Fiktionale Sprachwelten - Die Rolle von Neologismen in Science-Fiction-Texten


Bachelorarbeit, 2008
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und -abgrenzung
2.1. Neologismus oder Wortneubildung?
2.2. Varietät, Register, Stil
2.3. Perry Rhodan: Eine Heftromanserie
2.3.1. Das Genre Science Fiction aus verschiedenen Blickwinkeln
2.3.2. Worum geht´s im Perryversum ? Daten und Fakten zur umfang- reichsten Science-Fiction-Serie der Welt

3. Neue Wörter im Perryversum
3.1. Klassifikation neuer Wörter nach der verwendeten Wortbildungsart
3.1.1. Komposition
3.1.2. Explizite Derivation: Präfigierung und Suffigierung
3.1.3. Kurzwortbildung und Kurzwort-Wortbildung
3.1.4. Konversion und Kontamination
3.2. Vorherrschende Wortbildungsmodelle in der Heftromanserie
3.3. Interpretation von Wortneubildungen

4. Namen als Elemente der Konstruktion von Feindbildern: Die Terminale Kolonne TRAITOR als Rekruten des Chaos
4.1. Arten und Funktionen von Namen
4.2. Die Namen der Terminalen Kolonne TRAITOR und ihre assoziationssteuernde Wirkung

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Anlagen

Anlagen

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Science Fiction as a genre […] allows idea to become flesh, abstraction to become concrete, imaginative extrapolation to become aesthetic reality.“[1]

1. Einleitung

Jeder fiktionale Text konstruiert eine imaginäre Welt. Die literarische Gattung der Science Fiction (SF) entwirft ein Zukunftsszenario, das durch die Einführung eines naturwissenschaftlich-technischen Novums motiviert ist; sie schildert „eine in Zukunft denkbare, nach den Fortschritten von Wissenschaft und Technik mögliche Welt.“[2]

Um eine mögliche Welt, ihre technologischen Innovationen und die sie bevölkernden Lebensformen zu beschreiben, bedarf es eines erst noch zu schaffenden Begriffsinstrumentariums: Neue Dinge verlangen nach neuen Wörtern. Das Bedürfnis einer Sprachgemeinschaft nach lexikalischer Innovation ist eine treibende Kraft des Sprachwandels und kann durch Wortbildung, Entlehnungen aus Fremdsprachen oder Wortschöpfung befriedigt werden. Untersuchungs­gegenstand dieser Arbeit sind Formen und Funktionen von Wortneubildungen der Science Fiction, einem in Bezug auf die Wortbildung außergewöhnlich produktiven Genre: „In der Science Fiction zeigt sich, wie effektiv die Wortbildung funktioniert.“[3]

Den Untersuchungsrahmen bildet die Heftromanserie Perry Rhodan (PR), eine seit 1961 im Wochenrhythmus erscheinende Space Opera, die – von der Linguistik weitgehend ignoriert – bisher vorwiegend aus literaturwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive untersucht worden ist.[4] Dies gilt auch für das Genre Science Fiction in seiner Gesamtheit: „Die Sprache der Science Fiction wird zwar in verschiedenen Zusammenhängen berücksichtigt, ihr Reichtum und ihre signifikanten Eigenheiten wurden aber bislang kaum erfasst, geschweige denn umfassend behandelt.“[5] Neuere Arbeiten, vor allem Oliver Siebolds Untersuchung der Wortneubildungen in der Science Fiction[6], aber auch Hilke Elsens Forschungsbeitrag zu den Namen in Science Fiction und Fantasy[7], unternehmen erstmalig den Versuch, die linguistische Lücke der Science-Fiction-Studies zu füllen.

Vor der sprachwissenschaftlichen Analyse der ‚neuen Wörter’ aus der Romanserie PR – dem Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit – wird in Kapitel 2 der begriffliche Rahmen dieser Untersuchung abgesteckt: Handelt es sich bei den Wortbildungskonstruktionen um Neologismen im eigentlichen Sinn oder empfiehlt es sich, von Okkasionalismen oder Wortneubildungen zu sprechen? Gibt es einen für die SF charakteristischen Sprachgebrauch und, wenn ja, bildet er dann eine eigene Varietät, ein Register oder einen Stil? Die theoretischen Grundlagen einer linguistischen Analyse von Wortneubildungen in der Science Fiction werden mit Hilfe sprachwissenschaftlicher Lexika und Lehrbücher und ausgewählter Forschungsbeiträge von Dieter Herberg[8], Ulrich Busse[9] und Hilke Elsen[10] skizziert.

