Am 18. August 1933 wurde der Volksemfpänger auf der Berliner Funkausstellung erstmals vorgestellt und konnte bis Anfang 1938 über zwei Millionen Mal verkauft werden. Am 01. September 1939 entfachte Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, der sechs Jahre andauern sollte. Die Frage, der diese Arbeit nachgehen wird, ist, inwiefern sich die nationalsozialistische Wirtschafspolitik aufgrund der Kriegsvorbereitungen auf die Konsumgüterindustrie auswirkte, da sie mit den Aufrüstungsbestrebungen kollidierte und daher Zielkonflikte verursachte, die teilweise ideologische Gründe haben.
Teil 2 dient der Darstellung zweier möglicher Antworten auf diese Frage, die als Extrema ein Spektrum eröffnen, innerhalb dessen sich die gesamte Arbeit im folgenden bewegt – weg von der Dichotomie vom Primat der Politik bzw. vom Primat der Ökonomie hin zu einer Darstellung, die die Ambivalenz des Nationalsozialismus in Form von Interessenkongruenz und Interessenkonflikten sichtbar macht. Nicht nur aus dieser Ambivalenz, sondern auch aus dem internationalen System resultierten Restriktionen, die den Handlungsspielraum der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik beschränkten. Aufbauend auf den Zielen und Restriktionen, die eine Anpassung des NS-Regimes erforderten, wird ein Modell entwickelt, aus dem sich für verschiedene Konsumgüterbranchen Thesen ableiten lassen, die in Abschnitt 2.5 zusammengetragen werden.
In Teil 3 werden einige dieser Thesen exemplarisch überprüft, weshalb drei Fallstudien zu Produkten dargestellt werden, die im Nationalsozialismus jeweils unterschiedliche Ziele erfüllen sollten: Der bereits erwähnte Volksempfänger diente als ideologisches Konsumgut, die Textilgüterindustrie diente ebenso wie die Landwirtschaft als Instrument zur innenpolitischen Absicherung. Der Mundharmonika kann allerdings kein nationalsozialistisches Ziel zugeordnet werden, weshalb deren Absatzsteigerung im Inland nicht auf wirtschaftspolitische Maßnahmen der Nationalsozialisten zurückzuführen ist, wodurch die Bedeutsamkeit dieser Fallstudie nur gesteigert werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Das Modell
2.1 Nationalsozialistische Ideologie und Konsum
2.2 Primat der Politik oder Primat der Ökonomie?
2.2.1 Primat der Politik
2.2.2 Primat der Ökonomie: Der Nationalsozialismus als Instrument der Ökonomie
2.2.3 Aufhebung der Dichotomie: Der Nationalsozialismus als ambivalente, dynamische Polykratie
2.2.3.1 Kritik am Primat der Politik: Dissens und Resistenz
2.2.3.2 Kritik am Primat der Ökonomie: Konsens
2.2.3.3 Der Nationalsozialismus als ambivalente, dynamische Polykratie
2.3 Internationale Rahmenbedingungen
2.4 Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik von 1933 bis 1939
2.4.1 Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik unter den Restriktionen des internationalen Systems
2.4.2 Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik unter der Restriktion einer autonomen Wirtschaft (Angebot)
2.4.3 Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik unter der Restriktion einer innenpolitischen Absicherung (Nachfrage)
2.4.4 Fazit
2.5 Thesen
2.5.1 Empirie
2.6 Die Konsumgüterindustrie im Aggregat
2.7 Verteilungseffekte?
2.7.1 Fallstudie I: Matthew Hohner AG
2.7.2 Fallstudie II: Der Volksempfänger
2.7.3 Fallstudie III: Die Textilindustrie
2.7.3.1 Gründe für die relativ erfolgreiche Entwicklung der Textilgüterindustrie
2.7.3.2 Gründe für die unterschiedliche Entwicklung innerhalb der Textilgüterindustrie
2.7.3.3 Gründe für das Abweichen von Theorie und Empirie
2.7.4 Fazit
3 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik auf die Konsumgüterindustrie im Zeitraum von 1933 bis 1939. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, inwieweit die Aufrüstungsbestrebungen des Regimes zu Zielkonflikten mit der Konsumgüterproduktion führten und welche Anpassungsstrategien von Unternehmen in diesem Spannungsfeld entwickelt wurden, um auf ideologische Vorgaben, Devisenknappheit und staatliche Eingriffe zu reagieren.
- Analyse der theoretischen Dichotomie zwischen Primat der Politik und Primat der Ökonomie im Nationalsozialismus.
- Entwicklung eines Modells zur Identifikation von Interessenkongruenz und Interessenkonflikten in einer polykratischen Herrschaftsstruktur.
- Untersuchung der Auswirkungen von Devisenknappheit und Autarkiestreben auf die wirtschaftliche Handlungsfreiheit.
- Empirische Überprüfung der Thesen anhand der Fallstudien Hohner AG, Volksempfänger und Textilindustrie.
