Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit. Ein systematischer Review


Bachelorarbeit, 2020

55 Seiten


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

2 ZIELSETZUNG

3 GEGENWÄRTIGER KENNTNISSTAND
3.1 Die Evolution des Menschen
3.2 Körperliche Aktivität
3.3 Begriffserklärung Gesundheit und Darstellung der Theorien und Modelle
3.4 Begriffserklärung „psychische Gesundheit“ und Darstellung der Theorien und Modelle
3.5 Zusammenhang von körperlicher Aktivität und (psychischer) Gesundheit
3.6 Gegenwärtige Situation in Deutschland und der Welt (Zahlen, Daten, Fakten)
3.6.1 Allgemeine Gesundheit und Krankheit der Bevölkerung
3.6.2 Körperliche Aktivität
3.6.3 Psychische Gesundheit und Krankheit
3.7 Maßnahmen und Programme zur Gesundheitsförderung und Primärprävention
3.7.1 Maßnahmen und Programme zur Förderung der körperlichen Aktivität
3.7.2 Maßnahmen und Programme zur Förderung der psychischen Gesundheit

4 METHODIK

5 ERGEBNISSE

6 DISKUSSION
6.1 Diskussion der Ergebnisse
6.2 Methodenkritik
6.3 Schlussfolgerung und Ausblick

7 ZUSAMMENFASSUNG

8 LITERATURVERZEICHNIS

9 ABBILDUNGS-, TABELLEN-, ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
9.1 Abbildungsverzeichnis
9.2 Tabellenverzeichnis
9.3 Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

Die Zahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen nimmt jedes Jahr stark zu und es wird zunehmend schwierig, sich umfassend in einzelnen Wissenschaftsbereichen zu informie­ren. Daher ist es notwendig, einzelne Studien zur gleichen Thematik systematisch zusam­menzufassen und kritisch zu bewerten. Ein systematischer Review bietet daher eine sehr gute Möglichkeit, einen breiten Überblick über die aktuelle Befundlage zu gewinnen. Ge­genwärtig steht in der Gesundheitsbranche die Erforschung des Zusammenhangs von kör­perlicher Aktivität und der psychischen Gesundheit im Fokus zahlreicher wissenschaftli­cher Untersuchungen. Die Ergebnislage der Einzelstudien ist jedoch teilweise unüber­sichtlich. Der Effekt von körperlicher (sportlicher) Aktivität auf die physische Gesundheit des Körpers ist durch einige Studien dokumentiert (Cornelissen, Fagard, Coeckelberghs & Vanhees, 2011; Halle & Schoenberg, 2009; Haskell et al., 2007; Holland & Hill, 2008; Lee, 2007; Rejeski et al., 2012), jedoch ist die Wirkung auf psychologischer Ebene un­vollständig erforscht. Im Jahr 1948 entstand die erste offizielle Klassifikation von Krank­heiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (ICD-6) mit vereinzelten psychischen Erkrankungen wie Psychopathien oder Psychosen und Anomalien des Charakters, des Benehmens oder der Intelligenz. Im Vergleich zur aktuellen ICD-10 ( ICD-10: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. 10. Revision, 1994) Version entsteht eine gesonderte Kategorie der psychischen Krankheiten und Verhaltensstörungen (F00-F99). Einhergehend mit die­sen Erkenntnissen lassen sich erst Ende des 20. Jahrhunderts neu definierte psychische Erkrankungen diagnostizieren. Die Relevanz der psychischen Gesundheit nimmt im All­tag und vor allem in der Arbeitswelt stetig zu. Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse zeigt, dass sich sechs von zehn Personen gestresst fühlen. Hauptverursacher ist die Arbeit, geprägt durch eine ständige Erreichbarkeit (Techniker Krankenkasse, 2016). Der DAK- Gesundheitsreport 2019 zeigt ab dem Jahr 1997 bis 2017 eine Steigerung der Arbeitsun­fähigkeitsmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen von 76,7 auf 249,9 Arbeitsun­fähigkeitsfälle pro 100 Versichertenjahre. Auch die Anzahl der arbeitsunfähigen Tage steigt von 2,5 Tagen auf 7 Tage im Durchschnitt an (Marschall, Hildebrandt-Heene & Nolting, 2019). Das Burnout-Syndrom fällt bisher nicht unter die Klassifikation der psy­chischen Störungen, sondern gilt als Problem in Bezug auf die Lebensführung, aber auch diesbezüglich zeigt sich von 2004 bis 2011 eine gesteigerte Arbeitsunfähigkeit (Marschall, 2013) und damit ein bedeutungsvoller Ansatzpunkt zur Förderung von Prä­vention. Um zielorientierte Präventionsprogramme zur Verbesserung der psychischen 4/55

Gesundheit durch körperliche Aktivität verfassen zu können und die Arbeitsunfähigkeits­tage zu senken, wird in dieser Arbeit der Zusammenhang von körperlicher Aktivität und psychischer Gesundheit untersucht.

