Patrick von Irland - Sein Leben in frühmittelalterlichen Quellen


Seminararbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Lebenswelt des St. Patrick Britannien und Irland im 4. und 5. Jahrhundert
1. Das römische Britannien
2. Irland

II. Die mittelalterliche Überlieferung über St. Patrick
1. Patricks Schriften
a) Der Brief an die Soldaten des Coroticus
b) Die Autobiographie Patricks
c) Weitere Zeugnisse
2. Die Patricksviten des Mittelalters
a) St. Patrick in den Schriften Ultans und Tirecháns
b) Muirchús Patricksvita
c) Weitere Patrickslegenden
d) Patrick in der mittelalterlichen Poesie

III. Das Leben Patricks
1. Lebenszeit
2. Herkunftsort
3. Familie
4. Gefangennahme
5. Bekehrung
6. Flucht
7. Ausbildung
8. „Berufung“
9. Wirken in Irland
10. Gegner
11. Tod und Begräbnis

Schlußwort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mittelalterliche Heilige – sagenumwobene, von den Gläubigen verehrte Gestalten, denen oft übernatürliche Wunderereignisse und Taten zugeschrieben werden. Die mittelalterliche Hagiographie weist zahlreiche Heiligenviten auf, bei denen Geschichte und Legende miteinander verflochten und schwer zu trennen sind. Meistens haben sich die verehrten Personen durch eine besondere Leistung für den christlichen Glauben, die Kirche und die Menschen ausgezeichnet, aufgrund derer sie selig- oder heiliggesprochen, oder auch ohne offizielle Kanonisierung verehrt werden. Eine solche Gestalt, die im Dunkel der frühmittelalterlichen Geschichte fast versinkt, ist Patrick von Irland. In der Tradition gilt er als Begründer der irischen Kirche, die sich in einigen Hinsichten von der lateinischen unterscheidet. Er ist der schlechthin bekannteste und beliebteste Heilige Irlands, der aber nie in Rom kanonisiert wurde. Die Iren müssen schon vor Patrick Begegnungen mit dem Christentum gehabt haben, trotzdem ist er die Person, die man in erster Linie mit der Christianisierung Irlands verbindet, was an der starken Heroisierung seiner Persönlichkeit seit Mitte des 7. Jahrhunderts liegen mag.[1]

Um die Lebensgeschichte Patricks ranken sich zahlreiche Legenden, im werden viele Wunder und weise Taten zugeschrieben, von denen in seinen eigenen Schriften nichts zu finden ist. Die vorliegende Hausarbeit ist ein Versuch, die Quellenlage mit Informationen über Patrick etwas zu überblicken und aus den als authentisch geltenden Quellen, also Patricks eigenen Schriften, herauszufinden, was über das Leben des historischen Patrick bekannt ist. Dabei erwähne ich gegebenenfalls nur die mittelalterlichen Patrickslegenden, gehe aber nicht näher auf sie ein.

Historiker, die sich mit St. Patrick beschäftigt haben, liefern unterschiedliche Deutungen seiner Persönlichkeit – skeptische, bewundernde, verurteilende. Die mittelalterliche Legendenbildung hat seine Bedeutung als der Apostel Irlands wohl weit überschätzt, kritische Keltologen wie Heinrich Zimmer tun ihn dagegen als erfundene Fabel ab.[2] Die meisten Fachleute aber gehen von der Echtheit der Patricksschriften Confessio und der Epistola ad Milites Corotici aus und akzeptieren daher auch die tatsächliche Existenz Patricks im frühen Mittelalter. Danach habe auch ich mich in der Hausarbeit gerichtet. Außer der beiden oben erwähnten Schriften Patricks habe ich einige historische Abhandlungen und Artikel über die irische Kirche und den irischen Nationalheiligen zu meiner Arbeit herangezogen. Nach einer kurzen Darstellung des Umfeldes, in dem Patrick sich bewegte, gehe ich kurz auf die schriftlichen Quellen ein, aus denen man die Informationen über ihn hat und skizziere dann seinen Lebenslauf, wie man ihn anhand seiner eigenen Aussagen rekonstruieren kann.