Eine knappe Einführung in die Heftromanserie Perry Rhodan schließt sich an: Welcher literarischen Gattung, welchem Genre, gehört die Serie an? Was sind typische Themenbereiche der Serie und wie ist sie aufgebaut? Die Gattungszugehörigkeit und die spezifischen Rezeptions- und Distributionsbedingungen von Perry Rhodan werden vor allem in der Dissertationsschrift von Rainer Stache[11] problematisiert; Oliver Siebold[12], aber auch Hartwig Eckert und Ronald Turnbull[13] haben in ihren ergiebigen Arbeiten typische Themenbereiche der SF erörtert.

In Kapitel 3 werden die Wortneubildungen zunächst nach den ihnen zugrunde liegenden Wortbildungsarten kategorisiert: Welche Arten der Wortbildung treten gehäuft auf? Weisen die Wortneubildungen eine signifikant hohe Anzahl fach-, fremd- oder wissenschaftssprachlicher Konstituenten auf, und, wenn ja, aus welchem Grund suchen die Autoren von SF-Texten die sprachliche Nähe zu Wissenschaft und Technik? Gibt es bestimmte Muster der Wortbildung, sogenannte Wortbildungsmodelle, die für die Heftromanserie PR charakteristisch sind? In Terminologie und Wortbildungstheorie orientiert sich dieses Kapitel an Wolfgang Fleischers und Irmhild Barz´ Lehrbuch Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache[14].

Schließlich stellt sich die Frage, wie der Leser ‚neue Wörter’ verstehen kann. Ist die Bedeutung von Wortbildungsprodukten aus der Bedeutung ihrer quasi-atomaren Bestandteile zu erschließen? Oder liefert die isolierte Betrachtung von Wörtern nur unbefriedigende Ergebnisse; muss der Kontext in die Interpretation einbezogen werden? Hans Jürgen Heringers[15] Theorie des gemeinsamen Wissens kann dem Kompositionalitätsprinzip ergänzend zur Seite gestellt werden und beantwortet die Frage, unter welchen Voraussetzungen das Verstehen von Wortneubildungen überhaupt erst möglich ist.

Mit einem Exkurs in Kapitel 4 versucht diese Arbeit, die Frage zu beantworten, auf welche Weise Wortneubildungen und Wortschöpfungen – vor allem als Eigennamen – zur Konstruktion eines Feindbildes beitragen können. Welche Arten von Eigennamen gibt es und welche Funktionen übernehmen literarische Namen in einem Text? Auf welche Weise beeinflussen und steuern die Namen der Terminalen Kontrolle TRAITOR, der feindlichen Macht im aktuellen PR-Handlungszyklus, die Assoziationen des Lesers? Einige ausgewählte und besonders aussagekräftige Namen der Heftromanserie werden unter Berücksichtigung des Forschungsbeitrags von Hilke Elsen[16] untersucht.

Im Schlusskapitel sollen die Untersuchungsergebnisse und -methoden mit Rückblick auf die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst und – aus distanzierterer Perspektive – reflektiert werden.

2. Theoretische Grundlagen: Begriffserklärung und –abgrenzung

2.1. Neologismus oder Wortneubildung?

Neue, oft ungewöhnliche und wenig vertraute Wörter bilden den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Der Terminus ‚Neologismus’ ist, zumindest auf den ersten Blick, griffig und präzise und scheint sich als Oberbegriff geradezu anzubieten. Bei näherer Betrachtung erweist er sich jedoch als nicht unproblematisch – Ulrich Busse weist in seinem Aufsatz Neologismen - Der Versuch einer Begriffsbestimmung[17] auf die Abgrenzungsschwierigkeiten des Neologismus von Okkasionalismen oder vogue words hin.

Nach Bußmann ist ein Neologismus ein neu eingeführter oder neuartig gebrauchter sprachlicher Ausdruck, der – im Gegensatz zu so genannten Okkasionalismen (auch: Gelegenheits-, Einmal-, Augenblicks- oder Ad-hoc-Bildungen) – „bis zu einem gewissen Grade usuell und lexikalisiert“[18] ist. Dieter Herberg definiert „Usualisierung, Lexikalisierung und somit Integration [als] die wesentlichen Abgrenzungskriterien des Neologismus von anderen lexikalischen Innovationen.“[19] Nach dieser engen Auffassung ist ein neues Wort erst dann ein Neologismus, wenn es bereits im Begriff ist, in den Allgemeinwortschatz überzugehen und somit Eingang in die Wörterbücher der Standardsprache zu finden – auch wenn das Konfix neo- vielleicht zunächst eine andere Interpretation nahe legt.