2 Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es, im Rahmen eines systematischen Reviews eine eigenständige Zu­sammenfassung des Forschungsstands zum Thema „körperliche Aktivität und psychische Gesundheit“ auf der Grundlage der einschlägigen theoretischen und empirischen For­schungsliteratur zu verfassen. In einem Überblick des aktuellen Kenntnisstandes sollen Definitionen und Zusammenhänge der Begriffe „körperliche Aktivität“ und „psychische Gesundheit“ erfolgen. Anschließend werden zusammenfassend die wichtigsten aktuellen Kennzahlen und Fakten dargelegt und die bereits bestehenden Interventionsprogramme vorgestellt. Es folgt ein Studienvergleich zum Zusammenhang zwischen körperlicher Ak­tivität und psychischer Gesundheit mit kritischer Auseinandersetzung. Der Fokus des Stu­dienvergleichs liegt dabei auf nationalen und internationalen Studienpublikationen der letzten drei Jahre in den Sprachen Englisch und Deutsch. Die neuen Erkenntnisse der zusammengefassten Studien werden mit dem aktuellen Kenntnisstand verglichen.

3 Gegenwärtiger Kenntnisstand

3.1 Die Evolution des Menschen

Die Evolution des Menschen beeinflusst noch heute Körper und Geist der Gesellschaft. Angefangen mit der Abstammung des Affen bis hin zum aufrechten Gang und die darauf­folgende Einteilung von Mann und Frau zu Jägern und Sammlerinnen. Frauen hatten die Aufgabe Kinder zu gebären, sie zu erziehen und zu beschützen, während Männer zur Jagd gingen, um die Familie zu ernähren. Hatte die Frau keinen Nachwuchs zu erwarten, sam­melte sie Beeren. Beide Geschlechter mussten sich körperlich betätigen, um am Leben zu bleiben - ihr Überlebensinstinkt (Cordain et al., 2000). War keine körperliche Aktivität mehr von Nöten für Nahrungserwerb oder Fortpflanzung, wurde Energie gespart (Buss & Hoffrage, 2004).Von Geburt an sind diese Wurzeln im menschlichen Körper verankert, doch durch Umwelteinflüsse, soziale Beziehungen und die immer weiter fortschreitende Industrialisierung und der damit einhergehenden Digitalisierung verliert der Mensch die­sen Instinkt. Die Menschen werden sesshaft (Ströhle, 2005), Supermärkte ersetzen das Jagen und Sammeln, durch Industrie und Wirtschaft und die dadurch entstandene Wäh­rung bilden sich Berufe. Die natürliche Fortpflanzung wird gehemmt, beispielsweise mit der Antibabypille in den 1960er Jahren (Kaufmann, 2005). Diese Faktoren verschieben den Schwerpunkt des Lebens. In den meisten Regionen der Welt besteht eine übermäßige Verfügbarkeit an Nahrungsmitteln, sodass der Gang zum Supermarkt oder das Liefern von Lebensmitteln nach Hause uns das Leben vereinfachen. Aus diesem Grund benötigen die Menschen weniger Energie. Anstatt als ehemaliger Selbstversorger die Zeit zu über­brücken, entstehen viele verschiedene Berufe, die uns eine freie Entfaltung in der Arbeits­welt ermöglichen. Diese nehmen die meiste Zeit unseres Alltags in Anspruch. Schwere körperliche Arbeiten werden durch Maschinen ersetzt und der Computer und die daraus folgenden digitalen Medien ermöglichen weitere Arbeitsplätze. Das Gehirn des Men­schen entwickelt sich immer weiter und ist das Werkzeug der heutigen Gesellschaft. Der damalige Flucht- und Kampfgedanke zum Überleben ist jedoch weiterhin im menschli­chen Gehirn verankert und erzeugt Stress im Körper. Dieser Stress beginnt bereits im schulischen Alltag, erzeugt durch Leistungsdruck, beispielsweise durch das Konstrukt ei­ner Note und begleitet die Gesellschaft bis in den Arbeitsalltag und die Freizeit.

