„oeheim, waz wirret dir?“ - Der kranke Gralskönig bei Wolfram und Chrétien

Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Fischerkönig und Anfortas – der Gralskönig bei Chrétien und bei Wolfram
2.2. Anfortas Leiden im kosmologischen Zusammenhang

3. Schlussteil

Literaturangaben

1. Einleitung

In den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts schreibt Wolfram von Eschenbach sein wohl bedeutendstes Werk – den „Parzival“ nach der französischen Vorlage von Chrétien de Troyes „Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal“. Er schafft damit ein Werk, welches in 75 vollständigen und bruchstückhaften Handschriften überliefert ist[1], und reiht sich so in den Kanon der mittelalterlichen Literatur ein.

Es ist schwer, sich aus einem so vielschichtigen und bedeutungsvollen Werk nur einen kleinen Teil heraus zu nehmen und diesen näher zu betrachten, weil es so viele interessante und erläuterungswürdige Aspekte im „Parzival“ gibt. Ich habe mich für die Figur des Anfortas entschieden, da sie mir als eine der wichtigsten Figuren erscheint, ohne welche die Handlung des „Parzival“ so nicht zustande hätte kommen können. Parzival kann nur Anfortas die erlösende Frage stellen, die das zentrale Motiv der Parzivalsage darstellt.

Ich werde mich im Verlauf meiner Arbeit auf die Fassungen von Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach stützen, und versuchen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten an dem Gralskönig herauszuarbeiten. Des Weiteren werde ich die Leiden des Anfortas mit dem Kosmos in Zusammenhang bringen, hier jedoch kann ich mich nur auf die Wolframfassung berufen, da der kosmologische Aspekt bei Chrétien nicht vorhanden ist.

Zitieren werde ich nach den Ausgaben von Karl Lachmann[2] und Felicitas Olef-Krafft[3], wobei ich aus der Wolframfassung die Zitate in Mittelhochdeutsch angeben werde, die Zitate aus der Fassung von Chrétien jedoch zum besseren Verständnis in Deutsch und nicht in Altfranzösisch.

2. Hauptteil

2.1. Fischerkönig und Anfortas – der Gralskönig bei Chrétien und bei Wolfram

Es gibt etliche Abhandlungen und Interpretationen über den „Parzival“ und den „Le Roman de Perceval“, und doch findet man bei genauer Recherche nur einen kleinen Teil, der sich ausschließlich mit der Figur des Gralskönig beschäftigt. Und dabei ist dieser eine der zentralen Figuren im gesamten Werk, ohne welchen die Handlung so nicht hätte geschehen können. In der Fassung von Chrétien heißt er einfach der Fischerkönig „[...] des edlen Fischerkönigs“ (S.197) und ist weniger in den Mittelpunkt gestellt, als in der Fassung von Wolfram. Bei Wolfram hat der Fischerkönig den Namen Anfortas „Anfortas [...] Munsalvaesche wirt“ (V.251,16-19) und sein Leiden und sein qualvoller Schmerz werden viel mehr beschrieben, als es bei Chrétien der Fall ist. Ob Wolfram Anfortas damit ein wenig mehr Gewicht verleihen und ihm eine etwas bedeutungsvollere Rolle zukommen lassen wollte, ist nicht eindeutig zu klären. Eindeutig ist meiner Meinung nach aber, dass Anfortas im „Parzival“ vielschichtiger ist, als der Fischerkönig im „Le Roman de Perceval“. Wolfram hat die Figur also weitgehend umgeformt.[4] Ich werde nun versuchen, die grundlegenden Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten der beiden Figuren herauszuarbeiten.

In der Fassung von Chrétien, wie auch in der von Wolfram, kommt Perceval/Parzival abends an den See Brumbane und trifft auf einen Fischer, der sich später als der Fischerkönig/Anfortas herausstellen wird. Doch noch erkennen Onkel und Neffe sich nicht, auch sieht Perceval/Parzival nicht, von welchem Gram der Fischer gezeichnet ist. Perceval/Parzival fragt ihn nach nächtlicher Herberge, der Fischer weist ihm den Weg zu seiner Burg. Hier schon ist der erste Unterschied der beiden Fassungen zu erkennen, da das Auffinden der Burg bei Chrétien weitaus geheimnisvoller ist als bei Wolfram. Während Parzival einfach der Beschreibung des Weges folgt, muss Perceval erst auf einen Berg, von wo aus er die Burg sehen könnte.[5] Da diese ihm nicht sofort erscheint, verflucht er den Fischerkönig, weil er glaubt, dass dieser einen Spaß mit ihm getrieben hat.

