Es ist eine bemerkenswerte Ambiguität in der (Möglichkeit zur) Begegnung mit „dem“ Fremden, denn an den Kontakt mit ihm knüpfen sich widersprechende Emotionen wie etwa Miss-trauen, Neid und auch Angst auf der einen sowie Neugier, Erwartung und Faszination auf der anderen Seite. Letztere Konnotationen betonen die Anziehungskraft des Unvertrauten, dem die verlockende Fähigkeit zu Eigen zu sein scheint, „alte und belastende Gewohnheiten oder Routinen aufzubrechen, zu bereichern oder anzuregen“ (Reuter 2002: 63). Damit wird dem Fremden potenziell die integrale Kraft zur Veränderung, Ergänzung und sogar Metamorphose unterstellt. Die Kehrseite des Fremden aber kann sehr schnell zu Tage treten, wenn er nämlich durch seine Nähe und sein Bleiben die alte Ordnung nicht mehr bereichert oder verändert, sondern bedroht und die Angst schürt, „daß die ‚übersichtlichen Verhältnisse’, die wir in Wahrheit natürlich nie haben, durch das Fremde unübersichtlich werden; daß wir die Gebor-genheit in unserer Identität verlieren könnten“ (Kast 1994: 224). Dabei zeigt sich das Problem mit Fremdheit oftmals als akutes Verstehensproblem, das eine Situation der Handlungsungewissheit oder auch -irritation nach sich zieht. Da man diese nicht einfach ignorieren kann, erhält es praktische Relevanz, denn mit diesem Verstehensproblem sind Störungen von Routineabläufen sowie eine Art von Krisenkommunikation verbunden. Verschärft wird dieses problemhafte Fremderleben dadurch, dass die klassischen Fremdenrollen heute keine ausrei-chende soziale Regelung mehr bieten und prinzipiell nicht mehr festlegen, was als fremd gilt. Denn immer mehr stoßen im Alltag getrennte Sinnwelten aufeinander, die durch eine Pluralisierung von Sonderrollen gekennzeichnet sind, in denen der Rückgriff auf universale klärende Modi misslingen muss (vgl. Schäffter 1991: 13).
Wenn in dieser Arbeit von Fremdheitserfahrungen gesprochen wird, so bezieht sich dieser Begriff nicht auf die Fremdheitserlebnisse von Migranten oder allgemeiner auf die Fremdheit, die ein Mensch durchlebt, der sich im Zuge transnationaler Wanderungs- oder Flüchtlings-ströme und mithin aus Gründen eines spezifischen Zwanges einer unvertrauten Lebenswelt aussetzen und in ihr zurechtfinden muss. Vielmehr sollen im Folgenden die Fremdheitserfahrungen so genannter „KosmopolitInnen“ im Mittelpunkt stehen, also von Menschen, die das Privileg zum Reisen haben und es auch nutzen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Theoretische Fundierung
I.1 Grundsätzliche Merkmale von „Fremdheit“
I.2 Relevanz: Zur Unterscheidung des „Fremden“ vom „Anderen“
I.3 Grade der Fremdheit
I.4 Soziale und Kulturelle Fremdheit
Fazit
II. Datenerhebung
II.1 Methodische Konzeption
II.2 Auswahl der Intervieworte
II.3 Interviewführung
II.4 Grundsätzliche Überlegungen
III. Auswertung der Interviews
III.1 Die Interviewten – Distinktion und Kennerschaft
III.2 „Heimische Inseln“ – Zur Vertrautheit der beiden Hospize
III.3 Steuerungsmechanismen von Fremdheitserfahrungen
III.3.1) Räumlicher Rückzug
III.3.2) Retardation
III.3.2.1) Retardation durch eine kulturell nahe Gemeinschaft
III.3.2.2 Retardation innerhalb kulturell „sicherer“ Räume
III.4 Fremdheitserfahrungen
III.4.1 Allgemeine Charakteristika der beobachteten Fremdheitserfahrungen
III.4.2 Fremdheitserfahrungen im Modus von Rollenausrichtungen und Nichtzugehörigkeit
III.4.3 Fremdheitserfahrungen im Modus der Unvertrautheit
Zusammenfassung
Anhang
1. Leitfaden für VolontärInnen im Österreichischen Hospiz und im Paulushaus
2. Leitfaden für VolontärInnen im Österreichischen Hospiz und im Paulushaus
1. Leitfaden für Zivildienstleistende im Österreichischen Hospiz und im Paulushaus
2. Leitfaden für Zivildienstleistende im Österreichischen Hospiz und im Paulushaus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Fremdheitserfahrungen von deutschen und österreichischen VolontärInnen sowie Zivildienstleistenden in christlichen Hospizen in Jerusalem. Ziel ist es, zu analysieren, ob und wie diese Personen Fremdheit erleben, welche Rolle ihre „heimischen Inseln“ (die Hospize) dabei spielen und welche Steuerungsmechanismen sie nutzen, um potenziell herausfordernde Begegnungen mit dem Fremden bewusst oder unbewusst zu beeinflussen.