Darwin (2004) prägt mit seinem Werk zur Evolutionstheorie „the origin of species“ seit dem 19. Jahrhundert die Biologie. Seine Annahmen zur Reproduktion, Variation, Selek­tion und Vererbung geben Klarheit zur biologischen Entwicklung des homo sapiens. Dar­über hinaus stellt er die Theorie der passiven Anpassung „survival of the fittest“, das Überleben der Individuen, die sich am besten an die gegebenen Umweltbedingungen an­passen, auf.

Vergleicht man Darwins Theorie mit den heutigen Gegebenheiten wird deutlich, dass die Anpassungsvorgänge nie enden. Ward (2002) belegt, dass schon vor 4,4 Millionen Me­gajahren Fossilien unserer Vorfahren Australopithecus einen aufrechten Gang aufzeigen, der den ersten homo sapiens das Jagen und Sammeln der Nahrung erleichtert. Da nach dem Überschuss von Nahrung nach der Jagd oft eine Hungerperiode auf die Menschen zukam, war es möglich, Energie in Form von Fett im Körper zu speichern. Eine Anpas­sung, das Deltaprinzip, die bis heute Wirkung zeigt (Huber & Baldus, 2009). Vor circa 10000 Jahren wurden die Menschen sesshaft und betrieben Ackerbau (Ströhle, 2005). Heute leisten im Gegensatz dazu laut GEDA 2014/2015-EHIS fast 50% der befragten

Männer und Frauen keine schwere körperliche Arbeit, sondern stehen und sitzen haupt­sächlich (Finger, Mensink & Lange, 2017). Viele physiologische Zustände, vor allem das Sitzen, weisen einen Risikofaktor für chronisch degenerative Krankheiten auf (Chau et al., 2013). Körperliche Aktivität ist ein Ansatzpunkt zur Prävention.

3.2 Körperliche Aktivität

Körperliche Aktivität ist jede physiologische Bewegung, die durch die Skelettmuskulatur produziert wird und den Energieverbrauch über den Grundumsatz anhebt (US Depart­ment of Health and Human Services, 1996; Schwarzer, 2004). Das heißt alle Bewegungen des Alltags und der Freizeit wie Putzen, Treppensteigen, Fußball oder Klettern zählen zur körperlichen Aktivität. Wenige Jahre nach Entstehung dieser Definition entwickelt sich der Begriff „Health-Enhacing Physical Activity“ (HEPA), der die körperliche Aktivität in Bezug auf gesundheitsförderliche Kriterien spezifiziert. Unter dem Begriff HEPA ver­stehen Abu-Omar und Rütten (2006, S. 1162) jede Form körperlicher Aktivität, die einen gesundheitlichen Nutzen bringt und enorme gesundheitliche Risiken ausschließt. Darüber hinaus bilden sich begriffliche Abgrenzungen wie „sportliche Aktivität“, „Fitness-Sport“, „Gesundheitssport“ oder „Rehabilitations-Sport“. Alle Kategorien zeigen Überschnei­dungen im Sinne der Stärkung von gesundheitsfördernden Faktoren bezogen auf ver­schiedene Zielgruppen. Dennoch müssen Gesundheitsaspekte von Person zu Person un­terschiedlich betrachtet werden. Das heißt, der Begriff Gesundheit ist individuell für je­den Menschen (Abu-Omar & Rütten, 2006).

