Im Zeitalter der Aufklärung beschäftigten sich mehrere literarische Werke mit dem
Themengebiet des Verbrechens. Während in den Jahrzehnten zuvor die Taten genauestens
beschrieben wurden, stand in der Aufklärung der Verbrecher selbst im Mittelpunkt. Das
Interesse galt nicht mehr dem Verbrechen und dessen Wirkungen, sondern den Motiven und
der Psyche des Verbrechers. Es galt durch eine differenziertere Betrachtungsweise zu
erforschen, was einen Menschen dazu bringt ein Verbrechen zu begehen. Damals entstand
eine Vielzahl an psychologischen Untersuchungen, die ganz der Ansicht von Karl Philipp
Moritz entsprechen, dass „der wahre Gegenstand der menschlichen Erkenntnis und
insbesondere der Philosophie der Mensch sei“.
Viele der in der Literatur dargestellten Verbrechen beruhen auf wahren Begebenheiten. So
auch die 1786 publizierte Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre von Friedrich
Schiller. Anfangs wurde die Erzählung anonym unter dem Titel Verbrecher aus Infamie, eine
wahre Geschichte in der Thalia veröffentlicht, später unter Schillers Namen als Der
Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte. in den Kleineren prosaischen
Schriften (I. Teil). Der Erzählung liegt die Lebensgeschichte des Sonnenwirts Friedrich
Schwan aus Ebersbach in Württemberg zugrunde, der von 1729 bis zu seiner Hinrichtung
1760 lebte. Schillers Interesse an der Begebenheit galt hauptsächlich dem seelischen
Niedergang Friedrich Schwans, sowie den gesellschaftlichen und psychologischen
Gesichtspunkten.
In dieser Hausarbeit ist es nun mein Ziel zu zeigen, wie Friedrich Schiller den Verbrecher in
der Erzählung darstellt um seine sozial-psychologische Intention zu verwirklichen. Außerdem
will ich Schillers Haltung zu der damals sehr populären Physiognomik herausarbeiten, die er
in seiner Erzählung deutlich macht.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Psychologische Analyse
a. Sozial-psychologische Intention
b. Psychologische Darstellung Christian Wolfs
2. Physiognomik im Verbrecher aus verlorener Ehre
a. Die Räuber-Darstellung
b. Physiognomie von Christian Wolf
c. Schillers Haltung zur Physiognomik
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Friedrich Schillers Erzählung "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" unter psychologischen und physiognomischen Aspekten. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schiller den Prozess der Verwahrlosung des Protagonisten Christian Wolf darstellt, um eine sozial-psychologische Wirkung beim Leser zu erzielen und dabei die Grenzen der damals populären Lehre der Physiognomik kritisch zu hinterfragen.
- Die sozial-psychologische Intention Schillers im Zeitalter der Aufklärung.
- Die psychologische Charakterzeichnung und Entwicklung von Christian Wolf.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Physiognomik nach Johann Kaspar Lavater.
- Der Einfluss gesellschaftlicher Stigmatisierung und harter Strafen auf das Individuum.
- Das Spannungsfeld zwischen moralischer Integrität und äußerer Erscheinung.
Auszug aus dem Buch
b. Physiognomie von Christian Wolf
Auch der Sonnenwirt wird aufgrund seines Aussehens als Bösewicht betrachtet. Sein Äußeres ähnelt dem des Räubers und entspricht ebenfalls dem Bösewicht-Bild.
„Die Natur hat seinen Körper verabsäumt. Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unangenehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwollene Oberlippe, welche noch überdies durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gab seinem Anblick eine Widrigkeit.“ (S.8/9)
Diese Analogie wird sowohl durch den Ich-Erzähler, als auch durch den auktorialen Erzähler beschrieben. Bei der Vorstellung Wolfs werden neben den körperlichen Eigenschaften bereits Charaktereigenschaften genannt und „schicksalsmäßig scheint er schon durch sein Äußeres zu einem ‚losen Buben‘ bestimmt zu sein“. Es ist auffällig, dass bei der Beschreibung der Physiognomie vor allem die festen Teile des Gesichtes aufgezählt werden und dass diese zu den negativen moralischen Eigenschaften passen. Es ist nun aber keineswegs so, als sollte dieser Abschnitt eine Bestätigung Lavaters Theorie sein. Im Gegenteil: Das Aussehen wird ganz bewusst als ein Produkt der ‚launichten Spiele der Natur‘ und eines Unfalls mit einem Pferd beschrieben.
