Fremdheit im Zusammenhang mit Essen bedeutet zunächst räumliche Distanz.
Fremdes Essen entstammt meist einem anderen Kulturkreis, dessen
Angehörige aus dem dortigen Nahrungsangebot Speisen ausgewählt haben,
die es bei uns nicht gibt oder die wir nicht als Speisen definiert haben.
Das Fremde muss in Beziehung gesetzt werden zu dem uns Vertrauten, und
erst die Differenz lässt uns das Fremde erkennen. Was aus der Fremde
kommt, kann sich nach Waldenfels innerhalb oder außerhalb einer bestimmten
Ordnung befinden (1997, S. 36); übertragen auf Speisen liegt
beispielsweise eine fremde Frucht innerhalb unserer Ordnung, weil wir
zwar nicht um ihre Verträglichkeit wissen, sie jedoch als Frucht erkennen.
Anders kann es sich mit künstlich generierten Produkten verhalten; zum
ersten Mal mit einem Block Tofu konfrontiert, ließe sich nicht zweifelsfrei
sagen, ob er als Nahrung oder einem Zweck dient, der uns zunächst verschlossen
bleibt.
Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Frage, woher unsere Bedenken gegenüber
fremden Speisen rühren und wie diese ausgeräumt werden können; es
soll gezeigt werden, dass die Akzeptanz durch den Verbraucher nicht ausreicht,
um Produkte auf dem Markt bestehen zu lassen.
In Kapitel 3 wird erläutert, dass sich der Begriff der Fremdheit mit dem
technologischen Fortschritt und der Expansion der Möglichkeiten wandelt,
die sich in einer ständig zusammenwachsenden Welt ergeben, denn wenn noch im Mittelalter für viele Menschen die Fremde zwei Tagereisen vom
eigenen Heim entfernt begann, so lässt sich heute in achtundvierzig Stunden
die Erde umrunden, und die Fremde, körperhaft geworden in Form
von chemischen Zusätzen in unserer Nahrung, findet sich wieder unmittelbar
vor der eigenen Tür.
Kapitel 4 schließlich geht der Frage nach, inwieweit uns das Essen fremd
geworden ist durch sprachliche Codierung von Nahrungsmitteln, Ernährungstrends
oder „Küchen“, die eingesetzt wird zur sozialen Distinktion,
und das letzte Kapitel beinhaltet ein Fazit mit dem Versuch, Gemeinsamkeiten
zwischen den verschiedenen Arten von Fremdheit beim Essen zu
finden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Begriffsbestimmung
2. Fremdheit der Speisen
2.1 Skepsis
2.2 Überdeckung der Skepsis
2.3 Verabschiedung der Verantwortung
2.4 Konkurrenz und Absatz
3. Fremdheit der Zutaten
3.1 Nachhilfe für eine defizitäre Natur
3.2 Sekundäres Wohl
4. Fremdheit der Sprache
4.1 Abstraktion
4.2 Distinktion
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die vielschichtigen Dimensionen der Fremdheit im Kontext von Nahrung und Essen, wobei sie analysiert, wie moderne technologische, ökonomische und soziale Faktoren unsere Beziehung zu Lebensmitteln prägen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit den Ursprüngen unserer Skepsis gegenüber fremden Speisen und den Mechanismen, durch die das Fremde in einer zunehmend globalisierten Welt instrumentalisiert oder als Distinktionsmerkmal genutzt wird.
- Die psychologischen und soziologischen Hintergründe der Skepsis gegenüber unbekannten Speisen.
- Der Einfluss von industrieller Verarbeitung und chemischen Zusätzen auf das Gefühl der Fremdheit.
- Die Rolle von staatlicher Regulierung und ökonomischen Interessen beim Marktzugang für Lebensmittel.
- Die Funktion von Sprache und Begriffsbildung bei der Etablierung sozialer Distinktion durch Essen.
