Die Frage, ob die Türkei ein Teil Europas wird, ist mindestens so alt wie deren offizielles Gesuch um den Beitritt zur EWG im Jahre 1959.(...) Beide Fragen lassen sich nicht abschließend beantworten, es soll jedoch mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, zum einen das Für und Wider eines Beitritts darzustellen, wie auch die möglichen negativen und positiven Szenarien auf ihre Wahrscheinlichkeit hin zu überprüfen. Dazu ist erst ein grundlegenderer Schritt wichtig, nämlich die theoretische Untermauerung. Als Mittel zur Untersuchung werden der Rationalismus, der Konstruktivismus und die Theorie des rhetorischen Handelns herangezogen (Teil 2). Nach einer einführenden Erläuterung dieser Theorien werden sie auf den Fall Türkei angewandt. Anhand eines historischen Abrisses wird analysiert, in wieweit es diesen Theorien möglich ist, den bisherigen Verlauf des Beitrittsprozesses zu erklären (Teil 3). Die Ergebnisse dieses Teils werden mit den möglichen Zukunftsperspektiven der türkisch-europäischen Beziehungen in Bezug gesetzt. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass die Theorie des rhetorischen Handelns hierbei am meisten zu Überzeugen vermag, wird in einem ersten Schritt untersucht, ob zum jetzigen Zeitpunkt eine definitive Absage an Ankara noch möglich ist, wie sie die Konzepte der Privilegierten Partnerschaft (CDU) und der Erweiterten Assoziierten Mitgliedschaft (Osteuropa-Institut) vorsehen (Teil 4.1). Zum andern geht die Arbeit besonders auf eine Hypothese der Theorie des rhetorischen Handelns ein, die konstatiert, dass der Beitritt der Türkei zur EU nicht nur wahrscheinlich sei, sondern geradezu ein Automatismus. (...) Diese Arbeit möchte in Frage stellen, wie absolut die Annahme tatsächlich ist, und dazu zwei mögliche Auswege vorstellen, die gerade deswegen interessant sind, weil sie mit der Theorie des rhetorischen Handelns konsistent sind, sich also innerhalb des selben Erklärungsrahmens realisieren lassen (Teil 4.2).
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Theoretischer Hintergrund
2.1) Rationalismus
2.2) Konstruktivismus
2.3) Rhetorisches Handeln
3) Anwendung der Theorien auf den Fall der Türkei
3.1) Die formelle Seite des Beitritts
3.2) Geschichtlicher Abriss
3.3) Analyse und Fazit
4) Mögliche Szenarien
4.1) Negative Szenarien – Die Privilegierte Partnerschaft und die Erweiterte Assoziierte Partnerschaft
4.2) Positive Szenarien - Auswege aus dem vermeintlichen Automatismus
4.2.1) Lösung durch die Norm der Demokratie nach innen
4.2.2) Lösung durch das Konzept der abgestuften Integration
5) Zusammenfassung und Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der EU-Beitrittsprozess der Türkei als „Automatismus“ betrachtet werden kann, der durch rhetorische Selbstverstrickungen der EU bedingt ist. Dabei wird analysiert, ob eine definitive Absage an Ankara noch möglich ist oder ob alternative Konzepte wie die abgestufte Integration einen Ausweg aus diesem vermeintlichen Automatismus bieten können.
- Theoretische Fundierung durch Rationalismus, Konstruktivismus und die Theorie des rhetorischen Handelns
- Analyse des historischen Beitrittsprozesses der Türkei zur EU
- Bewertung negativer Szenarien (Privilegierte Partnerschaft)
- Untersuchung positiver Szenarien und Reformansätze (abgestufte Integration)
- Diskussion der Glaubwürdigkeit der EU in Bezug auf frühere Zusagen
Auszug aus dem Buch
2.3) Rhetorisches Handeln
Beide bisher angeführten Theorien haben gemein, dass es eine Vielzahl von Beispielen gibt, anhand derer sie sich belegen lassen. Trotzdem sie jedoch so etabliert sind, weisen sie spezifische Erklärungslücken auf, die man sich so nicht leisten kann und will. Im Bezug auf die Osterweiterung Europas diagnostiziert Frank Schimmelfennig ein zweifaches Rätsel für die beiden Großtheorien (vgl. SCHIMMELFENNIG 2003, S.190 - 192): So sind die Beziehungen zwischen Europa und den zehn Anwärterstaaten Mittel- und Osteuropas im Jahre 1993 für den Rationalismus einfach zu erklären. Die Präferenzen der Mitgliedsstaaten sind individuell verschieden, d.h. nicht von gemeinsamen Wertvorstellungen geprägt, sondern aus je eigenen Kosten-Nutzen-Kalkülen heraus entstanden.
