Karl Poppers „die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ war bereits zu seinen Lebezeiten ein Klassiker und gilt heute als politisch-philosophisches Standardwerk. Sein Entschluss, dieses Buch zu schreiben, fiel am 13. März 1938: dem Tag, an dem Hitlers Truppen in Poppers Heimatland Österreich einmarschierten. Popper befand sich damals in Neuseeland, wo er eine Dozentur angenommen hatte. Er selbst sagte über das Entstehen der „offenen Gesellschaft“, dass er einen Beitrag zum Krieg leisten wollte, die Freiheit verteidigen und außerdem „eine Verteidigung gegen totalitäre und autoritäre Ideen und als eine Warnung vor den Gefahren des historizistischen
Aberglaubens“ schaffen wollte.
Popper beendete die erste Niederschrift 1942, welche zunächst von
verschiedenen Verlagen abgelehnt wurde, dann aber in London während Hitlers Angriff durch seine so genannten „Vergeltungswaffen“ in Druck ging. Die erste Auflage erschien 1945, als der Krieg in Europa sein Ende fand. Popper begibt sich in diesem Werk auf eine Art „Spurensuche“ in der Geschichte: von Hitler zurück zu Platon, den er als ersten großen politischen Ideologen (Klassen- und Rassendenken) ansieht; von Stalin zurück zu Karl Marx (Kritik an Marx auch als Eigenkritik, da Popper in seiner Jugend selbst Marxist gewesen war). Die Tendenz seines Buches ist klar gefasst: gegen Hitler (anti-Nazismus) und gegen Stalin .
Der erste Band, „der Zauber Platons“, beinhaltet Poppers Kritik an Platon, besonders an der platonischen Staatsphilosophie und der Theorie der Formen und Ideen, kurz genannt die Ideenlehre. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass er nicht die gesamte platonische Philosophie behandelt, sondern lediglich Platons Historizismus und seinen „besten Staat“. Popper ist der Ansicht, dass der
Historizismus nicht nur unzulänglich, sondern sogar schädlich sei. Es ist vornehmlich die totalitäre Tendenz in Platons politischer Philosophie, die Popper kritisiert. Es enthält die wichtigsten Aspekte der Popperschen Utopiekritik und seiner Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Typen des politischen Totalitarismus. Er untersucht die gegensätzlichen Richtungen der „offenen Gesellschaft“, die er mit der abendländischen Demokratie definiert und der „geschlossenen Gesellschaft“, die er wegen ihres Kollektivismus und der staatlichen Alleinherrschaft ablehnt. Für Popper führt eine Art „roter Faden“ von Platon zu Hitler und Stalin. Für Popper steht Platon in einem feindlichen Gegensatz zur offenen Gesellschaft der Demokratie.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Platons Lehre
2.1. Platons Zeitalter und Ursprünge seiner Philosophie
2.2. Platons politisches Ziel und seine Ideenlehre
2.3. Platonische Soziologie und die Demokratie bei Platon
2.4. Utopisches Programm oder Vergangenheit?
2.5. Platons „bester Staat“ und seine Ansichten über die herrschende Klasse
III. Poppers Kritik an Platons Totalitarismus
3.1. Der Totalitarismus in Platons politischem Programm
3.2. Die totalitäre Gerechtigkeit
3.3. Die Gefahr des platonischen Utopismus
3.4. Offene und geschlossene Gesellschaft
3.5. Der „Zauber Platons“
IV. Vom Ende der Utopie bei Joachim Fest
4.1. Joachim Fest und die Utopien
4.2. Entwicklungsgeschichte der Utopien
4.3. Utopie des Nationalsozialismus und des Sozialismus
4.4. Scheitern der Utopien
4.5. Das Ende der Utopien
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung Karl R. Poppers mit den totalitären Aspekten der platonischen Staatsphilosophie und kontrastiert diese mit der Analyse Joachim Fests zum Scheitern utopischer Gesellschaftsentwürfe im 20. Jahrhundert. Ziel ist es, die philosophischen Gefahren des Utopismus aufzuzeigen und die Notwendigkeit einer offenen, demokratischen Gesellschaftsform zu begründen.
- Kritik des Historizismus und Totalitarismus bei Platon.
- Gegenüberstellung von utopischer Sozialtechnik und der Methode der kleinen Schritte.
- Die historische Entwicklung und das Scheitern von Utopien im 20. Jahrhundert.
- Analyse des Zusammenbruchs von Nationalsozialismus und Sozialismus als Ende des utopischen Zeitalters.
