimmten Artikeln nach Greenberg

4. Beobachtungsprobleme und Ursachen der Artikelentstehung

5. Die Artikelvorläufer des Spätlateins
5.1 Das Identitätspronomen ipse
5.2 Das Demonstrativum ille
5.3 Das Demonstrativum hic
5.4 Das Demonstrativum iste

6. Die Durchsetzung des Demonstrativums ille

7. Die Grammatikalisierung des bestimmten Artikels il im Altitalienischen

8. Primärtextanalyse: Dante Alighieri und Dino Buzzati
8.1 Definiter Artikel vs. Nullartikel
8.2 Entwicklung der Verwendungsfrequenz von il und lo

9. Schlusswort

10. Bibliografie

1. Einleitung

In den heutigen romanischen Sprachen finden wir eine Vielfalt an Determinanten; sei es als definite sowie indefinite Determinanten oder Demonstrativbegleiter. Es gibt Sprachen, die ohne definite Determinanten auskommen wie bspw. das Lateinische. Das Lateinische besaß keine definiten Artikel so wie wir sie heute bspw. aus den romanischen oder germanischen Sprachen kennen. Ein definiter Artikel markiert Genus, Numerus und in manchen Sprachen auch den Kasus. Dies übernahm das Nomen selbst im Lateinischen mithilfe der Genus-Kasus-Numerus-markierenden Suffigierung (vgl. Selig 1992: 21). Dieses Phänomen verschwand und somit entstand ein Neues im Vulgärlatein. Es entwickelten sich Artikelvorläufer, die die Grundlagen für die heutigen bestimmten Artikeln in den romanischen Sprachen bilden. Diese Entwicklung ist Hauptschwerpunkt dieser Arbeit.

Vorerst werden die grundlegenden Begriffe dieses Grammatikalisierungsprozesses definiert und in Verhältnis zueinander gesetzt. Anschließend werden Abgrenzungen in den Kategorien Demonstrativpronomen und Artikel sowie Definitheit und Indefinitheit getroffen. Außerdem wird auf die Phasen des Grammatikalisierungsprozesses der bestimmten Artikel nach Greenberg eingegangen zur Veranschaulichung des Zyklus dieses Phänomens. Der vierte Punkt beschäftigt sich mit den Ursachen und Problematiken der Artikelentstehung. Anschließend wird einzeln auf die Artikelvorläufer aus dem Spätlatein eingegangen. Daraufhin wird die Konkurrenz zwischen ille und ipse näher erläutert und genauer untersucht, wieso sich ille in den meisten romanischen Sprache als Grundlage für die definiten Artikel durchsetzen konnte. Der siebte Punkt beschäftigt sich mit der Artikelentwicklung im Altitalienischen, wobei der Schwerpunkt auf die Grammatikalisierung des bestimmten Artikels im Maskulinum und Singular il gelegt wurde. Der letzte Punkt dieser Arbeit beschäftigt sich mit einer Primärtextanalyse mit der Frage, wie sich das Verhältnis von der Verwendung des Nullartikels und definiten Artikels über die Jahrhunderte geändert hat. Außerdem wird die Frequenz der einzelnen bestimmten maskulinen Artikel im Singular anhand zweier Texte aus zwei verschiedenen Epochen untersucht und miteinander verglichen.

2. Grammatikalisierung und Reanalyse

Im folgenden Kapitel werden die Prozesse der Grammatikalisierung und Reanalyse definiert und es wird dabei diskutiert, inwiefern sich die beiden Prozesse ähneln. Außerdem werden mehrere Ansätze des Bedeutungswandels im Grammatikalisierungs- und Reanalyse-Prozess vorgestellt.