Aus der Annahme heraus, dass die Welt weder rein rationalistisch noch rein konstruktivistisch zu verstehen ist, und um die bestehenden Erklärungslücken theoretisch zu füllen, entstand ein synthetischer Ansatz, die Theorie des Rhetorischen Handelns, der zufolge „internationale Akteure sich in wertebezogenen Interaktionen zweckrational verhalten“ (vgl. SCHIMMELFENNIG 1997, S.219).
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob der Beitritt der Türkei zur EU ein Automatismus ist, und stellt die theoretische Herangehensweise vor.
2) Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen des Rationalismus, des Konstruktivismus und der Theorie des rhetorischen Handelns als analytische Werkzeuge.
3) Anwendung der Theorien auf den Fall der Türkei: Hier erfolgt eine historische Aufarbeitung des türkischen Beitrittsprozesses und eine erste theoretische Einordnung der Ereignisse.
4) Mögliche Szenarien: Das Kapitel diskutiert alternative Beitrittsmodelle und beleuchtet die Konsequenzen möglicher politischer Entscheidungen gegen eine Vollmitgliedschaft.
5) Zusammenfassung und Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die die Theorie des rhetorischen Handelns als am überzeugendsten für den Fall der Türkei hervorhebt.
Schlüsselwörter
EU-Erweiterung, Türkei, Beitritt, Rhetorisches Handeln, Rationalismus, Konstruktivismus, Privilegierte Partnerschaft, Abgestufte Integration, Glaubwürdigkeit, Demokratisierung, Politische Reformen, Europäische Identität, Geopolitik, Reformprozess, Beitrittsverhandlungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Dynamik der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei unter Verwendung verschiedener politikwissenschaftlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die theoretische Erklärung internationaler Erweiterungsprozesse, den historischen Verlauf der türkisch-europäischen Beziehungen und die Diskussion alternativer Integrationsmodelle.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob der Beitritt der Türkei ein durch rhetorische Selbstverstrickungen erzwungener Automatismus ist oder ob andere Szenarien plausibel bleiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein theoretischer Analyserahmen angewandt, der Rationalismus, Konstruktivismus und die Theorie des rhetorischen Handelns auf die historische Entwicklung der türkischen Beitrittsbemühungen anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die formellen Kriterien des Beitritts, den geschichtlichen Abriss seit 1923 sowie die verschiedenen Szenarien für die Zukunft der türkisch-europäischen Beziehungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind EU-Erweiterung, Rhetorisches Handeln, Privilegierte Partnerschaft, Abgestufte Integration und Glaubwürdigkeit.
Warum wird die Theorie des rhetorischen Handelns besonders hervorgehoben?
Sie ermöglicht es, den Widerspruch zwischen materiellen Interessen und normativen Versprechungen der EU zu erklären, was die anderen Theorien nicht leisten können.
Welche Rolle spielt die Privilegierte Partnerschaft?
Sie wird als ein theoretisches Negativ-Szenario diskutiert, das jedoch für die Türkei aufgrund des fehlenden Mitspracherechts kaum attraktiv ist.
Was besagt das Konzept der abgestuften Integration?
Es schlägt eine schrittweise Einbindung der Türkei in die EU-Strukturen vor, um einen ergebnisoffenen Prozess zu ermöglichen, der Reformanreize setzt.
Was schlussfolgert die Autorin über den „Automatismus“?
Der EU-Beitritt ist kein absoluter Automatismus, da Wege wie Referenden oder gestufte Integrationsmodelle einen Ausweg aus der rhetorischen Selbstverstrickung bieten könnten.
- Quote paper
- Ingrid Hack (Author), 2006, Der EU-Beitritt der Türkei - Ein Automatismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116228