Oral History bezeichnet eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die
etwa seit den 60er Jahren in Deutschland von Historikern angewendet wird.
Speziell durch das Erforschen der Alltagsgeschichte von Personengruppen
etablierte sich die Oral History als Methode, durch Befragungen von
Zeitzeugen an Informationen, Hintergrundwissen und deren persönliche
Erfahrung zu gelangen, die in schriftlichen Quellen nicht auszumachen sind.
Dass diese Art der Forschung mit einer gewissen Sorgfalt angewendet und
ausgewertet muss, versteht sich durch die subjektive
Wahrnehmungsprägung der erzählten Erlebnisse und Ereignisse. Doch
gerade dies kann zu Erkenntnissen führen, die ‚objektive’ Quellen nicht
bieten können: die Meinungen, Stimmungen, Emotionen und auch der
Wissensstand bestimmter Personen oder Gruppen lässt sich anhand von
Oral History ermitteln.
Diese Arbeit besteht aus drei thematischen Teilen. Zu Beginn sollen die
Begriffe Biographieforschung und Oral History erläutert werden.
Biographieforschung wird sowohl von Oral History abgetrennt betrachtet
werden, da Oral History als Methode innerhalb der Biographieforschung
gebraucht werden kann, aber die Biographik ebenso Teil von Oral History
sein kann. Im zweiten Teil werden die Ergebnisse von unterschiedlichen
Befragungen eines Zeitzeugen zum identischen Thema dargestellt und in
einem Überblick verglichen. Durch das praktische Beispiel sollen die im
ersten, theoretischen Teil aufgeführten Probleme der Oral History
verdeutlicht werden. In einem letzten Abschnitt soll dann eine
Zusammenfügung beider Teile mit Hilfe der (psychologischen)
Gedächtnisforschung erfolgen, die die Hintergründe der Schwierigkeiten
dieser Methode und derer möglichen Erklärungen aufzeigen soll.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographieforschung
2.1. Definition
2.2. Vollbiographie und Sozialbiographie
2.3. Nachteile
3. Oral History
3.1. Definition
3.2. Arten von Oral History: Gemeinschaftsstudien
3.3. Arten von Oral History: Biographien
3.4. Arten von Oral History: Familienforschung
3.5. Vorteile
3.6. Nachteil: der Vorteil eines Nachteils
3.7. Weitere Schwierigkeiten
4. Oral History praktisch: Interviews mit einem Zeitzeugen
4.1. Die Stationen des jungen Soldaten Bert S.
4.2. Kriegsgefangenschaft in Frankreich
4.3. Übereinstimmungen und Zusammenhänge
5. Die Erinnerung in der Gedächtnisforschung
6. Schluss
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die methodischen Grundlagen der Oral History sowie deren Verflechtung mit der Biographieforschung und der psychologischen Gedächtnisforschung, um die Zuverlässigkeit und den Erkenntniswert subjektiver Zeitzeugenerzählungen kritisch zu hinterfragen.
- Grundbegriffe der Biographieforschung und Oral History
- Klassifizierung verschiedener Ansätze der Oral History
- Methodische Vorteile und Probleme qualitativer Zeitzeugeninterviews
- Praktische Analyse der Erzählungen eines Zeitzeugen über Krieg und Gefangenschaft
- Einordnung subjektiver Erinnerungsprozesse durch die Gedächtnisforschung
Auszug aus dem Buch
3. 6. Die Vorteile des Nachteils
Das zentrale Problem der Oral History ist das identische Problem der Biographieforschung: das Befragte liegt zum Zeitpunkt des Interviews in der Vergangenheit zurück und muss „erst durch den Filter der Erinnerung gehen“ und sei somit „zufällig, einseitig, subjektiv.“
Dies ist die problematische Besonderheit der Oral History. Diese oftmals als negativ bewertete Tatsache, dass Zeitzeugen oftmals fälschliche Angaben zu Ereignissen machen (z.B. bestimmte, wissenschaftlich gefestigte Daten oder historische Ereignisse falsch wiedergeben), sieht Yow eben nicht als Schwachpunkt an. Herausfiltern kann man solche „Dissonanzen“, die Friedhelm Boll als „ausgesprochen produktive Widersprüche“ bezeichnet, indem man die Erzählungen nicht nur mit historisch gefestigten Erkenntnissen, sondern auch mit anderen schriftlichen Quellen aus dem Umfeld der berichtenden Person vergleicht (z.B. Briefe, Tagebücher etc.). Yow ist der Auffassung, dass gerade falsche Angaben, die von den Erzählenden als selbstverständlich korrekt angenommen werden, viel Aufschluss über die Ereignisse geben können. Sie beruft sich dabei auf den Oral Historian Alessandro Portelli, welcher solche Falschaussagen für „psychologically true“ hält.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit stellt die Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode vor und erläutert die dreiteilige Vorgehensweise: Theorie, Praxisbeispiel eines Zeitzeugen und psychologische Analyse.
