„Bononia docet!“

Die Sonderstellung Bolognas in der Universitätslandschaft des Mittelalters


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Allgemeine Begriffsbestimmungen

III. Die Verhältnisse in Paris und Oxford

IV. Die Sonderstellung der Universität Bologna
1. Allgemeines, innere Struktur
2. Äußere Faktoren
3. Die Rolle der Deutschen Nation

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Hört man gegenwärtig Neuigkeiten von der Universität Bologna, so verbindet man wohl unwillkürlich eher die oftmals als negativ bezeichneten Effekte des sog. Bologna-Prozesses damit, welche zwar nicht mehr nahezu täglich in den Medien thematisiert werden, aber im Universitätsalltag Deutschlands stetig präsent sind. Dabei geht es u.a. nicht nur um die gestiegene Zahl von Studienabbrechern, welche schon auf den „Bachelor“ oder „Master“ hin studiert hatten[1], sondern z.B. auch um Studenten des „alten“ Systems, welche sich aufgrund der Umstellung diskriminiert und vernachlässigt fühlen.[2] Das Gros der Historiker wird mit der Universität Bologna allerdings eher einige Schlagworte wie: älteste Universität Europas, Studentenuniversität oder Deutsche Nation assoziieren. Um die knappe Beleuchtung dieser Punkte soll es auch schwerpunktmäßig in der hier vorliegenden Arbeit gehen, wobei der Titel[3] später auch als These fungiert, d.h. durch einige Vergleiche zu den Universitäten Paris und Oxford soll im Schluss festgestellt werden können, ob und wenn ja inwieweit Bologna eine Sonderstellung genoss, aber auch geklärt werden, welche Mächte sich wie und mit welcher Intensität auf diese Universität konzentrierten. So wird sich Kapitel II mit der Bestimmung einiger zentraler Begriffe beschäftigen, was notwendig scheint, da man u.a. mit dem Begriff „Nation“ oder „Fakultät“ moderne Inhalte assoziiert. Weiterhin wird hier knapp der Entwicklungsprozess der Universität allgemein nachgezeichnet. Kapitel III umreist schließlich die Verhältnisse an den Universitäten von Paris und Oxford, wobei hauptsächlich auf die Probleme dieser frühen Universitäten eingegangen wird, um ein Bild zu erzeugen, welches ein Erkennen der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Bologna ermöglicht. In Kapitel IV soll es schließlich um die allgemeine Erklärung des universitären Systems in Bologna gehen, weiterhin aber auch um die Mächte, welche den Studienalltag von „innen“ und von „außen“ beeinflusst haben. Hat man nämlich diese Faktoren ausgemacht, so kann dies dabei Helfen, über eine besondere Wichtigkeit oder gar eine Sonderstellung zu entscheiden.

Die älteste Universität des sog. Abendlandes ist wohl jene zu Bologna (Gründungsdatum nicht genau bekannt, jedoch im späten 11. Jahrhundert).[4] Sie ging aus idiversen Vorläufern, privaten Schulen des Rechts und der Künste, hervor. Somit war sie der erste Anlaufpunkt junger Aristokraten, welche sich dort zielgerichtet Ausbilden ließen, oft auf Geheiß ihres Landesherrn, wobei die juristische Ausbildung den Schwerpunkt bildete. Weitere prominente Universitätsgründungen im heutigen Ausland waren u.a. Paris (um 1200), Prag (1348), Wien (1356) und Krakau (1364). Somit lag zwar die Mehrzahl dieser frühen Universitäten innerhalb der Grenzen des damaligen "Heiligen Römischen Reiches", jedoch bestand bekanntermaßen nicht nur eine hohe sprachliche, sondern ebenso eine bedeutende kulturelle Diversität innerhalb dieses Gebildes. Somit lag es nahe, dass sich an den Universitäten Studenten aus derselben Region zusammenfanden, wobei der Begriff "Region" sehr weit gefasst sein konnte. Die Ausbildung sog. "Nationes" ist bereits in den frühen Jahren der Universität zu Bologna ein Charakteristikum und auch bei späteren Universitätsgründungen wurden Nationen gebildet.[5]

