Psychologische Analyse und Physiognomik in Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre"


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Psychologische Analyse
a. Sozial-psychologische Intention
b. Psychologische Darstellung Christian Wolfs
2. Physiognomik im Verbrecher aus verlorener Ehre
a. Die Räuber-Darstellung
b. Physiognomie von Christian Wolf
c. Schillers Haltung zur Physiognomik

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Zeitalter der Aufklärung beschäftigten sich mehrere literarische Werke mit dem Themengebiet des Verbrechens. Während in den Jahrzehnten zuvor die Taten genauestens beschrieben wurden, stand in der Aufklärung der Verbrecher selbst im Mittelpunkt. Das Interesse galt nicht mehr dem Verbrechen und dessen Wirkungen, sondern den Motiven und der Psyche des Verbrechers. Es galt durch eine differenziertere Betrachtungsweise zu erforschen, was einen Menschen dazu bringt ein Verbrechen zu begehen. Damals entstand eine Vielzahl an psychologischen Untersuchungen, die ganz der Ansicht von Karl Philipp Moritz entsprechen, dass „der wahre Gegenstand der menschlichen Erkenntnis und insbesondere der Philosophie der Mensch sei“.

Viele der in der Literatur dargestellten Verbrechen beruhen auf wahren Begebenheiten. So auch die 1786 publizierte Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre von Friedrich Schiller. Anfangs wurde die Erzählung anonym unter dem Titel Verbrecher aus Infamie, eine wahre Geschichte in der Thalia veröffentlicht, später unter Schillers Namen als Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte. in den Kleineren prosaischen Schriften (I. Teil). Der Erzählung liegt die Lebensgeschichte des Sonnenwirts Friedrich Schwan aus Ebersbach in Württemberg zugrunde, der von 1729 bis zu seiner Hinrichtung 1760 lebte. Schillers Interesse an der Begebenheit galt hauptsächlich dem seelischen Niedergang Friedrich Schwans, sowie den gesellschaftlichen und psychologischen Gesichtspunkten.

In dieser Hausarbeit ist es nun mein Ziel zu zeigen, wie Friedrich Schiller den Verbrecher in der Erzählung darstellt um seine sozial-psychologische Intention zu verwirklichen. Außerdem will ich Schillers Haltung zu der damals sehr populären Physiognomik herausarbeiten, die er in seiner Erzählung deutlich macht.

II. Hauptteil

1. Psychologische Analyse

Die Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre ist eine psychologisch moralische Erzählung und zeigt „den Streit eines von Trieben und Wünschen zerrissenen, leidenschaftlichen, sinnlichen Charakters und zugleich das komplexe Zusammenspiel von Physis und Psyche“[1] . Es soll durch die Erzählung eine sozial-psychologische Wirkung beim Leser erzielt werden.

a. Sozial-psychologische Intention

Die Absicht, die mit dem Werk verfolgt wird, ist bereits zu Beginn der Erzählung ersichtlich. Schiller stellt seiner Erzählung eine längere Vorbetrachtung voran, in der er seinen perspektivischen Standpunkt verdeutlicht und eine theoretische Reflexion anstellt. Außerdem wird in dieser Vorbetrachtung deutlich wie Schiller zur Anthropologie und zum damaligen Strafrecht steht. Die Vorbetrachtung dient ebenso als „Legitimation seines innovativen ästhetischen Verfahrens“[2] und als „explizite Vorgabe aufklärerischen Wirkungsmomente der Geschichte“.[3] Neben der Reflexion seiner Intention geht Schiller auch darauf ein, wie er die Geschichte behandeln will, um seine Intention zu verwirklichen. Ich werde zunächst auf Schillers Absicht eingehen und anschließend sein Vorhaben bezüglich der Erzählmethode behandeln.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sich Schiller in dieser Erzählung mit der Anthropologie auseinander setzten möchte. Er verweist darauf, dass ‚nichts in der Geschichte der Menschen unterrichtender ist als die Annalen seiner Verirrungen‘[4] und spricht von Seelenlehre. Seine Intention ist es, das Bewusstsein im Menschen zu wecken, dass auch Verbrecher Menschen sind. Eine Belehrung mit Beziehung auf das eigene Selbst soll erreicht werden, die zur moralischen Besserung führt und die vorlaute Verurteilung ablöst. Schiller will die Aufmerksamkeit der Menschen auf die psychischen und moralischen Erscheinungen lenken und will deutlich machen, dass die ‚unveränderliche Struktur der menschlichen Seele durch die veränderlichen Bedingungen von außen bestimmt wird‘ (S.7). In diesem Punkt klingt auch eine Anklage gegen die Gesellschaftsordnung an, die aber sicher nicht im Vordergrund steht. Vielmehr will Friedrich Schiller wohl zeigen, dass

