(Menschen-)Massen. Orte kollektiven Rationalitätsverlusts oder kollektiver Selbstermächtigung?

Sozialpsychologische Perspektiven auf Massenphänomene von Le Bon bis Reicher


Seminararbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Le Bons Massenpsychologie
2.1 Verlust des Selbst
2.2 Verlust der Urteilskraft und Rückfall ins Unbewusste

3. Menschenmassen bei Reicher, Drury, Turner & Tajfel
3.1 Le Bons „Narrativ des Verlusts“ aus Perspektive der Theorie sozialer Identitäten
3.2 Selbstkategorisierungstheorie und EMSI
3.3 Empowerment / Kollektive Selbstermächtigung

4. „Die Masse“ als politisches Konfliktfeld
4.1. Kollektiver Rationalitätsverlust: Massenpsychologie als verwissenschaftliche Ideologie bürgerlich-konservativer Ordnungsvorstellungen
4.2 Kollektive Selbstermächtigung: Massen als Trägerinnen sozialen Wandels
4.3 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat“ (Le Bon, 2009, S. 37-38).

Vorgenanntes Zitat des französischen Arztes und Begründers der Massenpsychologie Gustave Le Bon beschreibt, welches Bild des Verhältnisses von Masse und Individuum die frühe Massenpsychologie hatte: Das Bild eines kollektiven Verlustes von Identität, Bewusstsein und Selbstkontrolle der beteiligten Individuen ab dem Moment des Eintritts in eine Menschenmenge/-masse. Dieses Bild entstand unter dem Einfluss der frühen Massenbewegungen, wie in Le Bons Fall vor allem den Geschehnissen rund um die Pariser Commune von 1871 (Vgl. G. L. Bon & Widener, 1979). Und es hält sich bis heute auch in der akademischen Welt, wie nachstehendes Zitat aus einem Brief des ehemaligen Präsidenten der British Sociological Association (BSA), Professor John Brewer, an die britische Zeitung Guardian verdeutlicht, welchen er 2011 im Zusammenhang mit den sogenannten ‚London Riots‘ verfasste: „Mengen sind irrational. Mengen haben keine Motive – das wäre viel zu berechnend und rational. Das Verhalten der Menge ist auf unvorhersagbare Weise dynamisch, und Vernunft und Motive verschwinden, wenn sich Mengen auf unvorhersagbare Weise bewegen“ (zitiert nach Reicher, 2015, S. 202, Fn.).

Doch ist die These des Identitäts- und Rationalitätsverlusts von Individuen in Menschenmassen zutreffend? Ist es so, dass der Eintritt eines Individuums in eine Menschenmenge notwendigerweise mit dem Verlust von Selbstwahrnehmung und Vernunft einhergeht? Und wenn dem nicht so sein sollte: Welche sozialpsychologischen und gesellschaftstheoretischen Perspektiven auf Menschenmassen ergeben sich daraus? Und wie kann es sein, dass Le Bons Perspektive bis heute noch eine Rolle spielt, wenn es um Massenphänomene geht?

Die vorliegende Arbeit wird versuchen sich der Beantwortung dieser Fragen anzunähern. Dabei wird zunächst nachgezeichnet, wie Le Bon in seinem Werk „Psychologie der Massen“ (2009) die von ihm unterstellten Eigenschaften von Menschenmassen entwickelt und begründet. Danach wird der zweite Teil der Arbeit sozialpsychologische Ansätze aufzeigen, welche der Massenpsychologie Le Bons ein „Narrativ des Verlusts“ (vgl. Reicher, 2015, S. 183) unterstellen und es einer Kritik unterziehen, wobei die ursprünglich von Henri Tajfel entwickelte Theorie sozialer Identität (The social identity theory of intergroup behavior ) (vgl. Tajfel, 1981; Tajfel&Turner, 1986), sowie die etwas allgemeinere Selbstkategorisierungstheorie (Self-categorization theory) nach Turner (et al., 1987) und das „erweiterte massenpsychologische Modell der sozialen Identität“ (kurz: EMSI = Elaborated social identity model of crowd psychology) nach Drury und Reicher (2009; Reicher, 1996) eine Rolle spielen werden. Der dritte Teil der Arbeit wird die aus den ersten beiden Teilen gewonnenen Erkenntnisse dann unter Einbeziehung eines gesellschaftstheoretischen Kontextes zusammenführen, wobei die politische Intention der Massenpsychologie Le Bons herausgearbeitet und eingeordnet werden soll.

