Transzendentalphilosophie und konstruktivistische Positionen im Vergleich


Facharbeit (Schule), 2007

13 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Transzendentalphilosophie und Konstruktivismus
2.1 Grundzüge der Kantischen Erkenntnistheorie
2.2 Konstruktivistische Positionen
2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

3 Schlussbemerkungen

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage, wie wir etwas erkennen und was wir überhaupt erkennen können, beschäftigt die Philosophie schon seit jeher. So stellt die Erkenntnistheorie denn auch eine der zentralen Disziplinen der Philosophie dar. Von Platon über Descartes, Locke, Hume und Kant bis hin zu zeitgenössischen Positionen und Theorien, zu denen auch der Konstruktivismus zählt, war und ist die Frage, welche Erkenntnisse als sicher oder wahr gelten können, Gegenstand meist sehr kontroverser Überlegungen.

Schon bei der scheinbar trivialen Betrachtung eines Tisches kommen Beobachter, die den Tisch aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrnehmen, zu verschiedenen Erkennt- nissen. Form und Farbe des Tisches variieren je nachdem, von welchem Punkt im Raum aus der Tisch angesehen wird. Aus weiterer Entfernung kann ein quadratischer Tisch rechteckig wirken, seine Oberfläche kann — je nach Blickwinkel — mal hier und mal dort das Licht widerspiegeln und so die Farbe anders erscheinen lassen. Zurückgeworfen auf die reine Beobachtung des Tisches und die sich daraus ergebenden Sinnesdaten, wird es den Beobachtern schwer fallen, über ein und denselben Tisch zu sprechen. Es scheint also, als würden die Sinnesdaten von uns, in unserem Gehirn, bearbeitet, so dass allen Betrachtern gewiss sein kann, sie betrachteten den selben Tisch.

Ein weiteres Beispiel für eine Bearbeitung der von uns aufgenommenen Sinneswahr- nehmungen ist, neben vielen anderen optischen Täuschungen, der Trick mit dem blinden Fleck. Im Inneren des menschlichen Auges, auf der lichtempfindlichen Netzhaut, befin- det sich eine Region, die sogenannte Papille, die keine Lichtrezeptoren aufweist, weil dort die Sehnerven aus dem Augapfel treten. Mit diesem Bereich kann also kein Licht wahr- genommen werden. Stellen wir uns vor, wir haben ein rot eingefärbtes Blatt vor uns, auf das — in einigen Zentimetern Abstand zueinander — links ein schwarz ausgefüllter Kreis und rechts ein schwarzes Kreuz gezeichnet sind. Halten wir uns nun das linke Auge zu und fixieren mit dem rechten Auge den Kreis, so verschwindet — wenn wir das Blatt im richtigen Abstand zum Gesicht halten — das Kreuz aus unserer Wahrnehmung, weil es — oder besser, das Licht, das es aussendet — genau auf den blinden Fleck im Auge trifft. Die Stelle, an der eigentlich das Kreuz zu sehen sein sollte, erscheint uns aber als rote Fläche. Und dies ist erstaunlich, zeigt es doch, dass wir eben keine Lücke wahrnehmen, sondern dass durch die Regionen unseres Gehirns, die für das Sehen zuständig sind, diese Lücke mit der Farbe des umgebenden Bereichs gefüllt wird. Und dies passiert natürlich nicht nur, während wir das Experiment mit dieser optischen Täuschung durchführen, sondern immer, wenn wir unsere Augen geöffnet haben und sehen.

In dieser Arbeit werden Positionen vorgestellt und miteinander verglichen, die ver- suchen, die Frage, wie wir und was wir überhaupt erkennen können, zu beantworten. Begonnen wird mit der Transzendentalphilosophie Kants, deren erkenntnistheoretische Überlegungen überleiten sollen zu den Theorien des Radikalen Konstruktivismus.

2 Transzendentalphilosophie und Konstruktivismus

2.1 Grundzüge der Kantischen Erkenntnistheorie

Die kopernikanische Wende

In seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen verwirft Kant die vorherrschende Mei- nung, die Erkenntnis richte sich nach den Gegenständen. Denn für ihn richten sich die Gegenstände nach der Erkenntnis, da sonst eine Erkenntnis derselben a priori nicht mög- lich wäre.

