Prozesse der Imagearbeit. Welche Auswirkungen hat das Image auf unsere sozialen kommunikativen Interaktionen?


Hausarbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Selbstdarstellung nach Goffman aus Perspektive des Theaters
2.1 Goffman's Vorstellung von Imagepflege
2.2 Von Ehrerbietung und Benehmen zum rituellen Gleichgewicht
2.3 Prozesse der Imagearbeit

3. Erweiterung der „face-work“ durch Brown & Levinson

4. Imagearbeit bei Goffman oder bei Brown & Levinson?

5. Analyse des Transkripts nach Goffman und Brown & Levinson

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Jede:r kennt unangenehme Situationen. Man sagt etwas Falsches oder leistet sich einen Fauxpas. Eine unangenehme Situation entsteht, die überwunden werden muss, ohne das eigene Image dabei zu verlieren. In der vorliegenden Hausarbeit werden auf Grundlage folgender Forschungsfrage „Welche Rolle nimmt die Imagearbeit in der Gesprächsanalyse und Kommunikationswissenschaft bei E. Goffman und P. Brown & S. Levinson ein?“ theoretische Fakten und Begriffsdefinitionen der Imagearbeit geklärt, als auch Prozesse, die essentiell für das erfolgreiche Führen eines Gespräches sind. Durch einen Vergleich von Goffman’s Auffassung mit der von Brown & Levinson, werden differente Sichtweisen und Interpretationen der Imagearbeit dargeboten, sowie die Vielschichtigkeit und Komplexität der Thematik in Szene gesetzt.

Durch Analyse eines selbst angefertigten Transkripts werden Prozesse der Imagearbeit beispielhaft verdeutlicht und analysiert. Dargestellt wird auch, inwiefern die Imagearbeit in einem Gespräch gelungen ist. Es gibt einen interessanten Aufschluss darüber, wie sich zum Beispiel negative Imagearbeit auf das Gespräch auswirken kann. Zudem soll die Analyse den Leser:innen dieser Hausarbeit eine gute Expertise bieten vorherige theoretische Erörterungen an einem nahbaren Beispiel nachzuvollziehen, um das Konstrukt „face-work“ (Imagearbeit) natürlicher und zugänglicher zu gestalten.

Ziel ist, zu zeigen, inwiefern die „Höflichkeitstheorie“ von Brown & Levinson das von Goffman entwickelte Konzept erweitert, und welche Unterschiede in der Interpretation von „face-work“ offengelegt werden. Es soll festgestellt werden, wie und wodurch sich Imagearbeit im Gespräch äußert, ebenso wie einzelne Schritte der Imagepflege zu interpretieren sind. „Face-work“ als etwas Normales anzusehen fällt schwer, dabei wird das Konzept von der Menschheit täglich genutzt. Dem Begriff „face-work“ soll Leben geschenkt werden. Die Hausarbeit soll vermitteln, dass die Imagepflege allgegenwärtig ist und in jeder Interaktion betrieben wird, und somit nur auf Basis des Konzepts der Imagearbeit Kommunikation zwischen Menschen stattfinden kann.

2. Selbstdarstellung nach Goffman aus Perspektive des Theaters

Erving Goffman zeigt in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“ an dem Bespiel der Schauspielkunst, dass soziale Interaktion nichts Geringeres ist als ein alltägliches Schauspiel. Der Mensch spielt eine Rolle („part“), eine Art Charakter, wie in einem Theaterstück. Diese Rolle nimmt der Mensch innerhalb einer Interaktion ein und postuliert indirekt und simultan an die anderen Anwesenden, dieser Rolle Glauben zu schenken und die Handlungen in dieser, als eine persönliche Norm des Verhaltens wahrzunehmen. Jede:r Einzelne nimmt im Gespräch eine Rolle ein, die eine Realität inszeniert, von der Andere denken, es sei Wirklichkeit. (vgl. Goffman 2019a, S. 18, 19)

Welche Rolle Menschen in Interaktionen einnehmen, ist abhängend von der Situation und Beziehungskonstellation (vgl. Holly 1979, S. 37). Die Rolleneinnahme lässt sich an einem Vorstellungsgespräch beispielhaft erläutern. Dort nimmt der/die Bewerber:in eine untergeordnete Rolle ein und präsentiert sich von seiner/ihrer besten Seite, um den Erwartungen des/der künftigen Arbeitgebers:in zu entsprechen und als Persona ingrata mit einem positiven Eindruck das Gespräch zu verlassen.

