Darstellung des Wächters in Wolframs "Tageliedern". Gemeinsamkeiten und Unterschiede


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung des Wächters
2.1 Darstellungsmöglichkeiten und Konzeption
2.2 Wolfram von Eschenbach

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das Tagelied, das die Trennung der Liebenden nach dem glücklichen Beisammensein im Schutz der Nacht zum Thema hat, ist eine beliebte Liedgattung im deutschen Minnesang.“1 Es löste im 13. Jahrhundert das Frauenlied sowie den Wechsel ab und wurde somit zum quantitativ zweithäufigsten Format hinter der Minnekanzone.2 Dieser Wandel des Liedtypus verdeutlicht nicht nur die Beliebtheit unter den Dichtern, sondern auch unter den damaligen Rezipienten. Der Aufstieg des Tagelieds gilt als die „wichtigste Entwicklung im Liedtypensystem des späteren Minnesangs“3. Doch was rechtfertigt diese plötzliche Begeisterung im Hochmittelalter?

Das Tagelied gilt als Paradebeispiel der strukturierten Liedproduktion; Gert Hübner nennt es die „praktizierte Poetologie des Minnesangs“4. Ein entscheidender Vorteil oder auch Erfolgsgarant des Tagelieds gegenüber anderen Liedtypen scheint demzufolge ein Grundschema zu sein, welches vom Rezipienten stets wiedererkannt wird. Bereits Aristoteles prägte in der Antike mit dem für die Poetik zentralen Begriff der Mimesis, dass die Nachahmung dem Menschen angeboren ist und die Erfahrung von Nachahmung den Menschen Freude bereitet. Dies kann als antikes Indiz für den Erfolg beziehungsweise die Popularität des Tagelieds im Mittelalter gedeutet werden.

In den Fokus der Betrachtung rückt dabei die Rolle des Wächters in Tagliedern. Dieser ergänzt das bestehende Ensemble von Frau und Mann und wird seit dem Wirken Wolframs von Eschenbach häufig als dritte Person in Tageliedern eingesetzt, sodass er „zu einem kennzeichnenden Element des Tagelieds“5 wird und damit auch oft zu einem Teil des Grundschemas.

Aufgrund von Wolframs Bedeutung in diesem Gebiet soll im Folgenden untersucht werden, wie eben dieser den Wächter in seinen Tageliedern Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs6, Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen7, Von der zinnen8 und Der helden minne9 darstellt und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zu finden sind. Dazu werden zunächst die grundlegenden Darstellungs- und Konzeptionsmöglichkeiten der Wächterfigur betrachtet. Anschließend wird die Rolle des Wächters in den ausgewählten Liedern analysiert. Darauf aufbauend folgt die Untersuchung der spezifischen Darstellung, wobei mit Vergleichen zu diversen Dichtern weiterer Tagelieder gearbeitet wird.

2. Darstellung des Wächters

2.1 Darstellungsmöglichkeiten und Konzeption

Der Wächter als dritte Person des Tagelieds wird von verschiedenen Dichtern unterschiedlich dargestellt beziehungsweise im Lied eingesetzt. Seine grundlegende Funktion bleibt dabei jedoch stets erhalten und lässt sich anhand seiner Bezeichnung wie in einem Drama der Neueren deutschen Literatur deuten: Der Wächter bewacht jemanden oder etwas und „ist im Tagelied in erster Linie durch seinen Weckruf vertreten, der den beginnenden Morgen schildert“10. Eine detailliertere Beschreibung oder Charakterisierung des Wächters findet nicht statt. Variabel ist jedoch die Einbindung in das jeweilige Tagelied: So lässt sich grundlegend in einen passiven sowie aktiven Wächter unterscheiden. Ersterer hat keine eigenen Redeanteile, sodass er lediglich durch die Rede der Frau oder des Mannes im Tagelied thematisiert wird. Der aktive Wächter verfügt indes über eigene Figurenrede, wobei diese wiederum sehr unterschiedlich ausgestaltet sein kann.

