Am Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität beschäftigten sich schon mehrere Diplomarbeiten mit der Rhetorik an Universität und Schule. Diese Untersuchungen bezogen sich vor allem auf das 17. und beginnende 18. Jahrhundert. Sie befassten sich mit der Rolle der Rhetorik in der Gesellschaft der Aufklärung und im Curriculum der Fridericiana bzw. mit rhetorischen Aspekten in den Lehrplänen an Hallenser Schulen Anfang des 18. Jahrhunderts. Zwei Arbeiten stellten die Professoren der Beredsamkeit an der Fridericiana im 17. und 18. bzw. im 19. und 20. Jahrhundert vor (vgl. Riedel 1999; Birke 1998; Riede 1998; Keil 1996).
Zum Ende des 18. Jahrhunderts bzw. den Beginn des 19. Jahrhunderts, in dessen Verlauf sich die Einstellung zu rhetorischen und poetischen Aspekten weitreichend änderte, gab es bis jetzt noch keine Untersuchung. Auch die Rolle des Faches Rhetorik in der schulischen Bildung dieser Zeit wurde bis jetzt noch nicht untersucht. In der vorliegenden Arbeit sollen nun die pädagogischen Konzepte des schulischen Rhetorikunterrichts exemplarisch mithilfe einer der wichtigsten pädagogischen Schriften des 19. Jahrhunderts beleuchtet und beschrieben werden.
Sie widmet sich aber nicht nur rhetorischen und pädagogischen Gesichtspunkten, es werden auch gesellschaftliche und philosophische Veränderungen einbezogen, die letztlich zu einem anderen Verständnis von Erziehung und damit auch des Rhetorikunterrichts und seinen Inhalten geführt haben. Wichtig dafür ist eine historische Einordnung – einerseits um August Hermann Niemeyers Beweggründe und pädagogische Vorstellungen zu verstehen, andererseits um diese Vorstellungen in einen größeren Kontext einordnen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 August Hermann Francke und seine Stiftungen
2.1 Biographie
2.1.1 Kindheit und Jugend
2.1.2 Studienjahre und akademische Laufbahn
2.1.3 Verfolgung und Festanstellung
2.1.4 Die Gemeinde Glaucha
2.1.5 Die Glauchaischen Anstalten
2.1.6 Franckes Arbeit an der Universität
2.1.7 Letzte Lebensjahre
2.2 Die Franckeschen Stiftungen im 18. Jahrhundert
2.2.1 Freylinghausen und Gotthilf August Francke
2.2.2 Veränderungen an der Universität
2.2.3 Die Krise der Stiftungen
2.2.4 Ein neuer Anfang
3 August Hermann Niemeyer
3.1 Biographie
3.1.1 Kindheit und Jugend
3.1.2 Studienjahre
3.1.3 Akademische Laufbahn
3.1.4 Die Entwicklung der Ästhetik als philosophische Disziplin
3.1.5 Inspektor über das Pädagogium
3.1.6 Pädagogische Arbeit und akademische Lehrfreiheit
3.1.7 Die Empfindsamkeit
3.1.8 Die Persönlichkeit Niemeyers
3.1.9 Niemeyer als Mitglied der halleschen Gesellschaft
3.1.10 Napoleonische Herrschaft
3.1.11 Deportation und Rettung
3.1.12 Fortbestand und Freiheitskampf
3.1.13 Preußens Wiederkehr
3.1.14 Letzte Lebensjahre
3.2 Der Autor Niemeyer
3.3 Der Pädagoge Niemeyer
3.3.1 Allgemeine pädagogische Standpunkte
3.3.2 Der Einfluss der Erfahrungsseelenkunde
3.3.3 Der Einfluss Herders
3.3.4 Integration der neuen Ansätze in die Unterrichtsgestaltung
4 Die „Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts“ – Inhalte und Ziele
5 Analyse
5.1 Vorbemerkungen
5.2 „Vom deutschen Sprachunterricht“
5.2.1 Lehrschwerpunkte
5.2.1.1 Mechanische Fertigkeiten – Zur „Bildung der Sprachwerkzeuge“
5.2.1.2 Die Bildung des Stils
5.3 Rhetorischer Unterricht
5.3.1 Zum Verhältnis von Rhetorik und Poetik
5.3.2 Allgemeine Einführung
5.3.3 Rhetorik und Poetik
5.3.4 Vorbereitung auf die Theorie
5.3.5 Erste Behandlung der Theorie
5.3.6 Praktische Übungen in der Anwendung der Rhetorik und Poetik
5.3.7 Mündliche Wohlredenheit
5.3.8 Deklamation und Aktion
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die pädagogischen Konzepte des Rhetorikunterrichts im 19. Jahrhundert am Beispiel der Schriften von August Hermann Niemeyer. Ziel ist es, die didaktische Methodik Niemeyers unter Einbeziehung des historischen Kontextes (Aufklärung, Pietismus und Empfindsamkeit) historisch einzuordnen und ihren Einfluss auf das Bildungswesen zu beleuchten.
- Biographische und historische Einordnung von A.H. Francke und A.H. Niemeyer
- Die Franckeschen Stiftungen im 18. und 19. Jahrhundert als bildungspolitischer Lernort
- Entwicklung und Systematisierung der Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin
- Analyse des Deutsch- und Rhetorikunterrichts nach den "Grundsätzen der Erziehung und des Unterrichts"
- Die Bedeutung der Empfindsamkeit und Erfahrungsseelenkunde für die Erziehungspraxis
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Studienjahre
Ab 1771 studierte August Hermann Niemeyer an der Universität in Halle. Während seiner Studentenzeit begann der preußische Hof mehrere Reformen an der Universität. Der Oberkurator über die preußische Universitäten, Karl Abraham von Zedlitz und Leipe, ein ehemaliger Absolvent der Fridericiana, versuchte den Qualitätsverlusten, die sich seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges abzeichneten, entgegen zu wirken. Dies gelang ihm durch eine geschickte Personal- und Lehrplanpolitik.