„Den, der mich hierher geschickt hat, den möge Gott noch heute mit Schimpf und Schande überhäufen. [...] Fischer, der du das zu mir gesagt hast, schlimmstes Unrecht hast du begangen, wenn du mir durch deine Worte schaden wolltest.“ (S.171)

Doch glücklicherweise erscheint Perceval ein Turm, der ihm den weiteren Weg zur Burg weist. „In diesem Augenblick (aber) sah er in einem nahegelegenen Tal die Spitze eines Turmes auftauchen.“ (S.171). Unterschiedlich ist auch, dass Anfortas Parzival warnt, als dieser ihn nach dem Weg zur Herberge bittet, dass er den Weg nicht finden wird, wenn er vom Weg abweicht. Er wünsche es ihm nicht, was darauf hindeutet, dass er ahnt, dass der fragende Ritter der Erlöser sein kann. Nun hofft er natürlich, dass dieser den richtigen Weg findet, um dann auf der Burg die erlösende Frage zu stellen. Der Fischer übernimmt hier die Rolle des Führenden, er wird der Führer zum Gral.[6] Diese Passage fehlt in der Fassung von Chrétien. Perceval/Parzival gelangt nun auf die Gralsburg Munsalvaesche. Bei Wolfram wird Parzival im Gegensatz zu Chrétien von einem Knappen gefragt, woher er kommen würde und was er hier suche.

„[...]der vischaere / hât mich von im her gesant. / ich hân genigen sîner hant / niwan durch der herberge wân. / er bat die brücken nider lân / und hiez mich zuo ze iu rîten în.“ (V. 226, 26-227,1)

Parzival tritt in die Gralsburg ein und bemerkt sofort die lähmende Trauer, die über den Burgbewohnern liegt. „herzen jâmer“ (V.227,16). Kein Wort darüber bei Chrétien. Bei Wolfram ist der Empfang von Parzival ausführlicher beschrieben, als es bei Chrétien der Fall ist. Bei Wolfram wird deutlich, dass die Gralsbewohner in Parzival den potenziellen Erlöser sehen und so hohe Erwartungen in ihn stellen. Die einst gramerfüllten Ritter sind plötzlich voller Freude „die trûregen waren mit im vrô.“ (V.228,26), erhoffen sie sich doch die Erlösung.

Im Burginnern trifft Perceval/Parzival nun den Fischer als seinen Wirt wieder. Neu ist bei Wolfram die Ausschmückung des Saales mit all seinem Prunk und Reichtum, wie auch die Erwähnung des Gralsgeschlechts von König Frimutel. „fil li roy Frimutel mochte wol geleisten daz.“ (V. 230, 4-5). Parzival wird von seinem Gastgeber herzlich empfangen und gebeten, sich neben ihn zu setzen. Es wird beschrieben, dass der König von Gram gezeichnet und schmerzerfüllt ist.

„in den palas kom gegangen / der dâ wart wol enpfangen, / Parzivâl der lieht gevar, / von im der in sante dar. / er liez in dâ niht lange stên: / in bat der wirt nâher gên /

und sitzen, >zuo mir dâ her an. / satzt ich iuch verre dort hin dan, / daz waere iu alze gastlîch.< / sus sprach der wirt jâmers rîch.“ (V. 230, 21-30)

In der Fassung von Chrétien entschuldigt sich der Fischerkönig dafür, dass er sich nicht erheben kann, um seinen Gast angemessen zu begrüßen. Doch trotz der Einschränkung, die der König durch seine Schmerzen hat, versucht er sein Bestes und quält sich des Gastes wegen in die Höhe.

„>Nehmt es mir nicht übel, Freund, wenn ich mich zu Eurer Begrüßung nicht erhebe, da ich dazu nicht imstande bin!< [...] Der Edelmann (aber) quält sich seinetwegen, so gut er (nur) kann, in die Höhe [...].“ (S.175)

Beide Fassungen haben gemeinsam, dass noch immer nicht erklärt wird, an was der Fischerkönig/Anfortas eigentlich leidet, was ihm die großen Schmerzen zufügt. Doch dazu komme ich später. In beiden Fällen ist der König prächtig gekleidet, trägt Pelz und Zobelfell, aus welchem auch seine Mütze gefertigt ist. In der Fassung von Chrétien heißt es:

„Sein Kopf war mit einem Hut aus maulbeerschwarzem Zobel bedeckt, mit einer Purpurauflage auf der Oberseite; aus demselben Stoff war sein ganzes Gewand. [...] Vor ihm brannte zwischen vier Säulen lichterloh ein gewaltiges Feuer, das von trockenem Brennholz gespeist wurde.“ (S. 173)

Bei Wolfram ist die Beschreibung der Kleidung ähnlich, an der Mütze befindet sich zusätzlich ein kostbarer Rubin. Auch Anfortas sitzt vor einem großen Feuer. Hier jedoch wird erklärend hinzugefügt, dass das Feuer wegen seiner Krankheit brenne, und auch die warme Kleidung ist dafür da, um ihn warm zu halten.

„Der wirt het durch siechheit / grôziu viur und an im warmiu cleit. / wît und lanc zobelîn, / sus muos ûze und inne sîn / der pelliz und der mantel drobe. / der swechest balc waer wol ze lobe: / der was doch swarz unde grâ: / des selben was ein hûbe dâ /

ûf sîme houbte zwifalt, /von zobele den man tiure galt. / sinwel arâbesch ein borte /

oben drûf gehôrte, / mitten dran ein knöpfelîn, / ein durchliuhtic rubîn.“ (V. 231,1-14)

Zum ersten Mal wird hier die Krankheit erwähnt, jedoch erfolgt die genaue Erklärung der Umstände erst viel später durch den Einsiedler Trevrizent, dem Bruder von Anfortas.