3.3 Begriffserklärung Gesundheit und Darstellung der Theorien und Modelle

Die Fülle an unterschiedlichsten Definitionen zeigt, dass eine Abgrenzung von Gesund­heit und Krankheit nicht möglich ist (Franke, 2012). Die „International Classification of Diseases“ (ICD) kann eine spezifische Krankheit definieren. Diese Liste wird jedoch ste­tig aktualisiert und somit entstehen neue Krankheiten. Ein Beispiel dafür ist die Pest. Be­vor die Epidemie ausbrach, gab es diese nicht. Der Homosexualität wurde der Begriff der Krankheit abgeschrieben, aber erst vor einigen Jahren. Die technischen und diagnosti- schen Möglichkeiten verändern sich mit der Industrialisierung. „Je intensiver jemand un­tersucht wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitssymptome gefun­den werden“ (Franke, 2012, S. 25). Ein weiterer nennenswerter Punkt ist die Diskrepanz zwischen Befund und Befinden. Obwohl eine Person Adipositas hat, muss sie sich nicht gleich subjektiv krank fühlen, trotz einer Abweichung der Normwerte. Vergleicht man die verschiedenen Definitionen der Gesundheit wird deutlich, dass sich mehrere Denkan­sätze (Dimensionen) hervorheben. Zum einen im positiven Sinne, Gesundheit als Wohl­befinden (Salutogenese), zum anderen im negativen Sinne, Gesundheit als Störungsfrei­heit (Pathogenese).

Diese Gegensätzlichkeit der Denkweisen werden in der Definition der WHO (1946) und in der von Engel (1997) deutlich. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit als „(...) einen Zustand des vollständigen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbe­findens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“ (WHO, 1946). Die Formulierung „Gesundheit als Wohlbefinden“ (WHO, 1964) schafft eine deutliche Ab­grenzung zur bereits vorher bestehenden Theorie der biomedizinischen Sichtweise nach Engel (1977). Dieses Modell nimmt Bezug auf die reine physiologische Ebene der Ge­sundheit, das heißt Krankheit als Störung von körperlichen Strukturen und Funktionen oder auch eine Abweichung von Normwerten (Engel, 1977). Dieses Modell wird nach weiteren Erkenntnissen um zwei weitere Ebenen erweitert.

Ein weiterer Blickwinkel ist Gesundheit als Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung. Diese Theorie bezieht sich auf die Fähigkeiten und die daraus folgende Leistung einer Person. „Gesundheit kann definiert werden als Zustand optimaler Leistungsfähigkeit ei­nes Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es soziali­siert worden ist.“ (Parsons, 1967). Diese Definition des Leistungsgedankens ist bis heute Grundlage der Kranken- und Rentenversicherungen, wobei die Leistungsfähigkeit oder Kompetenz sich nicht ausschließlich auf physischer Ebene bewegt. Die Kompetenz der Anpassung, Kommunikation, des Durchsetzungsvermögen, Liebes- und Arbeitsfähigkeit und die Sozialkompetenz beeinflussen in dieser Dimension ebenfalls die Gesundheit (Franke, 2012).

Als vierte Sichtweise und auch als älteste und am meisten vertretene, gilt Gesundheit als Gleichgewichtszustand, auch genannt Homöostase. Die Homöostase wurde als Grund­idee von Hippokrates (etwa 460 - 377 v. Chr.) (Humoraltheorie) aufgenommen. Er be­trachtete das Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim genauer. Sind diese Säfte in einem optimalen Verhältnis gilt der Mensch als gesund. Veränderungen der Menge je nach Körpersaft führen physische und psychische Krankheiten herbei. Diese Idee wurde

von Galen 129-199 n. Chr. übernommen und erweitert. Im Jahre 2007 nimmt Hurrelmann diese Dimension als Schwerpunkt seiner Gesundheitsdefinition: „Gesundheit ist das Sta­dium des Gleichgewichts von Risikofaktoren und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn ei­nem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren (körperlichen und psychischen) als auch äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen gelingt. Gesundheit ist ein Sta­dium, das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude vermittelt.“ Der erste Teil der Definition beschreibt das Risikofaktorenmodell, entstanden durch die Flammingham- Studie, in der Risikofaktoren von Herz- und Kreislauferkrankungen untersucht wurden (Haynes, Feinleib & Kannel, 1980). „Unter einem Risikofaktor wird eine Variable ver­standen, die die Wahrscheinlichkeit (das Risiko) für eine bestimmte Krankheit erhöht.“ Hauptaussage des Modells ist dass Krankheiten nicht zwangsläufig nur eine Ursa­ che haben, sondern durch verschiedene Risiken beeinflusst bzw. hervorgerufen werden.“ (Brinkmann, 2014).