Er führte im Zuge seines Reformprogramms mehrere Neuerungen ein. Dazu gehörten praktisch-didaktische Übungen im Theologiestudium, einschließlich der Vermittlung pädagogischer Kenntnisse. Die Allgemeinbildung der Studenten sollte erhöht werden. Die Professoren sollten ihre Vorlesungen nicht mehr diktieren, sondern den freien Vortrag bevorzugen (vgl. Kertscher 2004a, 72.).
Die Streittheologie und Schulphilosophie hatten seit Anfang des 18. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung verloren. So ging auch ihre Art der Wissensvermittlung, die scholastische Disputation, ein. Dies wurde noch beschleunigt durch die neue Unterrichtssprache – das Deutsche hielt Einzug in die Hörsäle und Seminare. Die lateinische Eloquenz, die früher als das Ideal der Bildung galt, war nun nichts mehr wert.
Aber nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt des Unterrichts veränderte sich. Die Wahrheit war nicht mehr durch eine (kirchliche) Instanz vorgegeben, sondern die Mitarbeiter der Universität waren dazu da, sie zu suchen. Die Suche erfolgte nicht durch Ableitung aus feststehenden Sätzen, sondern durch sachliche Untersuchungen, Beobachtungen und Experimente. In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen setzte sich die historisch – philologische Kritik zur Erkenntnisgewinnung durch. Das Prinzip, das ab jetzt für alle Disziplinen, geistes- oder naturwissenschaftlich, galt, war das der „libertas philosophandi“ (Paulsen 1921, 136). Der Lehrer stand für die Wahrheit seiner Lehre ein. Dies verpflichtete ihn und seine Hörer zum Selbstdenken und zum Prüfen des übermittelten Wissens. Das Autoritätsprinzip, das einen Lehrkanon vorgegeben hat, war damit vorbei (vgl. Paulsen 1921, 132ff.). Der neue Student sollte „selbst sehen, untersuchen, denken lernen“ (Paulsen 1921, 136).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Erläuterung des Forschungsgegenstandes und der Relevanz der Untersuchung des Rhetorikunterrichts im 19. Jahrhundert.
2 August Hermann Francke und seine Stiftungen: Historische Darstellung der Gründung und des Wirkens der Franckeschen Stiftungen unter pietistischem Einfluss.
3 August Hermann Niemeyer: Detaillierte biographische Skizze Niemeyers sowie Analyse seiner pädagogischen Einflüsse durch Zeitgeist, Literatur und Philosophie.
4 Die „Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts“ – Inhalte und Ziele: Überblick über Niemeyers pädagogisches Hauptwerk und seine eklektische Lehrmethode.
5 Analyse: Systematische Auswertung der pädagogischen Prinzipien und des Deutsch- sowie Rhetorikunterrichts basierend auf den „Grundsätzen“.
6 Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse und Einordnung von Niemeyers Wirken als Bindeglied zwischen Aufklärung und 19. Jahrhundert.
7 Anhang: Auflistung der wichtigsten pädagogischen Schriften A.H. Niemeyers.
8 Literaturverzeichnis: Umfassende Dokumentation der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
August Hermann Niemeyer, Franckesche Stiftungen, Pädagogik, Rhetorikunterricht, Aufklärung, Pietismus, Empfindsamkeit, Deutschunterricht, Erfahrungsseelenkunde, Menschenbildung, Schulpädagogik, Didaktik, Bildungsgeschichte, Philologie, Klassik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die pädagogischen Ansätze und Methoden des Rhetorikunterrichts im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert am Beispiel von August Hermann Niemeyer.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Bildungsgeschichte der Franckeschen Stiftungen, die Entwicklung der Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin und die methodischen Konzepte zur Sprachbildung und Rhetorik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die pädagogischen Konzepte Niemeyers exemplarisch darzustellen, ihre historische Genese aus der Verbindung von pietistischen Wurzeln und aufklärerischen Idealen zu erklären und den Einfluss dieser Lehrmethoden auf das Schulwesen zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine historisch-analytische Methode, die auf der Auswertung von Primärquellen (vor allem Niemeyers "Grundsätze") und einer Literaturrecherche zu den zeitgenössischen bildungstheoretischen Diskussionen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende biographische Aufarbeitung, die Kontextualisierung durch geistige Strömungen wie die Erfahrungsseelenkunde und eine detaillierte didaktische Analyse der sprachlichen Bildungsziele und rhetorischen Übungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Niemeyer, Pietismus, Aufklärung, Pädagogik, Rhetorik, Schulpädagogik und Bildungsgeschichte.
Welche Bedeutung hatte das Pädagogium Regium für Niemeyers Wirken?
Das Pädagogium diente als zentraler Ort, an dem Niemeyer seine theoretischen Reformkonzepte praktisch erproben und durch Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich etablieren konnte.
Warum sieht die Autorin in Niemeyer einen "Wegweiser in das 19. Jahrhundert"?
Niemeyer gelingt es, die starren, traditionellen Strukturen des Pietismus mit modernen, aufklärerischen Bildungszielen zu verbinden und so ein systematisches pädagogisches Lehrsystem zu schaffen, das die Ausbildung des Menschen ganzheitlich in den Fokus rückt.
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- Diplom-Sprechwissenschaftlerin Claudia Langosch (Author), 2006, August Hermann Niemeyers pädagogische Konzepte zum rhetorischen Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116101