Bevor die Flucht- und Flüchtlingsforschung von wissenschaftlicher Seite aus einen Beitrag für die gesellschaftliche Debatte um den Flüchtlingsbegriff leisten kann, muss sie die Frage beantworten, der sich diese Arbeit widmet: Eignet sich der Flüchtlingsbegriff für eine rassismuskritische Flucht- und Flüchtlingsforschung?
Zunächst wird in Kapitel 2 ein kurzer Überblick über die Geschichte des Flüchtlingsbegriffs gegeben. Es werden darüber hinaus verschiedene Begriffsbedeutungen aus der semantischen, juristischen und politischen Dimension vorgestellt. Sie dienen der Analyse als argumentative Grundlage und stellen nur den für die Forschungsfrage relevanten Ausschnitt vieler möglicher weiterer Begriffsbedeutungen dar. Daran anschließend wird in Kapitel 3 die Flucht- und Flüchtlingsforschung selbst vorgestellt. Es wird das Forschungsfeld benannt, ihre Entwicklungsgeschichte wiedergegeben und schließlich die aktuelle Situation der Flucht- und Flüchtlingsforschung in Deutschland dargestellt, um in der Analyse darauf zurückzugreifen.
In Kapitel 4 wird das Analyseraster hergeleitet, das sich hauptsächlich auf die Erkenntnisse von Sabine Müller stützt. Das Analyseraster besteht neben einer wissenschaftstheoretischen Bewertung, die durch die Eignungskriterien Objektivität und Verständlichkeit gekennzeichnet ist, auch aus einer ethischen Bewertung des Flüchtlingsbegriffs. Es bildet damit Eignungskategorien, in denen sich die Argumente für und gegen den Flüchtlingsbegriff in der Flucht- und Flüchtlingsforschung einordnen lassen. In Kapitel 5 werden schließlich die einzelnen Argumente vorgestellt und bewertet. Es stellt sich heraus, dass sich der Flüchtlingsbegriff aus wissenschaftstheoretischer Sicht nicht eignet. Im Zusammenhang mit der ethischen Bewertung des Begriffs wird in Kapitel 5 schlussendlich begründet nachvollzogen, warum die Flucht- und Flüchtlingsforschung dennoch am Flüchtlingsbegriff festhalten sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Flüchtlingsbegriff
2.1 Semantische Dimension
2.2 Rechtliche Dimension
2.3 Politische Dimension
3. Die Flucht- und Flüchtlingsforschung: Forschungsfeld und Entwicklung
4. Analysemodell: Bewertungskriterien wissenschaftlicher Begriffe
4.1 Wissenschaftstheorie
4.2 Ethik
5. Eignet sich der Flüchtlingsbegriff für eine rassismuskritische Flucht-und Flüchtlingsforschung?
5.1 Wissenschaftstheoretische Eignung
5.2 Ethische Eignung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die wissenschaftliche Untersuchung des Flüchtlingsbegriffs, um zu klären, ob dieser für eine rassismuskritische Flucht- und Flüchtlingsforschung geeignet ist. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie der Begriff unter wissenschaftstheoretischen und ethischen Kriterien bewertet werden kann, insbesondere im Hinblick auf seine Verwendung im öffentlichen politischen Diskurs.
- Historische Entwicklung und verschiedene Dimensionen des Flüchtlingsbegriffs
- Entwicklungsgeschichte und aktuelle Herausforderungen der Flucht- und Flüchtlingsforschung
- Herleitung eines Analyserasters basierend auf wissenschaftstheoretischen und ethischen Kriterien
- Kritische Analyse des Begriffsgebrauchs in Bezug auf Objektivität und Verständlichkeit
- Untersuchung der ethischen Verantwortung bei der Verwendung wissenschaftlicher Begriffe
Auszug aus dem Buch
2.1 Semantische Dimension
Als Bedeutungslehre hat die Semantik den Anspruch, Wörter, Sätze und Begriffe neutral zu beschreiben und ihre Bedeutung zu entschlüsseln (Chur / Schwarz 2004, S.15). Insofern kann mit dieser Dimension zunächst ein grundlegendes und noch weitgehend konfliktfreies Verständnis des Flüchtlingsbegriffs vorgestellt werden, bevor in den nachfolgenden Unterkapiteln immer differenziertere und kontroversere Bedeutungen des Flüchtlingsbegriffs hinzukommen.
Weitgehende Einigkeit herrscht in der Fachliteratur darüber, dass der Flüchtlingsbegriff zunächst einmal als Sammelbegriff verstanden werden kann. Unter dem Flüchtlingsbegriff werden Personen zusammengefasst, die den Ort verlassen mussten, an dem sie vorher waren (Schmalz 2015, S.9). Diese weit gefasste Bedeutung des Flüchtlingsbegriffs impliziert also noch keine Fluchtursachen und ist räumlich offen. Viele Kritiker ließen sich womöglich über diese weite Deutung des Flüchtlingsbegriffs zusammenfassen. Doch durch seine Offenheit als Oberbergriff für differenzierte Fluchtphänomene verliert er an Aussagekraft (Jöris 2015, S.1). Daraus lässt sich der Einwand ableiten, der Flüchtlingsbegriff sei als Sammelbegriff inhaltsleer, kontext- und sprecherabhängig. Kurzum: Er sei für eine Verwendung im öffentlichen Leben, der Wissenschaft, wie in der Politik zu unscharf (Scalettaris 2007, S.38-39).