Goffman bezeichnet diese Darstellung des Selbst im Alltag, als eine selbst erbaute „Fassade“, die Menschen innerhalb der Interaktion bzw. im Beispiel des Schauspielens nutzen, um die Zuschauer:innen zufriedenzustellen. Die Fassade repräsentiert nach Goffman ein „standardisiertes Ausdrucksrepertoire“. Vorrangig erwähnt er szenische Ausdrucksmittel, wie das Bühnenbild, das aus Requisiten und Kulissen besteht, um ein authentisches Bild zu erzeugen. Das Bühnenbild allein zeichnet keine Fassade aus, sondern die bestimmten Merkmale einer:s Darstellerin:s selbst, die Goffman als „persönliche Fassade“ definiert. Darunter lassen sich oberflächliche Betrachtungen, wie Aussehen in Bezug auf Kleidung, Alter und sonstige physische Körperlichkeiten zusammenfassen, als auch verbale und nonverbale Schemata, wie Artikulation, Gestik und mimische Ausdrücke. Laut Goffman ist die persönliche Fassade in „Verhalten“ und „Erscheinung“ aufzuteilen. Unter der Erscheinung lassen sich Fakten manifestieren, die eine Aussage oder einen Interpretationsansatz über den sozialen Status einer Person liefern. Das Verhalten hingegen zeigt, welche Rolle ein Mensch besitzt, die dieser in einer Interaktion versucht einzunehmen. Resultierend daraus ist, dass zum Beispiel ruhiges, behutsames und unaufdringliches Verhalten ein Anzeichen auf Unterordnung darstellt. (vgl. Goffman 2019a, S. 23-25)

Das Schauspielen im Theater und in der Kinematographie kann nur partiell abbilden, wie sich die Inszenierung des Selbst im Alltag ausdrückt. Davon auszugehen, dass Menschen im Alltag, wie im Theater ein Spiel inszenieren und eine „künstliche Illusion“ erschaffen, welche von der Gesellschaft, als persönliches Selbstbild angesehen wird, ist nach Goffman veraltet. Andererseits ist wahr, dass jeder Mensch bestrebt ist ein Bild von sich selbst zu erzeugen, das dem Bild entspricht, welches andere einem zuweisen. „Selbstinszenierung“ ist eine aufwendige Taktik, um das Selbst gut darzustellen. Die These „[…] die ganze Welt sei eine Bühne“ (Goffman 2019a, S. 232), ist laut Goffman nicht tragbar. Um die Imagearbeit in Momenten sozialer Interaktion zu beschreiben, muss das Konstrukt der Theaterwelt auf die reale Welt übertragen werden. Dafür bedarf es der Entwicklung spezieller Termini, um Prozesse und Situationen zu definieren. In den nächsten Kapiteln werden Begriffe geklärt und verdeutlicht, mit welcher Gewohnheit das Konzept der Imagepflege dienlich ist. (vgl. Goffman 2019a, S. 230-233)

2.1 Goffman's Vorstellung von Imagearbeit

Das Image, was ist das eigentlich? Goffman definiert den Image-Begriff als einen „positiven sozialen Wert“, den jede:r Interaktionsteilnehmer:in durch ein, für sich selbst entwickeltes Muster von Verhalten, erwirbt. In einer Interaktion ist es dem Menschen möglich sich sozial authentisch darzustellen, sodass dieser in dem jeweiligen sozialen Rahmen in einem guten Licht präsentiert wird. Dadurch wird ihr/sein eigenes Image geschützt und bestätigt, da jene:r von anderen Menschen akzeptiert wird. Der Mensch ist stets darauf ausgerichtet, die Erwartungen der Mitmenschen zu erfüllen, wobei eine Erfüllung positive Konsequenzen auf das Image hat und eine Nichterfüllung, wie zum Beispiel das Nichtzurückgrüßen bei einer Begrüßung, negativ sanktioniert wird. (vgl. Goffman 2019b, S. 10, 11)