Diese neue Sicht auf den Erkenntnisvorgang vergleicht er wegen ihrer drastischen Aus- wirkungen auf das Feld der Erkenntnistheorie mit der „kopernikanischen Wende“, jenem Zeitpunkt also, als Kopernikus das heliozentrische Weltbild etablierte, nach dem sich die Sterne nicht mehr um die Zuschauer, sondern die Zuschauer um die Sterne drehen.

Erkenntnisse a priori

Alle Erkenntnis fange, so Kant, mit der Erfahrung an, das Erkenntnisvermögen werde also durch Erfahrung, durch Sinneseindrücke, zur Ausübung geweckt. So gehe also keine Erkenntnis der Zeit nach der Erfahrung voraus. Dennoch entspringe nicht alle Erkenntnis aus der Erfahrung. Erfahrungserkenntnis sei demnach ein Zusammengesetztes aus den empfangenen Sinnenseindrücken und aus etwas, was das menschliche Erkenntnisvermögen aus sich selbst hergebe. Dieser Zusatz jedoch könne erst durch lange Übung erkannt und so im Erkenntnisvorgang entdeckt werden.

Für Kant ergibt sich aus diesem Zusammenhang die Frage, ob es Erkenntnise, die unab- hängig von Erfahrung und Sinneseindrücken seien, überhaupt gebe. Solche Erkenntnisse nennt er Erkenntnisse a priori, die er so von empirischen Erkenntnissen, also Erkenntnis- sen aus der Erfahrung (a posteriori) unterscheidet. Erkenntnisse a priori nennt Kant auch reine Erkenntnisse.

Wie können nun reine Erkenntnisse von empirischen unterschieden werden? Zwar zei- ge uns die Erfahrung die Beschaffenheit eines Gegenstandes, nicht jedoch, dass er nicht auch anders beschaffen sein könne. Durch Erfahrung könne eine wahre oder strenge All- gemeinheit von Urteilen nicht erreicht werden, sondern nur eine angenommene und kom- parative. Die empirische Allgemeinheit von Urteilen sei also nur der Schluss, Urteile, die in den meisten Fällen gelten, hätten demnach auch in allen Fällen Gültigkeit. Sei ein Ur- teil jedoch streng allgemein, zeige sich hier das Vermögen einer Erkenntnis a priori. So sind für Kant strenge Allgemeinheit und zusätzlich die Notwendigkeit von Sätzen sichere Anzeichen für eine Erkenntnis a priori.

Als Beispiel für reine Urteile a priori führt Kant die Sätze der Mathematik (worauf im Folgenden noch eingegangen wird) und den Satz, dass alle Veränderung eine Ursache haben müsse, also das Gesetz der Kausalität, an.

Der Begriff des Transzendentalen

Als transzendental bezeichnet Kant alle Erkenntnis, die sich mit dem Erkenntnisvermögen des Menschen selbst beschäftigt, unter der Annahme. dass dieses apriorische Momente enthalte. Die Aufgabe der transzendentalen Erkenntnis ist es dabei, zu zeigen, wie der Mensch zu Sätzen a priori gelangt. Kant bezeichnet die Idee einer solchen Philosophie als Transzendental-Philosophie.

Wie ist Mathematik möglich?

Für Erkenntnisse a priori führte Kant als Beispiel unter anderem die Sätze der Mathematik an. Kant versucht nun die Frage zu beantworten, wie Mathematik möglich sei und beschreibt dazu zunächst den Aufbau des menschlichen Erkenntnisvermögens.

