Die bengalische Textilindustrie und ihre Auswirkungen auf Land, Menschen und Natur. Die Arbeit in der Textilbranche


Seminararbeit, 2019

30 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Gliederung

1. Die heutige Modewelt
1.1 Bedeutung von Kleidung
1.2 Konsumverhalten bezüglich Textilien
1.3 Methodik

2. Die bengalische Textilindustrie und ihre Auswirkungen auf Land, Menschen und Natur
2.1 Bangladesch und die Bekleidungsindustrie
2.1.1 Wirtschaftliche Situation Bangladeschs
2.1.2 Bedeutung der Textilindustrie
2.1.3 Vor- und Nachteile der Textilindustrie
2.2 Die Arbeit in der Textilbranche
2.2.1 Löhne, Arbeitszeiten und Lebensbedingungen
2.2.2 Gefahren für die Gesundheit
2.2.3 Sexuelle Belästigung, Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen
2.2.4 Kinderarbeit
2.2.5 Unglücke
2.2.6 Auswirkungen auf die Umwelt
2.3 Ursachen für die schlechte Situation und ihr Weiterbestehen
2.3.1 Globalisierung und Verhaltensweisen der Unternehmen
2.3.2 Politische Missstände

3. Resümee und Schlusswort
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2 Appell an den Konsumenten

4. Anhang
4.1 Diagramme
4.2 Bilder

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturquellen
5.2 Internetquellen
5.3 Filmquellen
5.4 Bilderquellen

1. Die Modewelt von heute

1.1 Bedeutung von Kleidung

Die uralte Frage der Menschheit „Was soll ich heute anziehen?“ stellt sich wohl jeder bevor er das Haus verlässt. Heutzutage ist das Thema „Mode“ für den Großteil unserer Gesellschaft es­senziell und längst sind neue Klamotten für viele ein Grundbedürfnis geworden. Kleidung muss inzwischen immer und überall verfügbar sein, sodass es unzählige Internetseiten gibt, bei denen man rund um die Uhr per Mausklick bequem von Zuhause aus seine Anziehsachen bestellen kann und diese binnen weniger Stunden geliefert sind. Egal ob es regnet, schneit, oder die Sonne scheint, ob man in die Arbeit oder zum Sport geht, man möchte auf jeden erdenklichen Anlass und jedes Wetter vorbereitet sein, dabei auch noch dem neuesten Trend folgen und möglichst gut aussehen. Anders gesagt, der Spruch „Kleider machen Leute“ ist immer noch topaktuell.

1.2 Konsumverhalten bezüglich Textilien

Um das Konsumverhalten hinsichtlich Kleidung näher zu bestimmen, führte ich eine Befragung durch. Insgesamt wurden 60 Personen aus 4 verschiedenen Altersgruppen befragt, um ein mög­lichst repräsentatives Ergebnis zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass die befragten Personen im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke im Jahr kaufen1. Bei einerso hohen Stückzahl liegt es nahe, dass beim Kleidungskauf vor allem auf einen möglichst niedrigen Preis geachtet wird. Aus die­sem Grund fragte ich weiterhin nach, was in den Augen der Befragten ein angemessener Preis für ein T-Shirt sei. Das Ergebnis war verblüffend, denn der Großteil aller vier befragten Alters­gruppen war der Ansicht, dass 15-25 Euro für ein T-Shirt angemessen seien, wobei auch viele der Jüngeren meinten, nur 5-15 Euro seien ein guter Preis2. Als Letztes fragte ich, ob die Teil­nehmer der Umfrage an einer nachhaltigen und fairen Herstellung der Kleidung interessiert seien. Das Ergebnis war, dass sich 80% nicht für diese beiden Faktoren interessieren, sodass lediglich jeder fünfte bei Kleidung auf die soziale und ökologische Ebene achtet3. Anscheinend sind Preis, Komfort, Aussehen, Qualität oder Marke des Kleidungsstückes wichtiger. Kurzum, beim Kauf von Anziehsachen geht es den meisten darum, möglichst viel Gutaussehendes zu einem niedrigen Preis zu finden, sodass soziale und ökologische Aspekte vernachlässigt werden.