Hilke Elsen setzt sich differenzierter mit dem Neologismenbegriff auseinander und zählt Okkasionalismen und varietätenspezifische Wortneubildungen (z.B. in Fachsprachen) zu den „Neologismen im weiteren Sinn.“[20] Kontextgebundene Augenblicksbildungen wie Bestien-Genom[21] , Dunkelfeld oder Augenkranz, die zur Bezeichnung neuer Sachverhalte oder Gegenstände dienen und sich in Science-Fiction-Texten in großer Zahl finden lassen, könnten demnach als Neologismen im weiteren Sinn verstanden werden. Wird jedoch eine hohe begriffliche Trennschärfe angestrebt, muss dem unterschiedlichen Lexikalisiertheitsgrad neuer Wörter Rechnung getragen werden. So empfiehlt sich der Terminus ‚Wortneubildung’ für unsere Zwecke als geeigneter. Eine Wortneubildung zeichnet sich nach Bußmann[22] gerade dadurch aus, dass sie noch nicht, auch nicht teilweise, lexikalisiert ist; sie ist nicht Teil des Wortschatzes und ihre Bedeutung muss somit vom Leser oder Hörer ganz neu erschlossen werden – und das ist bei Bildungen wie Dunkelfeld oder Augenkranz sicherlich der Fall.

Der Prozess des Übergangs von einer Wortneubildung zu einem Neologismus und schließlich zu einem Element der Allgemeinsprache lässt sich exemplarisch an einem Beispiel verdeutlichen: Ausgehend von der Science-Fiction-Serie Star Trek mit ihrem charakteristischen „Beam me up, Scotty!“ etablierte sich das deutsche beamen als Wortneubildung durch Suffigierung des englischsprachigen Verbs to beam mit dem Suffix -en. Was zunächst nur in Fankreisen verstanden wurde, fand Eingang in die Standardwörterbücher und ist heute im Duden als „bewirken, dass jmd. bis zur Unsichtbarkeit aufgelöst wird u. an einen anderen [gewünschten] Ort gelangt, wo er wieder Gestalt annimmt“[23] aufgeführt.[24]

2.2. Varietät, Register, Stil

Man muss nicht unbedingt das Münchener Oktoberfest, den Hamburger Fischmarkt oder den Nürnberger Christkindlmarkt besucht haben, um feststellen zu können, dass die gesprochene Sprache starke regionale Unterschiede aufweist. Der – regional determinierte – Dialekt ist jedoch bei weitem nicht die einzige ‚Abweichung’ von der Standardsprache. Die Varietätenlinguistik beschreibt zahlreiche solcher „Sprachen in der Sprache“[25], Sprachgebrauchsformen, die je nach Kommunikationsmedium (Mediolekt), Region (Regiolekt), Sprechergruppe (Soziolekt) oder Funktion (Funktiolekt) Besonderheiten im Wortschatz, aber auch auf phonologischer, morphologischer oder syntaktischer Ebene aufweisen.[26] Die deutsche Sprache ist kein homogenes Ganzes, sondern zerfällt in zahlreiche Teilsprachen, die jeweils unterschiedlichen Zwecken dienen.

Die Science-Fiction-Literatur hat einen charakteristischen, genretypischen Wortschatz und Sprachgebrauch hervorgebracht, der sich unter anderem durch Eigenheiten in der Wortbildung auszeichnet. Kann man vor diesem Hintergrund bereits von einer ‚Science-Fiction-Sprache’, einer eigenen Varietät sprechen? Wörter wie Kontextwandler, Daellian-Meiler oder UHF-Komponente weisen fachsprachliche (funktiolektale) Charakteristika auf: Verwendung fremdsprachlicher Elemente, Kurzwortbildung und Bildung deonymischer Komposita. Dennoch scheint es unangemessen, in Bezug auf die PR-typische Ausdrucksweise von einer Fachsprache zu reden; vielmehr scheinen die Autoren dieser Space Opera einen Funktiolekt zu imitieren.

