Philosophieren als Sterbenlernen

Die Darstellung des Todes als Vollendung und Höhepunkt des philosophischen Lebens in Platons Phaidon


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Begriffsdefinitionen und Zusammenhänge
2.1 Anthropologischer Dualismus
2.2 Tod und Wiedergeburt
2.3 Die Bedeutung der Philosophie

3. Die These vom Philosophieren als ‚Sterbenlernen‘

4. Diskussion

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Werk Phaidon zählt zu einem der bekanntesten Werke in der Philosophiegeschichte. Sein Autor – Platon – ist einer der am meisten rezipierten und diskutierten Philosophen. Viele weitere Philosophen beriefen sich auf seine Schriften oder setzten sich weitergehend mit ihnen auseinander. Sowohl Augustinus als auch Nietzsche, Jaspers und Leibniz, wie auch die großen Weltreligionen griffen die verarbeiteten Stoffe sowie die vorhandenen Thesen auf.1 Ein Grund hierfür ist unter anderem die Vielseitigkeit, die sich in Platons Werken wiederfindet. So bietet auch der Phaidon eine Vielzahl an Themen und Gedankenansätzen, die nicht grundlos als Elemente der Anfänge der Philosophie betrachtet werden können. Der Regensburger Philosophieprofessor Günter Fröhlich betitelt Platon in seinem Aufsatz deshalb auch als „Vater der Philosophie“2. Neben der Aufwartung verschiedenster Themen bieten die platonischen Dialoge einen außergewöhnlichen Stil, der durch den „mimetische[n] Charakter“3 und die „poetische Darstellung“4 geprägt ist. Diese Gestaltungsweise Platons verleiht den Themendarstellungen ihre Einzigartigkeit. Deutlich zu erkennen ist dies unter anderem bei seiner Argumentation zur Unsterblichkeit der Seele. Insbesondere ihr Verhältnis zum Leben und zum Tod sowie die Funktion des Philosophierens kann als eines der zentralen Themengebiete des Phaidon angesehen werden.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Philosophieren und dem Sterben, insbesondere der Bedeutung für das ‚Sterbenlernen‘. Bereits in Barbara Zehnpfennigs Einführung ist die Rede davon, dass „[die] Philosophie […] nichts anderes zu sein [scheint] als Sterbenlernen“5. Aus dieser These heraus entstand die Fragestellung, die in dieser Arbeit untersucht wird, nämlich: Inwiefern kann man Platons philosophische Sichtweise auf den Tod als ‚Philosophie des Sterbenlernens‘ auffassen? Hierfür werden zunächst relevante Begriffe definiert und entsprechende Zusammenhänge erläutert. Anschließend wird die These der Philosophie als Sterbenlernen näher beleuchtet. Diesem Kapitel schließen sich Diskussion und Fazit an, innerhalb dessen Argumente zusammenfassend dargelegt werden.

Die im Folgenden zitierten Textstellen des Phaidon stammen gänzlich aus der Ausgabe des Felix Meiner Verlages (zweite, durchgesehene Auflage 2007) und damit aus der Übersetzung von Barbara Zehnpfennig. Entsprechende Textangaben erfolgen nach der Stephanus-Paginierung. Um der Arbeit Übersichtlichkeit zu verleihen, werden Zitate aus dem Phaidon mit der Abkürzung ‚Phd.‘ angegeben. Im Fokus dieser Arbeit steht der Dialog, der von Sokrates dominiert wird. Da Platon diesen als Autor darstellt, ist es wichtig zu erwähnen, dass beide Namen in dieser Arbeit verwendet werden. Ob die Darstellungen aus dem Phaidon, die in dieser Arbeit dargelegt werden, tatsächlich die Ansichten Sokrates widerspiegeln oder diesem von Platon lediglich zugeschrieben werden, ist nicht bekannt. Dies wird erwähnt, um die Differenzierung Platons von seinem platonischen Sokrates zu vergegenwärtigen.

2. Begriffsdefinitionen und Zusammenhänge

In diesem Kapitel wird zunächst der Grundstein für die weitere Analyse und Diskussion der Thematik gelegt. Hierfür bedarf es einer grundsätzlichen Erklärung zum Standpunkt Platons hinsichtlich der Seele, des Körpers, des Todes und abschließend des Ziels der Philosophie. Dabei werden entsprechende Zusammenhänge herausgearbeitet.

2.1 Anthropologischer Dualismus

Bei dem Versuch Platons Darstellung der Seele und des Körpers voneinander zu separieren und im Einzelnen zu erklären wird deutlich, dass eine vollständige Differenzierung nicht möglich ist. Dies liegt insbesondere daran, dass Platon als anthropologischer Dualist verstanden werden muss. Was bedeutet das? Der Philosophieprofessor Michael Bordt SJ, der an der Hochschule für Philosophie in München tätig ist, weiß darauf eine präzise Antwort zu geben: „Ein anthropologischer Dualist vertritt die These, dass der Mensch (anthrôpos) ein aus zwei ganz unterschiedlichen Entitäten zusammengesetztes Wesen ist. Die eine Entität ist dabei materieller, die andere geistiger Natur“6. Die materielle Entität ist hierbei als Körper und die geistige Entität als Seele zu deuten. Trotz dieser Differenzierung bilden Körper und Seele eine gewissermaßen untrennbare Einheit. Aus diesem Grund lassen sich die Termini im Einzelnen erst dann gänzlich erfassen, wenn auch der Leib-Seele-Zusammenhang und sein Stellenwert deutlich wird.