Die Erkenntnis entspringe aus zwei Quellen. Die erste Quelle sei das Empfangen von Vorstellungen — von Kant als die Rezeptivität der Eindrücke bezeichnet. Die zweite Quelle sei das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen — Spontaneität der Begriffe genannt. Durch die erste werde ein Gegenstand gegeben, der dann durch die zweite, also mittels des Gemüts und des Verstandes, bestimmt werde. Die Elemente aller Erkenntnis seien Anschauungen und Begriffe, so dass weder Begriffe oh- ne Anschuungen, noch Anschauungen ohne Begriffe eine Erkenntnis abgeben könnten. Beide, Anschauung und Begriff, seien als empirisch oder als rein (a priori) denkbar: als empirisch, wenn eine Sinneswahrnehmung beteiligt sei, die natürlich die wirkliche Ge- genwart eines Gegenstandes voraussetze, rein jedoch, wenn keine Sinneswahrnehmung beteiligt sei. So enthalte reine Anschauung lediglich die Form, unter der etwas ange- schaut werde und ein reiner Begriff lediglich die Form des Denkens eines Gegenstandes. Nur reine Anschauungen und reine Begriffe seien a priori möglich, empirische dagegen nur a posteriori.

Die Rezeptivität des menschlichen Bewusstseins bezeichnet Kant als Sinnlichkeit, wäh- rend er die Spontaneität des Erkennens, also das Vermögen, Vorstellungen hervorzubrin- gen, den Verstand nennt. Daraus ergebe sich, dass Erfahrungserkenntnis immer sinnliche Anfänge habe, während das Vermögen, sich einen Gegenstand sinnlicher Anschauung vorzustellen, der Verstand sei. Ohne die Sinnlichkeit werde uns kein Gegenstand gege- ben und ohne Verstand könne keiner gedacht werden: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ (KANT, 1966, S. 119). Beide Fähigkeiten kön- nen nach Kant ihre Funktionen nicht vertauschen, d.h. der Verstand ist einer sinnlichen Wahrnehmung nicht fähig und die Sinne sind nicht in der Lage zu denken. Nur aus ihrer Vereinigung kann Erkenntnis entspringen.

In der nachweisbaren Existenz apriorischer Anschauungen, auf die sich das Denken beziehen kann, sieht Kant die Möglichkeit der Mathematik als gegeben an.

Raum und Zeit

Durch die äußeren Sinne nehme der Mensch Gegenstände außerhalb seiner selbst und diese wiederum als im Raum wahr. Die Zeit jedoch werde durch einen inneren Sinn ver- mittelt, der das Bewusstsein oder dessen Zustand als in Verhältnissen der Zeit unterteilbar wahrnehme. Äußerlich sei die Zeit nicht wahrnehmbar, ebenso wenig wie der Raum als etwas in uns. Für Kant stellt sich also die Frage, was Zeit und Raum eigentlich sind und ob sie den Dingen selbst anhaften, oder sie als reine (apriorische) Formen der Anschauung gelten müssen.

Für Kant ist „Raum“ kein empirischer Begriff. Denn eine Vorstellung von Raum müsse schon a priori gegeben sein, um Gegenstände als getrennt voneinander und an verschie- denen Orten erkennen zu können. Demnach entspringt die Vorstellung von Raum nicht aus der Erfahrung und ist somit eine notwendige Vorstellung a priori. Man könne sich also niemals eine Vorstellung davon machen, dass kein Raum existiere, sehrwohl jedoch, dass keine Gegenstände in ihm zu finden seien. Raum gilt so für Kant als Bedingung der Möglichkeit von Erscheinungen.

Ebenso verhalte es sich mit der Zeit. Auch sie sei kein empirischer Begriff, denn ohne eine Vorstellung von Zeit sei eine Vorstellung eines Nacheinander oder von Gleichzeitigkeit nicht möglich. Im Gegensatz zum Raum werde Zeit innerlich erlebt. Und so sei die Zeit in jeder Wahrnehmung enthalten. Der Raum allerdings sei nur äußerlich wahrnehmbar, da inneres Erleben keine räumliche Ausdehung habe.

Raum und Zeit sind nach Kant also apriorische Anschauungsformen, und deshalb können Gegenstände als raum-zeitlich wahrgenommen werden. Und so ermöglicht auch die Apriorität von Raum und Zeit die Mathematik. Durch den apriorisch gegebenen Raum ist nach Kant auch die Möglichkeit der Geometrie gegeben.

Wie ist Erfahrung möglich?