2. Le Bons Massenpsychologie

2.1 Verlust des Selbst

Die psychologische oder organisierte Masse stellt für Le Bon den selbstdefinierten Untersuchungsgegenstand dar. Dabei unterscheide sich eine bloße Menschenansammlung von dieser durch Eigenschaften, die er unter dem Begriff der „Massenseele“ zusammenfasst. Was er damit meint, deutet er an, wenn er schreibt, dass „[d]ie bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen [seien] nach derselben Richtung orientiert. … Die Gesamtheit ist nun das geworden, was ich […] als organisierte Masse, oder […] als psychologische Masse bezeichnen werde. Sie bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Massen.“ (Bon, 2009, S. 29)

Das bewusste Denken der Einzelnen schwinde also in dem Moment, wo Menschen sich zu einer Masse zusammenfinden, ebenso, wie die Wahrnehmung des Einzelnen von sich selbst als Individuum (Selbstwahrnehmung). Die psychologische Masse habe eine „Gemeinschaftsseele, vermöge deren [sic!] [die Einzelnen] in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jede[r] von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde.“ (ebd., 2009, S. 32) Nach Serge Moscovici lässt sich Le Bons Perspektive hier wie folgt zusammenfassen: „Das Hauptmerkmal der Massen ist die Verschmelzung der Individuen in einem gemeinsamen Gedanken und einem gemeinsamen Gefühl, die die Persönlichkeitsunterschiede verwischt und die intellektuellen Fähigkeiten herabsetzt.“ (Moscovici, 1984, S. 102)

Dies sei nach Le Bon auf das „unbewusste Seelenleben“ zurückzuführen, welches die allgemeinen Charaktereigenschaften von Menschen bestimme. Diese würden in einer Masse „vergemeinschaftlicht“, was für Le Bon die Ursache dafür darstellt, dass Menschenmassen niemals zu etwas fähig seien, was außerordentliche Intelligenz verlange:

„Die Masse nimmt nicht den Geist, sondern nur die Mittelmäßigkeit in sich auf. Es hat nicht, […] die ‚ganze Welt mehr Geist als Voltaire‘, sondern Voltaire hat zweifellos mehr Geist als die ‚ganze Welt‘, wenn man unter dieser Massen versteht.“ (vgl. Bon, 2009, S. 35)

Das Individuum taucht bei Le Bon also gleichsam unter in der Masse: Es verliert jede Form von Bewusstsein und individueller Intelligenz und es wird zum Getriebenen des eigenen Unterbewussten, während es empfänglich wird für äußere Beeinflussung.

2.2 Verlust der Urteilskraft und Rückfall ins Unbewusste

Dieser Verlust des Selbst und die Vergemeinschaftlichung der individuellen Intelligenz auf einem niedrigen Niveau geht nach Le Bon einher mit etwas, dass er als contagion mentale (geistige Übertragung oder Ansteckung) bezeichnet. Diese ordnet er den, wie er es nennt, „Erscheinungen hypnotischer Art“ zu, da offenbar nur so verständlich werde, wieso „der einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen“ opfere, denn „diese Fähigkeit ist seiner eigentlichen Natur durchaus entgegengesetzt, und nur als Bestandteil einer Masse ist der Mensch dazu fähig.“ (Bon, 2009, S. 36) Hier lässt sich ein utilitaristischer Aspekt der Theorie Le Bons erkennen, da er offenbar davon ausgeht, dass Individuen im Normalfall nicht dazu fähig seien, ihre persönlichen Wünsche den Wünschen einer Gruppe oder Gemeinschaft hintenanzustellen (vgl. Tuck, 1996; vgl. Mill, 2006). Dies ermögliche ihnen erst ein hypnoseartiger Zustand, welcher die Individuen ihrer bewussten Persönlichkeit beziehungsweise ihres Bewusstseins beraube und sie zu Handlungen treibe, die im Gegensatz zu ihrem eigentlichen Charakter stünden. (vgl. Bon, 2009, S. 36)

„Da das Verstandesleben des Hypnotisierten lahm gelegt“ sei, schreibt er weiter „wird er der Sklave seiner unbewussten Kräfte, die der Hypnotiseur nach seinem Belieben lenkt. Die bewusste Persönlichkeit ist völlig ausgelöscht, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind in die Sinne verlegt, die durch den Hypnotiseur beeinflusst werden.“ (ebd., S. 37)

Menschen verlören also ihre Urteilskraft, sobald sie Teil einer Masse werden und würden beeinflussbar für jede Idee, die ihrem Unterbewusstsein suggeriert werde.

„So muss die Masse, die stets an den Grenzen des Unbewussten umherirrt, allen Einflüssen unterworfen ist, von der Heftigkeit ihrer Gefühle erregt wird, welche allen Wesen eigen ist, die sich nicht auf die Vernunft berufen können, alles [sic!] kritischen Geistes bar, von einer übermäßigen Leichtgläubigkeit sein.“ (Bon, 2009, S. 44)

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
(Menschen-)Massen. Orte kollektiven Rationalitätsverlusts oder kollektiver Selbstermächtigung?
Untertitel
Sozialpsychologische Perspektiven auf Massenphänomene von Le Bon bis Reicher
Hochschule
Universität Kassel  (FB 05)
Note
1,3
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1161837
ISBN (Buch)
9783346563736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstermächtigung, massenphänomene, reicher, Le bon, Menschenmassen, Psychologie der massen, Rationalitätsverlust, empowerment, drury, massenpsychologie, Sozialpsychologie, Soziale identität, Tajfel
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, (Menschen-)Massen. Orte kollektiven Rationalitätsverlusts oder kollektiver Selbstermächtigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1161837

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