„eine und eben dieselbe Fertigkeit oder Begierde in tausenderlei Formen und Richtungen spielen [kann], tausend widersprechende Phänomene bewirken [kann], in tausend Charakteren anders gemischt erscheinen [kann], und tausend ungleiche Charaktere und Handlungen wieder aus einerlei Neigung gesponnen sein [können]“ (S.5)

und dass „Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege“ (S.8) beisammen sind. Es gibt demnach ‚zwischen Durchschnittsmenschen und Verbrechern nur einen graduellen Unterschied im Hinblick auf den Trieb und die Richtung der Leidenschaft‘[5], denn auch Verbrecher haben die ‚Kraft zur sittlichen Existenz‘.[6] Die Psyche des Verbrechers steht für Schiller deutlich im Mittelpunkt und die Erzählung soll im Großen und Ganzen „ein Beitrag zu den Annalen der menschlichen Verirrungen“[7] und zur Seelenkunde sein.

Die Methode eine Belehrung mit Bezug auf das eigene Selbst des Lesers zu verfassen wird in der Vorbetrachtung erläutert. Schiller will „heilsamen Schrecken“ (S.6) verbreiten, der den Leser moralisch bessert, sieht aber die bisherige Geschichtsdarstellung als nicht geeignet an.

„Es bleibt eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser, die alle Möglichkeiten einer Vergleichung oder Anwendung abscheidet und statt jenes heilsamen Schreckens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfschütteln der Befremdung erweckt.“(S.6)

Laut Schiller muss diese Lücke durch die Erzählung verkleinert werden um zu verhindern, dass der Leser „den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an[sieht]“ (S.6). Nur wenn der Leser ein „dunkles Bewusstsein ähnlicher Gefahr“ (S.6) hat, rührt ihn das Schicksal des Verbrechers. Ein solches Bewusstsein kann auf zwei verschiedene Arten erzeugt werden. „Entweder der Leser muss warm werden wie der Held, oder der Held wie der Leser erkalten“ (S.6). Schiller wählte die zweite Methode um nicht die „republikanische Freiheit des lesenden Publikums“ (S.7) einzuschränken. Er will vielmehr, dass die Leser selbst beurteilen und schließlich zur ‚eigentlichen Gerichtsinstanz‘[8] werden. Um dies zu erreichen verzichtet er auf den „hinreißenden Vortrag“ (S.7) und versucht den Leser mit dem Held bekannt zu machen. „Wir müssen ihn seine Handlungen nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen“ (S.7) und deshalb werden nicht die Taten dargestellt, sondern die Motive, die dahinter stehen. Die Darstellung ist eher ‚kalt‘ und der Erzähler beschreibt die ‚geschichtlich wahre Entwicklung von den Motiven zu den Taten‘.[9] Der auktoriale Erzähler erscheint laut Borcherdt als „Anwalt, der hinter seinem Angeklagten steht und ihn zu verteidigen sucht“.[10] Er stellt die ‚Spannung von Schuld und Gerechtigkeit, von Laster und Tugend‘[11] dar und holt nach Benno von Wiese das ‚gemeinsame Menschliche aus dem abwegigsten, extremsten individuellen Einzelbild heraus‘.[12] Außerdem nimmt Schiller in seiner Vorbetrachtung den ‚äußeren Abschluss des Verbrecher-Lebens, die Hinrichtung‘[13] vorweg, da sie keine Rolle in Bezug auf die „Stufen Abstieg-Umkehr-Läuterung und deren psychische Voraussetzungen“[14] hat. Er stellt aber trotz allem in Frage