Für Kant stellt sich nun die Frage, welche Rolle der Verstand bei der Erfahrung spiele. Die Wahrnehmungen enthalten nach Kant eine „Mannigfaltigkeit“ von Inhalten, die immer schon nach Raum und Zeit geordnet ist, bei der Aufnahme der Sinnesdaten verhält sich das erkennende Subjekt passiv.

Die Verbindungen dieses Mannigfaltigen können niemals über die Sinne erfasst wer- den, denn sie gelten als Akte der Spontaneität der Vorstellungskraft und damit des Ver- standes. So ist also alle Verbindung, ob bewusst oder unbewusst, die Anschauungen oder die Begriffe betreffend, eine Verstandeshandlung, die Kant Synthesis nennt. Die Verbin- dung ist nach Kant also nichts, was dem Objekt innewohnt, sondern wird erst vom erken- nenden Subjekt geschaffen. Der Verstand fasst, so Kant, die Inhalte des Mannigfaltigen zu einer Einheit zusammen, wodurch der Begriff der Verbindung überhaupt erst möglich wird.

Der Verstand greift beim Erkennen, also beim Zusammenfassen der Inhalte des Man- nigfaltigen, auf Grundbegriffe (Begriffe der Quantität, Qualität, Relation und Modalität) zurück, die Kant als Kategorien bezeichnet. Durch die Anwendung dieser Kategorien wird der Inhalt der Anschauung begrifflich bestimmt.

Die bloße Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, ist für Kant noch keine Erkenntnis. Um aber etwas im Raum zu erkennen, muss der Verstand eine bestimmte Verbindung des durch die sinnliche Anschauung gegebenen Mannigfaltigen zu Stande bringen, wodurch erst ein Objekt erkannt wird. Das tätige Selbstbewusstsein, also der Verstand, vereint die Vorstellungen im Bewusstsein und formt dabei sozusagen aus den Sinnesdaten ein Objekt.

So ist schließlich die synthetische Einheit des Bewusstseins selbst eine objektive Be- dingung aller Erkenntnis, unter der jede Anschauung stehen muss, um für das Subjekt zu einem Objekt erst zu werden, denn ohne diese Synthesis kann sich das Mannigfaltige nicht im Bewusstsein vereinen. Dieses Selbstbewusstsein ist jedem Menschen eigen und es konstituiert die Objektivität, die nötig ist, um einen Austausch mit anderen Menschen über die erkannte Welt zu ermöglichen. So entsteht die Gewissheit, dass alle Menschen in derselben Welt leben.

Wie ist Naturwissenschaft möglich?

Nach Kant existieren bestimmte Sätze a priori, die Objektivität und damit die Naturwis- senschaften überhaupt erst ermöglichen. Ein Beispiel hierfür ist der Satz der Kausalität, dass alle Veränderungen nach dem Grundsatz von Ursache und Wirkung geschehen.

Für Kant ist die Wahrnehmung ein Prozess, der sukzessiv ist. Die Wahrnehmung ist ein Prozess, bei dem die Einzehlwahrnehmungen streng aufeinander folgen, wobei die Reihenfolge nicht umkehrbar ist. Als Beispiel dient Kant hier die Wahrnehmung eines Schiffes, das einen Strom hinabtreibt. Nun verläuft die Wahrnehmung dieser Erscheinung so, dass auf eine Position des Schiffes stromaufwärts eine Position stromabwärts folgt. Eine Umkehrung ist hier natürlich unmöglich. So ist also die Ordnung der Folge von Wahrnehmungen bestimmt und an diese Folge ist alle Wahrnehmung gebunden.

Bei der Wahrnehmung einer Bewegung oder Veränderung wird das in der Zeit vorher- gehende Eregnis als Verursacher des in der Zeit nachfolgenden angesehen. Es stellt sich aber hier die Frage, wieso ein kausaler Zusammenhang angenommen wird, wo lediglich ein zeitlicher existieren könnte. Für Kant ist eine Bewegung oder Veränderung als solche überhaupt nur möglich und verstehbar, wenn die zeitliche Anordnung ein Resultat der An- wendung der Kategorie der Kausalität ist. So ist also die kausale Verbindung nicht eine Eigenschaft, die zur zeitlichen Verbindung hinzukommt, sondern die kausale begründet die zeitliche. Ohne das Prinzip der Kausalität ist also eine Bewegung als Geschehen in der Welt nicht vorstellbar.