Das Image betitelt Goffman als „Selbstbild“ aus „sozial anerkannten Eigenschaften, das die anderen übernehmen können“ (Goffman 2019b, S. 10). Die sozial anerkannten Eigenschaften unterstehen der zeitlichen Weiterentwicklung, was zum Beispiel an der Entwicklung der Sprache deutlich wird. Jene Eigenschaften sind in anderen Kulturen und Subkulturen differenter etabliert, als zum Beispiel in Deutschland. Dennoch sind, Schemata wie Taktgefühl und Höflichkeit akzeptierte etablierte Verhaltensweisen in sozialen Systemen. Im Rahmen einer Interaktion ist jede:r Interagierende:r dazu verpflichtet nicht nur aus egoistischer Perspektive sein eigenes Image zu wahren, sondern auch simultan das des Gegenübers. Alle Beteiligten stellen diese Erwartung an die Anderen. (vgl. Goffman 2019b, S.19) Das Image setzt sich daher aus sozial angemessenem Verhalten zusammen und bildet ein routiniertes Muster in Form einer normativen präferierten Verhaltensstrategie (vgl. Holly 1979, S. 33).

Das Maß an Verantwortung eines Interagierenden, der das eigene Image wahren will, ist immens. Man besitzt als Mensch das Bedürfnis in der Gesellschaft, als jemand Gutes deklariert zu werden. Es liegt in der Aufgabe der Interagierenden die Lenkung des Gesprächs bzw. der Situation zu übernehmen, um so ein kontrolliertes und akzeptiertes Bild ihrer Selbst zu erschaffen und damit die „expressive Ordnung“ aufrechtzuerhalten, sowohl das eigene als auch das fremde Image in der Interaktion befriedigt. Die Stimulation der aufeinander gerichteten Erwartungen, lässt sich hier als gegenseitige Rücksichtname der Interagierenden aufeinander unter Beachtung des Aufbaus und der Aufrechterhaltung ihrer Images beschreiben. Das Image erklärt deshalb, warum ein Individuum überhaupt an einer sozialen Begegnung teilnimmt. Das Selbst hat das Ziel Anerkennung zu erhalten, sowie ein stabiles und sicheres Image aufzubauen, welches ebenso beim Aufkommen von Zwischenfällen standhaft bleibt. Deshalb tritt das Selbst in soziale Situationen ein, um das eigene Image zu entfalten. Problematisch ist, dass soziale Begegnungen doppelten Boden besitzen können, d. h. dass das Image bestätigt werden kann, oder aber das Selbstbild einer Gefährdung ausgesetzt wird und darunter leidet. Weshalb jede:r stets bemüht ein ist sogenanntes rituelles Gleichgewicht zu bewahren, indem die Images der anderen Beteiligten respektiert, akzeptiert und geachtet wird. Im Gegenzug ist erwartbar, dass Selbes mit dem eigenen Image passiert. Soziale Interaktionen, welche den Imagebeschädigungen entgegenwirken sollen, werden von Goffman als „Techniken der Imagepflege“ (face-work) bezeichnet. (vgl. Goffman 2019b, S. 12-18)

Durch geringfügige Missverständnisse kann ein Ungleichgewicht entstehen. Damit das Image nicht beschädigt wird, werden Zwischenfälle mit speziellen Techniken der Imagearbeit behoben oder protektiv und defensiv vermieden werden (vgl. Goffman 2019b, S. 18, 19). Nun stellt sich die Frage wie es zur Imagepflege kommt und wie sie betrieben wird, um dem Abbruch einer kommunikativen Handlung zu entgehen.