Die Annahme unterschiedlicher Wächterkonzeptionen wird auch von Schweikle aufgegriffen, sodass dem Wächter verschiedene Rollen im Tagelied zugeschrieben werden können: So kann er zum Beispiel als unbeteiligter Verkünder des Tagesanbruchs durch ein Lied oder Horn im Text eingebunden sein.11 Unbeteiligt bezieht sich dabei aber auf das Handlungsgeschehen des Tagelieds, nicht auf die Darstellung an sich. Ein Wächter kann also eigene Redeanteile in einem Tagelied besitzen, was dann einer aktiven Darstellung entspricht, muss damit jedoch nicht automatisch am Handlungsgeschehen beteiligt sein. Der Wächter kann aber auch als Hüter und Warner des Liebespaares fungieren, sodass er in der Handlung involviert ist.12 Auch hier ist prinzipiell wieder eine passive sowie aktive Darstellung im Tagelied möglich. Zur Position der Wächterrede stellt Ralf Breslau fest: „In der Regel ergreift der Wächter zuerst das Wort in den Liedern, da sein Gesang die Initialzündung für den morgendlichen Abschied bildet.“13 Zusammenfassend kann der Wächter also aktiv oder passiv und beteiligt oder unbeteiligt dargestellt werden.

Die grundlegende Funktion des Wächters, ob beteiligt oder unbeteiligt, wird in einigen Tageliedern auch von anderen Figuren übernommen: So fungiert in Steinmars Ein kneht, der lag verborgen14 ein hirte (Str.1,4) als Wächter, ohne als solcher bezeichnet zu werden. Ulrich von Lichtenstein überträgt in seinem Tagelied Ein schoeniu maget15 die Funktion des Wächters auf eine schoeniu maget (Str.1,1), obwohl sogar ein Wächter im Lied angelegt ist (vgl. Str.1,5f.). Ulrich „höfisiert das Wächter-Tagelied […] noch durchgreifender, indem er die Rolle des standesniederen Zinnewächters einschränkt […] und ihn als Weckenden und Vertrauten der Liebenden durch die Zofe ablöst“16. Ähnlich ist die Konzeption in Verholniu minne sanfte tuot17 von Ulrich von Winterstetten: Der Wächter tritt aktiv in Erscheinung, die warnende Funktion wird jedoch von einer klugen Dienerin übernommen (vgl. Str.2,1–6). Dieser kurze Exkurs zeigt bereits die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der Wächterfunktion in den Tageliedern verschiedenster Dichter.

Der Wächter ist aber oftmals nicht nur auf diese grundlegende, also warnende oder weckende Funktion beschränkt, „sein Anteil geht meist weit darüber hinaus.“18 Neben der Außenperspektive, die der Wächter gegenüber den Liebenden innehat, ist er häufig im Handlungsgeschehen involviert.19 Daraus resultieren völlig neue Möglichkeiten in der Liedkonzeption: So ist zum Beispiel in Ich wache umb eines ritters lîp20 vom Markgraf von Hohenburg ein Frau-Wächter-Dialog vorzufinden, indem der Mann lediglich passiver Beteiligter ist. Der Wächter ergänzt demzufolge nicht nur das bestehende Ensemble, sondern kann auch die grundlegende Konzeption des Tagelieds verändern. Breslau bestätigt diese Annahme: „Von der Redemenge her gesehen, kann der Wächter […] wohl nur in den wenigsten Gedichten als bloße Randfigur bewertet werden.“21

Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle noch das Verhältnis der Wächterrolle zum Erzähler: Diese stehen in einer engen Wechselbeziehung: Oft erfolgt die Beschreibung des Szenariums sowie die bildliche Umschreibung des sich anbahnenden morgens durch den Wächter. Viele Erzählerelemente sind also in die Rede des Wächters integriert, welcher damit eine noch wichtigere Bedeutung in der Liedkonzeption erhält.22

Nachdem die grundlegenden Möglichkeiten der Darstellung des Wächters in diesem Kapitel herausgearbeitet worden sind, kann nun eine systematische Analyse der Wächterrollen in den Liedern Wolframs erfolgen.