„ob der Verbrecher […], auch noch ein Recht gehabt hätte, an jenen Geist der Duldung zu appellieren? Ob er wirklich ohne Rettung für den Körper des Staats verloren war? […] Unsere Gelindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er starb durch des Henkers Hand- aber die Leichenöffnung seines Lasters unterrichtet vielleicht die Menschheit und- es ist möglich, auch die Gerechtigkeit.“ (S.8)

Dabei wird nach Meinung von Roswitha Jacobsen deutlich, dass im Reflexionsteil die zeitkritische, aufklärerische Intention im Mittelpunkt steht, obwohl sie in der Erzählung nur eine sekundäre Rolle spielt. Mit der Erzählung als Ganzes aber soll die moralische Besserung erreicht werden. Schiller hofft dies durch seine Erzählmethode zu erreichen. Sie hat

„den Vorzug, weil sie den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte aufrecht stehende Tugend auf die gefallene herunterblickt; weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet“ (S.8).

b. Psychologische Darstellung Christian Wolfs

Friedrich Schiller macht seine Intention hauptsächlich an der Person des Sonnenwirts deutlich. Durch die psychologische Charakterzeichnung kann der Leser die Motivation Christian Wolfs nachvollziehen und seine Entwicklung verstehen. Außerdem wird deutlich welche Einflussfaktoren auf Wolf eingewirkt haben.

Bei den Einflussfaktoren lässt sich zwischen äußeren Faktoren, den Umständen und den inneren Faktoren, die in der Seele bedingt sind, unterscheiden. Schiller legt zwar großen Wert darauf zu verdeutlichen, dass Umstände einen Menschen beeinflussen, es ist jedoch keineswegs so als würde er den Menschen als vollkommen unschuldig ansehen. Er stellt deshalb auch innere Faktoren dar, die zeigen in wie weit Wolf selbst für sein Handeln verantwortlich ist.

Zunächst werden die äußeren Bedingungen erläutert. Schiller stellt Christian Wolf als einen Jungen mit einer schweren Kindheit dar, der wegen seinem Aussehen gehänselt oder gemieden wird, dem aufgrund des Todes seines Vaters eine strenge Erziehung fehlt und der viel arbeiten muss, da die Wirtschaft der Mutter schlecht läuft. Er ist als ‚loser Bube‘ (S.8) bekannt und ‚erwachsene Mädchen klagen über seine Frechheit‘ (S.8). Wolf kommt aus ärmlichen Verhältnissen und ist ein Außenseiter. Dies ist wohl der größte Faktor, der auf ihn einwirkt. Kaiser hat dies mit folgender Aussage verdeutlicht: „Jeder Schritt seines Abstiegs entspringt aus einem misslungenen Versuch, Gemeinschaft zu finden“[15]. Der Sonnenwirt kämpft um Anerkennung und Ehre, doch sein Wunsch nach Integration in die Gemeinschaft bleibt unerfüllt. „Das Unverständnis, die Intoleranz und die Unbarmherzigkeit der Gesellschaft“[16] verhindern seine Integration und die Erfüllung seines Wunsches. „Er wollte ertrotzen, was ihm verweigert war; weil er missfiel, setze er sich vor zu gefallen. Er war sinnlich und beredete sich, dass er liebe“ (S.9). Doch auch sein Wunsch nach Zuneigung wird nicht erfüllt, da ihn „das Mädchen, das er wählte, misshandelte“ (S.9).

