Um 1210 schreibt Gottfried von Straßburg den „Tristan“ und schafft so ein Werk, welches bis heute Gültigkeit hat. Es ist die senemaere zweier senedaere, die im Konflikt mit der minne und der êre stehen, in der die Spannung zwischen Gott und der Welt gezeigt wird und die vom Zentralmotiv des leit geprägt ist. Es geht um die Geschichte der Liebenden Tristan und Isolde, die schicksalhaft von einer glühenden Leidenschaft überwältigt werden und sich gegen alle Vernunft, Regeln, Normen und Konventionen gesellschaftlichen Zusammenlebens stellen. Die Figur der Passion steht neben dem Recht auf individuellem Glück im Mittelpunkt. Da dies aber zur Konfrontation mit der Ehe zu König Marke und dem Weltlauf führt ist diese Liebe zum Scheitern verurteilt, lebt aber im Untergang als höchster Lebenswert weiter.
Grob einteilen lässt sich der „Tristan“ in drei Teile. 1.) die Jugend Tristans und die höfisch-ritterliche Bewährung, 2.) die durch den Minnetrank einsetzende Liebesbeziehung zwischen ihm und Isolde, die eine Reihe von betrügerischen Listen und Liebesbegegnungen zur Folge hat und im Höhepunkt der Minnegrotte gipfelt, und 3.) die Trennung beider und die anschließende Begegnung zwischen Tristan und Isolde Weißhand.
Da Gottfrieds Fassung Fragment geblieben ist, wird der gemeinsame Tod von Tristan und der blonden Isolde nicht mehr erzählt.
Eine der vieldiskutierten Stellen des „Tristan“ ist die Flucht in die Minnegrotte und in ein zeitlich begrenztes paradiesisches Leben. Die allegorische Auslegung der Grotte soll Thema meiner Arbeit sein. Ich werde versuchen die Bedeutung und die Zusammenhänge herauszuarbeiten und dabei verschiedene Standpunkte der Forschung wie auch die Gedächtniskunst einbeziehen. Deshalb werde ich anfangs einen Überblick über die Gedächtniskunst, der ars memorativa geben, dann zur Allegorie der Minnegrotte übergehen und dabei versuchen, beides in einen Zusammenhang zu bringen. Ich stütze mich bei der allegorischen Auslegung hauptsächlich auf die Texte von Friedrich Ranke „Die Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tristan“ und Ulrich Ernst „Gottfried von Straßburg in komparatistischer Sicht. Form und Funktion der Allegorese im Tristanepos“ , bei der
Bearbeitung der Gedächtniskunst ziehe ich Beiträge aus dem Werk „Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung“ heraus. Zitate aus dem Tristan von Gottfried von Straßburg ziehe ich aus der Übersetzung von Friedrich Ranke , und werde diese im Verlauf mit den Versangaben belegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Die Gedächtniskunst
2.2. Die Allegorie der Minnegrotte
2.3. Der Sinn der allegorischen Auslegung
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die allegorische Auslegung der Minnegrotte in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und setzt diese in den Kontext der mittelalterlichen Gedächtniskunst (ars memorativa). Ziel ist es, die Bedeutung und die symbolischen Zusammenhänge der Grotte als Ort einer idealen, utopischen Minne sowie deren Funktion als Gedächtnisraum herauszuarbeiten.
- Grundlagen der antiken und mittelalterlichen Gedächtniskunst.
- Allegorische Deutung der Minnegrotte als Lehrgebäude der vollkommenen Liebe.
- Die Minnegrotte als utopischer Wunschraum und Übergang zur unirdischen Ebene.
- Symbolik der Grotte in Anlehnung an das mittelalterliche Gotteshaus und die Heilslehre.