Es ist evident, dass bei diesem Konsumverhalten ein Ungleichgewicht vorliegt, denn die Men­schen wollen viel Kleidung für wenig Geld. Diese Disparität hat zur Folge, dass die Kleidung für Europa im Ausland gefertigt wird, da die Herstellungskosten trotz des weiten Transportwe­ges billiger sind als eine Produktion im Verbraucherkontinent4. Die meisten wissen über dieses „Outsourcing“ in der Modebranche Bescheid5, jedoch ahnen viele nicht, wie die Menschen so- wiedie Umwelt in den Fertigungsländern deshalb leiden und welche Ursache dieses Leid hat.

1.3 Methodik

Um das Ausmaß dieser Problematik anhand eines Beispiels zu veranschaulichen, wird im Laufe dieser Arbeit die Textilindustrie von Bangladesch genauer analysiert. Dabei wird zunächst der Zusammenhang zwischen Bangladesch und der Kleiderindustrie beschrieben und diese dann ausführlich dargestellt. Hierbei wird insbesondere auf die Arbeitsbedingungen und die Auswir­kungen auf die Umwelt eingegangen. Danach werden die Gründe für die Situation dargestellt und die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst.

2. Die Auswirkungen der bengalischen Textilindustrie auf Land, Menschen und Natur

2.1 Bangladesch und die Bekleidungsindustrie

2.1.1 wirtschaftliche Situation Bangladeschs

In den letzten Dekaden konnte das Entwicklungsland Bangladesch ein enormes Wirtschafts­wachstum erzielen, denn das BIP wuchs durchschnittlich um 4,2%, sodass dieses 2017 einen Höchststand von 245,6 Milliarden US-Dollar erreichen konnte6. Ein ebenso erstaunliches Wachstum legte das Bruttonationaleinkommen hin. Dieses lag 2010 noch bei 180,5 Milliarden US-Dollar, und nur 7 Jahre später war die 250 Milliarden-Grenze, dank eines durchschnittlichen Wachstums von 4,3%, geknackt7. Wenngleich die Wirtschaft des Landes so gesehen sehr gut aussieht, so ist die Realität eine ganz andere. Das BIP pro Kopf ist mit etwas über 1000 US- Dollar extrem niedrig, sodass Bangladesch beispielsweise 2010 nur Platz 181 auf der Weltrang­liste belegte, was bedeutet, dass der Großteil der Bevölkerung in bitterer Armut lebt8.

Millionen Bengalen leben immer noch auf dem Land, wo die Lebensbedingungen besonders schlimm sind und der einzige Arbeitgeber die Landwirtschaft ist9. Dort müssen die Menschen nicht nur täglich die harte körperliche Arbeit, in der Landwirtschaft leisten, sondern nahezu jedes Jahr kommt es im ländlichen Bangladesch zusätzlich zu zerstörerischen Überschwemmun- gen10. Die Menschen müssen dann regelrecht zusehen, wie ihnen ihr ohnehin schon knappes Hab und Gut von den Fluten entrissen wird11. Das verstärkt nicht nur die vorherrschende Armut, sondern aus diesem Grund fliehen Hunderttausende Landbewohner in die Städte12, wo sie sich ein besseres Leben erhoffen. Dort angelangt verwandelt sich die Hoffnung recht schnell in Ent­täuschung, dadas Leben in Riesenstädten, wie der Hauptstadt Dhaka, nicht unbedingt besser ist als das auf dem Land13. Im städtischen Milieu ist es nämlich nicht mehr die Landwirtschaft, die die Bevölkerung in die Knie zwingt, sondern dort ist es vielmehr die Textilindustrie14.DieMen- schen haben also die Wahl zwischen einem Leben am Land mit wiederkehrenden Überschwem­mungen und einem Leben in der Textilindustrie, wobei sich immer mehr (verständlicherweise) für Letzteres entscheiden.

