Das Ziel der folgenden Masterarbeit ist es herauszufinden, ob andere Faktoren als die Aussprachekonvention die Standardaussprache der Deutschschweizer:innen beeinflussen könnten. Dabei wird der Fokus spezifisch auf die Metadaten der Sprecher:innen gesetzt. Somit befasst sich diese Arbeit mit folgender Fragestellung: Inwiefern wird die Aussprache des Standarddeutschen vom soziodemografischen Hintergrund der Sprecher:innen beeinflusst?
Die spezielle Beziehung, die Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen zur Aussprache ihrer offiziellen Muttersprache Deutsch hegen, stellt nicht nur in der Wissenschaft einen Sonderfall dar, sondern wird auch im Land selbst häufig diskutiert. Obwohl ein gewisses Bewusstsein über regionale Unterschiede der deutschen Standardsprache existiert, wird die eigene Standardaussprache in den meisten Fällen als minderwertig und fehlerhaft betrachtet. Generell scheint es klare Vorstellungen zu geben, wie die schweizerische Aussprache von Standarddeutsch klingen – oder eben nicht klingen – darf. Diese Meinungen unterscheiden sich jedoch stark. So heisst es über Personen, die ein deutschländisches Deutsch sprechen – wie es beispielsweise die Sängerin Stefanie Heinzmann aus dem Wallis in Interviews in Deutschland tut – man "will mit einem aufgesetzten Bühnendeutsch brillieren" und wird in die Schublade der "urbane[n] Schickeria" gesteckt, da man dem "Trend" verfallen ist.
Andererseits wurde beispielsweise der Berner Schauspielerin Sabine Timoteo nach ihrem Gastauftritt im Münchner Tatort mehrfach in der Presse vorgeworfen, in einem "so haarsträubend übertriebenen Hochdeutsch mit Schweizer Akzent" gesprochen zu haben, "dass sich hiesige 'Tatort'-Fans gehörig auf die Füsse getreten fühlten". Die Figur der Gabi Kunz empörte viele Schweizer:innen, da sie ihrer Meinung nach zu schweizerisch sprach und sogar die Frage gestellt wurde, ob "jemand mit IQ über 50 überhaupt so reden kann". Die Standardaussprache in der Schweiz kann also je nachdem eine mehr schweizerische oder mehr deutschländische Färbung aufweisen, abhängig von der Art wie die einzelnen Laute realisiert werden und die Meinungen darüber, welche Varietät bevorzugt werden soll, teilen sich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Terminologie
2. Die Sprachensituation in der Schweiz
2.1 Diglossie oder Bilingualismus?
2.2 Die schweizerische Standardsprache
2.3 Spracheinstellungen
2.4 Literatur zur Aussprache des Schweizerhochdeutschen
2.5 Literatur zum Einfluss auf die Aussprache
2.5.1 Geschlecht
2.5.2 Alter
2.5.3 Bildung und soziale Klasse
2.5.4 Spracheinstellungen
2.5.5 Persönlichkeit
2.5.6 Medienkonsum
2.5.7 Sprachgebrauch
2.6 Die Aussprachenormen der schweizerischen und deutschländischen Standardsprache
2.6.1 Vokale
2.6.2 Konsonanten
2.7 Hypothesen
3. Experiment 1
3.1 Methoden
3.1.1. Erhebungen im Rahmen des SDATS-Projekts
3.1.2. Ortschaften
3.1.3. Gewährspersonen
3.1.4. Material
3.1.5. Vorgehensweise
3.2 Resultate
3.2.1 Generelle Verteilung
3.2.2 Verteilung einzelner Features
3.3 Vergleich der Ergebnisse und Erklärungsversuche
3.3.1 Total Score
3.3.2 Die r-Laute
3.3.3 Der alveolare Frikative /s/
3.3.4 Der Laut für den Buchstaben <ä>
3.3.5 Die Frikative /x/
3.3.6 Die Affrikate /k/
3.3.7 Die Lautverbindung [ks]
3.3.8 Weitere Einflüsse auf die Aussprache
4 Experiment 2: Perzeptionsanalyse
4.1 Methoden
4.1.1 Studiendesign
4.1.2 Gewährspersonen
4.1.3 Vorgehensweise
4.2 Allgemeine Resultate
4.2.1 Faktoren, welche die Ratings beeinflussen
4.2.1.1 Bildung
4.2.1.2 Alter
4.3 Diskussion der Perzeptionsanalyse
5. Gesamtdiskussion
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Masterarbeit untersucht den Einfluss soziodemografischer Faktoren (wie Geschlecht, Alter, Bildung, Spracheinstellungen, Medienkonsum und Persönlichkeit) auf die Aussprache des Standarddeutschen bei Deutschschweizer:innen. Zudem analysiert sie in einer Perzeptionsstudie, wie verschiedene Aussprachevarianten von Sprecher:innen innerhalb der Deutschschweiz wahrgenommen und bewertet werden.