Oliver Siebold verwendet in seiner Untersuchung zu Wortneubildungen in der Science Fiction wiederholt den Terminus ‚Register’, um das genrespezifische Vokabular, nach Siebold „eine Art Fachsprache“[27], zu bezeichnen. Der geübte PR-Leser mag in der Tat ein bestimmtes sprachliches Register aktualisieren, wenn er zum aktuellen Heftroman greift, weil er bereits mit den Eigenheiten der Serie, mit wiederkehrenden Termini vertraut ist und ihr Auftreten erwartet. Die Science Fiction als Genre bringt aber höchst unterschiedliche Texte hervor; es gibt kein annähernd einheitliches oder gar verbindliches Register, welches sich durch diese Texte zöge. Deshalb ist es zu bevorzugen, mit Dell Hymes von einem Genrestil zu sprechen:

„Größere Sprechstile, die an soziale Gruppen gebunden sind, können Varietäten genannt werden und solche, die an rekurrente Situationstypen gebunden sind, Register. Sprechstile, die an Personen, spezielle Situationen oder Genres gebunden sind, könnten einfach personale, situative und Genrestile genannt werden.“[28]

Die Sprache der Science Fiction, insbesondere die Sprache der Heftromanserie Perry Rhodan, ist also einem charakteristischen Genrestil zuzuordnen, der sich durch die Anleihen an wissenschaftliche und technische Funktiolekte und die Ähnlichkeit mit selbigen auszeichnet. Für den geübten Leser und Fan kann dieser Genrestil zu „eine[r] Art Fachsprache“[29] werden, die überdies seine Gruppenzugehörigkeit zum Fandom signalisiert.

„Wäre Perry Rhodan ein Buch, dann stünde es in der Spiegel-Bestenliste seit zwanzig Jahren jede Woche auf Platz eins.“[30]

2.3. Perry Rhodan: Eine Heftromanserie

2.3.1. Das Genre Science Fiction und die Serie Perry Rhodan aus verschiedenen Blickwinkeln

Die Science Fiction ist ein relativ ‚junges’ Genre. Zwar haben naturwissenschaftlich-technische Zukunftsutopien die Menschheit immer schon fasziniert – man denke beispielsweise an Francis Bacons Nova Atlantis –, die Gattungsbezeichnung aber „begann sich, ausgehend von Hugo Gernsback, dem amerikanischen Verleger und Pionier des Genres, [erst] Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts durchzusetzen.“[31]

Ein wesentliches Abgrenzungskriterium der Science Fiction von phantastischer Literatur im Allgemeinen ist das Bemühen, „anhand realer Tendenzen der wirklichen Welt“[32] mögliche zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen. Phantastische Literatur entwirft Welten, die von der unseren verschieden sind, Science Fiction ist bestrebt, diese Verschiedenheit zu rationalisieren und zu legitimieren. Mystizismus, Magie und Zauberei bleiben der Fantasy vorbehalten, konkretere Gesellschaftsentwürfe und -kritik bilden den Schwerpunkt der Utopie bzw. der Dystopie. „Science Fiction erhebt den Anspruch des prinzipiell Möglichen, wenn auch nicht zum gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Fantasy setzt bewusst die Regeln der Realität außer Kraft.“[33] Die „Rationalisierung des Phantastischen durch den legitimatorischen Rückgriff auf Wissenschaft und Technik“[34] ist also – neben der Konzentration auf typische Themenbereiche (Raumfahrt, außerirdische Lebensformen, Zeitreisen etc.) – ein wesentliches Merkmal des Genres Science Fiction.

Zu den Vertretern des Genres werden so unterschiedliche Autoren wie Jules Verne, H.G. Wells, Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Anthony Burgess oder Douglas Adams gezählt. Eine Romanserie wie Perry Rhodan teilt zwar die o.g. Abgrenzungskriterien der SF und streift dieselben Themenbereiche, darüber hinaus hat sie jedoch mit einem Roman wie beispielsweise Solaris von Stanislaw Lem nicht viel gemeinsam – von der außergewöhnlich hohen Dichte von Wortneubildungen einmal abgesehen. Lem wird als seriöser Schriftsteller ernst genommen, seine Romane gelten als stilistisch anspruchsvoll, intelligent und subtil. Solaris lieferte darüber hinaus den Stoff zu einer Verfilmung und einer beeindruckenden Bühneninszenierung, die vom Düsseldorfer Schauspielhaus in den Spielplan aufgenommen wurde.

