Isaac Bashevis Singers autobiographische Skizze "Ein Tag in Coney Island"


Essay, 2006
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

„Wer braucht schon Jiddisch in Amerika?“[1] fragt sich der junge Schriftsteller in Isaac Bashevis Singers (1904-1991) Erzählung „Ein Tag in Coney Island“. Eine verblüffende Frage aus der Feder des Autors, der einen Nobelpreis für Literatur (1978) erhielt, gerade weil er unter anderem Jiddisch in Amerika sprach und schrieb.

Der 1904 im polnischen Leoncin[2] geborene Sohn eines Rabbis emigrierte im Frühling 1935 in die Vereinigten Staaten von Amerika. Als Mitarbeiter des „Jewish Daily Forward“ (Forverts) veröffentlichte er ein Großteil seines Werkes in Form von Kurzgeschichten, Kolumnen und Fortsetzungsromanen. Seinen guten Ruf brachte er aber schon aus der polnischen Heimat mit, in der er kurz vor der Emigration seinen ersten Roman „Satan in Goraj“ veröffentlichte. Mit Saul Bellows englischer Übersetzung seiner Kurzgeschichte „Gimpel der Narr“ (erschienen 1953) gewann Singer auch internationale Anerkennung.[3]

Miriam Weinstein beschreibt Singer als einen „Schriftsteller, der nie resignierte, sich niemals anpasste.“[4] Damit stellte er für die nachfolgenden Generationen der jüdischen Immigranten, die des Jiddischen nicht mehr mächtig waren, „eine Art kindischen seyde, als Großvater, als sorgsam gehegtes Bindeglied zu einer verlorenen Welt“[5] dar. In dieser verlorenen Welt, im beschaulichen polnischen Schtetl beginnt die Reise von Singers literarischem Schaffen. Sie endet im Westen, in der Millionenmetropole New York. Es scheint, als wäre die ländliche Idylle auf der verzweifelten Flucht vor dem Holocaust in den Lärm einer nie schlafenden Großstadt geworfen worden. Singer jedoch hat ein Stück der Ruhe des Schtetls in seinen Geschichten bewahrt und damit ein resistentes Erbe für die jiddische Literatur hinterlassen. Nicht die Schtetlgeschichten sollen hier aber im Vordergrund stehen.

Dieser Essay soll vielmehr eine Momentaufnahme des Beginns eines Lebens im Exil darstellen. „Ein Tag in Coney Island“ (1973) wird hier als autobiographische Skizze Singers verstanden.

Die Frage, ob die Immigration sein Schreiben (in jiddischer Sprache) verändert hat oder nicht, kann hier nicht wirklich gründlich erörtert werden. Dennoch thematisiert die vorliegende Kurzgeschichte, in meinen Augen, einen erwähnenswerten Wendepunkt in Singers Arbeit und Leben, der sich in einem weiteren Werk noch deutlicher heraus kristallisiert.

In dem autobiographischen Roman „Lost in America“ („Love and Exile“), der 1976 in jiddischer und englischer Sprache erschien, beschreibt Singer seine erste Zeit in New York, die geprägt ist von den Schwierigkeiten sich in die neue Welt einzuleben.

In dieser so genannten „spiritual autobiography“ („Love and Exile“), die er auch als „fiction against a background of truth“ bezeichnete, hält er sich nicht immer an die Fakten.

„Nonetheless, he did not falsify the essentials of his emotional existence at the time: his terrible depression, his anxiety about setting himself up yet again- in a country whose very essence was alien to him- and his disturbing conflicts with Israel Joshua.“[6]

Sein Bruder Israel Joshua war für ihn ein vaterähnliches Vorbild gewesen und neben seiner Mutter Bathsheva, nach der er sich den Zweitnamen Bashevis gab, eine zentrale Figur in seinem Leben. Isaacs gesamtes Schaffen war durch seinen Bruder inspiriert worden. Israel Joshua wurde Schriftsteller, so auch Isaac Bashevis. Israel Joshua ging nach Amerika und arbeite beim „Jewish Daily Forward“. Nun war ihm auch Isaac Bashevis, auf seine Einladung hin, gefolgt.

In „Ein Tag in Coney Island“ geht Isaac aber seiner eigenen Wege. Der Geschwisterkonflikt wird nicht thematisiert. Stattdessen schlendert der Leser gedankenvoll mit Isaac durch die neue Heimat, entdeckt Fremdes und Vertrautes und wundert sich.

Im New Yorker Exil begegnet er zwar noch der vertrauten Jüdischkeit, die in ihrem Mikrokosmos weiterlebt, doch ist die Veränderung, die die Assimilation der Immigranten mit sich bringt, nicht zu übersehen:

„Hier war das Klima anders und so auch der Lebensstil- das Essen, die Kleidung und das Verhalten der Menschen zueinander. Nur die jiddischen Schriftsteller blieben so, wie sie in der alten Heimat gewesen waren, aber ihre Kinder sprachen alle Englisch und waren richtiggehende Amerikaner (…)

Wir aßen bei unserem Hauswirt und seiner Familie. Obwohl er der Bruder eines bekannten Kritikers und glühenden Jiddischisten war, sprachen seine Kinder schon kein Jiddisch mehr. Sie saßen schweigend da.“[7]

Singer las zwar schon als Kind ein bisschen Deutsch, lernte ein wenig Polnisch und später dann Englisch. Doch seine mame-loschn blieb sein Heiligtum und die einzige Sprache, die er fließend sprach: „Jiddisch beinhaltet Vitamine, die andere Sprachen nicht haben.“[8]

[...]


[1] Isaac Bashevis Singer: Geschichten aus New York. Ein Tag in Coney Island; Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, 1981, S. 22

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Bashevis_Singer

[3] Ebd.

[4] Weinstein, Miriam: Jiddisch. Eine Sprache reist um die Welt; Berlin, Kindler Verlag, 2003, S. 259

[5] Ebd., S. 260

[6] Hadda, Janet: Isaac Bashevis Singer- A life, New York, Oxford University Press, 1997, S. 79

[7] Isaac Bashevis Singer: „Lost in America“ aus Weinstein, Miriam: Jiddisch. Eine Sprache reist um die Welt; Berlin, Kindler Verlag, 2003, S. 180/1

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Bashevis_Singer

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Isaac Bashevis Singers autobiographische Skizze "Ein Tag in Coney Island"
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Jiddische Literaturgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
9
Katalognummer
V116029
ISBN (eBook)
9783640175925
ISBN (Buch)
9783640176045
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literatur wird vollständig in den Fußnoten zitiert.
Schlagworte
Isaac, Bashevis, Singers, Skizze, Coney, Island, Jiddische, Literaturgeschichte
Arbeit zitieren
Nora Gielke (Autor), 2006, Isaac Bashevis Singers autobiographische Skizze "Ein Tag in Coney Island", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116029

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