Ein populärwissenschaftlicher Aufsatz über die Möglichkeiten einer kunstgeschichtlichen Rekonstruktion der am Südostportal der Katharinenkirche zu Oppenheim vermissten Figur der Katharina von Alexandrien aus der Sicht eines Steinmetzen und Bildhauers.
Es wird allgemein angenommen, dass auf der kleinen Konsole vor dem Fünfpassmaßwerk im Tympanon des südlichen Gewändeportals des Querhauses eine etwa 50 cm große Figur der Patronin der Katharinenkirche gestanden hat. Der Tympanon ist bei der Restaurierung von 1835 erneuert worden, die Konsole hingegen wirkt deutlich älter. Wann genau eine Figur der heiligen Katharina von Alexandrien dort aufgestellt wurde, ist ebenso wenig exakt zu bestimmen wie ihr Verschwinden.
In Hinblick auf die Aufstellung kommen zwei Zeitpunkte infrage: Zum einen die Fertigstellung des Chores und des Querhauses 1299, was wohl der wahrscheinlichere Zeitpunkt ist, zum anderen während des Baues des Langhauses 1317 bis 1340, als die Steinfigur vielleicht ein auf die Wand des Tympanons gemaltes Bild ersetzt hat. Für das Verschwinden der Figur kommen zwei Zeitpunkte infrage: Zum einen wäre da die Plünderung 1552 im sogenannten ‚Zweiten Markgrafenkrieg‘, der noch katholischen Stadt Oppenheim durch das Heer des Markgrafen Albrecht II von Brandenburg-Kulmbach. Zum anderen der durch den persönlich in Oppenheim weilenden reformierten Kurfürsten Friedrich III angeordnete Bildersturm von 1565 im Zusammenhang mit der Einführung der Reformation von 1557 in Oppenheim. Ob die Figur vielleicht gerettet werden konnte oder ob sie unwiederbringlich zerstört worden ist, das liegt im Dunkel der Geschichte verborgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die vermisste Figur auf der leeren Konsole des Südostportals der Katharinenkirche
2. Die Frage nach Stil und Form zur Neugestaltung der Figur
3. Die Möglichkeit einer Rekonstruktion der Katharinenfigur
4. Die Darstellung der Katharina von Alexandrien im Mittelalter
5. Die Figur des Hochaltars des Kölner Doms
6. Die zwei Darstellungen auf den Glasfenstern im Marburger Raum
6.1 Exkurs: Katharina und der ‚Buckler‘
7. Die Darstellung auf dem Nordfenster der Katharinenkirche
8. Die Darstellung auf den Siegeln des Kollegiatstifts St. Katharinen
8.1 Das Stiftssiegel von 1320
8.2 Das Stiftssiegel von 1338
9. Die Rekonstruktion der Katharinenfigur für das Südostportal
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, basierend auf kunstgeschichtlichen Analogien und ikonographischen Quellen eine fundierte Rekonstruktion der am Südostportal der Katharinenkirche in Oppenheim verlorenen Katharinenfigur zu ermöglichen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die ursprüngliche Gestalt dieser Figur auf Basis überlieferter zeitgenössischer Vergleichsobjekte plausibel hergeleitet und für eine mögliche Neugestaltung als Portalfigur adaptiert werden kann.
- Analyse der Ikonographie der heiligen Katharina im 13. und 14. Jahrhundert
- Untersuchung des zeitgenössischen Kontexts (Kölner Dombauhütte, Marburger Glasmalerei)
- Bedeutungswandel der Heiligen zur "kämpferischen" Patronin und Kriegerin
- Interpretation der Siegel des Kollegiatstifts St. Katharinen als historische Belege
- Methodik der "rückwärtigen, prophetischen" Rekonstruktion von Skulpturen
Auszug aus dem Buch
6.1 Exkurs: Katharina und der ‚Buckler‘
Für die Gestaltung der Figur der Katharina bildete sich ab der Mitte des 13. Jh. bis zum Ende des 14. Jh. in Mitteleuropa eine recht einheitliche Ikonographie heraus: In der einen Hand hält oder stützt sie sich auf ein Schwert, mit der anderen Hand hält sie ein kleines Wagenrad in Schulter- oder Brusthöhe. Das kleine Rad weist oft Klingen bzw. Messer auf, welche auf das Folterinstrument verweisen.
Seit dem Ende des 13. Jh. treten aber zunehmend Darstellungen auf, bei denen das Rad sowohl die Klingen verliert als auch in diesem Zusammenhang wie eine Scheibe dargestellt wird, welche zwar noch eine Art Speichen und Radnarbenmuster aufweist, durch die man aber nicht mehr auf den Hintergrund hindurchsehen kann. Diese unterschiedliche Darstellung betrifft sowohl Skulpturen als auch graphische Darstellungen der Katharinenfigur.
Dieser Sachverhalt wird bei einem Vergleich zweier Skulpturen und zweier Glasmalereien besonders deutlich: Die um das Jahr 1250 entstandenen Steinfigur aus Magdeburg hielt als hölzerne oder metallene Applikationen eindeutig ein kleines Rad in ihrer rechten und wohl einen Palmzweig in ihrer linken Hand (Abb. E.1). Bei einem hölzernen oder metallenen Rad ist meiner Meinung nach davon auszugehen, dass es Speichen hatte und wohl auch über Messer verfügte. Bei der um 1310 entstandenen Kölner Steinfigur ist das Rad dagegen als vollplastische Scheibe gearbeitet, auf der sich Radnabe und Radkranz nur als Flachrelief abheben (Abb. E.2).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die vermisste Figur auf der leeren Konsole des Südostportals der Katharinenkirche: Das Kapitel erörtert den vermuteten Standort sowie die möglichen Zeitpunkte der Aufstellung und des Verschwindens der Katharinenfigur im Zuge historischer Umbrüche.