Perry Rhodan hingegen ist in erster Linie ein kommerzielles Produkt, das sich, um auf dem Markt bestehen zu können, an den Wünschen der (breiten) Leserschaft orientieren muss. Unterhaltsame, aber recht ‚einfach gestrickte’ „Abenteuergeschichten im All“[35], wie sie die Heftromanserie bietet, werden gewöhnlich zu dem SF-Subgenre Space Opera[36] gezählt. Die Ähnlichkeit dieser Genrebezeichnung mit der Soap Opera ist sicherlich kein Zufall: Wie die Soap Opera, die Seifenoper im Fernsehen, haben auch die ‚Groschenheftchen’ mit gesellschaftlicher Geringschätzung zu kämpfen und werden eher belächelt denn ernst genommen.

Die Literaturwissenschaft hat mit wechselnden Begrifflichkeiten versucht, Heftromanserien wie Perry Rhodan zu kategorisieren; neben dem recht neutralen Terminus ‚Trivialliteratur’ finden sich hier auch terminologische Ausfälle wie ‚Unterliteratur’, ‚Antiliteratur’, ‚untergeistiges Schrifttum’ oder ‚Vulgärliteratur’, die nicht nur den Produzenten, sondern auch den Rezipienten von Heftromanserien herabwürdigen.[37] Rainer Stache schlägt in seiner Dissertationsschrift den Begriff ‚Paraliteratur’ vor, der nach Stache „lediglich die gemeinsame Ablehnung durch die herrschende Kunstauffassung [ausdrücke]“[38], aber darüber hinaus wertungsfrei sei.

Angesichts der Tatsache, dass die Qualität einzelner Romane stark divergiert und die Serie eine sehr heterogene Leserschaft vereint, ist der von Stache vorgeschlagene Terminus zu bevorzugen: Perry Rhodan ist dem Genre Science Fiction, genauer dem Subgenre der Space Opera, zuzuordnen. Als Heftromanserie mit ihren ganz eigenen Produktions- und Distributionsbedingungen gehört Perry Rhodan zur Paraliteratur, die gewöhnlich Ablehnung durch die herrschende Kunstauffassung erfährt.

2.3.2. Worum geht´s im Perryversum ? Daten und Fakten zur umfangreichsten Science-Fiction-Serie der Welt

Die deutsche Science-Fiction-Serie Perry Rhodan erscheint seit nunmehr 47 Jahren im Wochenrhythmus beim Pabel-Moewig Verlag und ist mit einer Gesamtauflage von mehr als einer Milliarde verkaufter Hefte die „erfolgreichste[…] Science-Fiction- und Heftroman-Serie der Welt und zugleich [das] ältest[e], langlebigst[e] und meistgelesen[e] Produkt der deutschen Nachkriegsliteratur.“[39]

Die Romane werden von einem Autorenkollektiv mit derzeit elf festen und fünf Gastautoren geschrieben; ein Exposéautor – Robert Feldhoff – legt zuvor den groben Handlungsablauf fest. Die Heftromanserie lässt sich in Handlungs(groß)komplexe, sogenannte Handlungszyklen, einteilen. Ein Handlungszyklus umfasst in der Regel 50 bis 100 Hefte und entwirft eine groß angelegte Rahmenhandlung. Mit Heftnummer 2400 löste am 17. August 2007 der aktuelle Zyklus Negasphäre den 100 Hefte umfassenden Terranova -Zyklus ab.[40]

Ein wiederkehrendes Motiv der Serie ist der Kampf von Gut und Böse, Ordnung und Chaos, verkörpert durch die Kosmokraten und die Chaotarchen; übergeordnete Wesenheiten, die das Multiversum prägen und die Menschheit nicht selten instrumentalisieren. Raumfahrt, Zeitreisen, Begegnungen mit außerirdischen und –galaktischen Lebensformen sind weitere typische Themenbereiche.

Im aktuellen Zyklus sehen sich die Völker der Milchstraße einer existentiellen Bedrohung gegenüber: Die Chaotarchen planen, in der Nachbargalaxis Hangay eine Negasphäre entstehen zu lassen, einen Ort, an dem Naturgesetze keine Gültigkeit mehr besitzen und Leben unmöglich ist. Die Milchstraße soll als Ressourcengalaxis dienen, ihre Planeten ausgebeutet und ihre Völker versklavt werden. Der Protagonist Perry Rhodan unternimmt mit dem Raumschiff JULES VERNE[41] eine Zeitreise in die ferne Vergangenheit, um Informationen über eine Retroversion – eine Möglichkeit, die beginnende Entstehung der Negasphäre rückgängig zu machen – zu sammeln.

