Die Minnegrottenallegorie als Gedächtniskunst - Der Tristan Gottfrieds von Straßburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Gedächtniskunst
2.2. Die Allegorie der Minnegrotte
2.3. Der Sinn der allegorischen Auslegung

3. Schluss

Literaturangaben

1. Einleitung

Um 1210 schreibt Gottfried von Straßburg den „Tristan“ und schafft so ein Werk, welches bis heute Gültigkeit hat. Es ist die senemaere zweier senedaere, die im Konflikt mit der minne und der êre stehen, in der die Spannung zwischen Gott und der Welt gezeigt wird und die vom Zentralmotiv des leit geprägt ist. Es geht um die Geschichte der Liebenden Tristan und Isolde, die schicksalhaft von einer glühenden Leidenschaft überwältigt werden und sich gegen alle Vernunft, Regeln, Normen und Konventionen gesellschaftlichen Zusammenlebens stellen. Die Figur der Passion steht neben dem Recht auf individuellem Glück im Mittelpunkt. Da dies aber zur Konfrontation mit der Ehe zu König Marke und dem Weltlauf führt ist diese Liebe zum Scheitern verurteilt, lebt aber im Untergang als höchster Lebenswert weiter.

Grob einteilen lässt sich der „Tristan“ in drei Teile. 1.) die Jugend Tristans und die höfisch-ritterliche Bewährung, 2.) die durch den Minnetrank einsetzende Liebesbeziehung zwischen ihm und Isolde, die eine Reihe von betrügerischen Listen und Liebesbegegnungen zur Folge hat und im Höhepunkt der Minnegrotte gipfelt, und 3.) die Trennung beider und die anschließende Begegnung zwischen Tristan und Isolde Weißhand.[1]

Da Gottfrieds Fassung Fragment geblieben ist, wird der gemeinsame Tod von Tristan und der blonden Isolde nicht mehr erzählt.

Eine der vieldiskutierten Stellen des „Tristan“ ist die Flucht in die Minnegrotte und in ein zeitlich begrenztes paradiesisches Leben. Die allegorische Auslegung der Grotte soll Thema meiner Arbeit sein. Ich werde versuchen die Bedeutung und die Zusammenhänge herauszuarbeiten und dabei verschiedene Standpunkte der Forschung wie auch die Gedächtniskunst einbeziehen. Deshalb werde ich anfangs einen Überblick über die Gedächtniskunst, der ars memorativa geben, dann zur Allegorie der Minnegrotte übergehen und dabei versuchen, beides in einen Zusammenhang zu bringen. Ich stütze mich bei der allegorischen Auslegung hauptsächlich auf die Texte von Friedrich Ranke „Die Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tristan“[2] und Ulrich Ernst „Gottfried von Straßburg in komparatistischer Sicht. Form und Funktion der Allegorese im Tristanepos“[3], bei der

Bearbeitung der Gedächtniskunst ziehe ich Beiträge aus dem Werk „Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung“[4] heraus. Zitate aus dem Tristan von Gottfried von Straßburg ziehe ich aus der Übersetzung von Friedrich Ranke[5], und werde diese im Verlauf mit den Versangaben belegen.

2. Hauptteil

2.1. Die Gedächtniskunst

Als Begründer der Gedächtniskunst gilt der griechische Dichter Simonides von Keos, der um 557-468 v. Chr. gelebt hat. Er selbst erwähnt in keiner seiner Schriften die Erfindung die ihm zugeschrieben wird, erst in Ciceros „De oratore“ und Quintilians „De institutione oratoria“ wird auf ihn aufmerksam gemacht. Dabei soll sich folgendes Ereignis zugetragen haben:

Simonides von Keos wird beauftragt, bei einem Festmahl von Skopas ein lyrisches Gedicht zu Ehren von diesem vorzutragen. Da das Loblied aber auch einen Abschnitt zum Ruhm der Zwillingsgötter Kastor und Pollux enthält, will ihm der sparsame Skopas nur die Hälfte der versprochenen Summe geben, den Rest sollt er sich von den beiden Göttern holen. Wenig später erhält Simonides die Nachricht, dass außerhalb des Festsaales zwei Männer auf ihn warten, doch Simonides kann draußen niemanden entdecken. Während er das Gebäude verlässt, stürzt es hinter ihm zusammen und begräbt alle Gäste unter den Trümmern. Die Leichen werden so zermalmt und zur Unkenntlichkeit verstümmelt, dass ihre Angehörigen sie nicht mehr voneinander unterscheiden geschweige denn identifizieren können. Da sich Simonides aber daran erinnert, welcher Gast an welchem Tischplatz gesessen hat, kann er den Angehörigen ihre Toten zeigen. Die beiden unsichtbaren Männer sollen Kastor und Pollux gewesen sein und haben für ihren Teil der Lobrede ausgiebig gezahlt, indem sie Simonides Schutz gaben und ihm das Leben retteten.[6]