Die Quellenlage für die Frühzeit der Universität Bologna ist als lückenhaft einzustufen, da es die "klassischen" Universitätsquellen, d.h. Matrikel und Promotionsregister in dieser Form nicht gegeben hatte. Somit muss man sich bei eingehender Forschung mit kommunalen Quellen oder spezifischen Dokumenten der Nationen (insbesondere der Deutschen) und Doktorenkollegien zufrieden geben, wobei eine Interpretation über die Aussagekraft schwierig ist.[6] Zudem nahmen gerade die an allen mittelalterlichen Universitäten vollständig ausgebildeten Artisten eine Schlüsselstellung im profanen Alltag des Hochmittelalters ein. Durch den Transport ihrer breit gefächerten, aber trotzdem stets individuellen Fähigkeiten in eine Gesellschaft, in der Bildung noch ein Monopol des Klerus war, trugen sie maßgeblich zur Entwicklung von Staat, Kultur und Technik bei, wobei die Entstehung einer systematischen Administration nur ein Beispiel ist. Ihre Kenntnisse flossen in alle Einrichtungen ein, in welchen Schriftlichkeit gefragt war: Behörden aller Ebenen, Kanzleien, Armeen, Kontore, Manufakturen, Universitäten und Schulen. Aufgrund dieses Dispersionsprozesses fällt es auch nicht leicht, die Gesamtheit des Wirkens der Artisten en detail zu erforschen, da hier neben der Universitäts- und Wissenschaftgeschichte auch die Sozial-, Kultur- und Rechtsgeschichte zusammenwirken muss. Beachtet man nun noch die Tatsache, dass man das Wirken der Artisten aufgrund diffuser Berufsmöglichkeiten (Artisten waren überall dort vertreten, wo man noch heute Geistes- und Sozialwissenschaftler antrifft) neben dem der spezialisierten Juristen, Theologen und Mediziner leicht übersehen kann, so muss erkennen werden, dass die Forschung noch viel Arbeit leisten muss.[7] Unter anderem aus diesem Grunde wurde im April 1995 in der Schweiz während einer Tagung von Wissenschaftlern die Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte (GUW) gegründet. Neben der Erforschung des in ihrem Namen enthaltenen Sachgebietes will dieser Zusammenschluss auch das "Auseinanderdriften" der Geistes- und Naturwissenschaften unterbinden und fördert und publiziert zahlreiche Projekt unter dem Schlüsselbegriff "Bildungsgeschichte".[8] Im speziellen Falle Bologna kann man aber trotz der problematischen Quellenlage eine gute Aufarbeitung konstatieren[9], wobei ein bedeutender Teil der Standardliteratur aus Italien stammt. Im deutschsprachigen Raum hatte die Forschung im frühen 20. Jahrhundert reges Interesse an der Studentengeschichte, welches allerdings stagnierte[10]. Erst die letzten Jahre brachten wieder einen Aufschwung, wobei als ein Standardwerk die „Geschichte der Universität“[11], welche von Walter Rüegg herausgegeben wurde, gilt. Weiterhin ist aber auch noch das „Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte“ zu nennen, welches jedoch im ersten Band „nur“ das 15. – 17. Jahrhundert abdeckt[12], aber allgemein als ein sehr gelungenes Überblickswerk bezeichnet werden kann.

