Grundlage der vorliegenden Arbeit soll das von Sebastian Brant verfasste und im Jahre 1494 in Basel erschienene Das Narrenschiff sein. Mit diesem Werk erfreute sich erstmals ein Buch einer so nie zuvor dagewesenen öffentlichen Beliebtheit. Folge seiner Rezeption waren diverse Inspirationen weiterer Autoren. Das Narrenschiff übt eine derartige Faszination auf Lesende aus, dass es immer wieder auch Objekt wissenschaftlicher Facharbeiten wurde und bis heute wird. Dementsprechend groß ist die Menge erhältlicher Sekundärliteratur. Der Bearbeitung, der dieser Arbeit zugrundeliegenden Thematik, haben sich die Werke Barbara Könnekers über Das Narrenschiff als sehr fruchtbar erwiesen. Könnekers Ausführungen, die von großer Genauigkeit und Komplexität sind, transportieren merklich eine auf das Werk zurückgehende Fasziniertheit, die einer so umfassenden wissenschaftlichen Beschäftigung voranstehen muss.
Im Folgenden soll es darum gehen, wie sich der Verfasser Brant in den Bannkreis eines Paradoxons begibt, dass in seinem Wesen, weniger in seinem Inhalt, dem von Horkheimer und Adorno postulierten dialektischen Problem der Aufklärung ähnelt. Jedoch sollen weder Begrifflichkeiten vermengt, noch Sebastian Brant zu einem Aufklärer gemacht werden. Es soll lediglich ein dialektisches Phänomen in Brants Werk aufgedeckt werden, wozu sich die Dialektik der Aufklärung werkübergreifend aufgrund ihrer selbstreflexiven Thematik als sehr hilfreich erweisen wird. Dabei sollen zuerst Parallelen zwischen dem Narrenkonzept Brants und dem Begriff des Mythischen von Horkheimer und Adorno offengelegt werden. Diesem Narrenbegriff stellt sich Brants Methode gegenüber, welcher ebenfalls, unter teilweiser und vorsichtiger Zuhilfenahme der Dialektik der Aufklärung, eine Parallele zum Begriff der Aufklärung bei Horkheimer / Adorno nachgewiesen werden soll. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll das paradoxe Wesen des Brantschen Narrenbegriffes an verschiedenen Textbeispielen argumentiert werden, sowie herausgefunden werden, inwiefern es auch Brant selber nicht gelingt sich dem Widersprüchlichen zu entziehen. Am Weisheitsbegriff soll gezeigt werden, dass der Umgang mit dem Paradoxen, in Verbindung mit Brants eigentlicher Zielsetzung, zu eben jener Auffassung von Weisheit führt, die am Ende nur Passivität übriglässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Darstellung der Problematik
2. Sebastian Brant – Herstellung eines Zeitbezugs
3. Das Narren- und Weisheitskonzept Brants
3.1 Horkheimer & Adorno
3.2 Zielsetzung
3.3 Der Narr als Mythos
3.4. Brant als Aufklärung
3.4.1 Zielsetzung
3.4.2 Brants Praktiken
4. Narrheit und Weisheit bei Brant und ihre Ambivalenz
5. Belege der inneren Gegensätzlichkeit
5.1 Der Spiegel
6. Brants Weisheitsbegriff als Folge innerer Gegensätzlichkeit
7. Eine kurze Überwindung des Paradoxen
8. Zusammenfassung und Schluss
9. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ auf dialektische Widersprüche, die in der Konstruktion seines Narrenbegriffs und Weisheitsideals angelegt sind. Die Forschungsfrage widmet sich der Paradoxie, dass Brant durch sein Bestreben, Narrheit durch Belehrung zu tilgen, sich selbst in die Rolle des Narren manövriert, und vergleicht diesen Ansatz mit der „Dialektik der Aufklärung“ sowie dem „Lob der Torheit“ von Erasmus von Rotterdam.
- Dialektische Analyse von Narrheit und Weisheit bei Sebastian Brant
- Vergleich der Brantschen Methode mit der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno
- Untersuchung der Paradoxie der Autorenexistenz und der Rolle des Narrenspiegels
- Konfrontation mit der konservativen Weltsicht Brants vs. der Freiheit des Erasmus von Rotterdam
Auszug aus dem Buch
3.3 Der Narr als Mythos
Im Narrenschiff wird der Narr als Opfer seiner Leidenschaften dargestellt, wobei zu beachten ist, dass Brant sich dazu einer Hybridform bedient. Diese besteht in der geschickten Kombination des Fastnachtsnarren mit dem biblischen Narren. „Diese biblisch christliche Vorstellung von dem stultus als dem Unerleuchteten und Heilsblinden brachte Brant nun in Verbindung mit dem Typus des Hof- bzw. Fastnachtsnarren, der ursprünglich in ganz anderen Bereichen zu Hause war (…).“ Der Fastnachtsnarr und seine Bühne, die Fastnacht, war im Mittelalter zu einer Art gesellschaftlichem Ventil gediehen, das es den Menschen erlaubte, sich konträr zu den strengen Verhaltengrundsätzen und kirchlichen Dogmen zu verhalten. „Inmitten einer Sphäre von Unflätigkeit und Obszönität wurde in diesen Spielen das unbekümmerte Sichausleben der Triebe und Leidenschaften als einziger Daseinszweck gepriesen, wurde die „Natur“, d.h. eben jene Triebssphäre gegen den Geist als die formende, bändigende und regulierende Macht ausgespielt und nicht nur jeder Moral und höheren Gesittung, sondern auch der aus gläubiger Hinwendung zu Gott sich herleitenden Weltabsage der Kampf erklärt.“ Der Narr steht für eine Art entfesselte, unkontrollierbare Natur, derer man mit Weisheit als einer Form menschlicher Kultur begegnen kann. Er lässt seinen Leidenschaften freien Lauf, ist ungebändigt in seinem Verhalten, lässt „(…) grundsätzlich Maß und Ziel vermissen (…)“ Lediglich die Bändigung seiner Triebe gestattet es einem Menschen Nicht-Narr zu sein. Dem als Negativbeispiel stilisierten Narren als Ausdruck ungebändigt Seins, ist unbedingtes Misstrauen entgegenzubringen. Dieses Misstrauen steht gleichzeitig für die Angst vor der entfesselten Natur, die es kritisch zu beäugen gilt und der es, wann immer möglich zu widerstehen gilt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung - Darstellung der Problematik: Einführung in Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ und die theoretische Fragestellung hinsichtlich der Paradoxien in Brants Weisheitsverständnis unter Hinzuziehung der „Dialektik der Aufklärung“.