- Verbindung von Gedächtnis, Literatur und der Inszenierung von Identität durch die Protagonisten.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Gedächtniskunst
Als Begründer der Gedächtniskunst gilt der griechische Dichter Simonides von Keos, der um 557-468 v. Chr. gelebt hat. Er selbst erwähnt in keiner seiner Schriften die Erfindung die ihm zugeschrieben wird, erst in Ciceros „De oratore“ und Quintilians „De institutione oratoria“ wird auf ihn aufmerksam gemacht. Dabei soll sich folgendes Ereignis zugetragen haben: Simonides von Keos wird beauftragt, bei einem Festmahl von Skopas ein lyrisches Gedicht zu Ehren von diesem vorzutragen. Da das Loblied aber auch einen Abschnitt zum Ruhm der Zwillingsgötter Kastor und Pollux enthält, will ihm der sparsame Skopas nur die Hälfte der versprochenen Summe geben, den Rest sollt er sich von den beiden Göttern holen. Wenig später erhält Simonides die Nachricht, dass außerhalb des Festsaales zwei Männer auf ihn warten, doch Simonides kann draußen niemanden entdecken. Während er das Gebäude verlässt, stürzt es hinter ihm zusammen und begräbt alle Gäste unter den Trümmern. Die Leichen werden so zermalmt und zur Unkenntlichkeit verstümmelt, dass ihre Angehörigen sie nicht mehr voneinander unterscheiden geschweige denn identifizieren können. Da sich Simonides aber daran erinnert, welcher Gast an welchem Tischplatz gesessen hat, kann er den Angehörigen ihre Toten zeigen. Die beiden unsichtbaren Männer sollen Kastor und Pollux gewesen sein und haben für ihren Teil der Lobrede ausgiebig gezahlt, indem sie Simonides Schutz gaben und ihm das Leben retteten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk „Tristan“ ein, umreißt die zentrale Problematik des Konflikts zwischen Minne und gesellschaftlicher Ordnung und definiert die Zielsetzung, die Minnegrotte als allegorischen Raum im Kontext der Gedächtniskunst zu analysieren.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung der ars memorativa, die detaillierte allegorische Ausdeutung der Minnegrotte anhand von Symbolen und die Untersuchung des Sinns hinter dieser theologisch geprägten Exegese.
2.1. Die Gedächtniskunst: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der Mnemotechnik, von ihren antiken Ursprüngen bei Simonides bis zur mittelalterlichen Vorstellung, Gedächtnis und Raum durch eine Ordnung von Bildern (loci und imagines) zu strukturieren.
2.2. Die Allegorie der Minnegrotte: Hier wird die Minnegrotte als kunstvoll ausgeschmücktes Symbol der vollkommenen Liebe analysiert, wobei architektonische Details wie Tür, Riegel und Fenster als Träger ethischer und religiöser Bedeutungen entschlüsselt werden.
2.3. Der Sinn der allegorischen Auslegung: Dieser Abschnitt untersucht den tieferen Zweck von Gottfrieds Allegorese, der Tristan und Isolde in eine religiöse Sphäre hebt und die Grotte als ein durch den Autor geschaffenes „Lehrgebäude“ der Minne etabliert.
3. Schluss: Das Fazit fasst die Minnegrotte als utopischen Gedächtnisort zusammen, der unabhängig von Zeit und Raum als Sehnsuchtstraum wahrer Liebe fungiert und durch die innovative Anwendung theologischer Techniken eine neue Dimension der höfischen Epik eröffnet.
Schlüsselwörter
Gottfried von Straßburg, Tristan, Minnegrotte, Gedächtniskunst, ars memorativa, Allegorese, Mittelalter, Liebeskonzeption, Erinnerung, Utopie, Symbolik, Literaturgeschichte, Heilslehre, Minne, Memorialtechnik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der allegorischen Auslegung der Minnegrotte in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und untersucht, wie dieses zentrale Motiv als ein Ort der Gedächtniskunst konstruiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die mittelalterliche Mnemotechnik, die religiöse und ethische Symbolik innerhalb des Tristanepos sowie die literarische Konstruktion von Utopie und idealisierter Liebe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Bedeutung der Minnegrotte über ihre Funktion als Zufluchtsort hinaus zu verstehen und nachzuweisen, wie Gottfried durch allegorische Ausdeutung ein Lehrgebäude der vollkommenen Minne erschafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene forschungsgeschichtliche Positionen (u.a. Ranke, Ernst) einbezieht und die Minnegrotte mittels exegetischer Methoden der Bibelexegese und der mittelalterlichen Memorialtechnik erschließt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden zunächst die Prinzipien der antiken Gedächtniskunst, anschließend die detaillierte Symbolik der Minnegrotte (Tür, Fenster, Materialität) und schließlich die Sinnstiftung durch die allegorische Auslegung behandelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie „Minnegrotte“, „ars memorativa“, „allegorische Auslegung“, „Utopie“ und „Gedächtnisort“.
Welche Rolle spielt die „ars memorativa“ konkret in der Grotte?
Die Grotte dient als künstlicher Gedächtnisraum, in dem Tristan und Isolde durch das Erzählen antiker Liebesgeschichten Erinnerungen wachrufen, was die Grotte zu einem Ort verbindet, an dem individuelles, kollektives und literarisches Gedächtnis aufeinandertreffen.
Wie unterscheidet die Autorin die Minnegrotte von den Fassungen anderer Dichter?
Während bei Eilhart oder Beroul die Grotte eher ein physischer Zufluchtsort ist, fungiert sie bei Gottfried als utopischer, allegorisch überhöhter Raum, der die Minne als höchstes Lebensideal in einen theologisch inspirierten Rahmen stellt.
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- Nicole Henschel (Author), 2005, Die Minnegrottenallegorie als Gedächtniskunst - Der Tristan Gottfrieds von Straßburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116063