3. Neue Wörter im Perryversum

Science-Fiction-Texte weisen eine außergewöhnlich hohe Dichte an Wortneubildungen auf, so hat die Heftromanserie Perry Rhodan eine schier unüberschaubare Anzahl neuer Wörter produziert.[42] Der Wortkorpus[43], auf dem diese Untersuchung basiert, umfasst 510 Neubildungen, die fünf ausgewählten Heften des aktuellen Handlungszyklus entnommen sind. Nicht alle 510 Wortneubildungen treten in diesen Heften zum ersten Mal auf; einige gehören bereits zum festen ‚Jargon’ der Serie und sind dem Leser bekannt. Die Zusammenstellung des Untersuchungsmaterials erfolgte mit dem Vorsatz, keine bewusste Auswahl zwischen ‚geeigneten’ und ‚weniger geeigneten’ Neubildungen vorzunehmen – das Untersuchungsergebnis soll schließlich für die Serie repräsentativ sein und nicht durch subjektive Erwägungen verzerrt werden. Eigennamen, nomina propria, wurden in begrenztem Umfang ebenfalls in den Korpus aufgenommen – soweit sie für die Analyse der Feindbildkonstruktion in Kapitel 4 relevant erschienen.

Den größten Anteil am Korpus haben Substantive; Verben und Adjektive sind kaum vertreten. Die ‚neuen Wörter’ sollen im folgenden Kapitel nach der Art der Wortbildung klassifiziert werden: Komposition, explizite Derivation, Kurzwortbildung, Konversion und Kontamination werden anhand exemplarischer Beispiele aus der Heftromanserie erörtert. Anschließend soll untersucht werden, welche Wortbildungsmodelle eine besonders hohe Produktivität aufweisen und unter welchen Voraussetzungen eine Wortneubildung überhaupt verständlich, d.h. interpretierbar, ist.

3.1. Klassifikation neuer Wörter nach der verwendeten Wortbildungsart

3.1.1. Komposition

Die Komposition gehört – wie die explizite Derivation – zu den morphologisch-strukturellen Verfahren der Bildung neuer Nominationseinheiten und somit zur „Wortbildung im engeren Sinne“.[44] Im Gegensatz zur Wortschöpfung, die Wörter aus Lautkomplexen kreiert, „die in der Sprache (noch) nicht als bedeutungstragende Elemente (Zeichen) vorhanden sind“[45], produziert die Wortbildung aus bereits vorhandenem Sprachmaterial – freien und gebundenen Morphemen oder komplexen Wörtern – neue Benennungseinheiten.

Die Wörter, Konstruktionen oder Morpheme, die Bestandteil einer größeren Wortbildungskonstruktion (WBK) sind, werden als Konstituenten bezeichnet. Die beiden Konstituenten, „aus denen eine Konstruktion unmittelbar gebildet ist“[46], heißen unmittelbare Konstituenten (UK). Genus und Wortart des Kompositums werden in der Regel von der zweiten Konstituente bestimmt: So ist Hochhaus ein Substantiv, haushoch jedoch ein Adjektiv.[47] Ein Determinativkompositum wie Schutzschirm besteht aus den UK Schutz + Schirm, zwei Grundmorphemen, die zueinander in einem Determinationsverhältnis stehen: Das Erstglied Schutz bestimmt das Zweitglied Schirm näher. Bei Kopulativkomposita wie Mausbiber stehen die beiden Konstituenten in einer nebengeordneten Beziehung. Ein durch Komposition entstandenes komplexes Wort wie Schutzschirm (Substantiv, Maskulinum) kann seinerseits zur UK einer sekundären Bildung werden: Im Korpus finden sich die sekundären Bildungen Schutzschirmglocke und Schutzschirmkuppel (Substantiv, Femininum). Der Genus der sekundären Komposita weicht vom Ausgangswort Schutzschirm ab. Die zweite Konstituente der sekundären Bildungen – Glocke bzw. Kuppel – hat das grammatische Geschlecht Femininum und bestimmt den Genus der ganzen WBK.