Laut dem statistischen Bundesamt trägt die Industrie mittlerweile ca. 28% zum bengalischen Bruttoinlandsprodukt bei, und etwa jeder Fünfte arbeitet inzwischen (gezwungenermaßen) in diesem immer populärer werdenden Wirtschaftsbereich15. Vergleicht man den Index der indust­riellen Produktion mit dem Index der landwirtschaftlichen Produktion im Zeitraum von 2000­2016, stellt man fest, dass die Industrie von Bangladesch die Landwirtschaft inzwischen weit überholt hat und immer mehr an Bedeutung für das Land gewinnt16.

2.1.2 Bedeutung der Textilindustrie

Die bengalische Industrie wird bereits seit längerer Zeit besonders von der Textilindustrie do­miniert und diese verlieh dem Land internationale Aufmerksamkeit. Mittlerweile bringt die Branche über 10% des BIPs ein, das heißt die Textilindustrie erwirtschaftet etwa die Hälfte aller Einnahmen der gesamten Industrie (etwa 28% des BIP, siehe oben) des Landes17. Insgesamt haben etwa 20 Mio. der 160 Mio. Bengalen in irgendeiner Weise mit der Textilindustrie zu tun18. Kurzum, jeder Achte Bengale, ist an die Kleiderindustrie gebunden.

Die enormen Exporterlöse der Textilindustrie machen 80% der Gesamtexportwerte des Landes aus, und inzwischen ist Bangladesch der zweitgrößte Produzent für Textilien geworden19. Wäh­rend 1990 der Wert der Textilexporte noch bei 600 Mio. Dollar lag, so wurden im Jahr 2010 bereits Textilien im Wert von 23. Mrd. Dollar exportiert und 2013 waren es bereits unglaubliche 26 Milliarden Dollar20. Die Kleidung wird dabei zu 58% nach Europa und zu 23% in die USA exportiert, das heißt: „ Mehr als die Hälfte aller Textilexporte aus Bangladesch landet am Ende (.) in europäischen Warenhäusern21. Begründen lassen sich diese hohen Exportzahlen nach Europa mit der Tatsache, dass die EU im Januar 2011 eine Gesetzesänderung, die dem Entwick­lungsland sehr gelegen kam, durchführte22. Vor jenem Januar musste nämlich „ ein bestimmter Anteil an Vorprodukten eines Kleidungsstückes aus dem Land stammen [.], das es expor- tiert23. Für Bangladesch ist die Gesetzesänderung deshalb so gut, denn das Land exportiert zwar Unmengen an Kleidung, jedoch stammt die Baumwolle dafür aus anderen Ländern, was bis 2011 zu Exporteinschränkungen geführt hat24. Der zweite Grund für die vielen Verkäufe nach Europa ist, dass in China, dem wichtigsten Kleiderhersteller, die Lohnkosten sehr stark gestiegen sind, weshalb das Land nicht mehr so interessant für europäischen Firmen ist. Diese haben nämlich längst in Bangladesch ihren neuen Exportpartner gefunden25. All das hat zur Folge, dass Bangladesch für Deutschland nach China zum wichtigstem Importpartner für Kla­motten geworden ist26, was darauf hindeutet, dass unser Konsumverhalten gegenüber Mode ohne Bangladesch gar nicht denkbar wäre.

2.1.3 Vor- und Nachteile der Kleiderindustrie

Obgleich all diese ökonomischen Fakten es so erscheinen lassen als wäre die Textilindustrie für Bangladesch der Ausweg der Armut, so hat die Kleiderherstellung wie eine Medaille zwei Sei­ten. Einerseits ist der Produktionszweig ein Segen, denn er schafft selbstverständlich eine Menge Arbeitsplätze, was dabei hilft Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zu beseitigen und andererseits ist er ein Fluch, da die Arbeitsbedingungen und der Umgang mit der Umwelt kata­strophal schlecht sind. Dieser Meinung ist auch der bengalische Wirtschaftswissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, der sich zu diesem heiklen Thema geäußert hat. Seiner Meinung nach sei die Arbeit in der Textilindustrie trotz ihrer menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ein „ fantastischer' Beitrag zur Befreiung der Frauen [...], sie gebe ihnen die Chance aus absoluter Armut aufzusteigen27. Zu beachten ist auch, dass Bangladesch ohne die Bekleidungsindustrie überhaupt nicht dazu fähig wäre ein so gewaltiges Wirtschaftswachs­tum, das sich positiv auf alle wirtschaftlichen Bereiche des Landes auswirkt, zu erzielen. Anders gesagt, befruchtet dieser Industriezweig die gesamte Wirtschaft des Landes und sorgt somit da­für, dass das Land sich zum Guten hin entwickeln kann.