2. Sebastian Brant – Herstellung eines Zeitbezugs: Analyse der gesellschaftlichen Krisensituation des Spätmittelalters, die als Grundlage für Brants Bedürfnis nach moralischer Ordnung und Verfallskritik dient.
3. Das Narren- und Weisheitskonzept Brants: Untersuchung der Parallelen zwischen Brants Narrenbild und dem Begriff des Mythischen bei Horkheimer und Adorno sowie der Aufdeckung aufklärerischer Züge in Brants Vorgehensweise.
4. Narrheit und Weisheit bei Brant und ihre Ambivalenz: Darstellung der Ambivalenz zwischen dem notwendigen Streben nach Weisheit zur Sündenvermeidung und der daraus resultierenden Lähmung und Pedanterie.
5. Belege der inneren Gegensätzlichkeit: Aufzeigung der Widersprüche durch Selbstbezichtigungen Brants im Werk sowie die Analyse des Spiegels als zentrales Symbol der Selbsterkenntnis und Wahrheit.
6. Brants Weisheitsbegriff als Folge innerer Gegensätzlichkeit: Reflexion darüber, wie Brants starrer Weisheitsbegriff ein notwendiger, wenn auch paradoxer Fluchtpunkt seines konservativen Weltbildes ist.
7. Eine kurze Überwindung des Paradoxen: Gegenüberstellung von Brants dogmatischem Ansatz mit Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“, das durch ironische Distanz eine Lösung der Paradoxie ermöglicht.
8. Zusammenfassung und Schluss: Synthese der Ergebnisse, die Brants Werk als eine Bankrotterklärung vor der Zeit interpretiert, in der nur eine unausweichliche Passivität als Lösung verbleibt.
9. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Sebastian Brant, Das Narrenschiff, Dialektik der Aufklärung, Narrheit, Weisheit, Horkheimer, Adorno, Paradoxie, Selbsterkenntnis, Mittelalter, Humanismus, Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit, Ambivalenz, Konservatismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Sebastian Brants Werk „Das Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494 unter dem Aspekt der inneren Widersprüchlichkeit (Paradoxie), die sich aus seinem Bestreben ergibt, die Gesellschaft durch die Predigt von Weisheit und Ordnung zu verbessern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die spätmittelalterliche Dichtungstheorie, die Psychologie des Narrenbildes, den Vergleich mit der „Dialektik der Aufklärung“ sowie den Humanismus im Übergang zur Renaissance.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Brant durch sein Programm, den Menschen zur Selbsterkenntnis und Weisheit zu führen, unbewusst in eine Paradoxie gerät, da er die menschliche Natur als Narrheit definiert, der er selbst als Autor nicht entkommen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische Fragmente von Horkheimer und Adorno sowie kommunikationspsychologische Ansätze (Paradoxien nach Watzlawick) zur Interpretation der Brantschen Texte nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Konstruktion des Narren als mythische Figur, der Funktion des Narrenspiegels, dem Verhältnis von Weisheit und Sünde sowie dem Vergleich zu Erasmus von Rotterdam.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch die Begriffe Dialektik, Paradoxie, Narrheit, Weisheit, Selbsterkenntnis und Aufklärung.
Wie unterscheidet sich die Rolle des „Narren“ bei Brant von der bei Erasmus?
Während Brant den Narren als Sünder und ungebändigte Natur negativ besetzt und durch erzieherische Strenge belehren will, nutzt Erasmus die „Frau Torheit“ als freie Sprecherin, um eine ironische Distanz zum Thema zu wahren und so die Paradoxie humorvoll aufzulösen.
Welche Rolle spielt das Symbol des „Spiegels“?
Der Spiegel dient bei Brant sowohl als Werkzeug der Selbsterkenntnis (Prüfung auf Fehler) als auch als Symbol für die unvollkommene Natur des Menschen, wobei er gleichzeitig Wahrheit und Lüge repräsentieren kann.
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- Eric Wallis (Autor), 2007, Die Dialektik der Narrheit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116407