Für die Naturwissenschaften sind Prinzipien wie das der Kausalität von fundamenta- ler Bedeutung. Das Finden von Erklärungen für bestimmte Ereignisse wäre ohne dieses Prinzip nicht denkbar. Solche apriorischen Prinzipien stellen also für Kant eine Notwen- digkeit für Objektivität überhaupt dar. Raum und Zeit als Formen der Anschauung, sowie die Kategorien, anhand derer der Verstand Anschauungen strukturiert und dadurch eine Erfahrungswelt schafft, garantieren, dass es eine objektive und damit für alle Menschen gleich erscheinende Wirklichkeit überhaupt gibt.

Beim Nachdenken über diese Strukturierung des Wahrgenommenen durch den Ver- stand ergibt sich die Frage nach dem Ding an sich, also nach der Existenzweise des wahrgenommenen Gegenstandes unabhängig von der menschlichen Art der Wahrneh- mung. Durch die Apriorität von Raum und Zeit, durch die die Wahrnehmung im Vor- hinein strukturiert wird und durch die apriorisch-begriffliche Bestimmung des Wahrge- nommenen durch den Verstand ergibt sich für Kant, dass ein Erkennen oder auch nur die Vorstellung eines Dings an sich nicht möglich sei. Daher geht Kant davon aus, dass alles Wahrgenommene nur Erscheinung ist.

2.2 Konstruktivistische Positionen

Konstruktivismus und Radikaler Konstruktivismus

Mit dem Begriff Konstruktivismus werden diejenigen erkenntnis- und wissenschaftstheo- retischen Richtungen bezeichnet, die die wirklichkeitsschaffende Leistungen des Beob- achters im Erkenntnisprozess zum Inhalt haben. Alle, zum Teil sehr unterschiedlichen Strömungen des Konstruktivismus beschäftigen sich mit dem Wie des Erkenntnisvor- gangs, wobei Wahrnehmung und Erkenntnis als eigenständige und aktive Konstruktion eines Beobachters und nicht als passive Abbildung verstanden werden. Im Folgenden wird mit dem Radikalen Konstruktivismus eine Strömung vorgestellt, die jegliche Form der Erkenntnis - einschließlich des Erkannten selbst - als Konstruktion des erkennenden Subjekts versteht.

Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus

Der Radikale Konstruktivismus wurde in den 1960er und 70er Jahren unter anderem von Ernst von Glasersfeld (geb. 1917) und Heinz von Foerster (1911-2003) entwickelt. Ein Vertreter des konstruktivistischen Ansatzes aus Deutschland ist unter anderem der Psychologe Paul Watzlawick (geb. 1921).

Nach v. Glasersfeld gilt noch immer die Auffassung, dass der vernunftbegabte und er- kenntnisfähige Organismus in eine bereits strukturierte Welt geboren wird und es daher die Aufgabe des denkenden Menschen ist, die Struktur und die Gesetze der von ihm als unabhängig vorgestellten Welt zu erkennen und so allmählich zu einer Annäherung an ein wahres Weltbild zu kommen. Der Radikale Konstruktivismus setzt sich allerdings aus- drücklich von dieser Annahme ab, indem er Wissen nie als Bild oder Widerspiegelung von Wirklichkeit ansieht, sondern nur als möglichen Weg, um zwischen den „Gegenstän- den“ durchzukommen. Dass ein solcher befriedigender Weg gefunden worden sei, schlie- ße aber nicht aus, dass es noch weitere befriedigende Wege gebe, die gefunden werden könnten. Daraus ergibt sich, dass unter diesem konstruktivistischen Gesichtspunkt kein Weg, keine Lösung eines bestimmten Problems und auch keine bestimmte Vorstellung als die objektiv richtige oder wahre bezeichnet werden kann.