Auszug aus dem Buch
2.1 Nationalsozialistische Ideologie und Konsum
Der als sozialdarwinistisches Naturgesetz verkleidete Rassenkampf ist das Kernelement des Nationalsozialismus, der nach Hannah Arendt durch Terror beschleunigt werden soll, um einen utopischen Endzustand zu erreichen. Diesen Terror übt der Staat aus, wodurch ihm „eine einfache Grundfunktion zu[gewiesen wird]: Der Staat ist nur ein Instrument zur Rasseerhaltung, ein Mittel, das in seiner Eigenqualität und Struktur seinerseits durch das rassische Niveau bestimmt ist. Seine Hauptaufgabe resultiert eben daraus, daß er nur ein Gebilde zweiter Ordnung ist: Er muß seine eigene Basis erhalten und fördern.“ Da das Ziel in der Beschleunigung des sozialdarwinistischen Naturgesetzes besteht, kann die Frage auch anders formuliert werden: Wie kann eine Herrenrasse gezüchtet werden? Die Reinheit der Rasse verbietet Mischungen mit anderen Rassen, da sie die eigene Rasse schwächen. Demnach läßt sich das Bild der Frau als Gebährmaschine reinrassiger, höherwertiger Nachkommen ableiten, das die Blut und Boden Ideologie impliziert. Eugenik und Euthanasie, realisiert durch Sterilisation oder Vernichtung, folgen ebenfalls daraus.
Da der Rassenkampf als naturgesetzliche Notwendigkeit in Erscheinung tritt, kann der Feind nicht willkürlich durch die nationalsozialistischen Herrscher bestimmt werden, sondern muß als „Träger ‚objektiv feindlicher‘ Eigenschaftsbündel“ bestimmt werden. Außerdem ist eine wechselseitige Feindbestimmung impliziert, weshalb nicht nur die arische Rasse ihre Feinde objektiv bestimmt, sondern auch die arische Rasse selbst zum objektiven Feind anderer Rassen wird. Aus diesem Feindbild, das vor allem gegen den jüdischen Bolschewismus gerichtet ist, resultiert die Notwendigkeit des Kampfes, der zum Krieg gesteigert wird, um einem Angriff des Bolschewismus zuvorzukommen. Aus der Ausrichtung auf Krieg resultiert das Streben nach wirtschaftlicher Autarkie, um nicht von anderen Staaten abhängig oder gar erpressbar zu sein. An dieser Stelle wird die nationalsozialistische Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs als durch Dolchstoß verlorenen Krieg deutlich, wodurch ein innenpolitisches Kalkül eingeführt wird, das auf Systemstabilität abzielt, die mit einer gesicherten Versorgung der Bevölkerung erreicht werden sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage der Konsumgüterindustrie im NS-Staat und stellt die Forschungsfrage nach den durch Aufrüstung verursachten Zielkonflikten.
2 Das Modell: Dieses Kapitel entwickelt ein theoretisches Modell, das den Nationalsozialismus als polykratische Herrschaftsform begreift und die Interdependenzen zwischen Politik, Wirtschaft und internationalen Rahmenbedingungen aufzeigt.
3 Literatur: Auflistung der im Rahmen der Untersuchung verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Konsumgüterindustrie, Wirtschaftspolitik, Aufrüstung, Polykratie, Interessenkonflikte, Autarkie, Devisenknappheit, Volksempfänger, Textilindustrie, Hohner AG, Anpassungsstrategien, Staatsinterventionismus, Wirtschaftsgeschichte, NS-Regime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik und der Entwicklung der zivilen Konsumgüterindustrie zwischen 1933 und 1939.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die ideologische Einbindung des Konsums, die staatliche Wirtschaftssteuerung unter Rohstoff- und Devisenmangel sowie das Spannungsfeld zwischen Rüstungswirtschaft und privatem Konsum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern sich die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik aufgrund von Rüstungsvorgaben auf die Konsumgüterindustrie auswirkte und wie Unternehmen auf die daraus resultierenden Restriktionen reagierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein theoretisches Modell der polykratischen Herrschaft und des Interventionsstaates entwickelt, das anschließend durch eine mikroökonomische Analyse in Form von drei Fallstudien empirisch überprüft wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der NS-Wirtschaftspolitik und deren Restriktionen sowie eine empirische Untersuchung, die den Erfolg bzw. Misserfolg spezifischer Konsumgüterbranchen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Nationalsozialismus, Konsumgüterindustrie, Polykratie, Autarkie, Interessenkongruenz sowie verschiedene Formen unternehmerischer Anpassungsstrategien.
Warum spielt die Hohner AG in der Analyse eine besondere Rolle?
Die Hohner AG dient als Fallbeispiel für ein Unternehmen, das keine direkte Rüstungsproduktion betrieb, aber dennoch durch eine Mischung aus Exportstrategien und Anpassung an die NS-Ideologie wirtschaftlichen Erfolg erzielen konnte.
Welchen Einfluss hatten staatliche Regulierungen auf die Textilindustrie?
Staatliche Eingriffe wie Rohstoffkontingentierungen wirkten in der Textilindustrie oft ungleichmäßig; Unternehmen entwickelten hierbei geschickte Ausweichstrategien, wie z.B. die Nutzung von Staatsaufträgen oder Rohstoffsubstitution.
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- André Heinze (Author), 2007, Zielkonflikte, Interessenkonflikte und Anpassungsstrategien im Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116410