2.2 Wolfram von Eschenbach

Zunächst folgt die Betrachtung des Tagelieds Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs. Es handelt sich dabei um ein Lied, welches sich sehr deutlich am traditionellen Handlungsschema orientiert. So erkennt man zum Beispiel sofort den dreistrophigen Grundtypus wieder, welcher in den Tageliedern überwiegt.23 Die erste Strophe ist geprägt durch den Gesang des Wächters, der zeitgleich mit den Zeichen des heranbrechenden Morgens einsetzt: Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs (Str.1,1). Im Vergleich zu Konrads von Würzburg Ich sihe den morgensternen glesten24, welches ebenfalls dem dreistrophigen Grundtypus entspricht, dominiert in Wolframs Lied aber nicht der Gesang des Wächters. Anders als bei Konrad von Würzburg wird dem Wächter in Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs keine direkte Rede zuteil. Der Wächter mit seinem Gesang wird lediglich durch die erzählende Instanz eingeführt, ohne dass der Gesang oder Wächter näher beschrieben wird. Die bereits genannte Grundfunktion der ersten Strophe, also die Thematisierung des Gesangs und Morgens, beeinflusst dies aber nicht. Die zweite Strophe folgt ebenfalls dem Grundtypus: Die Klage der Frau über das Ende der Liebesnacht tritt in den Mittelpunkt des Geschehens.25 Auch dies lässt sich an den bereits genannten Liedern Wolframs und Konrads von Würzburg wiederfinden: In Ersterem bricht die Frau in Tränen aus (vgl. Str.2,5f.) und beklagt das zerstörte Liebesglück (vgl. Str.2, 9). Konrads von Würzburg Lied schließt sich dem an: der tac ûf dringet unde bringet / leiden sin, der mich an liebe wunt / will machen ûf des herzen grunt (Str.2,20–22). In der dritten Strophe folgt dann der Abschied, dem in der Regel ein mehr oder weniger deutlich beschriebener Geschlechtsverkehr vorausgeht.26 So beschreibt Wolfram von Eschenbach das Zusammenkommen der Körper der Liebenden, das zärtliche Beieinander und die gemeinsame Verflechtung von Mund, Brust, Beinen und Armen (vgl. Str.3,1–6). Auch in Konrads von Würzburg Lied wird in der dritten Strophe die körperliche Nähe aufgegriffen: zuo der schoenen twanc er sich (Str.3,3), lege mich, trût, ein wênec nâher dir! / an dînen armen lâz erwarmen / mich (Str.3,16–18).

Die glückhafte Nähe der beiden Liebenden endet demzufolge mit dem Weckruf des Wächters, woraufhin das Leidklagen über den baldigen Abschied beginnt, auf den ein letzter gemeinsamer Liebesakt folgt und sich damit die Glückserfüllung noch einmal vertieft.27

Mittels des Vergleichs wurde deutlich, wie sehr sich Wolfram von Eschenbach mit seinem Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs am damaligen Grundtypus orientierte. Trotz dessen wurde deutlich, dass vor allem in der ersten Strophe die Konzeption des Wächters variiert und sich Wolfram von Eschenbach für einen passiven Wächter entschieden hat, der über keine eigenen Redeanteile verfügt.

Darüber hinaus ist der Wächter nicht am Handlungsgeschehen beteiligt, also nicht in das Treffen der Liebenden involviert. Dies kann aufgrund fehlender Indizien für einen an der Handlung beteiligten Wächter geschlussfolgert werden. Demzufolge ist auch die Wächterrolle nicht mit dem Erzähler verknüpft, sodass der passive Gesang des Wächters in diesem Lied lediglich als Weckruf für die Liebenden fungiert und damit den Abschied einleitet.