Diese Offenheit hat andererseits zur Folge, dass er für eine Vielzahl von Bedeutungen anschlussfähig ist, die von einem Akteur individuell gesetzt werden können (Cole 2017, S.2). Der Sprecher kann unter Flüchtlingen beispielsweise Menschen meinen, die vor Armut fliehen oder aber Menschen, die vor einem Unrechtsregime auf der Flucht sind. Somit weist der Flüchtlingsbegriff das besondere Merkmal auf, unter einem sprachlichen Zeichen mehrere Bedeutungen parallel zu umfassen. In der Semantik kann der Flüchtlingsbegriff daher als homonymes Wort eingeordnet werden (Pozzo 2011, S.33). Gleichzeitig reiht er sich als Synonym in viele verschiedene sprachliche Zeichen, wie Vertriebene und Geflüchtete, Asylbewerber oder Schutzsuchende, ein, die ähnliche Bedeutungen aufweisen (Mediendienst Integration 2018, S.2-3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die problematische Verwendung des Flüchtlingsbegriffs im öffentlichen Diskurs und stellt die Forschungsfrage nach seiner Eignung für eine rassismuskritische Forschung.
2. Der Flüchtlingsbegriff: Dieses Kapitel gibt einen historischen Überblick und analysiert den Begriff anhand semantischer, rechtlicher und politischer Dimensionen.
3. Die Flucht- und Flüchtlingsforschung: Forschungsfeld und Entwicklung: Hier wird die Geschichte sowie die aktuelle Situation des Forschungsfeldes in Deutschland dargestellt und die Notwendigkeit einer interdisziplinären Ausrichtung erörtert.
4. Analysemodell: Bewertungskriterien wissenschaftlicher Begriffe: Es wird ein Analyseraster auf Basis wissenschaftstheoretischer und ethischer Anforderungen abgeleitet, um wissenschaftliche Begriffe bewerten zu können.
5. Eignet sich der Flüchtlingsbegriff für eine rassismuskritische Flucht-und Flüchtlingsforschung?: Dieses Kapitel führt die eigentliche Analyse durch, in der die Argumente für und gegen den Begriff unter Anwendung des Analyserasters gegeneinander abgewogen werden.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass der Begriff zwar wissenschaftstheoretisch problematisch ist, jedoch eine wichtige Rolle in der gesellschaftskritischen Perspektive spielt.
Schlüsselwörter
Flüchtlingsbegriff, Flucht- und Flüchtlingsforschung, Wissenschaftstheorie, Ethik, Politische Dimension, Semantik, Rassismuskritik, Objektivität, Verständlichkeit, Framing, Diskurs, Migrationsforschung, Staatszentrierung, Begriffsgeschichte, Schutzsuchende
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gebrauch des Flüchtlingsbegriffs und hinterfragt dessen Eignung für eine rassismuskritische Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die semantischen, rechtlichen und politischen Dimensionen des Begriffs sowie dessen Einordnung in die Wissenschaftstheorie und Ethik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, ob sich der Flüchtlingsbegriff für eine rassismuskritische Flucht- und Flüchtlingsforschung eignet oder ob er diskriminierende Konnotationen reproduziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin leitet ein Analyseraster basierend auf wissenschaftstheoretischen (nach Sabine Müller) und ethischen Kriterien ab, um den Begriff systematisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Herleitung des Analyserasters, der Vorstellung des Forschungsfeldes und der detaillierten Anwendung der Kriterien auf den Flüchtlingsbegriff.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Flüchtlingsbegriff, Rassismuskritik, Objektivität, Verständlichkeit und das politische Framing von Flucht.
Wie bewertet die Arbeit die rechtliche Dimension des Begriffs?
Die Arbeit stellt fest, dass die rechtliche Dimension (geprägt durch die Genfer Flüchtlingskonvention) staatszentriert ist, was zu einer einengenden Definition und Ausgrenzung bestimmter Fluchtphänomene führen kann.
Welche Rolle spielt die "Euphemismus-Tretmühle" in der Argumentation?
Die Autorin argumentiert, dass neutrale Neuschöpfungen, die einen negativ konnotierten Begriff ersetzen sollen, oft selbst wieder negativ aufgeladen werden, weshalb eine rein sprachliche Lösung nicht ausreicht.
Kommt die Arbeit zu einer eindeutigen Empfehlung zur Abschaffung des Begriffs?
Nein. Obwohl der Begriff wissenschaftstheoretisch nicht optimal ist, wird argumentiert, dass er weiterhin in der öffentlichen Debatte präsent ist und die Forschung eine Verantwortung trägt, den Begriff kritisch und respektvoll zu interpretieren, anstatt ihn gänzlich aufzugeben.
Wie beeinflusst die Politik die Forschung laut dieser Arbeit?
Die Autorin konstatiert eine thematische und finanzielle Abhängigkeit der Flucht- und Flüchtlingsforschung von politischen Auftraggebern, was die notwendige wissenschaftliche Distanz und Objektivität erschwert.
- Quote paper
- Tobias Hamm (Author), 2018, Flüchtlinge oder Geflüchtete. Umkämpfte Begriffe in der Flucht- und Migrationsforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1163898