Die Morphemgrenze zwischen den UK einer Wortbildungskonstruktion bezeichnet man als Fuge; bei Komposita heißt sie Kompositionsfuge. Ein bei Komposita häufig verwendetes Fugenelement (Interfix) ist das -s-. Die Wortneubildungen Ordnungsmacht, Kommunikationskessel oder Konservierungsfluid weisen ein solches Fugen-s auf, das Interfix -en- wird bei einer Konstruktion wie Ohrenhand verwendet. In den o.g. Beispielen übernehmen die Fugenelemente im Wesentlichen die Funktion der Ausspracheerleichterung. Als „Erscheinung an der Morphemgrenze“[48] charakterisieren Fleischer und Barz den Bindestrich, der bei Initialwörtern wie TLD-Agent oder HI-Schock obligatorisch ist, aber auch bei deonymischen Komposita mit Personennamen als Erstglied bevorzugt wird (siehe unten).

Bei der Untersuchung der durch Komposition entstandenen Wortneubildungen, die das Gros des Wortkorpus bilden (vgl. Abb. 1, S. 13), zeichnen sich als Charakteristika die Verwendung fachsprachlicher Elemente (vgl. Tab. 1, S. 14), die hohe Anzahl sekundärer Bildungen und polymorphemischer sowie deonymischer Komposita ab. Fachsprachliche Elemente, sprachliche Anleihen an die Physik, Astronomie oder Medizin, scheinen für das Genre Science Fiction und insbesondere für Perry Rhodan typisch zu sein; sie suggerieren Wissenschaftsnähe und schaffen die (pseudo-)theoretische Fundierung fiktiver Technologien. Tabelle 1 präsentiert eine Auswahl primärer und sekundärer Neubildungen, die mindestens eine fachsprachliche Konstituente aufweisen.

Das Perryversum ist von einer ganzen Gruppe hochkarätiger Wissenschaftler bevölkert, deren Namen oftmals eine Konstituente deonymischer Komposita bilden – eine weitere Parallele zur realen Wissenschaftspraxis, Formeln, Theorien, Maschinen oder Prozesse nach ihrem Erfinder zu benennen; man denke nur an Begriffe wie Newtonmeter oder Pasteurisierung. Die terranischen Chefwissenschaftler der Heftromanserie, Miles Kantor und Malcolm Scott Daellian, stehen für eine ganze Reihe ihrer ‚Erfindungen’ Pate: Kantor-Sextant und Daellian-Meiler sind unverzichtbare technologische Errungenschaften der Menschheit im 14. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ).

[...]


[1] Hartwig Eckert; Ronald Turnbull: „The Language Of Science Fiction.” In: René Jongen; Sabine De Knop; Peter H. Nelde; Marie-Paule Quix (Hrsg.): Sprache, Diskurs und Text. Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums, Brüssel 1982. Band 1. Tübingen: Niemeyer 1983. S. 165-172. S. 168.

[2] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart (8., verb. u. erw. Aufl.): Kröner 2001. S. 744.

[3] Oliver Siebold: Wort-Genre-Text. Wortneubildungen in der Science Fiction. Tübingen: Narr 2000. S. 22.

[4] Ein Sammelband mit interdisziplinärem Ansatz: Klaus Bollhöfener; Klaus Farin; Dierk Spreen (Hrsg.): Spurensuche im All. Perry Rhodan Studies. Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag 2003.

[5] Siebold 2000. S. 18.

[6] Wie Anm. 3.

[7] Hilke Elsen: Phantastische Namen. Die Namen in Science Fiction und Fantasy zwischen Arbitrarität und Wortbildung. Tübingen: Narr 2008.

[8] Dieter Herberg: „Neologismen der Neunzigerjahre.“ In: Gerhard Stickel (Hrsg.): Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz. Aktueller lexikalischer Wandel. Jahrbuch 2000 des Instituts für deutsche Sprache. Berlin/New York: de Gruyter 2001. S. 89-104.

[9] Ulrich Busse: „Neologismen. Der Versuch einer Begriffsbestimmung.“ In: EURALEX 7. Göteborg: European Association for Lexicography 1996. S. 645-658.

[10] Hilke Elsen: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen. Tübingen: Narr 2004.

[11] Rainer Stache: Perry Rhodan. Überlegungen zum Wandel einer Heftromanserie. Tübingen: S&F 1986. (=Reihe SF Science Bd. 3)

[12] Wie Anm. 3.

[13] Wie Anm. 1.

[14] Wolfgang Fleischer; Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen (2., durchges. u. erg. Aufl.): Niemeyer 1995.