Gegenteilig zur Homöostase definiert Canguilhem (1950/1975) Gesundheit als Sicher­heitsreserve an Reaktionsmöglichkeiten, die Heterostase. Anhand dieser Definitionen lässt sich das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky (1979, 1988) ableiten. Er betrachtet Gesundheit (Health-Ease) und Krankheit (Dis-Ease) als ein Kontinuum (HEDE-Kontinuum), auf dem sich eine Person bewegt, je nach Gesundheitszustand. Da­mit ist in seinen Augen Gesundheit nicht ein absoluter Zustand, sondern ein wechselhafter Zustand. Addierend dazu ist er der Meinung, dass ein Reiz (Stressor) nicht zwangsläufig eine Stressreaktion auslöst, sondern der Umgang mit Stressreizen ausschlaggebend ist. Diese Gabe des Umgangs beschreibt Antonovsky als Kohärenzsinn, der je nach Ausprä­gung zu mehr Gesundheit oder mehr Krankheit führt. Angelehnt ist diese Sicht an das transaktionale Stresskonzept nach Lazarus und Folkman (2015). Wie der Name des Mo­dells bereits beschreibt, liegt Antonovskys Fokus auf der Salutogenese (Salus, Lat.: Un­verletzlichkeit, Heil Glück; Genese, griech.: Entstehung), den gesundheitsförderlichen Kräften. Wohingegen Engel den Blickwinkel auf Gesundheitsrisiken und schädliche Ein­flüsse lenkt (Brinkmann, 2014, S.34).

In der letzten Dimension bezeichnet Franke (2012, S.48) Gesundheit als eine Anpassung an äußere, physikalische, soziale und gesellschaftliche Umgebung. Bezogen auf diese Di­mension entstand die Theorie von Gesundheit als „ability to adapt and to selfmanage, in the face of social, physical and emotional challenges“ (Huber et al., 2016, S. 7). Das be­deutet, die Fähigkeit sich an soziale, physiologische und emotionale Herausforderungen anzupassen.

Eine ganz neue Perspektive sieht Nietzsche (2005) in seiner Philosophie der Krankheit. Er sieht Gesundheit als die geistig überwundene Krankheit.

Zusammenfassend verändert sich mit der Entwicklung von Forschung und Wissensstand die Betrachtung der Gesundheit in verschiedenen Ebenen. Die reine biomedizinische In­terpretation von Gesundheit und Krankheit wird durch Aspekte wie Sozialkompetenz, Anpassungsfähigkeit und psychische und seelische Faktoren erweitert. Dadurch entste­hen das Risikofaktorenmodell, das biopsychosoziale Modell und das Modell der Saluto- genese als die wichtigsten Werkzeuge zur Ermittlung der allgemeinen Gesundheit. Der Begriff der psychischen oder seelischen Gesundheit und die darauf bezogenen Gesund­heitsmodelle werden im folgenden Kapitel genauer dargestellt.

3.4 Begriffserklärung „psychische Gesundheit“ und Darstellung der Theorien und Modelle

Da ab dem 19. Jahrhundert die psychische Gesundheit mehr an Bedeutung gewinnt, rückt das biomedizinische Modell in den Hintergrund und reicht zur Ermittlung von Gesundheit oder Krankheit nicht aus. Griesinger (2017) erkannte psychische Störungen als Gehirn­krankheiten entstehend durch organische, psychische und soziale Faktoren. Aus diesem Grund ist neben den sozialen Aspekten die Psyche als wesentlicher Bestandteil der Ge­sundheit nicht wegzudenken.

Als Erweiterung des biomedizinischen Modells entsteht also das „biopsychosoziale Mo­dell“ nach Engel (1977). Dieses beschreibt einen Wechsel zwischen biologischen, psy­chologischen und sozialen Einflüssen bei der Entstehung von Krankheiten. Man spricht vom Mensch als eine „biopsychosoziale Einheit“, der sich ebenfalls auf einem Konti­nuum bewegt je nach Gesundheit oder Krankheit. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell be­ruht auf dem biopsychosozialen Modell und beschreibt die Anfälligkeit (Vulnerabilität) an Krankheiten zu erleiden aufgrund von genetischen Dispositionen und die darauf fol­genden Einflüsse wie zum Beispiel Stress (Wittchen & Hoyer, 2011). Da das Risikofak­torenmodell ebenfalls den biopsychosozialen Modellen angehört, besteht auch dort eine Verbindung mit psychischen Einflussfaktoren, aber vor allem das Verhalten stellt ein ge­sundheitsbeeinflussendes Risiko dar. Auch im Konzept der Salutogenese bezieht sich An­tonovsky (1979, 1988) auf die psychische Gesundheit mit Hilfe des Kohärenzsinns und die daraus folgende Stressbewältigung. In der Gesundheitsdefinition der WHO wird das „geistige Wohlbefinden“ zur ganzheitlichen Gesundheitsermittlung mit aufgenommen. „Das Wohlbefinden umfasst Bewertungen des eigenen Daseins, sowie das Verhältnis von angenehm und unangenehm physischen und psychischen Empfindungen.“ (Lieschetzke & Eid, 2005). Es beruht auf kognitiven und affektiven Prozessen, die sich auf das eigene Leben im Allgemeinen oder auf spezifische Aspekte wie die eigene Gesundheit, den ei­genen Körper oder die soziale Umgebung einer Person beziehen können.“ (Schüler, Wegner & Plessner, 2020, S. 554). Das bedeutet, das Wohlbefinden beschreibt den sub­jektiven Teil von Gesundheit.