Wolfs Körper war zwar verunstaltet, doch die entsprechende moralische Hässlichkeit hatte der Sonnenwirt zu Beginn noch nicht. Diese entstand erst dadurch, dass seine „Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durch vernachlässigte Erziehung und Reaktion der Umwelt auf sein Äußeres angestachelt wurden und er durch die strengen Gesetze der Gesellschaft für relativ geringe Vergehen hart bestraft wurde“. Seine Verschlechterung findet etappenweise statt und die Moral und das Aussehen stimmen somit immer mehr überein.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das aufklärerische Interesse am Verbrecher ein und erläutert Schillers Ziel, die psychologischen Motive hinter der Tat von Friedrich Schwan zu untersuchen.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert Schillers psychologische Darstellung des Protagonisten sowie seine kritische Haltung gegenüber der Physiognomik, indem er den Einfluss sozialer Bedingungen auf die Persönlichkeitsentwicklung herausarbeitet.
1. Psychologische Analyse: Hier wird untersucht, wie Schiller durch die Charakterzeichnung von Christian Wolf die psychischen und sozialen Einflussfaktoren aufzeigt, die den Protagonisten in die Kriminalität treiben.
a. Sozial-psychologische Intention: Dieser Abschnitt thematisiert Schillers Absicht, den Leser moralisch zu bilden, indem er die Identifikation mit dem Verbrecher fördert und das Strafrecht kritisiert.
b. Psychologische Darstellung Christian Wolfs: Es wird dargelegt, wie äußere Umstände und innere psychische Faktoren bei Christian Wolf zur Entwicklung vom Außenseiter zum Kriminellen führen.
2. Physiognomik im Verbrecher aus verlorener Ehre: Dieser Teil beleuchtet die Rolle der Physiognomik in der Erzählung und wie gesellschaftliche Vorurteile aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes Wolfs Entwicklung beeinflussen.
a. Die Räuber-Darstellung: Es wird analysiert, wie die Räuber als traditionelle "Bösewichte" dargestellt werden und wie dieses Bild im Kontrast zu ihrer inneren Gruppenstruktur steht.
b. Physiognomie von Christian Wolf: Dieser Unterpunkt untersucht die Diskrepanz zwischen Wolfs physiognomisch stigmatisiertem Aussehen und seiner tatsächlichen moralischen Entwicklung.
c. Schillers Haltung zur Physiognomik: Hier wird Schillers gezielte Kritik an Lavaters Lehre herausgearbeitet, insbesondere die Differenzierung zwischen festen physiognomischen Formen und der Pathognomik.
III. Schluss: Die Zusammenfassung resümiert, dass Schiller das Aussehen nicht als Indikator für Moral sieht, sondern die zerstörerische Wirkung gesellschaftlicher Ausgrenzung aufzeigt.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Aufklärung, Psychologie, Physiognomie, Johann Kaspar Lavater, Charakterzeichnung, Sozial-psychologische Intention, Strafrecht, Christian Wolf, Resozialisierung, Ethik, Kalokagathie, Pathognomik, Kriminalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Friedrich Schillers Erzählung "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" unter dem Fokus der psychologischen Charakterdarstellung und der kritischen Auseinandersetzung mit physiognomischen Theorien der Aufklärung.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der seelischen Verfassung des Protagonisten, den gesellschaftlichen Bedingungen für Kriminalität sowie Schillers bewusster Kritik an der Lehre von Johann Kaspar Lavater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll gezeigt werden, dass Schiller den Verbrecher nicht als naturgegeben böse darstellt, sondern als Individuum, dessen Weg in die Kriminalität durch gesellschaftliche Stigmatisierung und harte Strafen geebnet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu Schillers Anthropologie und zur zeitgenössischen Physiognomie untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine psychologische Analyse des Protagonisten Christian Wolf und eine detaillierte Untersuchung der Rolle der Physiognomik in der Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schillers Menschenbild, Physiognomik versus Pathognomik, gesellschaftliche Ausgrenzung, die Rolle des Strafrechts und die Diskrepanz zwischen moralischer Entwicklung und äußerem Schein.
Inwiefern beeinflusst das Aussehen den Protagonisten Christian Wolf?
Wolf wird von der Gesellschaft aufgrund seines unvorteilhaften Aussehens früh als Bösewicht abgestempelt, was zu einer fortwährenden Stigmatisierung führt, die ihn erst in die Kriminalität drängt.
Wie unterscheidet Schiller zwischen Physiognomik und Pathognomik?
Schiller differenziert zwischen den unveränderlichen Gesichtszügen (Physiognomik der festen Formen) und dem Ausdruck wechselnder Leidenschaften im Gesicht (Pathognomik), wobei er betont, dass Letzteres auch bei einer unvorteilhaften Physiognomie existiert.
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- Ilona Späth (Author), 2008, Psychologische Analyse und Physiognomik in Schillers "Der Verbrecher aus verlorener Ehre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116054