II. Allgemeine Begriffsbestimmungen

Das aus dem Hochmittelalter entstammende Wort "universitas" umschrieb zunächst sämtliche Zusammenschlüsse korporativer Art, also auch geistliche Bruderschaften oder auch Zünfte. Präzisiert und ausgeweitet wurde der Begriff um das Jahr 1200 zu "universitas scholarium" oder "universitas magistrorum et scholarium", dann allerdings schon die zu "höheren" Bildungseinrichtungen evolvierten älteren Schulen in Bologna, Paris oder Oxford beschreibend.[13] Trotz zahlreicher Reibungspunkte machte das Modell "Universität" schnell im wahren Wortsinn Schule, denn bereits die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts waren geprägt von einigen Universitätsablegern von Bologna und Paris, welche sich dementsprechend mehr an dem einen oder anderen System orientierten, da die Gründer zunächst abgewanderte Magister waren, wie z.B. 1215 Arezzo oder 1222 in Padua.[14] Diese Institutionsakzeleration kann nur im Kontext der sich emanzipierenden oberitalienischen Städte gesehen werden, welche durch ihre zunehmende Selbstständigkeit einen erhöhten Bedarf an Akademikern, aber schwerpunktmäßig Juristen hatten. Allerdings entwickelten sich auch sog. Pflanzuniversitäten, d.h. Stiftungen von hohen Klerikern oder Adligen, wobei die berühmtesten wohl die Universität von Salamanca (1218/19 durch den König von Kastilien) und Neapel (1224 von Kaiser Friedrich II.) waren. Vor der eigentlichen Gründung stand in beiden Fällen ein herrschaftliches Stiftungsprivileg, welches erst später durch den Papst bestätigt wurde. Auch die Motive der weltlichen Herrscher waren ähnlich, in der Regel ging es um die Förderung der Juristen für den eigenen Verwaltungsbedarf. Die Universität Toulouse wurde dagegen 1229 vom örtlichen Grafen gegründet, um die Ketzerei neben dem Schwert auch mit der Missionsarbeit universitären Niveaus auslöschen zu können. Jedoch konnten diese und auch die weiteren Universitätsneugründungen während des gesamten Mittelalters nie oder nur zeitweise die Größe und Ausstattung der "Uruniversitäten", Bologna und Paris erreichen.[15] Einige Zentren des Schulwesens zogen im Hochmittelalter also in besonderem Maße Studenten an, was schlicht an deren Rarität zu jener Zeit lag. Die Nationen fungierten hierbei überall nicht nur als eine kulturelle „Ersatzheimat“[16], sondern auch als eine Art "Schutzbund", denn sie ermöglichten eine gemeinsame Interessenvertretung gegenüber der Universität als Institution, anderen Studenten und Nationen und nicht zuletzt der einheimischen, oft feindseligen Bevölkerung.[17] In Bologna existierten ursprünglich 17 Nationen, in Paris war diese Zahl später dann auf vier geschrumpft[18]. Die „nationes“ waren ähnlich einer Gilde organisiert und verfolgten primär zweierlei Aufgaben, zum Ersten die Interessenwahrung und Vertretung ausländischer Studenten und Professoren[19], zum Zweiten ermöglichten sie ihren Mitgliedern ein angemessenes soziales Milieu zum Leben und studieren und erfüllten eine Tutorenfunktion, gerade gegenüber den unerfahrenen Scholaren. Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts begann sich das sog. Vier-Nationen-Modell der Universität Paris gegen den in Bologna praktizierten „Modus Bononiensis“ durchzusetzen[20], was ebenfalls von den en gros zwischen 1348 bis 1425 und 1450 bis 1525 gegründeten Universitäten auf dem Boden des Deutschen Reiches adaptiert wurde. Das geographische Einzugsgebiet und davon abgeleitet der Name dieser "nationes" spiegelte vornehmlich den Partikularismus, welcher im Deutschen Reich an der Schwelle zur frühen Neuzeit herrschte und begünstigte ihn gewissermaßen sogar, da ein umfassender regionaler Synkretismus vorgebeugt wurde.[21]

[...]


[1] Siehe z.B.: Schmiedekampf, Katrin (14.02.): Höher, Schneller, Weiter. Überraschend viele Abbrecher im Bachelor-Studium. In: Spiegel Online/Uni Spiegel, Jg. 2008, 14.02. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,535262,00.html, zuletzt geprüft am 20.04.2008.

[2] Siehe z.B.: Kieselbach, Janne A.: Diskriminierung. Warum es Diplom- und Magisterstudenten seit der Umstellung auf den Bachelor so schwer haben. In: ZEIT Campus, Jg. 2008, 01. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/campus/2008/01/magister-vernachlaessigung, zuletzt geprüft am 20.04.2008.

[3] „Bononia docet“ ist ein „geflügeltes“ Wort des Mittelalters, welches oft in rechtlichen Angelegenheiten verwandt wurde, siehe hierzu Kapitel IV.I.