Dieses Ereignis verdeutlicht Simonides, dass es vor allem die Ordnung ist, welche ein gutes Gedächtnis ausmacht. Seine Methode ist darauf angelegt, dass er sich einen Raum mit markanten Ecken und Vorsprüngen denkt, und dort in seinem Geiste eine Reihe von Gegenständen platziert. Ruft er diese nun in seinem Gedächtnis wieder ab, so kann er sich Dinge wieder in sein Bewusstsein rufen und sich so an bestimmte Sachen und Ereignisse erinnern. Dieses Verfahren erweitert die Technik der Wachstafel, auf der man mit einem Griffel Buchstaben in den Wachs eingraviert. Die Buchstaben werden nun von den imagenes abgelöst bzw. erweitert. Auch Martianus Capella ist der Meinung, die memoria sei die natürliche Anlage, die man durch Übung und Kunst unterstützt und so durch etwas künstliches erweitert.[7] Dabei nennt man den Übergang vom natürlichen zum künstlichen Gedächtnis die Mnemotechnik oder die ars memorativa.

Die Gedächtniskunst ist also ein Hilfsmittel, mit der man sich mittels einzeln bestimmter Bilder (imagenes) und Orte (loci) an bestimmte Dinge und Ereignisse wieder erinnern kann. Eine Erinnerung kommt also ohne Metaphern nicht aus. Die Bilder spielen die Rolle von Denkfiguren, die dabei Begriffsfelder abstecken.[8] Die Gedächtniskunst arbeitet mit einprägsamen Bildern, wie zum Beispiel Mord durch das Bild einer Waffe erinnert wird, oder der Ring das Symbol für die Heirat steht.[9] Das Haus des Skopas bildet in diesem Fall den Gedächtnisraum, die einzelnen Sitzplätze der Gäste die verschiedenen loci und die darauf sitzenden Personen bilden die zu erinnernden Gedächtnisbilder. Nur so kann Simonides genau sagen, welche Person an welchem Platz gesessen hat. Dabei bilden Gedächtnis und Erinnerung ein Begriffspaar und tauchen im jeweiligen Modell gemeinsam auf. Dabei ist das Gedächtnis unsere virtuelle Fähigkeit und die Erinnerung der Vorgang, der sich spezielle Inhalte einprägt und bei Bedarf abruft.[10] Hugo von Sankt Victor appelliert, dass es notwendig sei, sich nur die wesentlichen Dinge zu merken, diejenigen, die eine Konzentration des Geschehen ausmachen.[11] Doch sind Gedankenbilder und Erinnerungen subjektiv und vom einzelnen abhängig. So sieht einer etwas für wichtig an, ein anderer findet etwas anderes viel bedeutender und legt dies in seinem Gedächtnis ab. Das Medium der Erinnerung, welchem wir uns dann bedienen, ist unser Gedächtnis, unser >innere[s] Auge<, mit welchem wir das Erzählte in „räumliche vorgestellte Bilder“[12] umwandeln.[13]

Die Verbindung zwischen Gedächtnis und Raum zeigen unter anderem Ruhmestempel und Bibliotheken. Werden in Bibliotheken vor allem Bücher, Schriftrollen und Kodizes aufbewahrt, so sind es in einem Ruhmestempel Säulen, Skulpturen und Bilder als Inventar des kollektiven Gedächtnisses, die die ruhmvollen Taten der Helden symbolisieren. Das Gedächtnis wird visualisiert.[14] Vor allem das Sehen im Mittelalter ist ein kollektives, ein kulturell gemeinschaftliches Sehen.[15] In einem Ruhmestempel stehen Denkmäler, die uns zum Andenken an die Zukunft verpflichten, in einer Bibliothek wird ein Archiv mit dem Wissen des Vergangenen geschaffen.[16]

Ich werde einen kurzen Exkurs zur Tristanfassung von Thomas von England einfügen, weil man hier einen Gedächtnistempel sehr gut vor Augen führen kann.

Der Bildersaal aus der Thomasfassung (1170/80), welche Gottfried zur Vorlage genommen hat, bildet solch einen Tempel des Gedächtnisses, der Erinnerung. Anders als bei Gottfried ist sie hier aber nicht ein Zufluchtsort der Liebenden, sondern eine Art Schauplatz. In der Mitte des Gewölbes steht die Statue der Iseut, die mit jeglichen Insignien der echten Iseut ausgestattet ist. Sie ist prächtig gekleidet, hat eine Krone auf ihrem Haupt und sie hält den Ring, den sie Tristan beim Abschied gegeben hat in ihrer rechten Hand. Die Statue verströmt einen lieblichen Duft, neben ihr stehen der böse Zwerg, das Hündchen und Brengvein, die ihr den Liebestrank reicht. Das Ensemble wird vervollständigt durch zwei Wächter, einem Riesen und einem Löwen, die die Hüter der Erinnerung symbolisieren sollen.[17] Der Statutensaal ist nicht allein Aufbewahrungsort einer Ikone, sondern ist ein Gedächtnisraum für die Geschichte einer einmaligen Liebe. Das Gedächtnis soll nicht nur Erinnerung schaffen, sondern auch Gegenwart.[18] Die Erinnerung ist die „Brücke zwischen den bedeutungsvollen Zeiten der Vergangenheit und Zukunft.“[19] Tristan will seine Iseut nicht nur in seinem Gedächtnis, seiner Erinnerung haben, sondern als das wahrhafte Abbild in Form einer Statue. Er projiziert seine Wünsche in dieser Ikone und schafft sich so eine Konkretisierung seines Erinnerungsbildes. Sein Gedächtnisdienst bildet so gleichzeitig einen Liebesdienst[20], und ist der Minnegrotte von Gottfried daher um einiges höher zu stellen.