Würde die Bekleidungsindustrie wegfallen, beziehungsweise würde die westliche Weltdie Klei­dung aus Bangladesch boykottieren, so wäre dies keinesfalls hilfreich für das Land, sondern im Gegenteil, ein Boykott würde die Situation Bangladeschs drastisch verschlechtern. Dieser Mei­nung ist auch Yunus und ferner sieht er auch den Aufstieg der Frauen in Gefahr28,denn wenn dies geschieht, so würden tausende Näherinnen ihre Arbeit verlieren und dadurch auch ihren Unterhalt. Somit könnten sie ihre Familien und sich selbst nicht mehr ernähren, weshalb eine Hungersnot nicht allzu unwahrscheinlich wäre. Weiterhin würde die Wirtschaft des Landes ihr wichtigstes Element verlieren, sodass eine Welle der Armut und Verelendung die Folge wäre.

Anzumerken ist auch noch, dass Bangladesch inzwischen so dicht besiedelt ist, dass die heimi­sche Landwirtschaft nicht mehr ausreicht, um die vielen Bewohner zu ernähren29. Folglich müs­sen die dringend benötigten Nahrungsmittel aus dem Ausland importiert werden, wofür wiede­rum Geld benötigt wird. Dieses Geld kommt aus den beiden anderen Wirtschaftssektoren, dem tertiären und dem sekundären Sektor. Als wichtigster und ertragreichster Teil des sekundären Sektors trägt die Textilindustrie ergo zur Ernährung des gesamten Landes bei. Kurzum, die Be­kleidungsindustrie ist für Bangladesch essenziell und ohne sie würde das Land in einem extre­men Elend versinken.

Die Textilindustrie mag vielleicht einen Vorteil für das Land und dessen Wirtschaft mit sich bringen, jedoch gilt das nicht für die meisten Beschäftigten in dieser Branche. Begründen lässt sich dies damit, dass die Arbeitsbedingungen und der Zustand der Fabriken entsetzlich sind. Zu diesem Schluss kommt auch der Friedensnobelpreisträger Yunus, der die Lebensbedingungen der Arbeiter, mit denen vergleicht, die zu Zeiten der Industrialisierung in Europa herrschten30. Dieser Vergleich mit einer Zeit, in der es weder Gesundheitsschutz, Versicherungen noch gesetzliche Bestimmungen zu den Arbeitsbedingungen gab, mag zuerst ein wenig übertrieben klingen, doch im Grunde genommen trifft es diese Gegenüberstellung auf den Punkt.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass die Umwelt enorm unter der Kleiderherstellung leidet, da hochgiftige Chemikalien ungefiltert in die Flüsse gelangen, was eine Gefahr für nahezu alle menschlichen, tierischen und pflanzlichen Bewohner Bangladeschs darstellt31.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die einzelnen Menschen und die Natur sehr unter der Textilien-Herstellung leiden, während das Land und die Wirtschaft enorm davon profitieren. Aus diesem Grund kann man nicht sagen, dass die Textilindustrie für Bangladesch ein Fluch oder ein Segen ist. Es ist eben ein Thema mit Schatten- und Sonnenseiten.

2.2 Arbeit in der Textilindustrie

2.2.1 Arbeitszeiten, Löhne und Lebensbedingungen

Bei den negativen Seiten der Bekleidungsindustrie handelt es sich, wie bereits angeschnitten, vor allem um die Arbeits- und Lebensbedingungen der überwiegend weiblichen Belegschaft, die in den Textilfabriken Tag für Tag arbeiten müssen. Diese Bedingungen sind absolut men­schenunwürdig und man möchte fast meinen, die Arbeiterinnen seien die Sklaven der Fabrik­besitzer, da das Leben der Textilarbeiterinnen wie folgt aussieht:

Der Arbeitstag beginnt bereits in den frühen Morgenstunden, denn die Arbeiterinnen müssen oftmals bereits um 8 Uhr an ihrem Arbeitsplatz, den weit entfernten Fabriken, sein32. Bei einem so frühen Arbeitsbeginn sollte man meinen, die Angestellten können am Nachmittag nach Hause gehen, doch tatsächlich sitzen sie manchmal sogar bis 22 Uhr vor ihrer Nähmaschine, wobei viele auch Nachtschichten bis Mitternacht einlegen müssen33. Weiterhin haben die Näherinnen keinen Urlaub und gearbeitet wird auch am Wochenende34, sodass absolut keine Zeit für Erho­lung und Freizeit bleibt. Normalerweise sind die Arbeitszeiten selbst in Bangladesch nicht so gewaltig, jedoch sind die Arbeiterinnen dazu gezwungen Überstunden zu machen, denn ansons­ten drohen ihnen Strafen wie „ in der Ecke stehen “ oder Lohnkürzungen35. Abgesehen von einer einstündigen Mittagspause müssen die Beschäftigten durchgängig in großen Hallen auf einem Hocker sitzen und nähen, während sie von (männlichen) Aufsichtspersonen genauestens beobachtet werden36. Nachdem die Frauen ihre Arbeit in der Fabrik erledigt haben und nach Hause gegangen sind, was bei den meisten eine Stunde dauert, müssen sie sich auch noch um ihre Kinder und ihren Haushalt kümmern37. Ihr Arbeitstag endet somit eigentlich erst gegen 24 Uhr und bei all der harten Arbeit können sie nur etwa 7 Stunden schlafen. Insgesamt kommen die Textilarbeiterinnen so auf etwa 100 harte Arbeitsstunden pro Woche, was kein Mensch auf Dauer aushalten kann, ohne sich dabei Grunde zu richten.

Für all diese Arbeit erhalten die Näherinnen in der Regel monatlich 8000 Taka (=etwa 85 Euro)38. Das heißt, der maximale Stundenlohn liegt, ausgehend von einer 95 Stunden Woche, bei etwa 21 Taka (=23 Cent), was selbstverständlich keineswegs ausreicht, um eine Familie zu ernähren, da die Frauen von ihrem Verdienst auch noch Miete zahlen müssen und die hat sich in den letzten Jahren versechsfacht39. Durch die unzähligen Überstunden verdienen die Arbei­terinnen sogar über dem Mindestlohn, jedoch liegt ihr Verdienst noch weit unter dem Existenz- lohn40. Mit einem Gehalt von 8000 Taka verdienen sie nämlich gerade einmal 25% des Exis­tenzlohnes, was beweist, dass die Näherinnen in Bangladesch enorm unterbezahlt sind41. Ange­sichts dessen liegt es nahe, dass die Textilarbeiterinnen keine Ersparnisse haben und sich sehr darum bemühen, bei jeder Gelegenheit Geld zu sparen.

Aus diesem Grund leben 70% aller Stadtbewohner in Elendsvierteln42. Dort herrschen katastro­phale Lebensumstände und wenn manBilder von den Behausungen der Menschen sieht, möchte man fast meinen, man blicke ins zurück ins Mittelalter43. Muzammal Hoque, der Direktor der Organisation Assistance for Slum Dwellers, fasst die Lebensverhältnisse der Slumbewohner in einem Interview mit dem Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit in die richtigen Worte: „ Die Bewohner der Slums leben in ständiger Furcht, vertrieben zu wer­den. Sie haben keinerlei Anspruch auf das Land, auf dem sie leben. Sie haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und zu sanitärer Versorgung. Und es gibt eine hohe Kriminalität in den Slums. Die meisten Slumbewohner kämpfen jeden Tag ums Überleben44.

2.2.2 Gefahren für die Gesundheit

Neben dem Wohnort der Näherinnen birgt auch die Arbeit in Fabriken viele Risiken, denn die Fabrikbesitzer sind nicht gerade darum bemüht, den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass dieser keine Gefahren für die Gesundheit der Angestellten mit sich bringt. Für sie zählt nur der Profit. Die gesundheitlichen Risiken und Probleme der Arbeiter und Arbeiterinnen erstrecken sich da­bei über weite Bereiche.