- Soziologische Fundierung des Begriffs „Fremdheit“
- Methodische Analyse durch qualitative Experteninterviews
- Die Funktion von „heimischen Inseln“ als Rückzugs- und Schutzraum
- Strategien zur Steuerung von Fremdheitserfahrungen (Retardation, räumlicher Rückzug)
- Umgang mit Rollenausrichtungen und kultureller Unvertrautheit
Auszug aus dem Buch
III.1 Die Interviewten – Distinktion und Kennerschaft
Die Gruppe der für diese Arbeit interviewten Personen setzt sich aus Menschen zusammen, die man im Sinne von Mona Singer (1997) als „Kosmopoliten“ bezeichnen kann, womit Personen gemeint sind, die das Privileg zum Reisen haben und dieses auch nutzen. So hat sich auch tatsächlich bei allen Interviewten gezeigt, dass die befragten Männer und Frauen das Reisen als einen wichtigen und unersetzlichen Bestandteil ihres Lebens thematisierten, der als erwartetes und verlangtes wichtiges Kapitel des eigenen Lebenslaufes gilt und sogar zum Zeichen des Erwachsenwerdens geworden ist, ja zu einer Form des „rite de passage“ (): „Weil, meine Mutter hat das mit Jerusalem ganz cool hingenommen. Ich hab schon drauf gewartet, wenn sie erstmal sagt ‚Och Mädel, Du wirst ja doch groß.’ Das kam dann am Flughafen oder so zwei Tage vorher: ‚Ja ich merke jetzt, Du wirst erwachsen.’“ (Volontärin K, PH, I1: 9).
Weiterhin wurde das Reisen als eine Flucht aus einer ungewissen Zukunft beschrieben oder als Überbrückung eines bestimmten Zeitraums (etwa zwischen zwei beruflichen Tätigkeiten), womit es auch zum Strukturgeber der eigenen Lebensgestaltung wurde. Abgesehen davon, dass alle befragten Personen bereits über eine Vielzahl an (rein) touristischen Reiseerfahrungen verfügten, waren einige von ihnen auch bereits im Rahmen ihrer Erwerbsarbeit, ihrer schulischen Laufbahn oder eines Praktikums im Ausland gewesen. Nun sind sie in Jerusalem als VolontärInnen oder Zivildiener für einen Zeitraum zwischen vier Wochen und 13 Monaten. Im Gegensatz etwa zu Migranten, Flüchtlingen oder Exilanten unterliegen sie dabei aber nicht dem Zwang „zu einer ‚extremen’ bzw. ‚radikalen’ Auseinandersetzung mit einem anderen Land und einer anderen Kultur“ (Singer 1997: 119). Dieser fehlende Zwang resultiert daraus, dass diese Kosmopoliten im Vorfeld oder vor Ort in den meisten Situationen selber festlegen dürfen, wie intensiv der Kontakt zu den für sie unvertrauten kulturellen Gegebenheiten sein soll.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Ambiguität der Begegnung mit dem Fremden und Skizzierung des Forschungsinteresses an den Fremdheitserfahrungen von „KosmopolitInnen“.
I. Theoretische Fundierung: Erarbeitung der soziologischen Grundlagen von Fremdheit, Abgrenzung zum Begriff des „Anderen“ und Differenzierung der Fremdheitsgrade.
II. Datenerhebung: Erläuterung der methodischen Konzeption, Auswahl der Hospize in Jerusalem als Untersuchungsorte und Durchführung der qualitativen Interviews.
III. Auswertung der Interviews: Hauptteil der Analyse, der die Distinktion der Interviewten, die Funktion der Hospize als „heimische Inseln“ und verschiedene Steuerungsmechanismen von Fremdheitserfahrungen detailliert untersucht.
Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse und Fazit zu den Bedingungen sowie der Steuerung von Fremdheitserfahrungen.
Schlüsselwörter
Fremdheit, KosmopolitInnen, Jerusalem, Hospiz, soziale Interaktion, kulturelle Kompetenz, Retardation, heimische Inseln, qualitative Interviews, Identität, Exklusion, Relevanz, Fremdheitserfahrung, Rollenausrichtung, Vertrautheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, die als Volontäre oder Zivildienstleistende in Jerusalem leben, mit der fremden Umgebung und kulturellen Unterschieden umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Soziologie des Fremden, die Bedeutung von geschützten Rückzugsräumen (Hospize) und die bewusste oder unbewusste Steuerung von Fremdheitserfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, unter welchen Bedingungen Fremdheitserfahrungen entstehen und wie die Probanden ihre Kontakte zur unvertrauten Außenwelt aktiv steuern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Studie, die auf geführten Interviews mit deutschen und österreichischen Freiwilligen basiert, die während ihres Aufenthalts in Jerusalem befragt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie die Hospize als „heimische Inseln“ fungieren, wie die Probanden den kulturellen Kontakt dosieren (Retardation) und welche Interaktionsschwierigkeiten im Alltag auftreten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind „Fremdheitserfahrung“, „heimische Inseln“, „Retardation“, „soziale Interaktion“ und „KosmopolitInnen“.
Warum ist Jerusalem ein so interessanter Forschungsort?
Aufgrund seiner enormen multikonfessionellen und multiethnischen Vielfalt bietet Jerusalem den idealen Ort, um das Spannungsfeld zwischen der Anziehungskraft des Fremden und dem Bedürfnis nach vertrauten Strukturen zu beobachten.
Was genau versteht der Autor unter „heimischen Inseln“?
Damit sind die beiden christlichen Hospize gemeint, in denen die Freiwilligen leben und arbeiten. Diese bieten durch ihre deutschsprachige Struktur und soziale Gemeinschaft einen Schutzraum, der es den Personen ermöglicht, sich nach Bedarf der fremden Umwelt zu nähern oder sich ihr zu entziehen.
- Quote paper
- Dominik Jesse (Author), 2008, Heimische Inseln in der Fremde - Fremdheitserfahrungen von VolontärInnen und Zivildienstleistenden in zwei christlichen Hospizen in Jerusalem (Israel), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116314