Bilder, Skulpturen und auch die Schrift gelten als Medien der Erinnerung und erlauben es uns, Dinge und Ereignisse aus der Vergangenheit und teilweise aus der totalen Vergessenheit wieder in unser Gedächtnis zurückzuholen, um sich dieser Vergangenheit zu erinnern. Aurelius Augustinus schreibt in seinen X. Buch der Confessiones über das Gedächtnis, über Raum und Zeit und über das Erinnern und Vergessen. Er meint, dass unser Gedächtnis das Instrument ist, um an die Wahrheit zu gelangen, welche in unserer Seele verborgen ist und nur durch die Erinnerung wieder wachgerufen werden kann. Das Gedächtnis sieht er als einen grenzenlosen Raum, welches neben dem Vergessen existiert. Das liegt auf der Hand, denn erinnern können wir uns doch eigentlich nur, wenn wir schon dabei waren etwas zu vergessen. Das Gedächtnis ist dabei fähig, alle Epochen zu überwinden und Vergangenheit zur Gegenwart zu machen.[21]

[...]


[1] Metzler Lexikon. Literatur des Mittelalters. Bd 2, Autoren und Werke. Stuttgart, Weimar 2002, S.198-199.

[2] Ranke, Friedrich: Die Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tristan. In: Schriften der Königsberger Gelehrten Gesellschaft. Geisteswissenschaft Kl.2 (1925), S. 21-39.

[3] Ernst, Ulrich: Gottfried von Straßburg in komparatistischer Sicht. Form und Funktion der Allegorese im Tristanepos. In: Euphorion 70 (1976), S. 1-72.

[4] Assmann, Aleida und Harth, Dietrich (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt am Main 1991.

[5] Gottfried von Straßburg: Tristan Bd 1-3. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Reclam Stuttgart 1980. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn

[6] Specht, Fritz: Das Gedächtnis und die Gedächtniskunst. Mit 5 Abbildungen. Berlin 1920, S.68.

[7] Ernst, Ulrich: Memoria und ars memorativa in der Tradition der Enzyklopädie. Von Plinius zur Encyclopédie française. In: Seelenmaschinen: Gattungstraditionen, Funktionen und Leistungsgrenzen der Mnemotechniken vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne. Hrsg. von Berns, Jörg Jochen und Neuber, Wolfgang. Wien (u.a.) 2000, S. 109-142, S. 113.

[8] Assmann, Aleida: Zur Metaphorik der Erinnerung. In: Assmann, Aleida und Harth, Dietrich (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt am Main 1991, S.13-34, S.13.

[9] Ernst (ars memorativa) S. 114

[10] Assmann, S. 14

[11] Ernst (ars memorativa). S. 117

[12] Wenzel, Horst: Imaginatio und Memoria. Medien der Erinnerung im höfischen Mittelalter. In: Assmann, Aleida und Harth, Dietrich (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt am Main 1991, S. 57-82, S. 62.

[13] Ebd. S. 59

[14] Assmann. S. 15-18

[15] Wenzel, S. 60.

[16] Assmann, S. 18

[17] Mertens, Volker: Bildersaal – Minnegrotte – Liebestrank. Zu Symbol, Allegorie und Mythos im Tristanroman. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 117 (1995), S. 40-64, S. 41-42.

[18] Wenzel, S. 69

[19] Assmann, S. 30

[20] Wenzel, S. 70

[21] Ferreti, Silvia: Zur Ontologie der Erinnerung in Augustinus´Confessiones. In: Assmann, Aleida und Harth, Dietrich (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt am Main 1991, S. 356-362, S. 357-361

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Details

Titel
Die Minnegrottenallegorie als Gedächtniskunst - Der Tristan Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Tristan
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V116063
ISBN (eBook)
9783640175642
ISBN (Buch)
9783640175826
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnegrottenallegorie, Gedächtniskunst, Tristan, Gottfrieds, Straßburg, Tristan
Arbeit zitieren
Nicole Henschel (Autor), 2005, Die Minnegrottenallegorie als Gedächtniskunst - Der Tristan Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116063

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