2. Die Frage nach Stil und Form zur Neugestaltung der Figur: Es wird diskutiert, welcher künstlerische Stil für eine Neuanfertigung angemessen ist, wobei der Autor eine Orientierung am ursprünglichen Zeitgeist gegenüber modernen Interpretationen präferiert.
3. Die Möglichkeit einer Rekonstruktion der Katharinenfigur: Hier wird der theoretische Ansatz der "rückwärtigen" Rekonstruktion eingeführt, um anhand ikonographischer "Kronzeugen" eine fundierte Grundlage für eine Nachbildung zu schaffen.
4. Die Darstellung der Katharina von Alexandrien im Mittelalter: Das Kapitel bietet einen historischen Abriss der Katharina-Verehrung und der Entwicklung ihrer Attribute von der gelehrten Märtyrerin zur ritterlichen Kriegerin.
5. Die Figur des Hochaltars des Kölner Doms: Die Analyse dieser Skulptur dient als Referenzpunkt für die hohe handwerkliche Qualität und Stilistik, die auch für die Oppenheimer Figur angenommen werden kann.
6. Die zwei Darstellungen auf den Glasfenstern im Marburger Raum: Durch den Vergleich mit Glasmalereien wird die ikonographische Bedeutung von Schwert und Rad als ritterliche Symbole untermauert.
6.1 Exkurs: Katharina und der ‚Buckler‘: Dieser Exkurs vertieft die Deutung des Rades als schildartige Waffe, den sogenannten Faustschild oder Buckler.
7. Die Darstellung auf dem Nordfenster der Katharinenkirche: Die Untersuchung des Oppenheimer Nordfensters liefert spezifische Details zur Gestaltung, die für die Rekonstruktion der Portalfigur essenziell sind.
8. Die Darstellung auf den Siegeln des Kollegiatstifts St. Katharinen: Anhand der Stiftssiegel aus den Jahren 1320 und 1338 wird die stilistische Entwicklung und die Identität der dargestellten Figur als Steinplastik hergeleitet.
8.1 Das Stiftssiegel von 1320: Das Kapitel analysiert die spezifischen Merkmale dieses Siegels und ordnet es historisch sowie künstlerisch ein.
8.2 Das Stiftssiegel von 1338: Dieses Siegel wird als besonders wertvolles Abbild der vermissten Portalfigur identifiziert und detailliert beschrieben.
9. Die Rekonstruktion der Katharinenfigur für das Südostportal: Abschließend werden die erarbeiteten Kriterien für Material, Größe, Proportion und Gestaltungsdetails zusammengefasst, um eine konkrete Vorlage für die Rekonstruktion der Figur zu bieten.
Schlüsselwörter
Katharina von Alexandrien, Katharinenkirche Oppenheim, Steinmetzkunst, Ikonographie, Rekonstruktion, Portalfigur, Mittelalter, Hochaltar Kölner Dom, Buckler, Stiftssiegel, Glasmalerei, Bildhauerei, Bauhütte, Rittertum, Gottesurteil
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die verloren gegangene Katharinenfigur am Südostportal der Katharinenkirche zu Oppenheim und entwickelt basierend auf historischen Vergleichsobjekten ein Konzept für deren Rekonstruktion.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die ikonographische Entwicklung der Heiligen Katharina im Mittelalter, die Bedeutung ritterlicher Attribute sowie der kunsthistorische Vergleich mit Skulpturen und Glasmalereien aus Köln und Marburg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, eine belegbare Hypothese für das Aussehen der ursprünglichen Portalfigur zu erstellen, um eine historisch korrekte Neugestaltung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine vergleichende kunsthistorische Analyse, bei der ikonographische Merkmale verschiedener zeitgenössischer Quellen (Siegel, Glasmalerei, Skulptur) synthetisiert werden, um auf die vermisste Portalfigur zurückzuschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Zeugnisse der Katharinen-Darstellung, untersucht die Rolle der Zünfte und Ritter im 13. und 14. Jahrhundert und erarbeitet konkrete Gestaltungsdetails für die Rekonstruktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Katharinenkirche Oppenheim, Ikonographie, Rekonstruktion, Steinmetzkunst, Buckler und Stiftssiegel charakterisiert.
Warum spielt das Stiftssiegel von 1338 eine so wichtige Rolle?
Der Autor argumentiert, dass dieses Siegel das detaillierteste und wahrscheinlichste Abbild der verlorenen Steinfigur des Portals darstellt, da es im Habitus und den Details am besten mit den anderen architektonischen Befunden übereinstimmt.
Welche Bedeutung kommt dem "Buckler" in der Ikonographie der Katharina zu?
Der Buckler dient als Erklärung für die veränderte Darstellung des Rades als scheibenartige Waffe, wodurch die Heilige in der mittelalterlichen Wahrnehmung zur wehrhaften Kämpferin oder ritterlichen Figur wird.
Welche Empfehlung gibt der Autor für eine Neugestaltung der Figur?
Der Autor plädiert für eine Figur aus rotem Sandstein, wobei Krone, Schwert und Rad vergoldet sein sollten, um sowohl der historischen Tradition als auch dem heutigen Kontext an der Fassade gerecht zu werden.
- Arbeit zitieren
- Holger Schinz-Sauerwein (Autor:in), 2021, Die vermisste Katharina. Kunstgeschichtliche Rekonstruktion der vermissten Figur der Katharina von Alexandrien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1160049