Unser Wissen ist demnach genau dann brauchbar, relevant und lebensfähig, wenn es der erfahrenen und wahrgenommenen Welt standhält und uns in die Lage versetzt, Vorhersa- gen über die Welt zu machen, und wenn wir durch dieses Wissen dazu in der Lage sind, bestimmte Geschehnisse zu bewirken oder zu verhindern. Die Tatsache, dass sich bisher nur eine Art von Vorstellung von der Welt durchgesetzt und bis heute standgehalten hat, beweist lediglich, dass dies ein gangbarer Weg war und ist, durch unsere Welt zu kommen — nicht jedoch, dass dies der einzige wirkliche Weg sei und vor allem nicht, dass unsere Erlebniswelt einer objektiven Beschaffenheit der Welt ähnele oder entspreche. Wie vie- le andere mögliche Wege existieren und wie unsere Erlebniswelt mit einer Welt jenseits unserer Erfahrung zusammenhängt, kann jedoch nicht erkannt werden. Das erkennende Subjekt konstruiert also die wahrgenommene Welt selbst — eine Welt unabhängig vom erkennenden Subjekt ist nicht erkennbar.

Paul Watzlawik hat diese Theorie mit einem sehr anschaulichen Bild erläutert. Für ein Schiff, das in einer stürmischen Nacht durch eine Meeresenge navigieren muss, für die es keine Seekarte gibt und die auch keine sonstigen Navigationshilfen besitzt, gibt es zwei Möglichkeiten: es kann an den Klippen zerschellen oder sicher das offene Meer erreichen. Das Scheitern der Durchfahrt beweist so, dass der gewählte Kurs nicht der richtige für diese Meeresenge war. Erreicht das Schiff jedoch das offene Meer, so beweist dies lediglich, dass der gewählte Weg ein möglicher Kurs durch die Enge war, dass das Schiff also nirgends anstieß. Mehr kann dieser Erfolg nicht zeigen — nichts darüber, wie die Enge wirklich beschaffen und auch nicht darüber, wie sicher oder unsicher der gewählte Kurs war. Es liegt also auf der Hand, dass es noch einen anderen, wesentlich sichereren und kürzeren Weg hätte geben können.

Konstruktivismus und Wissenschaft

Oft wird, so v. Glasersfeld, auf die Wissenschaft verwiesen, wenn es zur Frage kommt, wie der Erkennende sich vergewissern könne, dass er sich — wenn das möglich wäre — einer objektiven Wahrheit nähere. Und natürlich lässt sich der Fortschritt der Wissen- schaft nicht anzweifeln. Immer mehr und genaueres Wissen wird angesammelt, jedoch ist es ein „Wissen wie“ und nicht ein „Wissen was“, von dem letzteres in den Erkennt- nistheorien von jeher zu erfassen gesucht wird. So bedeutet weitgehende Kontrolle über unsere Erlebenswelt erlangt zu haben keineswegs, einer absoluten, von uns unabhängigen Wirklichkeit näher gekommen zu sein.

Das Vokabular der Nervensprache

Wie die moderne und zeitgenössische Erkenntnistheorie allgemein, ist auch der Konstruk- tivismus ein interdisziplinäres Gebiet. So gibt es Philosophen, Psychologen, Soziologen und auch Biologen, die sich mit deren Themen beschäftigen. Als Beispiel aus der moder- nen Biologie sei hier das „Prinzip der undifferenzierten Codierung“ von Erregungen der Sinneszellen genannt, mit dem sich Heinz von Foerster, Professor für Biophysik, beschäf- tigte.

Wenn eine elektrische Mikrosonde in die Nähe einer Nervenfaser gebracht und über einen Verstärker mit einem Lautsprecher verbunden wird, so hört man jedesmal einen „Klick“, wenn eine Störung die Nervenfaser durchläuft. Bei kleineren Störungen hört man eine langsame Folge von „Klicks“, während bei einer stärkeren Erregung eine schnelle Folge zu hören ist. Somit ist „Klick“ also das allgemeine Vokabular der Nervensprache, wobei es erstaunlich ist, dass alle Arten von Sinneszellen nur die Sprache „Klick“ spre- chen. Ganz egal, ob es sich dabei um eine Zelle auf der Retina des Auges, um eine Zelle auf der Membran des Ohres, oder um eine druck- oder wärmeempfindliche Zelle handelt — allen gemein ist das „Klick“. Die äußere physikalische Ursache der Erregung einer Nervenzelle ist also nicht in der Aktivität dieser Zelle enthalten, sondern ausschließlich die Intensität der Störung. Die Signale, die so dem Gehirn übermittelt werden, geben al- so keine Informationen wie blau, heiß, cis usw. weiter, sondern nur, wie viel an Störung woher kam. So wird von den Sinnesorganen beispielsweise nur mehr oder weniger hartes Anstoßen an einen Gegenstand vermittelt, aber niemals die Eigenschaften oder Merkmale dieses Gegenstandes.