2.1 Definitionen und Stufen der Grammatikalisierung

Der Begriff der Grammatikalisierung wurde zwar erst 1912 von Meillet gefestigt, ist aber ein Prozess, der mindestens genauso alt ist wie die Linguistik selbst (vgl. Narrog/Heine 2011: 1). In dem Aufsatz von Meillet „L’évolution des formes grammaticales“ wird gezeigt, dass grammatische Formen durch zwei unterschiedliche Prozesse entstehen, und zwar durch Analogie sowie durch Grammatikalisierung (vgl. Meillet 1926: 130f. zitiert aus Diewald 1997: 5f.). Sprachwissenschaftler untersuchen den Prozess der Grammatikalisierung auf der diachronen sowie synchronen Ebene. Daher gibt es nicht nur ein einziges bestimmtes Konzept der Grammatikalisierung. Narrog und Heine heben hervor: „One kind of definition relies on pragmatic functions of linguistic material” (Narrog/Heine 2011: 2). Allerdings gibt es eine klassische Definition, auf die sich viele Sprachwissenschaftler stützen: “Grammaticalisation consists in the increase of the range of a morpheme advancing from a lexical to a grammatical or from a less grammatical to a more grammatical status, e.g. from a derivate formant to an inflectional one” (Kuryłowicz 1975 1965: 52 zitiert aus ebd.: 3).

Auf dieser Grundlage basierend definieren Hopper und Traugott den Grammatikalisierungsprozess wie folgt:

Die Grammatikalisierungsforschung befaßt sich […] mit den unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten bestimmter konzeptueller Domänen; sie untersucht, welche konzeptuellen Domänen (bevorzugt) mit grammatischen Formkategorien ausgedrückt werden, wie diese grammatischen Formkategorien entstehen und wie ihre Beziehung zu lexikalischen Formkategorien beschaffen ist. Daraus ergibt sich, dass sich die Grammatikalisierungsforschung vor allem mit Übergangsbereichen befasst: mit Übergängen zwischen Lexikon und Grammatik, zwischen einer Struktur mit lexikalischer und einer anderen mit grammatischer Bedeutung, mit Übergängen zwischen verschiedenen linguistischen Ebenen […] und mit dem Verhältnis zwischen historischer Entwicklung und gegenwärtigem System […] (Hopper/Traugott 1993: 1ff. zitiert aus Diewald 1997: 10).

Dieser Übergang von einer lexikalischen Form zur Grammatischen verläuft nicht plötzlich und abrupt. Es handelt sich um einen Prozess, der einen langen Zeitraum in Anspruch nimmt und eine fließende Veränderung darstellt. Es ist nicht möglich, einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit zu fixieren, um den Beginn einer Veränderung bzw. eines Prozesses darzustellen (vgl. ebd.: 11). Diewald führt dabei Brintons Aussage an, dass „[d]ie Veränderung […] die Inhalts- als auch die Ausdrucksseite der Zeichen [betrifft], wobei sie auf der Inhaltsseite beginnt und zunächst formal nicht sichtbar ist“ (Brinton 1088: 161f., 237 zitiert aus ebd.: 11).

Ein großer Analyseschwerpunkt stellt die Entwicklung von haben im Deutschen in Diewalds Abhandlung dar: im Neuhochdeutschen tritt das Verb haben in mehreren Verwendungsweisen auf. Es kann als Vollverb in einem Satz und aber auch als Tempusauxiliar für das Perfekt auftreten, was bedeutet, dass es eine lexikalische Bedeutung (als Vollverb) und eine grammatische Bedeutung (als Tempusauxiliar) annehmen kann. Diewald nutzt dafür die folgenden Beispiele zur Veranschaulichung (vgl. ebd.: 11):

(4) Sie hat eine Katze → Vollverb mit einer lexikalischen Bedeutung

(2) Sie hat gelacht → hat als Auxiliar mit einer grammatischen Bedeutung

Die Verwendung von haben mit dem Partizip II ist in der deutschen Sprache zwar noch eine recht junge Konstruktion, aber eine vollständig Grammatikalisierte. „In älteren Sprachstufen des Deutschen besaß also haben noch nicht so stark grammatikalisierte Verwendungsweisen, wie es heute der Fall ist, und es gab noch kein Perfekt“ (ebd.: 6), aber ein genauer Zeitpunkt dessen Wandels kann nicht angegeben werden.