- Verteidigung der offenen Gesellschaft gegenüber geschlossenen, kollektivistischen Systemen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Die Gefahr des platonischen Utopismus
Popper erachtet an Platons Programm die utopische Technik für „höchst gefährlich“12. Er nennt sie die „utopische Sozialtechnik“ oder auch „die utopische Technik des Umbaus der Gesellschaftsordnung“. Er stellt dieser Technik die für ihn einzig rationale, die „Sozialtechnik der kleinen Schritte“, also eine Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung, entgegen. Während Platons utopische Sozialtechnik eine Technik der Ganzheitplanung darstellt, ist das für Popper methodologisch einwandfreie Gegenstück eher beschreibbar als eine Sozialtechnik von Einzelproblemen.
In der utopischen Sozialtechnik ist die Formulierung eines Ziels die erste Aufgabe zu rationalem Handeln. Jede rationale Handlung hat also ein festgesetztes Ziel, welches bewusst und konsequent verfolgt wird. Auf politische Ebene gebracht bedeutet dies, dass man das endgültige politische Ziel (bei Platon also der ideale Staat) festlegen muss, bevor irgendeine praktische Handlung vollzogen wird. Die Sozialtechnik der kleinen Schritte besagt, dass man keinen fertigen „Plan“ von der angestrebten Gesellschaftsordnung besitzt, sondern höchstens einen groben Umriss, eine „Skizze“. Im Mittelpunkt steht die Verwirklichung, dringliche Übel in der Gesellschaft zu erkennen und zu versuchen, sie Schritt für Schritt zu beseitigen. Es geht nicht um die Verwirklichung des höchsten Ideals und dass jegliche Handlungen nur damit legitimiert sind, dass sie „Mittel zum Zweck“ sind. Diese Methode ist immer anwendbar, während die utopische Sozialtechnik dazu neigt, Handlungen ständig hinauszuzögern bis günstigere Bedingungen geschaffen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk Karl Poppers ein und erläutert dessen Entstehungskontext als Verteidigung gegen totalitäre Ideologien.
II. Platons Lehre: Dieses Kapitel analysiert Platons Philosophie, insbesondere seine Ideenlehre und sein Konzept eines statischen, idealen Staates.
III. Poppers Kritik an Platons Totalitarismus: Hier wird Poppers fundamentale Kritik an der totalitären Tendenz in Platons Staatsentwurf und der Gefahr des utopischen Denkens detailliert dargelegt.
IV. Vom Ende der Utopie bei Joachim Fest: Dieses Kapitel befasst sich mit Joachim Fests Sicht auf das Scheitern großer Utopien im 20. Jahrhundert und plädiert für einen aufgeklärten Pragmatismus.
Schlüsselwörter
Karl Popper, Platon, Totalitarismus, Utopie, Joachim Fest, Offene Gesellschaft, Historizismus, Sozialtechnik, Demokratie, Sozialismus, Nationalsozialismus, Gerechtigkeit, Kritischer Rationalismus, Politischer Umbruch, Gesellschaftsordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische Kritik Karl R. Poppers an Platons Staatslehre und setzt diese in Bezug zu Joachim Fests Analysen über das Scheitern politischer Utopien im 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Gegensatz zwischen offener und geschlossener Gesellschaft, die Gefahr totalitärer Systeme und die Bewertung von utopischen Wunschvorstellungen in der Politik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum utopische, auf totaler Umgestaltung basierende Entwürfe zwangsläufig zu Gewalt und Unterdrückung führen, und den Vorzug einer schrittweisen, demokratischen Reformpolitik hervorzuheben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven und vergleichenden Textanalyse der politischen Schriften von Karl Popper und Joachim Fest.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Platons Lehren analysiert, Poppers Kritik am platonischen Totalitarismus erörtert und abschließend Fests Thesen über das Ende des utopischen Zeitalters durch den Zusammenbruch des Ostblocks diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Popper, Platon, Totalitarismus, Utopiekritik, offene Gesellschaft, Historizismus und politischer Pragmatismus.
Warum hält Popper die utopische Sozialtechnik für gefährlich?
Popper warnt, dass die utopische Sozialtechnik durch ihren Anspruch auf eine totale Gesellschaftsveränderung keine Fehlerkorrektur zulässt, zur Diktatur führt und das Individuum dem abstrakten Ziel unterordnet.
Warum sieht Joachim Fest Utopien als „verbraucht“ an?
Fest argumentiert, dass die katastrophalen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – insbesondere der Faschismus und der reale Sozialismus – bewiesen haben, dass politische Utopien in der Praxis unweigerlich zu Terror und Unmenschlichkeit führen.
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- M.A. Christine So-Young Um (Author), 2004, Karl R. Poppers Kritik am platonischen Totalitarismus und das Ende der Utopie bei Joachim Fest, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116044