- Diglossie und Sprachensituation in der Schweiz
- Standarddeutsche Aussprachenormen und Schweizer Besonderheiten
- Empirische Analyse der Aussprache von 24 Gewährspersonen
- Einfluss aussersprachlicher Metadaten auf die Lautproduktion
- Perzeptionsstudie zur Bewertung der Attraktivität, Kompetenz und Sympathie von Sprecher:innen
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Die spezielle Beziehung, die Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen zur Aussprache ihrer offiziellen Muttersprache Deutsch hegen, stellt nicht nur in der Wissenschaft einen Sonderfall dar, sondern wird auch im Land selbst häufig diskutiert. Obwohl ein gewisses Bewusstsein über regionale Unterschiede der deutschen Standardsprache existiert, wird die eigene Standardaussprache in den meisten Fällen als minderwertig und fehlerhaft betrachtet (vgl. Guntern 2009, 5). Generell scheint es klare Vorstellungen zu geben, wie die schweizerische Aussprache von Standarddeutsch klingen – oder eben nicht klingen – darf. Diese Meinungen unterscheiden sich jedoch stark.
Wird in einem schweizerischen Kontext versucht, die Standardsprache wie die nördlichen Nachbaren zu sprechen, wird dies allgemein nur toleriert, sofern man einen gewissen Prozentanteil deutschen Blutes nachweisen kann. Ansonsten wird man nicht nur belächelt, sondern auch als unsympathisch und angeberisch abgestempelt. So heisst es über Personen, die ein deutschländisches Deutsch sprechen – wie es beispielsweise die Sängerin Stefanie Heinzmann aus dem Wallis in Interviews in Deutschland tut – man „will mit einem aufgesetzten Bühnendeutsch brillieren“ und wird in die Schublade der „urbane[n] Schickeria“ gesteckt, da man dem „Trend“ (Tages-Anzeiger: 21.05.2010) verfallen ist.
Andererseits wurde beispielsweise der Berner Schauspielerin Sabine Timoteo nach ihrem Gastauftritt im Münchner Tatort mehrfach in der Presse vorgeworfen, in einem „so haarsträubend übertriebenen Hochdeutsch mit Schweizer Akzent“ gesprochen zu haben, „dass sich hiesige «Tatort»-Fans gehörig auf die Füsse getreten fühlten“ (Tages-Anzeiger: 31.03.2009). Die Figur der Gabi Kunz empörte viele Schweizer:innen, da sie ihrer Meinung nach zu schweizerisch sprach und sogar die Frage gestellt wurde, ob „jemand mit IQ über 50 überhaupt so reden kann“ (Tages-Anzeiger: 31.03.2009). In seiner Wegleitung zur Aussprache des Hochdeutschen in der Schweiz beschrieb Boesch bereits 1957 diese ambivalente Haltung der Deutschschweizer:innen gegenüber der Standardaussprache: „Beim Schauspieler ist es uns peinlich, den Schweizer herauszuhören; in allen anderen Sprechsituationen ist es ebenso peinlich, ihn nicht zu vernehmen“ (Boesch 1957, 12ff., zit. n.: Hove 2002, 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die ambivalente Beziehung der Deutschschweizer:innen zur Standardaussprache und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Einflusses soziodemografischer Faktoren.