Ein wichtiger Aspekt, den Diewald bezüglich des Prozesses anführt ist Givóns Aussage „Today’s morphology is yesterday’s syntax“ (Givón 1971: 413 zitiert aus ebd.: 11). Gemeint ist damit, dass „[…] grammatikalisierte Zeichen nach und nach ihren Status als freie Morpheme verlieren und zu gebundenen Morphemen werden. Dies hängt mit der […] Tendenz zusammen, daß lexikalische Zeichen freie Morpheme, grammatische Zeichen jedoch gebundene Morpheme sind“ (ebd.: 11). Diewald ergänzt, dass Givón eine Stufentheorie des Grammatikalisierungsprozesses entwickelt hat, die insgesamt „fünf theoretisch isolierbare Stufen [beinhaltet], die zum Teil unterschiedliche Motivationen aufweisen“ (ebd.: 11). Die erste Stufe ist die Syntaktisierung, also die Entstehung von syntaktischen Strukturen aus freien Strukturen des Diskurses. Dabei werden freie und pragmatische Anordnungen der Zeichen in geregelte syntaktische Strukturen überführt (vgl. ebd.: 11). Bei der zweiten Stufe handelt es sich um die Morphologisierung, also der Übergang von syntaktisch geordneten und freien Wörtern zu gebundenen Morphemen. Dabei spielen die Teilprozesse der Klitisierung und Fusion eine wichtige Rolle (vgl. ebd.: 12). Die dritte Stufe ist die Reduktion der phonologischen Substanz. Dabei wird ein gebundenes grammatisches Morphem schwachtonig ausgesprochen, was zur Abgrenzung von Epochen dient, in dem Fall von Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch, da „die Schwachtonvokale im Mhd. Zum Schwa-Laut reduziert [worden sind]“, was im Althochdeutschen nicht der Fall war (ebd.: 15). Die vorletzte Stufe ist die Demorphemisierung (nach Lehmann) oder auch Lexikalisierung (nach Givón) genannt. Hier handelt es sich von einem Morphem, das zu einem morphophonemischen Element ohne segmentalen Status übergeht (vgl. ebd.: 15). Bei der finalen Stufe handelt es sich um die nach Jakobson genannte Nullstufe. Das Nullzeichen kennzeichnet einen asymmetrischen Aufbau einer grammatikalischen Kategorie, wie beispielsweise das Präsens, das auch durch seine ‚Überzeitlichkeit‘ gegenwärtige, allgemeine und zukunftsbezogene Aussagen beinhalten kann, während das Präteritum nur auf vergangene Zeitbezüge beschränkt ist (vgl. ebd.: 17).

2.2 Reanalyse

Nach Hopper und Traugott gehört Reanalyse zu einer der wichtigsten Mechanismen des Wandels, insbesondere in der Morphosyntax (vgl. Hopper/Traugott 2003: 39). „In reanalysis the grammatical – syntactic and morphological – and semantic properties of forms are modified. […] Reanalysis is the most important mechanism for grammaticalization, as for all change, because it is a prerequisite for the implementation of the change though analogy” (ebd: 39). Hopper und Traugott definieren Reanalyse als eine Form, die eine Struktur und eine Bedeutung in sich trägt. Allerdings haben Sprecher und Hörer dabei unterschiedliche Struktur- und Bedeutungsinhalte. Als Beispiel wird hier [Hamburg] + [er] angebracht, wobei ‚die Mahlzeit aus Hamburg‘ als [ham] + [burger] gehört wird, also ‚zwei Brotscheiben mit Schinken dazwischen‘. Später könne ham von bspw. cheese oder beef ersetzt werden (vgl. ebd.: 50).

