Am 30. April 1945 beging Hitler Selbstmord. Einen Tag später Joseph Goebbels. Eine weitere Woche später kapitulierte Deutschland bedingungslos und beendete damit den zweiten Weltkrieg – zumindest in Europa, in Asien am 2. September 1945. Die Frage, der diese Arbeit nachgehen wird, ist, warum der Nationalsozialismus nicht an innerem Widerstand scheiterte, sondern von außen durch die Alliierten bezwungen werden mußte.
Teil 2 dient der Darstellung zweier möglicher Antworten auf diese Frage, die als Extrema ein Spektrum eröffnen, innerhalb dessen sich die gesamte Arbeit im folgenden bewegt – weg von der Dichotomie eines Täter- bzw. Opfervolkes hin zu einer Darstellung, die die Ambivalenz des Nationalsozialismus sichtbar macht. Hierzu werden in Teil 3 die Begriffe Widerstand, Resistenz, Dissens und Konsens näher bestimmt, um mit diesem Instrumentarium in Teil 4 den Versuch zu wagen, Eigeninteressen als Quellen von Konsens und Dissens ausfindig zu machen. Es wird sich zeigen, daß Eigeninteressen durchaus als Quellen von Konsens und Dissens fungieren, allerdings nicht die einzigen sind. Trotz dieser Erkenntnis versuche ich in Abschnitt 5.1 ein spieltheoretisches, nur auf dem Eigeninteresse basierendes Erklärungsmodell, zu entwerfen, das die bereits genannte Frage zu beantworten versucht. Dieses Modell hat seine Stärken und Schwächen, die ich im Abschnitt 5.2 thematisiere. Teil 6 zeigt eine Anwendungsmöglichkeit dieses Modells in der Gegenwart und faßt die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Widerstand: Weder unmöglich noch ungewollt
2.1 Der Nationalsozialismus als Totalitarismus
2.2 Der Nationalsozialismus als Zustimmungsdiktatur
2.3 Aufhebung der Dichotomie von Tätern und Opfern
3 Widerstand, Resistenz, Dissens und Konsens
3.1 Der Widerstandsbegriffs
3.1.1 Ein historischer Abriß
3.1.2 Der Widerstandsbegriff von Hüttenberger
3.2 Der Resistenzbegriff von Broszat
3.3 Dissens und Konsens
3.4 Zusammenfassung
4 Die nationalsozialistische Ideologie und ihre gesellschaftliche Ambivalenz
4.1 Die nationalsozialistische Ideologie
4.2 Ambivalenz gegenüber dem Nationalsozialismus
4.2.1 Konsens
4.2.2 Dissens und Konflikt
4.3 Fazit
5 Warum der Nationalsozialismus nicht an innerem Widerstand scheiterte – Ein Erklärungsversuch
5.1 Ein spieltheoretischer Erklärungsversuch
5.2 Grenzen des Erklärungsversuchs
6 Fazit und Ausblick
7 Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die zentrale Fragestellung, warum der Nationalsozialismus nicht durch inneren Widerstand der Bevölkerung gestürzt wurde, sondern von außen durch die Alliierten bezwungen werden musste. Dabei wird versucht, die Dichotomie von Täter- und Opfervolk zu überwinden und stattdessen die Ambivalenz der NS-Herrschaft sowie die Rolle von Eigeninteressen als Motivationsquelle für Konsens und Dissens in der Gesellschaft zu analysieren.
- Analyse der Begriffe Widerstand, Resistenz, Dissens und Konsens im Kontext des Nationalsozialismus.
- Untersuchung der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen.
- Darstellung der NS-Herrschaft als „Zustimmungsdiktatur“, gestützt durch materielle Vorteile und soziale Wohltaten.
- Anwendung eines spieltheoretischen Modells zur Erklärung des ausbleibenden inneren Widerstands.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Der Widerstandsbegriff von Hüttenberger
Hüttenberger schlägt eine abstrakte, spieltheoretische Definition von Widerstand vor, um sich von einer „emotional aufgeladenen Begriffstradition zu lösen.“ Da sich der Nationalsozialismus, ebenso wie jede andere Herrschaftsform, stets als „Ganzes von Vor- und Nachteilen“ präsentiert, „[muß] die Erforschung des Widerstandes [...] die sozialen Beziehungen umgreifen und die wechselseitigen Mechanismen von Herrschaft und gesellschaftlicher Reaktion miteinbeziehen.“
Herrschaft definiert Hüttenberger als „Prozeß der Vergleichung zwischen den Zielen, Interessen, Standards und Normen der Herrschenden (A) mit den Zielen, Interessen, Standards und Normen der Beherrschten (B).“ Anders formuliert handelt es sich „um einen Prozeß der ‚Anerkennung‘ von A durch B, die sowohl sanktionierend als auch belohnend erreicht werden kann.“ Die Konformität von Zielen, Interessen, Standards und Normen von Herrschern und Beherrschten wird durch Verhandlung erreicht und kann daher durch ein spieltheoretisches bargaining-game analysiert werden. Ein verhandlungstheoretisches Nullsummenspiel in dieser Konstellation betrachtet Hüttenberger als systemimmanenten Konkurrenzkampf, weshalb die politische Feindschaft zwischen SPD und NSDAP während der Weimarer Republik nicht als Widerstand bezeichnet werden kann, da es in einer Demokratie keinen Widerstand, wohl aber systemimmanente Rivalitäten gibt. Eine solche Herrschaftsform, die eine entsprechende Einigung im Ausgleichsprozeß von Herrschern und Beherrschten erreicht, bezeichnet er als symmetrisch.