Unter psychischer Gesundheit versteht die WHO ein „Zustand des Wohlbefindens, indem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpft, die normalen Lebensbelastungen bewältigt, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und im Stande ist etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.“ Das Robert-Koch Institut (2020) beschreibt psychische Gesundheit kurz und knapp als „wesentliche Voraussetzung von Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und sozialer Teilhabe“, die durch „individuelle und gesellschaftliche Folgen“ entstehen. Als Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit werden „leichte Einschränkungen des see­lischen Wohlbefindens bis zu schweren psychischen Störungen“ gesehen. Spricht man von „psychischer Krankheit“, so wird der Begriff durch die „psychische Störung“ in den Achsen des DSM-VI (Falkai et al., 2018) aufgrund der Deskriptivität ersetzt.

Wie auch der Begriff Gesundheit/ Krankheit, ist psychische Gesundheit/-Krankheit von Instituten wie der WHO oder des RKI zwar definiert, aber stets in Diskussion (Heinz, 2014). Denn psychische Krankheit lässt sich nicht in allen Fällen durch organische Be­funde diagnostizieren, sondern hängt auch vom subjektiven Befinden der betroffenen Per­son ab. Aus diesem Grund sind die Themen Stressbewältigung und das Verhalten einer einzelnen Person zur Ermittlung psychischer Gesundheit obligatorisch (Busch et. al., 2011; Knoll et.al., 2005).

Stress wird von Bodenmann und Gmelch (2009) in physikalischen, sozialen, ökologi­schen, ökonomischen und beruflichen Stress untergliedert. Diese Stressoren beziehen sich auf die reiz- oder situationsorientierte Stresskonzeption, bei der beispielsweise kriti­sche Lebensereignisse oder die Beziehung zwischen Belastung und Beanspruchung eine wichtige Rolle spielen. Das Belastungs- und Beanspruchungs- Modell der Arbeitspsy­chologie bezieht sich auf die psychische Belastung (Summe aller psychischen Einflüsse) und die darauffolgende psychische Beanspruchung (unmittelbare, nicht langfristige Aus­wirkung der Belastung). Diese Beanspruchung ist je nach Person und deren Eigenschaft höher oder niedriger. Eine dauerhafte psychische Beanspruchung führt zu dem Konstrukt des chronischen Stress (Brinkmann, 2014 S. 195-196).

Ein weiterer Ansatz zur Analyse psychischer Gesundheit oder Belastung ist die Theorie zu reaktionsorientiertem Stress. „Stress (...) als abhängige Variable (...), die durch phy­siologische psychische und verhaltensmäßige Aktivitäten und Anpassungsleistungen ge­kennzeichnet ist.“ (Brinkmann, 2014, S.198). Dabei fällt der Blick, wie schon bei der Messung von allgemeiner Gesundheit, zurück auf das Konzept der Homöostase, das von Cannon und Cannon (1967) aus der ursprünglichen Kampf-Flucht-Reaktion resultiert. Diese Kampf-Flucht-Reaktion ist übertragbar in die Zeit der menschlichen Jäger und Sammler. Wird die Homöostase oder das Gleichgewicht des Menschen bedroht, führt dies zu einer Alarmreaktion im Sinne einer physiologischen Anpassung (Bsp.: Ausschüttung Katecholamine, Corticosteroide -> Senkung Blutdruck und Körpertemperatur). Der da­rauf folgende Widerstand (Stressreaktion) versucht mit der Aktivierung des Sympathikus das Gleichgewicht wiederherzustellen (Bsp.: Ausschüttung Adrenalin -> Freisetzung Glucose, Steigerung Blutdruck). Bleibt der Zustand des Widerstandes länger oder dauer­haft, führt dies zu negativen Folgen der körperlichen Gesundheit bis hin zum Tod. Dieser Mechanismus (Allgemeines Adaptionssyndrom oder Anpassungssyndrom) ist laut Selye (1953) in den Genen des Menschen verankert und spielt bis heute eine große Rolle.

