Im europäischen Mittelalter sah sich der zeitgenössische Dichter mit festgefügten Normen im Literaturbetrieb konfrontiert. Er war einer überlieferten Stofftradition verbunden, meist wurde das Quellenmaterial für das oft von Fürsten bestellte Werk von diesen an den Dichter gegeben. Der Dichter war ausführender Handwerker, basierend auf – durch Gottes Gabe erlernbarem – Können und Wissen, nicht jedoch Künstler, und hatte schon erwähnten Normen zu folgen. Beeinflusst wurde ein solcher Dichter vom spirituellen Kulturmonopol der Kirche, Stofftraditionen aus archaischen und frühmittelalterlichen Umfeldern, nicht zuletzt wurde vom Dichter erwartet, mit seinem Werk zu einem höheren Weltverständnis beizutragen und somit seiner Verantwortung für die soziale Ordnung gerecht zu werden. Außerdem war er an die beim Publikum fixierten Erwartungen an eine Gattung gebunden, auch schränkte die Verfügbarkeit von Präsentationsmedien (meist wurde Lyrik mündlich oder in Liedform vorgetragen) ein .
Oswald von Wolkenstein setzte sich über die anonyme Handwerkerrolle hinweg und schuf sich eine unverwechselbare Identität. Die Trennung von gattungsmäßig – literarischem und faktischem Ich wurde von ihm aufgehoben. Er schuf die ersten autobiographischen Werke seiner Zeit und war sich seiner Kunst und Wichtigkeit durchaus bewusst. Dies äußert sich beispielsweise in dem Umstand, dass er seine Gedichte nicht nur signierte, was für die damalige Zeit unüblich war, sondern auch Sammelausgaben mit seinem Portrait in Auftrag gab, wo er als stolzer Edelmann mit dem ihm verliehenen Kannen – und Greifenorden posiert . Eine solche Individualisierung war ihm nur möglich, weil er finanziell auf eigenen Füßen stand und keinem Mäzen verpflichtet war.
Der Titel meiner Hausarbeit, „Oswalds poetische Kunst“, legt folgende Fragestellungen nahe: Inwieweit war Oswald mit dem poetischen und rhetorischen Regelwerk seiner Zeit vertraut und welcher Stilmittel bediente er sich? Welche sprachlichen und formalen Besonderheiten weist Oswalds Lyrik auf? Welche Topoi, festgefügten Metaphern und Liedtypen finden sich bei Oswald?
Inhaltsverzeichnis
1. Inwieweit war Oswald mit dem poetischen und rhetorischen Regelwerk seiner Zeit vertraut und welcher Stilmittel bedierte er sich?
2. Welche sprachlichen und formalen Besonderheiten weist Oswalds Lyrik auf?
3. Welche Topoi, festgefügten Metaphern und Liedtypen finden sich bei Oswald?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Oswald von Wolkensteins poetische Kunst, indem sie analysiert, wie er sich über die konventionelle Rolle des Handwerker-Dichters hinwegsetzte, um eine unverwechselbare Identität zu schaffen. Dabei liegt der Fokus auf der Identifikation und Analyse seiner rhetorischen Stilmittel, sprachlichen Eigenheiten sowie der Verwendung traditioneller und innovativer Topoi und Liedtypen.
- Analyse rhetorischer Stilmittel (Alliteration, Onomatopoiia, Epanalepse, Asyndeton)
- Untersuchung der Polyglossie als Ausdrucksmittel und Bildungsnachweis
- Sexualmetaphorik und ihre Funktion im "niederen Stil"
- Die "geblümte Rede" als funktionaler Stil des Lobs
- Kombination von Gattungstopoi als avantgardistische Leistung
Auszug aus dem Buch
Zunächst wäre die Alliteration anzuführen, der sich Oswald von Wolkenstein beispielsweise in Kl. 26 im Vers 112 bedient: „mit meines bülen freund müsst ich mich ainen“. Die Häufung des m – Lautes bewirkt eine Bedeutungssteigerung des Verses, da sie als akustische Besonderheit wahrgenommen wird.