Somit konstruiert sich jedes erkennende Subjekt aus den empfangenen Sinnesdaten sein eigenes Bild von der Welt. Nicht darüber kann es entscheiden, ob das Bild nun wahr oder falsch sei, sondern nur, wie brauchbar es dazu ist, um sich in der Welt zurechtzufinden. Demnach können unterschiedliche Weltbilder auch nicht mit Aussagen wie wahr oder falsch belegt werden.

2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Sowohl Kant als auch die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus sehen den Verstand, also im weitesten Sinne das Gehirn des Menschen, als zentralen Punkt im Erkenntnispro- zess. Die von den Sinnesorganen aufgenommenen Daten werden dort gewissermaßen be- arbeitet und ausgewertet, so dass eine Wahrnehmung eines Gegenstands ohne subjektive Färbung nicht möglich ist. In beiden Positionen reicht ein bloßes Wahrnehmen, wie es in empiristischen Theorien vertreten wird, nicht aus, um zu einem Erkennen zu führen. Das erkennende Subjekt prägt in beiden Positionen dem wahrgenommenen Gegenstand eine bestimmte Struktur auf, das „Objekt“ wird also durch das Erkennen erst geschaffen.

In beiden Positionen hat dies Auswirkungen auf die Möglichkeit, ein Ding an sich, also einen Gegenstand außerhalb der menschlichen Wahrnehmung zu erkennen oder es sich auch nur vorzustellen. Dadurch, dass das Subjekt niemals seine Art zu erkennen über- schreiten kann, immer also auf seinen Wahrnehmungsapparat zurückgeworfen ist, wird ihm der Blick auf eine Welt an sich verwehrt. In der Kantischen Transzendentalphilo- sophie wie auch im Radikalen Konstruktivismus zeigt uns die Erfahrung immer nur die Beschaffenheit eines Gegenstandes, nicht jedoch, dass er nicht auch anders beschaffen sein könnte.

Ein großer Unterschied zwischen den Theorien Kants und der Vertreter des Konstruktivismus zeigen sich jedoch bei der Beurteilung der Wissenschaft. Während bei Kant die apriorisch gegebenen Anschauungsformen von Zeit und Raum eine objektive Wissenschaft erst ermöglichen, unterliegt im Radikalen Konstruktivismus auch die Wissenschaft selbst den Limitierungen einer Wahrnehmung durch das seine Erkenntniswelt konstruierende Subjekt. Auch sind die Wissenschaften lediglich dazu in der Lage, gangbare Wege zu finden, ohne einen Anspruch darauf erheben zu können, ein außerhalb der menschlichen Erkenntnisart allgemeingültiges Wissen zu finden.

Ähnlich verhält es sich, wenn die Auswirkungen der Theorien auf intersubjektive Kommunikation angewandt werden. Bei Kant ermöglicht es die Tatsache, dass alle Menschen über den gleichen Wahrnehmungsapparat verfügen, für alle die Gewissheit aufzubauen, in der gleichen Welt zu leben. In den konstruktivistischen Theorien ist dagegen auch diese Art von Objektivität zwischen zwei oder mehreren Subjekten nur ein gefundener Weg unter vielen möglichen, der sich etabliert hat.