Als Nächstes folgt die Analyse des Wächters in Wolframs Tagelied Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen. Auffällig ist gleich zu Beginn die Abweichung von der dreistrophigen Grundstruktur, sodass dieses Tagelied insgesamt über fünf Strophen verfügt (vgl. Str.1–5). Anders als in dem Lied Dem morgenblic bî wahtaeres sange erkôs beginnt die erste Strophe mit der direkten Rede beziehungsweise dem tatsächlichen Gesang des Wächters und bestätigt dadurch Breslaus Annahme zur Position der Wächterrede aus dem vorherigen Kapitel. Der Wächter kündigt den Tagesanbruch mit der aufgehenden Sonne an: Sîne klâwen / durch die wolken sint geslagen, / er stîget ûf mit grôzer kraft (Str.1,1–3). Damit entspricht die erste Strophe, geprägt vom Gesang des Wächters über den anbrechenden Tag, dem typischen Handlungsschema der meisten Tagelieder.28 In dieser Strophe wird auch die Beteiligung des Wächters am Handlungsgeschehen offenbart, sodass er in die Affäre involviert ist. Er sieht es als seine Aufgabe an, den Geliebten rechtzeitig fortzubringen, den er zuvor mit sorgen (Str.1,8) zur Frau hineingelassen hat. Der Wächter steht demzufolge unmittelbar vor den Räumlichkeiten der Frau und nicht auf einem entfernten Posten.

[...]


1 Christoph Cormeau: Zur Stellung des Tagelieds im Minnesang, in: Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, hg. v. Johannes Janota [u. a.], Bd. 2, Tübingen: Niemeyer 1992. S. 695.

2 Vgl. Gert Hübner: Minnesang im 13. Jahrhundert. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2008. S. 43.

3 Ebd.

4 Ebd. S. 33.

5 Günther Schweikle: Minnesang. Stuttgart: Metzler 1989 (Sammlung Metzler 244). S. 135f.

6 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Martina Backes: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam 1992 (RUB 8831). S. 88–90.

7 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 90–94.

8 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 94–96.

9 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 102.

10 Ralf Breslau: Die Tagelieder des späten Mittelalters. Rezeption und Variation eines Liedtyps der höfischen Lyrik. Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie dem Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin, Berlin, 1987. S. 289.

11 Vgl. Schweikle: Minnesang. S. 136.

12 Vgl. Schweikle: Minnesang. S. 136.

13 Breslau: Die Tagelieder des späten Mittelalters. S. 288.

14 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 180.

15 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 154–156.

16 Uwe Ruberg: Gattungsgeschichtliche Probleme des >geistlichen Tagelieds< – Dominanz der Wächter- und Weckmotivik bis zu Hans Sachs, in: Tradition der Lyrik. Festschrift für Hans-Henrik Krummacher, hg. v. Wolfgang Düsing, Tübingen: Niemeyer 1997. S. 17.

17 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 158–160.

18 Cormeau: Zur Stellung des Tagelieds. S. 700.

19 Vgl. Ebd.

20 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 122–124.

21 Breslau: Die Tagelieder des späten Mittelalters. S. 289.

22 Vgl. Cormeau: Zur Stellung des Tagelieds. S. 703.

23 Vgl. Schweikle: Minnesang. S. 136.

24 Hier und im Folgenden unter Angabe von Strophe und Vers zitiert nach: Backes: Tagelieder. S. 160–164.

25 Vgl. Hübner: Minnesang im 13. Jahrhundert. S. 35.

26 Vgl. Hübner: Minnesang im 13. Jahrhundert. S. 35.

27 Vgl. Cormeau: Zur Stellung des Tagelieds. S. 707.

28 Vgl. Hübner: Minnesang im 13. Jahrhundert. S. 35.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Darstellung des Wächters in Wolframs "Tageliedern". Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1163950
ISBN (Buch)
9783346570338
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, ÄDL, Mittelalter, Tagelieder, Wächter, Minnesang, Wolfram von Eschenbach, Interpretation, Analyse, Liebe, Lieder
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Darstellung des Wächters in Wolframs "Tageliedern". Gemeinsamkeiten und Unterschiede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1163950

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