Gleich fünf Alliterationen finden sich in Kl. 50: „frisch, frei, fro, frölich, ju, jutz, jölich, gail, gol, gölich, gogeleichen, hurtig, tum, tümbrisch, knauss, pum, pümbrisch.“
Zunächst fällt auf, dass dieser Wortkonstellation wohl keine primär sinnstiftende Funktion mehr zukommt, sondern dass das Hauptaugenmerk des Autors vielmehr auf der klanglichen Wirkung liegt, die dazu beiträgt, das Gehörte als „langen Ausruf der Freude“ zu empfinden.
Oben genanntes Beispiel ist gleichzeitig eine Onomatopoiia, eine schwelgerische Lautmalerei, die Oswald in „Der mai Mit lieber zal“ perfektioniert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inwieweit war Oswald mit dem poetischen und rhetorischen Regelwerk seiner Zeit vertraut und welcher Stilmittel bedierte er sich?: In diesem Kapitel werden grundlegende rhetorische Stilmittel wie Alliteration, Onomatopoiia und Asyndeton analysiert, die Oswald gezielt zur klanglichen Verstärkung und emotionalen Wirkung seiner Lyrik einsetzt.
2. Welche sprachlichen und formalen Besonderheiten weist Oswalds Lyrik auf?: Dieser Abschnitt widmet sich der Polyglossie und dem "niederen Stil", wobei insbesondere die Verwendung von Fremdsprachen, Dialekten und Sexualmetaphorik im Kontext seiner individuellen Dichtung untersucht wird.
3. Welche Topoi, festgefügten Metaphern und Liedtypen finden sich bei Oswald?: Das Kapitel untersucht Oswalds avantgardistischen Umgang mit traditionellen Gattungstopoi, darunter der Unsagbarkeitstopos und verschiedene Huldigungstopoi, und zeigt, wie er diese kreativ mit autobiografischen Elementen kombiniert.
Schlüsselwörter
Oswald von Wolkenstein, Rhetorik, Poetologie, Lyrik, Mittelalter, Alliteration, Polyglossie, Sexualmetaphorik, Geblümte Rede, Topoi, Gattungstopoi, Minne, Sprachstil, Reimschema, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die poetische Kunst von Oswald von Wolkenstein unter besonderer Berücksichtigung seiner rhetorischen Mittel, seines Sprachstils und seines innovativen Umgangs mit literarischen Konventionen des Mittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Anwendung antiker Rhetorik-Prinzipien, die Funktion von Polyglossie, der Einsatz des "niederen Stils" inklusive Sexualmetaphorik sowie die kreative Kombination traditioneller Topoi.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Oswalds Status als individueller und kreativer Künstler innerhalb der mittelalterlichen Dichtung herauszuarbeiten und zu belegen, wie er rhetorische Vorgaben gezielt für seine Zwecke transformierte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die primäre Liedtexte von Oswald von Wolkenstein detailliert untersucht und durch den Vergleich mit zeitgenössischen Forschungsliteraturen und rhetorischen Theorien untermauert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer Stilmittel, die Untersuchung der Polyglossie und "geblümten Rede" sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Verwendung und Kombination verschiedener Gattungstopoi.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Neben dem zentralen Akteur Oswald von Wolkenstein prägen Begriffe wie Rhetorik, Polyglossie, geblümte Rede, Sexualmetaphorik und Gattungstopoi die fachliche Auseinandersetzung.
Wie unterscheidet sich Oswalds Umgang mit Polyglossie von anderen Dichtern?
Oswald nutzt Polyglossie nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern gezielt zur Öffentlichmachung seiner hohen Bildung und zur authentischen Darstellung seiner Reiseerfahrungen, was ihn von zeitgenössischen Vorbildern unterscheidet.
Welche Rolle spielt die "geblümte Rede" im Kontext von Oswalds Fürstenlob?
Die "geblümte Rede" fungiert bei Oswald als exquisiter Funktionalstil des Lobs, der durch die Verwendung spezifischer rhetorischer "flores" die Qualität des gepriesenen Gegenstandes oder der Person in den Augen des Publikums steigert.
- Quote paper
- Wildis Streng (Author), 2002, Oswald von Wolkensteins poetologische Kunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116332