[15] Hans Jürgen Heringer: „Wortbildung: Sinn aus dem Chaos.“ In: Deutsche Sprache. 12. Berlin: Schmidt 1984a. S. 1-13.

Hans Jürgen Heringer: „Gebt endlich die Wortbildung frei!“ In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht. 53. Paderborn: Schöningh 1984b. S. 43-53.

[16] Wie Anm. 7.

[17] Busse 1996.

[18] Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart (3., akt. u. erw. Aufl.): Kröner 2002. S. 463.

[19] Herberg 2001. S. 92.

[20] Elsen 2004. S. 22.

[21] Alle in dieser Arbeit untersuchten Wortneubildungen stammen aus der Heftromanserie Perry Rhodan (PR) und sind im Wortkorpus (siehe Anhang) unter Angabe von Heftnummer und Seitenzahl aufgeführt.

[22] Vgl. Bußmann 2002. S. 105.

[23] Duden – Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich (6., überarb. Aufl.): Dudenverlag 2007. Online verfügbar unter: http://www.duden-suche.de/suche/artikel.php?shortname=fx&artikel_id=16471 [20.07.2008]

[24] Interessant ist die Tatsache, dass to beam im Englischen zunächst einen Bedeutungswandel, genauer, eine Bedeutungserweiterung, erfahren hat. To beam bedeutet ursprünglich aussenden, ausstrahlen (vgl. sunbeam). Erst die Serie Star Trek verlieh dem Verb die o.g. neue Bedeutung und machte to beam zum Neosemantismus.

[25] Peter Braun: Tendenzen in der deutschen Gegenwartssprache. Sprachvarietäten. Stuttgart/Berlin/Köln (4. Aufl.): Kohlhammer 1998. S. 7.

[26] Vgl. Angelika Linke; Markus Nussbaumer; Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. Tübingen (5., erw. Aufl.): Niemeyer 2004. (=Reihe Germanistische Linguistik) S. 345.

[27] Siebold 2000. S. 50.

[28] Linke; Nussbaumer; Portmann 2004. S. 348.

[29] Siebold 2000. S. 50.

[30] Werner Graf: „Die Rätselwelt. Auskunft über tausend Wochen Perry-Rhodan-Lektüre.“ In: Literatur und Erfahrung. 7. Berlin: 1981. S. 45-64.

[31] Siebold 2000. S. 30.

[32] Siebold 2000. S. 31.

[33] Elsen 2008. S. 26.

[34] Siebold 2000. S. 32.

[35] Siebold 2000. S. 33.

[36] Siebold 2000. S. 33.

[37] Vgl. Stache 1986. S. 20.

[38] Stache 1986. S. 22.

[39] Jens Balzer: Jenseits der Milchstraße. Online verfügbar unter: http://www.berlinonline.de/berliner- zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0715/feuilleton/0010/index.html [30.07.2008]

[40] Am 31. Juli 2008 erschien Heftnummer 2450; der Zyklus Negasphäre war zu diesem Zeitpunkt zur Hälfte abgeschlossen.

[41] In der Heftromanserie sind Raumschiffsnamen grundsätzlich in Versalien gesetzt.

[42] Um sich einen Ein- und Überblick zu verschaffen, sei an dieser Stelle auf die Perrypedia, das Online-Lexikon der Heftromanserie, verwiesen: http://www.perrypedia.proc.org.

[43] Siehe Anhang.

[44] Fleischer, Barz 1995. S. 6f.

[45] Fleischer, Barz 1995. S. 5.

[46] Fleischer, Barz 1995. S. 42f.

[47] Vgl. Fleischer, Barz 1995. S. 46.

[48] Fleischer, Barz 1995. S. 142.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Fiktionale Sprachwelten - Die Rolle von Neologismen in Science-Fiction-Texten
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar - Germanistik I - Allgemeine Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Angewandte Sprachanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
47
Katalognummer
V116187
ISBN (eBook)
9783640178117
ISBN (Buch)
9783640178216
Dateigröße
4416 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fiktionale Sprachwelten - Die Rolle von Neologismen in Science-Fiction-Texten - am Beispiel der Heftromanserie Perry Rhodan
Schlagworte
Science-Fiction, Neologismen, Perry Rhodan, Rhodan, Wortbildung, Wortneubildung, Semantik, Fiktion, Sprachanalyse, Namen
Arbeit zitieren
Inga Bones (Autor), 2008, Fiktionale Sprachwelten - Die Rolle von Neologismen in Science-Fiction-Texten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116187

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