2. Biographieforschung: Hier werden die wissenschaftlichen Grundlagen und die historische Entwicklung der Biographieforschung sowie die Unterscheidung zwischen Vollbiographie und Sozialbiographie erörtert.
3. Oral History: Dieses Kapitel definiert Oral History, ordnet sie in verschiedene Forschungsarten ein und beleuchtet die methodischen Vor- und Nachteile sowie die Problematik des menschlichen Erinnerungsvermögens.
4. Oral History praktisch: Interviews mit einem Zeitzeugen: Anhand narrativer Interviews mit dem Zeitzeugen Bert S. wird die Konsistenz und Variabilität von Erinnerungen bezüglich seiner Kriegserlebnisse und seiner Kriegsgefangenschaft analysiert.
5. Die Erinnerung in der Gedächtnisforschung: Dieser Teil untersucht die psychologischen Hintergründe von Erinnerungsprozessen, insbesondere die Bedeutung von Emotionen für die Behaltensleistung und die subjektive Konstruktion von Erlebtem.
6. Schluss: Das Fazit resümiert, dass die Oral History durch den Einbezug subjektiver Erinnerungen zwar keine objektiven Wahrheiten liefert, aber wesentliche Einblicke in menschliche Erlebensweisen ermöglicht.
7. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Oral History, Biographieforschung, Gedächtnisforschung, Zeitzeugen, Erinnerung, Narratives Interview, Sozialbiographie, Subjektivität, Strukturgeschichte, Kriegsgefangenschaft, Psychologie, Flashbulb memories, Historische Forschung, Alltagsgeschichte, Wahrnehmungssynthese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die methodische Anwendung der Oral History zur Erforschung von Vergangenem durch Zeitzeugeninterviews und hinterfragt die Verlässlichkeit dieser subjektiven Quellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Biographieforschung, die verschiedenen Arten der Oral History, die psychologische Erforschung des menschlichen Gedächtnisses sowie deren praktische Verknüpfung durch eine Zeitzeugenstudie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu zeigen, wie Oral History als Methode trotz der Problematik subjektiver Erinnerungen wertvolle Erkenntnisse über Geschichte und individuelles Erleben liefern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse sowie ein praktisches Beispiel, basierend auf narrativen Interviews mit einem Zeitzeugen, welche durch psychologische Gedächtnistheorien gedeutet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von einer Fallstudie über die Erlebnisse eines Zeitzeugen im Zweiten Weltkrieg und einer abschließenden Reflexion durch die Gedächtnisforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Oral History, Biographieforschung, Gedächtnis, Zeitzeugen und die Subjektivität historischer Erzählungen.
Warum variieren die Angaben des Zeitzeugen über seinen Cousin?
Die Diskrepanzen in den Erzählungen über den Cousin könnten auf emotionale Betroffenheit oder Lücken im Gedächtnis hindeuten, wobei die Gedächtnisforschung den Prozess als eine subjektive Rekonstruktion statt einer objektiven Dateiablage betrachtet.
Warum hält die Autorin "Falschaussagen" für wertvoll?
Falschaussagen werden als „psychologisch wahr“ betrachtet, da sie oft mehr über die Einstellung, Ängste und die Wahrnehmung der erzählenden Person aussagen als eine bloße Faktenauflistung.
- Quote paper
- M.A. Christine So-Young Um (Author), 2006, Oral History und Gedächtnisforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116097