Beispiele für solche gesundheitlichen Gefahren findet man vor allem in den Gerbereien, in de­nen oft die ganze Familie zusammenarbeitet, da der Lohn der Eltern nicht ausreicht, um zu überleben45. Dort sind die Arbeitsbedingungen besonders schlimm, denn bei der Herstellung von Lederwaren werden Chemikalien benötigt, die bei falscher Handhabung zu lebenslangen Allergien, Krebs und Hautverätzungen führen können46. So kommt es, dass 13-jährige Kinder an einem der dreckigsten Orte der Welt in T-Shirt und kurzer Hose stundenlang mit giftigen Lederwaren hantieren müssen und dafür nur einen erbärmlichen Lohn bekommen, obwohl sie ihre Gesundheit und ihre Bildung für diesen Job opfern47.

Die Gesundheit der Arbeiter wird zudem durch die stark veralteten Herstellungsweisen, mit de­nen die Textilien in Bangladesch hergestellt werden, gefährdet. Ein außerordentlich erschre­ckendes Exempel hierfür sind die sogenannten „ Sandmänner48. Sie „ sprühen mit selbst gebau­ten Hochdruckstrahlern Sand auf Jeans49, damit diese einen cooleren Look bekommen. Bei ihrer Arbeit stehen die Männer mit einem provisorischen Mundschutz in einem kleinen staubi­gen Raum, und sind nur damit beschäftigt Sand auf Jeans zu sprühen50. Es liegt auf der Hand, dass die Arbeit dieser Männer höchst gesundheitsschädlich ist, denn ihre „Sicherheitskleidung“ stellt keines Weges einen Schutz für die Gesundheit dar. Viele erkranken an einer tödlichen Silikose (=Staublunge)51. Aufgrund ihrer starken Gesundheitsschädigung ist die Methode in Eu­ropa und in der Türkei längst verboten52. In Bangladesch ist sie leider für viele die einzige Chance Geld zu verdienen.

2.2.3 Sexuelle Belästigung, Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen

Die Näherin Arifa Sultana Anny bringt es in einem Interview mit der Journalistin Anna Holl auf den Punkt: „ In der Fabrik war es eine Tortur53. Die 19-jährige Bengalin gibt überdies mehrere Insider-Informationen bekannt, die einem den Atem rauben. So gäbe es in der Fabrik, in der die junge Dame gearbeitet hat, nur zwei Toiletten (für 500 Arbeiter und Arbeiterinnen), keinen Arzt, keine Kantine und keinen Gebetsraum, was in dem streng muslimischen Land ein großes Prob­lem darstellt54. Arifa gibt auch Auskunft über die Konsequenzen eines Fehlers bei der Arbeit: „ Wenn ich einen Fehler übersah und die Vorarbeiterinnen fanden es heraus, sagten sie mir, dass ich meinen Job nicht gut mache. Wenn die Vorarbeiterinnen einen Fehler fanden, ließen sie mich leiden. Sie strichen mir Stunden von meiner Anwesenheitsliste, für die ich dann nicht bezahlt wurde, obwohl ich gearbeitet hatte55. Auch wenn, dies zunächst sehr hart klingen mag, so hatte Arifa an ihrem Arbeitsplatz noch Glück, denn andere Fabrikbesitzer greifen oftmals zu ganz anderen Methoden, was sich mit einigen Aussagen von Textilarbeiterinnen beweisen lässt. So sagt beispielsweise eine andere Näherin: „ Im März dieses Jahres begannen der Aufseher und der Produktionsleiter, mich zu schubsen und zu schlagen. Erst später merkte ich, dass der Pro­duktionsleiter offenbar sexuelles Interesse an mir hatte. Er verunglimpfte meine Eltern, behan­delte mich schlecht, und wenn ich versuchte, mich zu wehren, drohte er, mich zu feuern. Ich kann es mir nicht leisten, diesen Job zu verlieren. Wie soll ich sonst überleben?56. Sexuelle Belästigung, Unterdrückung und Gewalt gegenüber Frauen in der Textilindustrie scheinen nicht ungewöhnlich zu sein, denn andere Näherinnen berichten ähnlich erschreckende Geschichten.