2.2 Von Ehrerbietung und Benehmen zum rituellen Gleichgewicht

Das zuvor angesprochene Gleichgewicht in einem Gespräch wird als „rituelle Ordnung“ bezeichnet, die wiederum eng mit dem „Ritual“ verbunden ist, das grundlegend in der direkten Kommunikation nach Goffman ist. Er beschreibt ausgehend von den Thesen Durkheim’s direkte Kommunikation als eine rituelle Handlung. Gegenstand bzw. Objekt dieser rituellen Handlung sind die teilnehmenden Individuen selbst. Die Herstellung eines rituellen Gleichgewichts ist das Ziel eines „rituellen Kodex“, der sich durch „Ehrerbietung“ und „Benehmen“ auszeichnet. Die beiden genannten Riten entspringen für die Individuen aus direkten Verhaltensregeln – den „Verpflichtungen“ und indirekten – den „Erwartungen“. Im Moment des rituellen Gleichgewichts sind die Teilnehmenden meist bemüht einen bestimmten Teil ihres Selbst darzustellen, und zwar den Teil, der ihnen innerhalb der laufenden sozialen Interaktion am authentischsten erscheint. Die durch Erwartungen und Verpflichtungen, interaktiv ausgehandelten Selbstbilder, bieten die Möglichkeit Ehrerbietung für ihr Selbst zu erhalten. (vgl. Goffman 2019b, S. 50-64)

Die Ehrerbietung beinhaltet sogenannte Vermeidungsrituale („avoidance rituals“) und Zuvorkommenheitsrituale („presentational rituals“). Vermeidungsrituale lassen sich oft in einem Korrektivprozess erkennen, der im nächsten Kapitel näher erläutert wird. Sie äußern sich vor allem durch Strategien, wie das Rechtfertigen und ebenso durch das Zeigen von Reue, Akzeptanz (siehe Anhang 1, Seite 15). Zuvorkommenheitsrituale sind bestätigende Muster. Sie treten in Paarsequenzen auf und bestärken das fremde oder das eigene Image. Durch Interessenbekundung oder allgemeine Höflichkeit – wie Begrüßung und Verabschiedung (siehe Anhang 1, Seite 16). Bestätigende Sequenzen können positiv ebenso negativ aufgefasst werden. (vgl. Holly 2001, S. 1387, 1388)

Werden beide Images in der Interaktion im entsprechenden Maß verehrt, entsteht ein rituelles Gleichgewicht (vgl. Goffman 2019b, S. 15, 52, 53).

2.3 Prozesse der Imagearbeit

Im vorherigen Kapitel wurden die Riten Ehrerbietung und Benehmen erläutert. Goffman differenziert zwischen zwei Einstellungen, welche im Normalfall simultan vorhanden sind. Eine „ defensive“ Haltung, welche das Bew ahren des eigenen Images – das „ Benehmen“ postuliert und eine „ protektive“ Haltung, die wiederum die Achtung der Images Anderer – die „ Ehrerbietung“ postuliert. Für beide Attitüden ergeben sich, so Goffman, ebenso zwei Prozesse der Imagearbeit – der „Vermeidungsprozess“, in dem das rituelle Gleichgewicht bewahrt wird und der „korrektive Prozess“, der anders als der Vermeidungsprozess, das Wiederherstellen des rituellen Gleichgewichts nach geschehenden Zwischenfällen beinhaltet. (vgl. Goffman 2019b, S. 19, 21, 61, 86)

„Die Handlungssequenz, die durch eine anerkannte Bedrohung des Images in Bewegung gesetzt wird und mit der Wiederherstellung des rituellen Gleichgewichts endet, werde ich Ausgleichshandlung nennen.“ (Goffman 2019b, S. 25). Die Basis der Ausgleichshandlung, die das rituelle Gleichgewicht wiederherstellen soll, besteht aus drei Phasen. Den ersten Part im Korrektivprozess übernimmt die „Herausforderung“. Eine:r Interagierende:r weist auf das Fehlverhaltens eines Anderen hin und postuliert die Wiederherstellung des rituellen Gleichgewichts. Darauffolgend wird das „Angebot“ ausgesprochen. Hierbei wird versucht die Folgen des Fehlverhaltens, auf das in Herausforderung hingewiesen wurde, wiedergutzumachen. Nach Goffman lassen sich drei Vorgehensweisen des Angebots differenzieren – das Angebot einer Neudefinition der Handlung oder ihres Urhebers, das Angebot einer Entschädigung oder das Angebot einer Selbstbestrafung. Nach Vollziehen einer Form des Angebots folgt das „Akzeptieren“, d. h. das Angebot wird im besten Fall angenommen. Sollte das Angebot (Korrektivschritt) nicht zufriedenstellend durchgeführt und von den Interagierenden nicht honoriert werden, wird die Herausforderungs- und Angebotssequenz wiederholt, bis das rituelle Gleichgewicht hergestellt ist. Zuletzt folgt eine „Dank-Sequenz“. Dort signalisiert die für das Fehlverhalten verantwortlich gemachte Person denjenigen, die das Angebot gemacht haben, ihren Dank. Opfer oder Täter, der Imagebedrohung, sind nicht gezwungen die erste und zweite Phase auszuführen. Auch Beobachtende der Situation können auf das Fehlverhalten aufmerksam machen und dadurch versuchen die temporär beschädigten Images der Gesprächsteilnehmer:innen wiederherzustellen.(vgl. Goffman 2019b, S. 26-29)