In syntaktischer Hinsicht wird Reanalyse von Langacker als „change in the structure of an expression or class of expression that does not involve any immediate or intrinsic modification of its surface manifestation” (Langacker 1977: 58 zitiert aus ebd.: 51) definiert. Somit findet durch Reanalyse ein Wandel in: den Konstituenten, in der hierarchischen Struktur, den grammatischen Beziehungen, der Kohäsion sowie der Bezeichnung der Kategorie statt (Harris/Campbell 1995: 61 zitiert aus ebd.: 51). Auch Hopper und Traugott stellen fest, dass Reanalyse verdeckt passiert, sie aber erst sichtbar wird „until some recognizable modification in the forms reveals it“ (ebd.: 50).

Waltereit äußert sich darüber, dass Sprachwandel, bzw. explizit Reanalyse, ein hörseitiger Prozess ist. „Hörer inferieren aus einer gegebenen Äußerung eine vom Sprecher nicht enkodierte und vermutlich auch nicht intendierte, gleichwohl aber naheliegende Folgerung. Manifest wird dies, wenn der Hörer ihrerseits als Sprecher die betreffende Struktur im Sinne der neuen Funktion verwenden“ (Waltereit 1999: 25). Ergebnis ist eine unbeabsichtigte Übertragung dieser Inferenz in die Norm, die sich dann zu einer Norm entwickelt und somit einen Sprachwandel einleitet (vgl. ebd.: 25).

2.3 Bedeutungswandel

Eine weitere Frage stellt sich, nämlich ob syntaktischer Wandel immer Bedeutungswandel einschließt. Nach Waltereit besteht der Kern des Reanalyse-Vorgangs darin, dass eine Inferenz aus der alten Konstruktionsbedeutung zu einer Neuen wird. Die reanalysierte Konstruktion, insofern sie zwei Bedeutungen hat, die Neue und die Alte, ist folglich syntaktisch ambig. Die Bedeutung wird somit nicht grundsätzlich verändert, sondern sie steht in einer unmittelbaren Nähe zu der der Ursprünglichen. Für einen metonymischen Bedeutungswandel ist die Kontiguitätsrelation zu eng. Ein Wort wird in einer Weise verstanden, die nicht seiner lexikalischen Bedeutung entspricht, sondern zu dieser in einer Kontiguitätsrelation steht. Reanalyse hat also mit vielen Fällen des metonymischen Bedeutungswandels etwas gemeinsam, und zwar, dass eine unbeabsichtigte, aber naheliegende Hörer-Inferenz zur neuen semantischen Funktion eines Ausdrucks wird (vgl. ebd.: 25ff.). Diese Ansicht entspricht nicht der von Hopper und Traugott: „In some contexts two interpretations were possible, that is, there was at least the potential for ambiguity […] that allowed for the structure to continue to be analyzed as before, and for a new analysis to be innovated, and then to coexist with the earlier analysis. […] Both analysis continue to exist, but with different meanings” (Hopper/Traugott 2003: 52). Während nach Waltereit die reanalysierte Konstruktion ihre ursprüngliche Bedeutung verliert, so bleibt die ursprüngliche Bedeutung bei Hopper und Traugott bestehen, sie existiert lediglich parallel mit der Neuen.

In Diewalds Abhandlungen sind auch, einige Aussagen zum Bedeutungswandel zu finden. Dabei spielt die Unidirektionalität der Grammatikalisierung eine wichtige Rolle und die semantische Reduktion. Das bedeutet, dass der grammatische Wandel nur von links nach rechts stattfindet, denn aus einem Affix kann kein freies ursprüngliches Morphem mehr gebildet werden oder keine volle Bedeutung zurück übertragen werden, wenn diese bereits abgeschwächt wurde. Dieses Phänomen nennt sich cline (Diewald 1997: 18). Die typischste und am häufigsten auftretende Verlaufsrichtung des Wandels ist die, die von den stärker lexikalischen zu stärker grammatischen Zeichen verläuft. Es findet eine Entwicklung von lexikalischer zur grammatischen Bedeutung statt, welches als semantische Ausbleichung, Bedeutungsentleerung, oder De-Semantisierung bezeichnet wird (ebd.: 18f.). Eine weitere Entwicklung ist die „[…] von lexikalischer zu eher abstrakter grammatischer Bedeutung […]“, die als semantische Verallgemeinerung oder allmählichen Erosion bezeichnet wird (ebd.: 19).