Ein weiteres Modell, das Modell der Relationalen Stresskonzeption, sieht Stress als dy­namische Wechselwirkung. Anhand der kognitiv-transaktionalen Stresstheorie von Lazarus und Launier (1978) wird der Zusammenhang von Mensch und Umwelt darge­stellt. „Stuft eine Person eine Situation als gefährlich für sich ein und nimmt sie diese Situation zugleich als Anforderung wahr, die ihre Möglichkeiten einer Bewältigung über­steigt, wird diese Transaktion als stressreich empfunden“.

Eine weitere Theorie, das Modell zur Ressourcenerhaltung von Hobfoll (1989) beschreibt die Stressbewältigung und deren Gründe. „Personen mit weniger Ressourcen sind im Un­terschied zu solchen mit vielen Ressourcen verletzlicher gegenüber Ressourcenverlusten und leiden stärker unter den negativen Effekten des Verlustes“ (Brinkmann, 2014, S.212). Zur Ermittlung psychischer Gesundheit werden also Faktoren wie die Stressbewältigung, das Verhalten und die menschliche Einstellung in Betracht gezogen, da diese Konstrukte Teil der psychischen Gesundheit sind und diese ebenfalls beeinflussen. Das Wohlbefin­den, die subjektive Sparte der Psyche, bezieht sich ebenfalls auf die körperliche Gesund­heit bzw. schließt das körperliche (Wohl-)Befinden mit ein. Daher ist hier keine isolierte Analyse der psychischen Gesundheit möglich. Auch die oben veranschaulichten Modelle zeigen immer wieder Kausalitäten zu sozialen und physischen Aspekten der Gesundheit.

3.5 Zusammenhang von körperlicher Aktivität und (psychischer) Gesundheit

Dieser Abschnitt beleuchtet zu Beginn den Zusammenhang von körperlicher Aktivität auf die allgemeine Gesundheit und spezifiziert sich anschließend auf die Komponenten der psychischen Gesundheit mit Betrachtung der Salutogenese/Pathogenese.

Wie schon die Definition von körperlicher Aktivität beschreibt, arbeitet der Körper durch Herz-Kreislauf-Aktivität intensiver und verbraucht eine erhöhte Kalorienanzahl (erhöhter Grundumsatz). Die Arbeit des Herz-Kreislauf-Systems wird gemessen anhand des Blut­drucks und der Herzfrequenz. Vor allem das Training der Ausdauer im Bereich der aero­ben Belastung zeigt Verbesserungen der kardiovaskulären Leistungsfähigkeit und verrin­gert, durch Senkung von Blutdruck und Herzfrequenz, das Risiko von koronaren Herz­krankheiten (KHK) (Groß, 2011; Meißner, 2011). Auch Krafttraining erhöht die Aktivität des Herz-Kreislauf-System und vermindert das Risiko an einer KHK zu erkranken. Eine Studie von Bickenbach (2012) zeigt, dass Kraft- und Ausdauertraining in Kombination ein noch erfolgreicheres Resultat auf die kardiovaskuläre Gesundheit aufweist im Gegen­satz zu einem separaten Kraft- oder Ausdauertraining. Körperliche Inaktivität, einseitige Bewegungen und der menschliche Alterungsprozess beeinflussen den aktiven und passi­ven Bewegungsapparat negativ. Claudi (2019) weist einen positiven Effekt von körperli­cher Aktivität auf degenerative Prozesse des Gelenkknorpels bei Inaktivität auf. Kraft- und Koordinationstraining können durch Stabilität der Muskulatur präventiv gegen Kno­chenbrüche eingesetzt werden (Platen, 2001). Dieser Aspekt nimmt ab dem 50. Lebens­jahr vor allem bei Frauen einen hohen Stellenwert ein, aufgrund des höheren Osteoporose Risikos nach der Menopause (Fuchs, Rabenberg & Scheidt-Nave, 2013). Beweglichkeit und Flexibilität von Muskeln, Gelenken und Faszien ermöglichen die optimale Funktio­nalität des Bewegungsapparates (Farage, Miller, Ajayi & Hutchins, 2012). Da der Mensch durch die frühere Nahrungsknappheit dazu in der Lage ist, überschüssig aufge­nommene Energie für Hungerperioden zu speichern (Huber & Baldus, 2009), entsteht ein erhöhtes Adipositas- und Diabetesrisiko. Die Evidenz zur Therapie durch körperliche Ak­tivität von Diabetes Mellitus Typ II ist bewiesen (Gregg et al., 2012; Rejeski et al., 2012). Auch bei Tumorerkrankungen, chronischen Nierenkrankheiten und Lungenerkrankun­gen wie Asthma und COPD zeigen sich positive Effekte durch die Prävention und The­rapie von körperlicher Aktivität (Halle & Schoenberg, 2009; Heiwe & Jacobson, 2011; Holland & Hill, 2008). Regelmäßige physische Aktivität verringert also die vorzeitige Mortalität (Blair et al., 1989).