Die für Kant apriorisch gegebenen Anschauungsformen von Raum und Zeit oder auch das Prinzip der Kausalität stehen für ihn als objektiv und unveränderlich fest. Sie erst ma- chen ein Erkennen möglich und sind für ihn feste Bestandteile und Voraussetzungen für die Art des menschlichen Wahrnehmens. Im konstruktivistischen Ansatz jedoch sind auch diese Kategorien wieder nur als eine Annäherung, als eine etablierte Sichtweise zu sehen, die eine Eigenschaft der Wahrnehmung und nicht eine Voraussetzung für diese ist. Im Sinne des Radikalen Konstruktivismus ist es also, anders als bei Kant, durchaus denkbar, dass das Erleben von Raum und Zeit und des Kausalitätsgesetzes auch nur eine mögliche Art der Strukturierung der Welt ist. Die Strenge und apriorisch gegebene Objektivität von Raum und Zeit und anderen apriorischen Prinzipien findet sich in konstruktivistischen Theorien also so nicht.

3 Schlussbemerkungen

Für Kant und auch für den Radikalen Konstruktivismus steht das Subjekt im Mittelpunkt aller Wahrnehmung. Während es für Kant noch feststehende und objektive allgemeingül- tige Gewissheiten wie Raum, Zeit und Kausalität gibt, die nötig für ein Erkennen von Welt sind, finden sich solche Konstanten im konstruktivistischen Ansatz nicht. Hier sehen wir das gesamte menschliche Erleben als nur eine Form der Weltsicht, die sich etabliert hat und keine Aussage darüber zulässt, wie eine Welt außerhalb menschlicher Wahrnehmung konstituiert ist und wie viele verschiedene mögliche Wege es noch gibt, auf denen der Mensch zu einer erfolgreichen Interaktion mit seiner Umwelt kommt.

Immer neue Erkenntnisse und Theorien, von der schon erwähnten „kopernikanischen Wende“, über Einsteins Relativitätstheorie, die die Trennung von Raum und Zeit zuguns- ten einer vom Beobachter abhängigen Raumzeit aufhebt, bis hin zu neuesten physikali- schen Theorien (wie Quanten- und Stringtheorie), die die Raumzeit betreffen, verändern unsere Sicht auf die Welt, in der wir leben, immer weitgehender. Vor allem im Bezug auf neueste Erkenntnise in der Erforschung der Zeit, wie auch bei Abweichungen von Kausa- lität im Bereich der Quantenforschung kann man gut erkennen, wie althergebrachte Sicht- weisen und Vorstellungen einer zunehmenden Auflösung und Umformung unterworfen sind. Alte, aber dennoch noch immer gangbare Wege, werden so durch neue, alternative ergänzt, die für die Erforschung bestimmter Phänomene in speziellen Umgebungen (wie zum Beispiel im mikroskopischen Bereich und im Bezug auf sehr hohe Geschwindigkei- ten) essentiell sind. Diese vergleichsweise neuen Theorien greifen allerdings zunehmend auch in unsere Alltagswelt ein und eine konstruktivistische Sicht auf unser bisher erlang- tes Wissen und unsere Welt könnte es erleichtern, diese neuen Wege nicht als Gefahr im Sinne einer uns scheinbar immer fremder werdenden Welt, sondern als Erweiterung für unsere Erkenntnis zu sehen.

4 Literaturverzeichnis

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hrsg. v. Ingeborg Heidemann, Stuttgart 1966.

Metzler Philosophielexikon, Stuttgart u. Weimar 1999. Zugänge zur Philosophie 1, Berlin 2004.

Glasersfeld, Ernst von: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, München 1992, zitiert nach: Zugänge zur Philosophie 1, S. 29.

Glasersfeld, Ernst von: Einführung in den radikalen Konstruktivismus, München 1981; zitiert nach: Zugänge zur Philosophie 1, S. 29.

Watzlawick, Paul: Einleitung. In: Die erfundene Wirklichkeit, München 1981; zitiert nach: Zugänge zur Philosophie 1, S. 29.

Foerster, Heinz von: Erkenntnistheorien und Selbstorganisation. In: S. J. Schmidt: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt/M. 1987; zitiert nach: Zugänge zur Philosophie 1, S. 30.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Transzendentalphilosophie und konstruktivistische Positionen im Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V116406
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transzendentalphilosophie, Positionen, Vergleich
Arbeit zitieren
Marcus Kober (Autor), 2007, Transzendentalphilosophie und konstruktivistische Positionen im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116406

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