Generell intendieren Interagierende keine Zwischenfälle entstehen zu lassen. Spezielle Vermeidungstaktiken äußern sich auf drei Arten. Beispielsweise durch das Vorbeugen von Zwischenfällen. Diese defensive Haltung ermöglicht es dem Selbst ein Image zu erschaffen, welches vor eventuellen Bedrohungen geschützt ist. Das strategische Fernhalten von Themen und Tätigkeiten, die nicht zum präsentierten Image passen. Selbes Verfahren wird durch eine protektive Einstellung ebenso auf das fremde Image angewendet, d. h. das Selbst verhält sich respektvoll und diskret, um die/den Andere:n beim Aufbau ihres/seines Images zu unterstützen. Treten trotz dessen heikle Themen auf, können Teilnehmende signalisieren, dass das rituelle Gleichgewicht nicht gestört werden soll. Jenes wird durch Bescheidenheit oder Höflichkeit, sowie zweideutige oder scherzhafte Phrasen kundgetan. Auf diese Weise werden symbolische Implikationen von Handlungen abgeschwächt und Interagierende haben die Möglichkeit ihr Image abzuschirmen. Zwischenfälle können ebenso unbeachtet bleiben. So wird das rituelle Gleichgewicht bewahrt, indem die Interagierenden die folgende auslösende Handlung oder die damit verbundene Imagebedrohung ignorieren. Als Letztes überbleibt das Verbergen von Zwischenfällen. Scheint ein Zwischenfall zu bedrohlich, so können die Interagierenden versuchen ihn zu verheimlichen, um das rituelle Gleichgewicht nicht zu gefährden. Beide Prozesse werden in einem Schaubild (siehe Anhang 2, Seite 17) vereinfacht dargestellt. (vgl. Goffman 2019b, S. 22-24)

3. Erweiterung der „face-work“ durch Brown & Levinson

Brown & Levinson definieren in ihrem Werk „Politeness“ das Gesicht (Image) als „das öffentliche Selbstbild, das jedes Mitglied für sich in Anspruch nehmen will“, das nach ihnen „alle kompetenten erwachsenen Mitglieder einer Gesellschaft haben (und wissen voneinander, dass sie haben)“ (Brown und Levinson 2007, S. 59). Die Begriffe Durkheim’s eines positives Gesichts („positive face“), ein „konsistentes Selbstbild“ mit dem Ziel der Anerkennung, begehrt und wertgeschätzt zu werden und eines negativen Gesichts („negative face“), welches wiederum den Anspruch auf Handlungsfreiheit postuliert, um uneingeschränkt Handlungen ausführen zu können, übernehmen Brown & Levinson und bündeln diese in ihrer Definition des Gesichts. Sie deklarieren das Gesicht als ein „Bedürfnis“, um das Interagierende bestrebt sind es zu befriedigen. In wenigen einzelnen Interaktionen wird dieses Bedürfnis nicht befriedigt, weil nicht jeder Mensch das Achten des Gesichts („face respect“) als ein festgeschriebenes Gesetz betrachtet. (vgl. Brown und Levinson, 2007, S. 59-61)