Neben den physischen Faktoren ist belegt, dass körperliche Aktivität, vor allem Ausdau­ertraining, stimmungsaufhellend wirkt (Knechtle, 2004). Aus psychologischer Sicht zeigt Sime (1987) sinkende Depressionswerte nach zehnwöchigem aeroben Fitnesstraining auf dem Fahrradergometer. Zurückzuführen ist dieses Ergebnis auf physiologische-bioche- mische Mechanismen wie die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern wäh­rend und nach dieser Belastung (Bsp.: Endorphine, Dopamin, Serotonin). Einen Über­blick über die Studienlage diesbezüglich zeigt Martinsen (2008) in Verbindung mit De­pressionen und Angststörungen. Blumenthal et al. (1999) fanden heraus, dass ein 16-wö- chiges Training bei 156 Personen mit schwereren Depressionen den gleichen Effekt hat wie die Behandlung durch Antidepressiva. Außerhalb von Depressionen zeigt sich, dass körperliche Aktivität in Zusammenhang mit einem gesteigerten Wohlbefinden das glo­bale Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeitserwartung anhebt (Netz, Wu, Becker & Tenenbaum, 2005; Spence, McGannon & Poon, 2005).

Trotz der signifikanten Ergebnisse einzelner Studien ist oft nur ein leichter Einfluss von Sport oder körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit zu erkennen, wobei die physische Veränderung eindeutig evidenzbasiert ist. Des Weiteren unterliegt die Haupt­anzahl der Studien der pathologischen Untersuchung und ein primärpräventiver Effekt auf die psychische Gesundheit ist kaum belegt. Ein Grund dafür ist der Mangel an Lang­zeitstudien und die fehlende Spezifizierung der körperlichen Aktivitäten auf die Variable der psychischen Gesundheit. Ein weiteres Problem stellt die Definition der psychischen Gesundheit dar, da bisher wenige nicht physiologische Messinstrumente existieren. Es zeigt sich, dass die Psychologie in Abhängigkeit zur physischen Gesundheit steht. Einen Überblick über die allgemeine Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch, gibt das US Department of Health and Human Services (1996). Das Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen, Bluthochdruck, Darmkrebs, Diabetes, Arthrose und altersbedingte Kno­chenbrüche sinkt. Die Knochendichte im Kindes- und Jugendalter, die Kompetenz zur Alltagsbewältigung im Alter und die Kontrolle über das Körpergewicht steigen. Und ne­ben dem Anstieg der Lebenserwartung sind positive Effekte zum allgemeinen Wohlbe­finden und der Lebensqualität sowie eine Senkung der Angst- und Depressionswerte zu erkennen.

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Details

Titel
Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit. Ein systematischer Review
Autor
Jahr
2020
Seiten
55
Katalognummer
V1163177
ISBN (eBook)
9783346569257
ISBN (Buch)
9783346569264
Sprache
Deutsch
Schlagworte
körperliche Aktivität, psychische Gesundheit, review, gesundheit, Theorien und Modelle, Zusammenhang körperlicher Aktivität und psychischer Gesundheit, Studienvergleich, aktueller Kenntnissstand, Präventionsprogramme
Arbeit zitieren
B.A. in Gesundheitsmanagement Kathrin Hinkes (Autor:in), 2020, Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit. Ein systematischer Review, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1163177

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