[4] In der Wissenschaft ist man sich noch uneinig, ob nun Bologna oder Paris die ältere Universität ist. Beide Städte deklarieren die erste europäische Einrichtung dieser Art für sich, obwohl die Quellenlage nicht eindeutig ist. Da Paris im Jahre 1268 allerdings erst relativ spät durch Papst Clemens IV. mit einer Bestätigungsbulle anerkannt wurde, folgt auch diese Arbeit der Mehrheit der wissenschaftlichen Meinungen und gibt Bologna das eingeschränkte „Vorrecht“.

[5] Biedermann, Edwin A.; Biedermann, E. Alexander (2004): Logen, Clubs und Bruderschaften. Düsseldorf: Droste, S. 186–187.

[6] Schmutz, Jürg (2000): Juristen für das Reich. Die deutschen Rechtsstudenten an der Universität Bologna 1265 - 1425. Basel: Schwabe (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 2), S. 20–21.

[7] Schwinges, Rainer Christoph (1999): Artisten und Philosophen. Wissenschafts- und Wirkungsgeschichte einer Fakultät vom 13. bis zum 19. Jahrhundert - eine Einführung. In: Schwinges, Rainer Christoph (Hg.): Artisten und Philosophen. Wissenschafts- und Wirkungsgeschichte einer Fakultät vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Basel: Schwabe (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 1), S. 1–6.

[8] Schwinges, Rainer Christoph (Hg.) (1999): Artisten und Philosophen. Wissenschafts- und Wirkungsgeschichte einer Fakultät vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Basel: Schwabe (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte), S. 1–2, S. IX–XI.

[9] Schmutz 2000, S. 39.

[10] Dies mag an der Tatsache liegen, dass viele Akademiker aus Studentenverbindungen einen Schwerpunkt auf der Erforschung des Alltags an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Universitäten, quasi als Teil der Vergangenheitsforschung, gelegt hatten. Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen dürfte auch die Forschungsintensität zurückgegangen sein.

[11] Rüegg, Walter (Hg.) (1993): Geschichte der Universität in Europa. München: Beck.

[12] Hammerstein, Notker; Buck, August; Berg, Christa (Hg.) (1996): 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe. München: Beck (Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte / hrsg. von Christa Berg …, Bd. 1).

11 Sarnowsky, Jürgen (1999): Korporationen und Konflikte. Universität und Stadt in der Perspektive ihrer mittelalterlichen Entwicklung. In: Forschung & Lehre, H. 9, S. 461.

[14] Weber, Wolfgang E. J. (2002): Geschichte der europäischen Universität. Stuttgart: Kohlhammer (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher, 476), S. 21–22.

[15] Weber 2002, S. 22

[16] Mit Kultur ist hier ein ganzes Bündel regionaler Sitten und Gebräuche gemeint, schwerpunktmäßig allerdings die religiös-kultische Beheimatung der Scholaren.

[17] Bautier, Robert-Henri (Hg.) (1993): Lukasbilder bis Plantagenêt. München: Artemis & Winkler Verl. (Lexikon des Mittelalters / /Hrsg. u. Berater, 6), S. 1038.

[18] Müller, Rainer A. (1998): Landsmannschaften und studentische Orden an deutschen Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Brandt, Harm-Hinrich; Stickler, Matthias (Hg.): "Der Burschen Herrlichkeit". Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens. Würzburg: Studentengeschichtl. Vereinigung d. Coburger Convents (Historica academica, Bd. 36), S. 13–34, S. 15

[19] Die Professoren waren in Bologna nicht in die Nationen integriert, siehe Kapitel IV.1.

[20] Siehe hierzu Kapitel IV.1.

[21] Müller, S. 15–16.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
„Bononia docet!“
Untertitel
Die Sonderstellung Bolognas in der Universitätslandschaft des Mittelalters
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Netzwerke im Mittelalter
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V116008
ISBN (eBook)
9783640175154
ISBN (Buch)
9783640179602
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerke, Mittelalter
Arbeit zitieren
Christian Hauck (Autor:in), 2008, „Bononia docet!“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116008

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