Das negative und positive Gesicht lassen sich homogen zusammenfassen, allerdings ist Heterogenität in ihren Definitionen festzustellen. Kontraste verdeutlichen, in welcher differenten Art und Weise Bedrohungen auftreten. Ein bedrohtes negatives Gesicht liegt vor, wenn ein:e Interagierende:r normativ in das Handeln einer/eines Anderen eingreift und direkt darauf hinweist, wie die betreffende Person eigentlich handeln muss. Die Bedrohungen können hier auf differente Weisen erfolgen. Einerseits in Form von Bitten und Befehlen, bei denen eine Person postuliert, dass jemand eine spezielle Handlung erfüllt oder unterlässt. Dazukommt, dass Ratschläge und ebenso Vorschläge ausgesprochen werden, um der Person zu zeigen, welche Handlung angemessen ist. Ebenso besteht die Chance zum Kundtun von Mahnungen, Drohungen, Warnungen oder Herausforderungen, welche der Person signalisieren, dass ihre Handlung zu einer Sanktion führen kann. Die Bedrohung des positiven Gesichts äußert sich hingegen durch ein rücksichtsloses Nichtbeachten der Gefühle und Bedürfnisse, der anderen interagierenden Person. Verdeutlicht durch kritische, beleidigende, beschuldigende etc. Ausrücke. Das Ansprechen öffentlich kritischer Themen ist gleichermaßen ein Akt der Bedrohung des positiven Gesichts. Das positive Gesicht wird geschädigt, da die persönliche Meinung nicht geteilt und taktloses Verhalten gegenüber der Person geäußert wird. Brown & Levinson bezeichnen dies als „gesichtsbedrohende Akte“ (GBAs = engl. face-threatening acts). (vgl. Brown und Levinson 2007, S. 65-67)

Den Vorgang, um gesichtsbedrohende Akte zu vermeiden, zeigen Brown & Levinson in einer Abbildung (siehe Anhang 2, Seite 18). Gesichtsbedrohende Situationen zu vermeiden ist im Normalfall das Ziel, welches häufig mit dem Bedürfnis, die auftretende Bedrohung zu verkleinern einhergeht. Brown & Levinson geben eine Strategie vor, falls eine solche Situation unvermeidbar ist. Im Fall eines Ausführen des GBAs gibt es zwei Vorgehensweisen, um die Gefahr eines Gesichtsverlustes auf ein Minimum zu senken. Man kann einerseits offenkundig („on record“) handeln, d.h. es wird eine bestimmte Aktion ausgeführt, von der die Beteiligten wissen, welcher „kommunikativen Absicht“ diese unterliegt. Andererseits ist es möglich nicht offenkundig zu handeln („off record“), was bedeutet, dass nicht klar erfasst werden kann, welche Absicht mit dieser Aktion verfolgt wird. Ausgehend von der offenkundigen Art, liegt es am Handelnden selbst, ob sogenannte „Kompensationsbemühungen“ in eine Handlung einfließen. Eine Aktion, ohne kompensierende Handlung, äußert sich als nicht misszuverstehende Ausführung, die sich beispielhaft von einer Bitte zu einer direkten Aufforderung etabliert. Bemühen um Kompensation, gegenseitiges Respektieren und das Wertschätzen der Bedürfnisse des Gegenübers münden in zwei Richtungen, in Abhängigkeit, ob das negative oder positive Gesicht beansprucht wird. Laut Brown & Levinson entsteht positive oder negative Höflichkeit. Positive Höflichkeit bezieht sich auf das positive Gesicht und sorgt im Fall eines GBAs dafür, dass die Bedürfnisse und Gefühle der beteiligten Personen geachtet werden. Die negative Höflichkeit hingegen beansprucht das negative Gesicht, indem die Handlungsfreiheit der Interagierenden während des GBAs akzeptiert und toleriert wird. (vgl. Brown und Levinson 2007, S. 69-71)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Prozesse der Imagearbeit. Welche Auswirkungen hat das Image auf unsere sozialen kommunikativen Interaktionen?
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Gesprächsanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1160724
ISBN (Buch)
9783346562241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prozesse, imagearbeit, welche, auswirkungen, image, interaktionen
Arbeit zitieren
Antonia Haß (Autor:in), 2021, Prozesse der Imagearbeit. Welche Auswirkungen hat das Image auf unsere sozialen kommunikativen Interaktionen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1160724

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