2.4 Verhältnis zwischen Grammatikalisierung und Reanalyse

Doch letztlich stellt sich die Frage in welcher Beziehung Grammatikalisierung und Reanalyse zueinanderstehen. Während Meillet Reanalyse und Grammatikalisierung gleichstellt, stellen Hopper und Traugott fest, dass:

[…] although many cases of reanalysis are cases of grammaticalization […], not all are. […] Sometimes reanalysis results in a change that has grammatical effects, but nevertheless involves a shift from grammatical to lexical structure, rather than from lexical to grammatical structure (the norm for grammaticalization) (Hopper/Traugott 2003: 58).

Beispielsweise resultiert fishwife aus fish + wife (wife mit der Bedeutung ‚woman‘). Hierbei wird ‚woman‘ reanalysiert, aber nicht in grammatischer, sondern in lexikalischer Hinsicht. Somit fand eine Reanalyse statt, aber keine Grammatikalisierung (vgl. ebd.: 58).

Reanalyse und Grammatikalisierung überschneiden sich, sind aber unabhängig voneinander, denn: Grammatikalisierung ist unidirektional, Reanalyse aber nicht; Reanalyse impliziert keinen Autonomie- und Informationsverlust; Reanalyse besteht nur aus zwei Etappen, während die Grammatikalisierung mehrere Stufen durchläuft und letztlich verläuft die Reanalyse nicht graduell (vgl. Lehmann 2004 aus Traugott 2011: 23).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Grammatikalisierung immer Reanalyse beinhaltet, aber Reanalyse nicht immer in Grammatikalisierung resultiert. Somit kann festgehalten werden, dass beides nicht gleichzusetzen ist, sondern die Grammatikalisierung eher als eine Teilmenge von Veränderungen in der Reanalyse zu betrachten ist.

3. Grundlagen der Grammatikalisierung von bestimmten Artikeln

3.1 Abgrenzung von Demonstrativpronomen und Artikeln

Die heutigen bestimmten Artikel der romanischen Sprachen sind Ergebnisse eines langen Grammatikalisierungsprozesses ausgehend von Demonstrativpronomen des Spätlateins. Es wird gesagt, dass es in den Sprachen der westeuropäischen Länder (bspw. Englisch, Spanisch, Französisch) einen signifikanten Unterschied zwischen dem bestimmten Artikel und den Demonstrativa gibt, während in anderen Sprachen dies nicht der Fall ist (bspw. hat Russisch keinen bestimmten Artikel in seiner Norm, aber Demonstrativa oder die deutsche Sprache, in der der bestimmte Artikel die gleiche Form hat wie das Demonstrativpronomen) (vgl. Schroeder 2006 zitiert aus De Mulder/Carlier 2011: 523). Der Unterschied nach De Mulder und Carlier zwischen einem Pronomen und einem Artikel in morphosyntaktischer Hinsicht liegt darin, dass Artikel adnominal sind. Sie tauchen nämlich in einer fixierten Position abhängig vom Nomen auf, entweder links- oder rechtsstehend, und können sogar den Status eines Affixes annehmen. So treten sie als Markierer eines Nomens oder einer ganzen Nominalphrase auf (vgl. ebd.: 525). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Pronomen, die meist ein Nomen ersetzen, alleinstehend sind, während es Artikel nicht sind.