Im Einzelnen betrachtet kommt der Seele sowohl im Inhalt des Phaidon für sich genommen als auch in dieser Arbeit eine zentrale Rolle zu. Der Originalbegriff, den Platon im Werk verwendet und welcher mit ‚Seele‘ übersetzt wird, lautet im Griechischen psychê. Wörtlich übersetzt bedeutet psychê so viel wie ‚Atem‘ oder ‚Lebenshauch‘. Diese Übersetzungsangebote stellen einen bedeutsamen Aspekt dar, weil es in der antiken griechischen Kultur ein weit verbreiteter Glaube war, dass ein Mensch bei seinem Tod den ‚Lebensatem‘ aushaucht und lediglich der tote Körper zurückbleibt.7 Die Seele hingegen gilt als unsterblich, was Platon, stellvertretend durch den im Werk sprechenden Sokrates, zu beweisen versucht.8 Der platonische Sokrates führt im Dialog eine Reihe weiterer Eigenschaften der Seele auf. Er konstatiert, dass die Seele, wenn sie ganz für sich ist, immer zu den Dingen geht, die ihr selbst gleich oder am ähnlichsten sind.9 Damit strebt sie nach „dem Reinen und immer Seienden, Unsterblichen und sich immer gleich Verhaltenden“10. Diese angestrebten Zustände sind zugleich als Eigenschaften der Seele selbst zu betrachten. Des Weiteren ist die Tatsache, dass sie ebendiese Dinge anstrebt, der Gegebenheit geschuldet, dass sie Vernunft besitzt.11 Zehnpfennig schreibt ihr neben der Vernunft auch das „Prinzip der Bewegung“12 zu. Die Seele sei damit ursächlich für die Belebung der körperlichen Natur.13 An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass der Seele in Platons Verständnis ein völlig anderer Stellenwert zukommt als es beim Körper der Fall ist. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer radikalisiert diese Feststellung, indem er schreibt, dass „die Seele […] zu dem wahren Sein [gehört]“14. Dies versucht auch der platonische Sokrates zu begründen und fasst zusammen, was sich aus dem Dialog entwickelt hat:

[...]


1 vgl. Zehnpfennig, B. (2007): Einführung. In: Platon: Phaidon. Griechisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Barbara Zehnpfennig. Hamburg: Felix Meiner Verlag, S. VII–XXXIX, hier: S. IX–XII.

2 Fröhlich, G. (2015): Platon und die Grundfragen der Philosophie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (UTB, 4398), S. 15.

3 Gadamer, H.-G. (2001): Die Unsterblichkeitsbeweise in Platos Phaidon. In: ders.: Wege zu Plato. Stuttgart: Reclam, S. 9–33, hier: S. 10.

4 ebd.

5 Zehnpfennig, B. (2007): Einführung. In: Platon: Phaidon. Griechisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Barbara Zehnpfennig. A.a.O., S. VII–XXXIX, hier: S. XXI.

6 Bordt SJ, M. (2011): Philosophieren als Sterben-Lernen: Anthropologischer Dualismus (62c–69e; 80e–84b). In: Müller, J. (Hg.): Platon. Phaidon. Berlin: Akademie Verlag (Klassiker Auslegen, Band 44), S. 33–45, hier: S. 33.

7 vgl. Bordt SJ, M. (2011): Philosophieren als Sterben-Lernen: Anthropologischer Dualismus (62c–69e; 80e–84b). In: Müller, J. (Hg.): Platon. Phaidon. A.a.O., S. 33–45, hier: S. 35.

8 Platon spricht zu Beginn nicht direkt von der Unsterblichkeit der Seele. Anhand seiner Vermutungen und Hoffnungen auf den Verbleib der Seele nach dem Tod, lässt sich jedoch schließen, dass er von einer Unsterblichkeit der Seele ausgeht. (Vgl. z.B. Phd. 63e8–13.)

9 vgl. Phd. 79d1–7.

10 Phd. 79d2–3.

11 vgl. Phd. 79d7.

12 Zehnpfennig, B. (2007): Einführung. In: Platon: Phaidon. Griechisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Barbara Zehnpfennig. A.a.O., S. VII–XXXIX, hier: S. XXIX.

13 vgl. ebd.

14 Gadamer, H.-G. (2001): Die Unsterblichkeitsbeweise in Platos Phaidon. In: ders.: Wege zu Plato. A.a.O., S. 9–33, hier: S. 18.

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Details

Titel
Philosophieren als Sterbenlernen
Untertitel
Die Darstellung des Todes als Vollendung und Höhepunkt des philosophischen Lebens in Platons Phaidon
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1164145
ISBN (Buch)
9783346568427
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Phaidon, Sterbenlernen, Tod, Sokrates, Philosophie, Leben, Sterben, Ethik, Gutes Leben, Seele, Körper
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Philosophieren als Sterbenlernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1164145

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