[...]


1 Vgl. Diagramm 1

2 Vgl. Diagramm 2

3 Vgl. Diagramm 3

4 Wulff 2018, S.3

5 Vgl. Diagramm 4

6 Kuschnir 2019, S.5

7 ebd., S.13

8 ebd., S.7

9 Yunus (2018), Kap.5, S.2

10 Vgl. Bild 1

11 Yunus (2018), Kap.5, S.2

12 ebd.

13 Burckhardt 2015, S.18

14 ebd., S.19

15 Statistisches Bundesamt (2018): Bangladesch-Statistisches Länderprofil, https://www.destatis.de/DE/The- men/Laender-Regionen/Internationales/Laenderprofile/bangladesch.pdf?__blob=publicationFile, (17.8.19)

16 Vgl. Diagramm 5

17 Brühl, Jannis (2013): Faserland, https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/textilindustrie-in-bangladesch-arbei- ten-und-sterben-im-faserland-1.1661365 (17.8.19)

18 ebd.

19 ebd.

20 Burckhardt 2014, S.34

21 ebd.

22 ebd., S.36

23 ebd.

24 ebd.

25 ebd.

26 ebd., S.35

27 Naß, Matthias (2014): Bangladesch-Nähen für die Frauenbefreiung https://www.zeit.de/2014/25/bangladesch- machtkampf/seite-2 (17.8.19)

28 ebd.

29 Lernhelfer (2010): Bangladesch-Bengalen, https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/geografie/artikel/bangla- desch-bengalen (18.8.19)

30 Brühl, Jannis (2013): Faserland, https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/textilindustrie-in-bangladesch-arbei- ten-und-sterben-im-faserland-1.1661365-2 (18.8.19)

31 Kolonko, Gilbert (2019): Bangladesch: Der Mensch frisst sich weiter auf, https://www.heise.de/tp/fea- tures/Bangladesch-Der-Mensch-frisst-sich-weiter-auf-4324624.html?seite=all (19.8.19)

32 Burckhardt 2014, S.12

33 ebd., S.12-13

34 Burckhardt 2015, S. S.59-60

35 Burckhardt 2014, S.13

36 Burckhardt 2015, S.58-59 / vgl. Bild2

37 Burckhardt 2014, S.12

38 Holl, Anna (2016): Leute machen Kleider, http://n21.press/leutemachenkleider/ (19.8.19)

39 ebd.

40 ebd.

41 ebd.

42 Burckhardt 2015, S. 16

43 vgl. Bild 3

44 Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit (2010), https://www.welt-sichten.org/arti- kel/3058/slumbewohner-gelten-nicht-als-menschen-mit-rechten (20.8.19)

45 Gesichter der Armut-Leben mit ein paar Cent ZDF: 34:14-34:34

46 ebd., 37:34-37:57

47 vgl. Bild 4

48 WELTJOURNAL+: GIFTIGES GEWAND - Arbeitshölle Bangladesch ORF 20:8-20:12

49 ebd.,20:12-20:20

50 ebd., 20:35-20:40 / vgl. Bild 5

51 ebd., 21.05-21:20

52 ebd., 21:20-21:29

53 Holl, Anna (2015), Ich verspreche, die Kleidung so gut wie möglich zu machen. Das ist mein Versprechen, http://n21.press/in-der-fabrik-war-es-eine-tortur/ (20.8.19)

54 ebd.

55 ebd.

56 Burckhardt 2015, S.59

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die bengalische Textilindustrie und ihre Auswirkungen auf Land, Menschen und Natur. Die Arbeit in der Textilbranche
Note
1,4
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V1161574
ISBN (Buch)
9783346583062
Sprache
Deutsch
Schlagworte
textilindustrie, auswirkungen, land, menschen, natur, arbeit, textilbranche
Arbeit zitieren
Luis Ausserbauer (Autor:in), 2019, Die bengalische Textilindustrie und ihre Auswirkungen auf Land, Menschen und Natur. Die Arbeit in der Textilbranche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1161574

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