Jeder fiktionale Text konstruiert eine imaginäre Welt. Die literarische Gattung der Science Fiction (SF) entwirft ein Zukunftsszenario, das durch die Einführung eines naturwissenschaftlich-technischen Novums motiviert ist; sie schildert „eine in Zukunft denkbare, nach den Fortschritten von Wissenschaft und Technik mögliche Welt.“
Um eine mögliche Welt, ihre technologischen Innovationen und die sie bevölkernden Lebensformen zu beschreiben, bedarf es eines erst noch zu schaffenden Begriffsinstrumentariums: Neue Dinge verlangen nach neuen Wörtern. Das Bedürfnis einer Sprachgemeinschaft nach lexikalischer Innovation ist eine treibende Kraft des Sprachwandels und kann durch Wortbildung, Entlehnungen aus Fremdsprachen oder Wortschöpfung befriedigt werden. Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind Formen und Funktionen von Wortneubildungen der Science Fiction, einem in Bezug auf die Wortbildung außergewöhnlich produktiven Genre: „In der Science Fiction zeigt sich, wie effektiv die Wortbildung funktioniert.“
Den Untersuchungsrahmen bildet die Heftromanserie Perry Rhodan (PR), eine seit 1961 im Wochenrhythmus erscheinende Space Opera, die – von der Linguistik weitgehend ignoriert – bisher vorwiegend aus literaturwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive untersucht worden ist. Dies gilt auch für das Genre Science Fiction in seiner Gesamtheit: „Die Sprache der Science Fiction wird zwar in verschiedenen Zusammenhängen berücksichtigt, ihr Reichtum und ihre signifikanten Eigenheiten wurden aber bislang kaum erfasst, geschweige denn umfassend behandelt.“ Neuere Arbeiten, vor allem Oliver Siebolds Untersuchung der Wortneubildungen in der Science Fiction , aber auch Hilke Elsens Forschungsbeitrag zu den Namen in Science Fiction und Fantasy , unternehmen erstmalig den Versuch, die linguistische Lücke der Science-Fiction-Studies zu füllen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und -abgrenzung
2.1. Neologismus oder Wortneubildung?
2.2. Varietät, Register, Stil
2.3. Perry Rhodan: Eine Heftromanserie
2.3.1. Das Genre Science Fiction aus verschiedenen Blickwinkeln
2.3.2. Worum geht´s im Perryversum? Daten und Fakten zur umfangreichsten Science-Fiction-Serie der Welt
3. Neue Wörter im Perryversum
3.1. Klassifikation neuer Wörter nach der verwendeten Wortbildungsart
3.1.1. Komposition
3.1.2. Explizite Derivation: Präfigierung und Suffigierung
3.1.3. Kurzwortbildung und Kurzwort-Wortbildung
3.1.4. Konversion und Kontamination
3.2. Vorherrschende Wortbildungsmodelle in der Heftromanserie
3.3. Interpretation von Wortneubildungen
4. Namen als Elemente der Konstruktion von Feindbildern: Die Terminale Kolonne TRAITOR als Rekruten des Chaos
4.1. Arten und Funktionen von Namen
4.2. Die Namen der Terminalen Kolonne TRAITOR und ihre assoziationssteuernde Wirkung
5. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Formen und Funktionen von Wortneubildungen innerhalb der Science-Fiction-Heftromanserie Perry Rhodan, um aufzuzeigen, wie diese linguistischen Innovationen zur Konstruktion fiktiver Welten und Feindbilder beitragen und als verfremdende sowie legitimatorische Stilmittel innerhalb des Genres fungieren.
- Linguistische Analyse von Wortneubildungen im Science-Fiction-Kontext
- Klassifizierung der Wortbildungsprozesse (Komposition, Derivation, Kurzwortbildung)
- Untersuchung der Bedeutungsexplikation und Interpretation bei Neologismen
- Analyse der assoziationssteuernden Wirkung von Namen bei der Konstruktion von Feindbildern
- Evaluation des genrespezifischen Genrestils der Perry-Rhodan-Serie
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Komposition
Die Komposition gehört – wie die explizite Derivation – zu den morphologisch-strukturellen Verfahren der Bildung neuer Nominationseinheiten und somit zur „Wortbildung im engeren Sinne“. Im Gegensatz zur Wortschöpfung, die Wörter aus Lautkomplexen kreiert, „die in der Sprache (noch) nicht als bedeutungstragende Elemente (Zeichen) vorhanden sind“, produziert die Wortbildung aus bereits vorhandenem Sprachmaterial – freien und gebundenen Morphemen oder komplexen Wörtern – neue Benennungseinheiten.