Christian Wolf versucht ‚ihr Herz durch Geschenke zu öffnen‘ (S.9) und da er arm ist beginnt er „honett zu stehlen“ (S.9). Die darauf folgende Geldstrafe, die er mit seinem ganzen Vermögen bezahlt, lässt seine Not noch wachsen und der Hunger motiviert ihn zu weiteren Delikten. Durch einen zweiten Verrat seines Nebenbuhlers bekommt Wolf „die ganze Schärfe des Gesetztes“ (S.10) zu spüren. Das Strafjahr beeinflusst ihn dahingehend, dass „seine Leidenschaft durch die Entfernung gewachsen und sein Trotz unter dem Gewicht des Unglücks gestiegen“ (S. 10) ist. Zu seinem dritten Delikt treibt ihn wiederrum die Gesellschaft, die ihm ausweicht und ihm Arbeit verweigert. Erneut wird er sehr hart bestraft und muss in Festungshaft, womit man ihm seine Ehre schließlich ganz raubt. Hier klagt der Erzähler das Rechtswesen an und sagt, „die Richter sahen in das Buch der Gesetze, aber nicht einer in die Gemütsverfassung des Beklagten“ (S.11).Während seiner Haft bessert Christian Wolf sich nicht, sondern passt sich seinen Mithäftlingen an, da er Verbindung mit anderen Menschen braucht. Er wurde zuvor von den anderen Häftlingen verhöhnt, musste harte Arbeit leisten und war krank. „Ich betrat die Festung als ein Verirrter und verließ sie als ein Lotterbube.“ (S.11) ist eine Aussage des Sonnenwirts, die das Strafrecht angreift. Wolfs Assoziationsbedürfnis wendet sich durch die Haft ins Gegenteil und er will Rache und Kriminalität.

„Ich wollte Böses tun, soviel erinnere ich mich noch dunkel. Ich wollte mein Schicksal verdienen. Die Gesetze, meinte ich, seien Wohltaten für die Welt, also fasste ich den Vorsatz, sie zu verletzen; ehemals hatte ich aus Notwendigkeit und Leichtsinn gesündigt, jetzt tat ich`s aus freier Wahl zu meinem Vergnügen“ (S.15).

[...]


[1] Gonthier-Louis Fink, „Die Rätselhaftigkeit des Menschen in Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre und Geisterseher“, in: Evidenza e ambiguità della fisionomia umana. Studi sul XVIII e XIX Secolo. A cura e con introduzione di Elena Agazzi e Manfred Beller, Viareggio: Baroni 1998, S.115-138, hier S.119.

[2] R. Jacobsen, „Die Entscheidung zur Sittlichkeit“, in: W. Freund, Deutsche Novellen von der Klassik bis zur Gegenwart, München,1993, S.15-25, hier S.20.

[3] Ebd., S.20.

[4] Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre und andere Erzählungen, Stuttgart, Reclam 1999, S.5. Weitere Zitate aus der Erzählung mit Seitenangaben in Klammern im Text.

[5] H. H. Borcherdt, Einführung“, in: H. H. Borcherdt, Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd.16, Erzählungen, Weimar 1954, S.372-380, hier S.373.

[6] B. v. Wiese, „Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, in: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka, Interpretationen I, Düsseldorf 1956, S.33-46, hier S.37.

[7] Vgl. Borcherdt, „Einführung“, S.373.

[8] E. Marsch, „Friedrich Schillers ››Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹‹“, in: E. Marsch, Die Kriminalerzählung, München 1972, S.105-121, hier: S.140.

[9] Vgl. Marsch, „Friedrich Schillers ››Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹‹“, S.139.

[10] Vgl. Borcherdt, „Einführung“, S.374.

[11] Gestützt durch Wiese, „Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, S.37.

[12] Ebd., S.35.

[13] Vgl. Jacobsen, „Die Entscheidung zur Sittlichkeit“, S.20.

[14] Ebd., S.20.

[15] G. Kaiser, „Der Held in den Novellen ››Eine großmütige Handlung‹‹ und ››Der Verbrecher aus verlorener Ehre‹‹“, in: G. Kaiser, Arkadien und Elysium. Schiller-Studien, Göttingen 1978, S.45-58, hier S.53.

[16] Gestützt durch Jacobsen, „Die Entscheidung zur Sittlichkeit“, S.21.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Psychologische Analyse und Physiognomik in Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V116054
ISBN (eBook)
9783640180066
ISBN (Buch)
9783640180110
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologische, Analyse, Physiognomik, Schillers, Verbrecher, Ehre
Arbeit zitieren
Ilona Späth (Autor), 2008, Psychologische Analyse und Physiognomik in Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116054

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