Als Geschenk bekommt Perceval/Parzival zwei besondere Gastgeschenke, zum einen den Mantel der Königin Respanse de Schoye, zum anderen das Schwert des kranken Königs. Diese beiden Geschenke sind Zeichen der Herrschaft, und hier wird ganz deutlich, dass Perceval/Parzival auserwählt wurde, der nächste Gralsherrscher zu sein, wenn er denn die erlösende Frage stellen würde. Ich werde hier nur kurz auf das Versäumnis der gestellten Frage eingehen, da dies nicht Gegenstand meiner Arbeit werden soll. Erwähnt werden soll nur, dass die Frage nicht zu dem Zeitpunkt gestellt wird, als man sie von ihm erwartet, und es noch einige Jahre braucht, bis Parzival wieder zur Gralsburg gelangt, um dann die erlösende Frage an Anfortas zu richten. Da dieser Teil in der Fassung von Chrétien nicht (mehr) vorhanden ist, kann man hier nicht mit Sicherheit sagen, wie die Percevalsage an dieser Stelle geendet ist. Sicher ist nur, dass sich die Fragen voneinander unterscheiden. Ist es bei Parzival vielmehr die Erlösungs- und Mitleidsfrage, so ist es bei Perceval eher eine Erkundigungsfrage, was es mit dem Gral und der blutenden Lanze auf sich hat.[7]

Unterschiedlich ist das Verhalten der Gralsbewohner beim Aufzug der Lanze. In beiden Fällen kommt ein Knappe mit einer scheinbar blutenden Lanze in den Saal, in welchem sich Perceval/Parzival und der Fischerkönig/Anfortas aufhalten. Bei Chrétien heißt es „[...] weiße Lanze und ihre weiße Spitze, und oben aus dieser quoll ein Blutstropfen und rann dunkelrot auf die Hand des Knappen“ (S.179). Bei Wolfram ist die Beschreibung der Lanze ähnlich, doch erhebt sich zudem bei deren Anblick ein lautes Weinen und Klagen der Bewohner, welches sofort verstummt, als die Lanze aus deren Blickfeld verschwindet.

„ein knappe spranc zur tür dar în / der truog eine glaevîn / (der site was ze trûren guot): / an der snîden huop sich bluot / und lief den schft unz ûf die hant, / deiz in dem ermel wider want. / dâ wart geweinet unt geschrît / ûf dem palase wît / [...] Gestillet was des volkes nôt, / als in der jâmer ê gebôt, / des si diu glaevîn hete ermant, / die der knappe brâhte in sîner hant.“ (V. 231,17 – 232,4)

Perceval starrt auf die blutende Lanze und es verlangt ihn, zu wissen, was es mit dieser auf sich hat. Doch er erinnert sich an den Rat eines Edelmannes, der hier nicht beim Namen genannt wird, keine unnötigen Fragen zu stellen. Perceval hat Angst davor, eine unpassende Frage zu stellen und unterlässt es. Später erfährt er von seiner Kusine, die hier auch wie viele andere Figuren bei Chrétien namenlos bleibt, dass er schwere Sünde auf sich geladen hat, weil er das Schweigen dem Fragen vorzog. Mit keinem Wort wird bei Wolfram erwähnt, dass sich Parzival in irgendeiner Weise fragt, was die blutende Lanze wohl zu bedeuten hat.

[...]


[1] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe von Karl Lachmann hg. und übersetzt von Wolfgang Spiewok. 2 Bde. Stuttgart 1981, S. 676.

[2] Ebd.

[3] Chrétien de Troyes: Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal. Der Percevalroman oder Die Erzählung vom Gral. Altfranzösisch/Deutsch. Übers. von Felicitas Olef-Krafft. Stuttgart 1991.

[4] Schrodt, Richard: Anfortas´ Leiden. In: Festschrift für Otto Höfler zum 75. Geburtstag. Hg. von Helmut Birkhan. Wien 1976, S. 589-626 (hier S. 589).

[5] Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. 8., völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 2003, S. 70.

[6] Gnädinger, Louise: Rois Pechiere / Anfortas. Der Fischerkönig in Chrestiens und Wolframs Graldichtung. In: Orbis medievalis. Melanges offerts a Reto R. Bezzola. Bern 1978, S. 127-148, hier S. 133-134

[7] Richter, Werner: Wolfram von Eschenbach und die blutende Lanze. In: Euphorion 53 (1959), S. 369-379, hier S. 371.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
„oeheim, waz wirret dir?“ - Der kranke Gralskönig bei Wolfram und Chrétien
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Wolfram von Eschenbach: Parzival
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V116062
ISBN (eBook)
9783640175390
ISBN (Buch)
9783640175475
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gralskönig, Wolfram, Chrétien, Eschenbach, Parzival
Arbeit zitieren
Nicole Henschel (Autor), 2006, „oeheim, waz wirret dir?“ - Der kranke Gralskönig bei Wolfram und Chrétien , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116062

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