Die Wörter, Konstruktionen oder Morpheme, die Bestandteil einer größeren Wortbildungskonstruktion (WBK) sind, werden als Konstituenten bezeichnet. Die beiden Konstituenten, „aus denen eine Konstruktion unmittelbar gebildet ist“, heißen unmittelbare Konstituenten (UK). Genus und Wortart des Kompositums werden in der Regel von der zweiten Konstituente bestimmt: So ist Hochhaus ein Substantiv, haushoch jedoch ein Adjektiv. Ein Determinativkompositum wie Schutzschirm besteht aus den UK Schutz + Schirm, zwei Grundmorphemen, die zueinander in einem Determinationsverhältnis stehen: Das Erstglied Schutz bestimmt das Zweitglied Schirm näher. Bei Kopulativkomposita wie Mausbiber stehen die beiden Konstituenten in einer nebengeordneten Beziehung. Ein durch Komposition entstandenes komplexes Wort wie Schutzschirm (Substantiv, Maskulinum) kann seinerseits zur UK einer sekundären Bildung werden: Im Korpus finden sich die sekundären Bildungen Schutzschirmglocke und Schutzschirmkuppel (Substantiv, Femininum). Der Genus der sekundären Komposita weicht vom Ausgangswort Schutzschirm ab. Die zweite Konstituente der sekundären Bildungen – Glocke bzw. Kuppel – hat das grammatische Geschlecht Femininum und bestimmt den Genus der ganzen WBK.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, Wortneubildungen in der Science Fiction am Beispiel von Perry Rhodan zu untersuchen und linguistisch einzuordnen.
2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und -abgrenzung: Dieses Kapitel klärt die terminologische Abgrenzung zwischen Neologismen, Okkasionalismen und Wortneubildungen sowie die Besonderheiten des Genres Science Fiction.
3. Neue Wörter im Perryversum: Hier erfolgt eine detaillierte Kategorisierung der Wortbildungsarten sowie eine Untersuchung der vorherrschenden Wortbildungsmodelle und Interpretationsstrategien für neue Begriffe.
4. Namen als Elemente der Konstruktion von Feindbildern: Die Terminale Kolonne TRAITOR als Rekruten des Chaos: Das Kapitel analysiert die Funktion von Eigennamen bei der Konstruktion von Feindbildern und deren assoziationssteuernde Wirkung auf die Leserschaft.
5. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und reflektiert die Rolle der Wortneubildung für die Authentizität und Verfremdungsstrategie des Science-Fiction-Genres.
Schlüsselwörter
Wortneubildung, Science Fiction, Perry Rhodan, Linguistik, Neologismus, Komposition, Derivation, Kurzwortbildung, Wortbildungsmodell, Namensforschung, Onomastik, Feindbildkonstruktion, Genrestil, Fachsprache, Wortkorpus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachwissenschaftlichen Besonderheiten von Wortneubildungen innerhalb der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan und analysiert deren Funktion für die Konstruktion von Zukunftsszenarien.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit deckt die Klassifikation verschiedener Wortbildungstypen, die Rolle von Namen bei der Feindbilddarstellung sowie die Bedeutung von fachsprachlichen Stilelementen in der Heftromanserie ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Genre durch die effektive Nutzung von Wortbildungsprozessen wissenschaftliche Nähe suggeriert und eine eigene, genrespezifische Ausdrucksweise entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine linguistische Korpusanalyse durchgeführt, bei der 510 aus der Serie entnommene Wortneubildungen nach morphologischen und semantischen Kriterien kategorisiert und nach der Theorie des gemeinsamen Wissens von Hans Jürgen Heringer interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Kategorisierung der Neuschöpfungen nach morphologischen Verfahren (Komposition, Derivation etc.) und eine Analyse, wie Namen durch Klang und Bedeutung Feindbilder wie die "Terminale Kolonne TRAITOR" konstruieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Wortneubildung, Science Fiction, Wortbildungsmodell, Genrestil, Onomastik und linguistische Kreativität.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "Neologismus" und "Wortneubildung"?
Die Arbeit bevorzugt den Terminus "Wortneubildung", da dieser präziser für noch nicht lexikalisierte Begriffe in der Heftromanserie ist, während "Neologismus" oft eine bereits begonnene Integration in den Allgemeinwortschatz voraussetzt.
Welche Bedeutung haben die Namen der "Terminale Kolonne TRAITOR"?
Die Namen sind gezielt gewählt, um durch "dunkle" Vokale, "harte" Konsonanten und negativ konnotierte Begriffe wie "Mord" oder "Verrat" eine Assoziation von Bedrohlichkeit, Grausamkeit und Chaos beim Leser zu erzeugen.
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- Inga Bones (Author), 2008, Fiktionale Sprachwelten - Die Rolle von Neologismen in Science-Fiction-Texten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116187