Auszug aus dem Buch
2.2 Überdeckung der Skepsis
Skepsis ist ein Warnmechanismus der hilft, auch weniger irreversible Folgen als den Tod zu vermeiden. Doch dieser Selbstschutz ringt permanent mit der Neugier, weil der Mensch weltoffen, nicht auf bestimmte klimatische Milieus festgelegt (Gehlen, 2004, S. 38) und damit einer großen Anzahl Versuchungen und Wahlmöglichkeiten ausgesetzt ist. Warum wir trotz möglicher Risiken nach immer neuen Reizen suchen? Gehlen nennt es das Streben nach „Fernewerte“ (2004, S. 341) und auch Herder gibt eine ähnliche Antwort auf diese Frage:
„[…] unsre Ueppigkeit hingegen, um deren Willen wir alle Welttheile beunruhigen und berauben, was will, was suchet sie? Neue und scharfe Gewürze für eine gestumpfte Zunge, fremde Früchte und Speisen, die wir in einem überfüllenden Gemisch oft nicht einmal kosten, […]“ (1841, S. 244)
Wenn auch diese Überlegung in unserer Zeit zu kurz gegriffen anmutet, so besteht keine wirkliche Notwendigkeit, dem natürlichen lokalen Repertoire des Angebots an Nahrung etwas hinzuzufügen, denn über Jahrtausende hinweg haben sich Menschen ausschließlich von dem ernährt, was in ihrer unmittelbaren Nähe wuchs oder lebte. Rousseau zweifelt überhaupt an, ob ein üppiges Mahl mit ungewohnten Speisen tatsächlich generell mehr Genuss verspricht, als ein einfaches an einer Bauerntafel (1962, S. 205).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Begriffsbestimmung: Das Kapitel führt in den Begriff des Lebensmittels als Überlebensnotwendigkeit ein und diskutiert die räumliche sowie kulturelle Distanz, die Nahrung für den Menschen fremd wirken lassen kann.
2. Fremdheit der Speisen: Hier werden die psychologischen Barrieren und der Einfluss von sozialen sowie ökonomischen Faktoren auf die Akzeptanz fremder Speisen untersucht.
3. Fremdheit der Zutaten: Dieses Kapitel thematisiert die Entfremdung durch industrielle Verarbeitung, Lebensmittel-Imitate und die bewusste Beimengung von Wirkstoffen zur Absatzförderung.
4. Fremdheit der Sprache: Es wird analysiert, wie sprachliche Codierungen, Kunstbegriffe und die Nomenklatur der gehobenen Küche zur sozialen Distinktion und zur bewussten Ausgrenzung genutzt werden.
5 Zusammenfassung und Fazit: Das abschließende Kapitel resümiert die verschiedenen Formen der Fremdheit beim Essen und plädiert für eine bewusste Auseinandersetzung und Wissensaneignung als Lösung für Informationsdefizite.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Ernährung, Lebensmittel, Soziologie, Skepsis, Industrienahrung, Konsumentenschutz, Distinktion, Globalisierung, Zusatzstoffe, Kulinarik, Marktregulierung, Wissensaneignung, Lebensmittel-Imitate.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum Lebensmittel fremd auf uns wirken können und wie dieser Eindruck durch psychologische, technologische und soziale Faktoren beeinflusst wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Skepsis gegenüber fremdem Essen, die industrielle Veränderung von Zutaten, die sprachliche Codierung von Lebensmitteln und soziale Distinktionsmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die verschiedenen Arten von Fremdheit beim Essen aufzudecken und zu zeigen, wie der Mensch diesen durch Lernen und gezielte Wissensaneignung begegnen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kulturwissenschaftlichen und soziologischen Literaturanalyse, die theoretische Konzepte bekannter Autoren auf den Bereich der Ernährungsforschung anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Speisen, deren Zutaten und die Sprache rund um das Essen, wobei jeweils spezifische Mechanismen der Entfremdung analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Fremdheit, Ernährung, Soziologie, Distinktion, Lebensmittel-Imitate und Konsumentenverhalten.
Warum spielt der Begriff "Light-Produkt" eine Rolle in der Untersuchung?
Er dient als Beispiel dafür, wie Herstellernamen und Produktgruppen die Aufmerksamkeit vom tatsächlichen Inhalt ablenken und eine künstliche Verbindung zum Lebensgefühl der Zielgruppe herstellen.
Inwiefern beeinflusst soziale Distinktion unser Essverhalten?
Das Kapitel zur Sprache verdeutlicht, dass Begriffe aus der gehobenen Küche (wie "Escargot") gezielt verwendet werden können, um soziale Grenzen zu ziehen und den Zugang für "Uneingeweihte" zu erschweren.
- Quote paper
- Burkhard Pordzik (Author), 2008, Essen aus fremden Kulturen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116339