Widerstand kann es folglich nur in einem asymmetrischen Herrschaftsverhältnis geben, wenn durch den Versuch der Errichtung eines absoluten Herrschaftssystems, eben dieser Einigungsprozeß zerstört zu werden droht oder bereits zerstört ist. Die Zerstörung dieses Einigungsprozesses erfolgt durch Disaggregation der sozialen Gruppe, die ihr Ende findet, wenn deren Mitglieder soweit atomisiert sind, daß „Widerstand [...] nur noch aus individueller Nonkonformität besteh[t].“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, warum das NS-Regime nicht durch internen Widerstand scheiterte, und skizziert das methodische Vorgehen unter Einbezug von Totalitarismustheorie und Zustimmungsdiktatur.
2 Widerstand: Weder unmöglich noch ungewollt: Dieses Kapitel kontrastiert Hannah Arendts Totalitarismusthese (Zwang) mit Götz Alys Theorie der Zustimmungsdiktatur (Anreize) als konkurrierende Erklärungsansätze.
3 Widerstand, Resistenz, Dissens und Konsens: Es erfolgt eine theoretische Begriffsbestimmung, wobei Widerstand als bewusste Ablehnung, Resistenz als wirkungsbezogene Verweigerung und Dissens als Ausdruck von Interessenkonflikten definiert werden.
4 Die nationalsozialistische Ideologie und ihre gesellschaftliche Ambivalenz: Dieses Kapitel analysiert die ideologischen Kernelemente (Rassenkampf) und zeigt auf, wie Eigeninteressen das Spannungsfeld zwischen Konsens und Dissens prägten.
5 Warum der Nationalsozialismus nicht an innerem Widerstand scheiterte – Ein Erklärungsversuch: Basierend auf der Theorie des kollektiven Handelns wird das Ausbleiben des Widerstands als strukturelles Dilemma rationaler Akteure in einem asymmetrischen Herrschaftssystem gedeutet.
6 Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird betont, dass die Komplexität sozialer Strukturen und Wertvorstellungen gegen das NS-Regime resistenter war als das rein interessengeleitete Handeln der Bevölkerung.
7 Literatur: Ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Widerstand, Zustimmungsdiktatur, Totalitarismus, Konsens, Dissens, Resistenz, Eigeninteresse, Spieltheorie, Kollektives Handeln, Herrschaft, Rassenkampf, Ambivalenz, Politische Geschichte, Verweigerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gründe, warum der Nationalsozialismus von innen heraus nicht am Widerstand der eigenen Bevölkerung scheiterte, und untersucht das Verhältnis zwischen der NS-Herrschaft und der deutschen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Begriffe Widerstand, Resistenz, Dissens und Konsens sowie die Frage, inwieweit materielle Anreize und ideologische Indoktrination die Handlungsspielräume der Bevölkerung beeinflussten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Beantwortung der Frage, warum trotz vorhandener Konflikte kein systemstürzender Widerstand entstand, und warum das Regime stattdessen bis zum Kriegsende eine gewisse Stabilität bewahren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine Kombination aus historischer Analyse, der Auswertung bestehender Forschungsmeinungen (z.B. Arendt, Aly, Hüttenberger) und ein spieltheoretisches Modell basierend auf der Theorie des kollektiven Handelns.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse der NS-Ideologie und eine detaillierte Untersuchung darüber, wie Eigeninteressen der Akteure einerseits zu Konsens führten und andererseits Nischen für Dissens und Resistenz boten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Nationalsozialismus, Zustimmungsdiktatur, Widerstand, Eigeninteresse und Kollektives Handeln zusammenfassen.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Widerstand und Resistenz?
Widerstand wird als intentionaler, aktiver Akt zur Beseitigung des Regimes definiert, während Resistenz unabhängig von der Motivation als faktische Einschränkung und Blockade der NS-Herrschaft durch Handlungen im Alltag verstanden wird.
Welche Bedeutung kommt dem spieltheoretischen Erklärungsmodell zu?
Das Modell veranschaulicht, dass das individuelle Streben nach Eigeninteressen im Aggregat dazu führen kann, dass ein „Kollektivgut“ wie der Sturz des Regimes nicht erreicht wird, da die Kosten für den Einzelnen den Nutzen übersteigen.
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- André Heinze (Author), 2006, Dissens, Resistenz und Widerstand: Warum der Nationalsozialismus nicht an innerem Widerstand scheiterte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116409