Selig behandelt die Unterscheidung u.a. in semantischer Hinsicht:

Demonstrativa sind „sinnlich-deiktisch“ situierend, der definite Artikel zeigt, ohne zu situieren, nur die „Bekanntheit“ des Referenten an. […] Die Demonstrativa bringen explizit eine räumlich-zeitliche Relationierung des Referenten zu einer Origo zum Ausdruck, die mindestens zwei Werte, „nah“ und „nicht nah“, aufweist. Der Artikel bringt dagegen ohne weitere Differenzierung die Relationierung des Referenten zur Hörer-Sprecher-Origo zum Ausdruck. Die ursprüngliche graduelle Differenzierung zwischen den einzelnen Referenten ist beim Artikel eingeebnet (Selig 1992: 163f.).

Somit ist erkennbar, dass es morphosyntaktische sowie semantische Unterschiede zwischen Demonstrativpronomen und Artikel herrschen. Im Folgenden wird eine weitere Abgrenzung getroffen, nämlich die des bestimmten und unbestimmten Artikels bzw. Definitheit und Indefnitheit.

3.2 Abgrenzung von Definitheit und Indefinitheit

Der bestimmte Artikel ist verbreiteter als der Unbestimmte in den einzelnen Normen der Sprachen. Nach Heine heißt es, dass wenn eine Sprache einen grammatikalisierten unbestimmten Artikel in seiner Norm besitzt, so ist es wahrscheinlich, dass sie auch einen bestimmten Artikel in seiner Norm besitzt, während es andersherum nicht möglich ist, wenn auch mit Ausnahmen (wie bspw. Türkisch) (vgl. Heine 1997 zitiert aus De Mulder/Carlier 2011: 524). Somit wird ausgegangen, dass bestimmte Artikel historisch gesehen eher vorkommen als Unbestimmte.

Zur grundlegenden Abgrenzung von bestimmten und unbestimmten bzw. definiten und indefiniten Artikeln ist die Unterscheidung derer von Wichtigkeit. Es sei schwierig, eine genau Definition über Definitheit bzw. Indefinitheit zu treffen nach Selig. Über (In)Definitheit im Grundsätzlichen wird gesagt: „(In)Definitheit ist eine Eigenschaft des Referenzaktes, ist also an die Tätigkeit des Sprechens gebunden. (In)Definitheit resultiert aus dem Zusammenwirken der Art des Referenzbezuges […] mit der Sprecher-Hörer-Interaktion bei der Identifizierung des Referenten“ (Selig 1990: 221). Eine Bedingung ist nun, dass Vermutungen vom Sprecher über Voraussetzungen, die der Hörer bei der Identifizierung des betreffenden Referenten hervorbringt, angestellt werden. Der Referenzakt orientiert sich somit an diese Vermutungen (vgl. ebd.: 222). Eine Nennung bzw. ein Referent ist somit definit, wenn der Referenzbezug vom Hörer eindeutig nachvollzogen werden kann bzw. nachvollzogen werden muss -innerhalb dieser Umfelder. Es wird auf eine Identitätsrelation zwischen dem aktuellen Referenzbezug und dem durch Kommunikation abzugrenzenden Umfeld geschlossen. Somit müssen alle Referenten erfasst werden, die in der betreffenden Textstelle bzw. Situation in Frage kommen (vgl. Selig 1992: 109).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Syntaktischer Wandel: Die Entstehung des bestimmten Artikels im Italienischen
Untertitel
Von der Durchsetzung des lateinischen Demonstrativpronomens "ille". Zur Entstehung des bestimmten Artikels "il"
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Syntaktischer Wandel
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
25
Katalognummer
V1159944
ISBN (Buch)
9783346559463
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italienisch, Determinanten, Linguistik, Syntaktischer Wandel, Grammatikalisierung, bestimmte Artikel, ille, Latein
Arbeit zitieren
Djenisa Osmani (Autor:in), 2021, Syntaktischer Wandel: Die Entstehung des bestimmten Artikels im Italienischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159944

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