2. Die Sprachensituation in der Schweiz: Dieses Kapitel diskutiert Diglossie, Bilingualismus, die Rolle des Schweizerhochdeutschen sowie den Stand der Forschung zu Aussprachenormen und Spracheinstellungen.
3. Experiment 1: Hier werden die Methoden, die Teilnehmer und die Analyse der Aussprache von vorgelesenen Standardsprache-Texten durch 24 Gewährspersonen detailliert beschrieben und die Resultate diskutiert.
4 Experiment 2: Perzeptionsanalyse: Dieses Kapitel erläutert das Studiendesign und die Ergebnisse einer Wahrnehmungsstudie, die untersucht, wie verschiedene Aussprachevarietäten von Proband:innen bewertet werden.
5. Gesamtdiskussion: Die Ergebnisse beider Experimente werden zusammengeführt, interpretiert und vor dem Hintergrund der aufgestellten Hypothesen kritisch betrachtet.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, insbesondere die Beliebtheit einer Mischvarietät und die ambivalente Haltung zur Standardsprache.
Schlüsselwörter
Deutschschweiz, Standardsprache, Schweizerhochdeutsch, Diglossie, Aussprache, Sprachwandel, Soziolinguistik, Perzeptionsstudie, Spracheinstellung, Sprachkonvention, Varietäten, Phonetik, Sprachproduktion, soziodemografische Faktoren, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Deutschschweizer:innen zur deutschen Standardsprache und wie sich verschiedene soziodemografische Faktoren auf die individuelle Aussprache sowie die Bewertung unterschiedlicher Aussprachevarianten auswirken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die Sprachensituation in der Schweiz (Diglossie/Bilingualismus), die Etablierung schweizerischer Aussprachenormen, Einflüsse wie Alter, Geschlecht und Bildung auf die Lautproduktion sowie die perzeptive Bewertung von Standardvarianten durch die Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, inwiefern der soziodemografische Hintergrund von Sprecher:innen deren Aussprache des Standarddeutschen beeinflusst und wie verschiedene Standardvarietäten innerhalb der Deutschschweiz wahrgenommen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine quantitative Ausspracheanalyse (Experiment 1) mit einer Perzeptionsstudie (Experiment 2), bei der Sprecher anhand von Tonaufnahmen bezüglich Kompetenz, Sympathie und Attraktivität bewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen (Diglossie, Sprachnormen) dargelegt, gefolgt von der Methodik und den Resultaten zweier Experimente, die den Einfluss von Metadaten auf die Lautrealisierung sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung verschiedener Hochdeutsch-Varianten prüfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Deutschschweiz, Schweizerhochdeutsch, Sprachkonvention, Aussprachevarietät, Soziolinguistik und Spracheinstellung charakterisieren.
Warum schneidet die "Medium"-Varietät in der Perzeptionsstudie am besten ab?
Die "Medium"-Varietät wird am positivsten bewertet, da sie den in der Deutschschweiz als "goldene Mittelstrasse" betrachteten Ausgleich zwischen schweizerischen und deutschländischen Lautmerkmalen am besten repräsentiert.
Welchen Einfluss hat das Geschlecht auf die Aussprache?
Die Analyse zeigt die Tendenz, dass Frauen ihre Aussprache eher an der deutschländischen Standardsprache orientieren und somit näher am Standard sprechen als Männer.
- Arbeit zitieren
- Corinne Lanthemann (Autor:in), 2021, Der Einfluss des soziodemografischen Hintergrundes auf die Aussprache von Standarddeutsch in der Deutschschweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1161109