Naemi Fast

Eppstein, 02.11.02

Hinweis zur Terminologie: Die Begriffe Christ, Bekehrung, Kirche und Bischof haben in jener Zeit wesentlich stärker neutestamentlich orientierten Inhalt als heute und sind nicht in der heutigen kirchlich-säkularisierten Umdeutung zu verstehen. So wäre es vielleicht treffender, „Kirche“ als „Gemeinde“ zu bezeichnen und „Bischof“ als „Ältester“. Weil in der Forschung aber allgemein die Worte „Kirche“ und „Bischof“ verwendet werden, habe ich es in der Hausarbeit auch so gehalten.

Zur Schreibung: Da ich selbst an Gott und Seine Offenbarung in der Bibel glaube, ist es für mich ein Zeichen der Ehrfurcht, daß ich die Personalpronomen für Gott groß schreibe.

I. Die Lebenswelt des St. Patrick – Britannien und Irland im 4. und 5. Jahrhundert

1. Das römische Britannien:

Es war eine unruhige Zeit, in welcher der als Irlandapostel bekannte Patrick sein Wirken entfaltete – die Zeit des Niedergangs der römischen Herrschaft auf der Insel Britannien.[3]

Mit den Eroberungsfeldzügen des römischen Kaiser Claudius 43 n. Chr. begann die eigentliche Besetzung Britanniens durch die Römer. Die vorher dort dominierenden belgischen Stämme mit ihren Königen unterwarfen sich den Römern, nachdem sie ihnen 100 Jahre zuvor erbitterten Widerstand geleistet hatten. Bis 122 n. Chr. drangen die Römer weit in den Norden des Landes vor, und Kaiser Hadrian ließ zwischen Tyne und Solway Firth den „Hadrianswall“[4] zur Absicherung der Grenze bauen. Um 210 verstärkte Kaiser Septimus Severus den Wall als endgültige Grenze, nachdem die eindringenden kaledonischen Stämme zurückgedrängt worden waren. Von Severus‘ Sohn Caracalla bekamen 212 alle freien Reichsangehörigen außer den halbkultivierten Stämmen durch die Constitutio Antonina das römische Bürgerrecht. Patrick wurde etwa 160 Jahre später in einer Familie geboren, die dieses Bürgerrecht besaß[5].

In der friedlichen Folgezeit konnte sich die römische Wohnkultur in den britischen Provinzen unter dem Schutz der beiden großen Militärzonen von Wales und Nordengland weit entfalten. Die zivile Kernzone des Landes südlich und östlich der Flüsse Trent und Severn war von großen Legionslagern mit etwa einem Zehntel des gesamten römischen Heeres bewacht. Die um 197 n. Chr. in Britannia inferior und Britannia superior eingeteilten Provinzen wurden bei der Umorganisation des Imperiums unter Diokletian (284-305) in die vier Provinzen Prima, Secunda, Maxima und Flavia gegliedert. Auf der Ebene der niederen Selbstverwaltung blieb man wahrscheinlich bei der älteren Stammesgliederung. London hatte sich unter den Römern von einer immer bedeutender werdenden Handelsstadt zur größten Stadt Britanniens, zur fünftgrößten Stadt der nördlichen Reichsprovinzen und zum Finanzzentrum entwickelt. Im 4. Jahrhundert erhielt es den Titel „Augusta“ und wurde zum Bischofssitz. Andere bedeutende Städte Britanniens waren Colchester mit dem Tempel des Claudius als Kultmittelpunkt, Lincoln, Gloucester, York und Verulamium. Nahe der großen Städte waren große römische Landsitze mit Bauern, Sklaven und Kleinindustrien entstanden. Die dort ansässigen Gutsherren waren ehemalige römische Soldaten, Heereslieferanten, Beamte und Briten, die sich den römischen Lebens- und Wirtschaftsformen angeglichen hatten. Der Hauptertrag dieser Großgrundbesitzer kam aus Getreidebau und Schafzucht.

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts wurde der Friede in Britannien durch sächsische Piraten gestört, die von der Nordsee aus über Küsten und Flußgebiete herfielen. Gleichzeitig bedrohten irische und schottische Seeräuber die Westküste des Landes, außerdem gab es Rivalitäten zwischen den römischen Provinzarmeen. Im Jahre 368 zogen schließlich die römischen Legionen aus Britannien ab, worauf Pikten, Sachsen und Waliser den Hadrianswall durchbrachen und das Kerngebiet Britanniens bedrohten. Nachdem sie mehrmals von dem römischen Restheer zurückgeschlagen worden waren, gaben die Römer 383 oder 395 den Wall schließlich auf. Irgendwann in dieser Zeit muß die Gefangennahme Patricks stattgefunden haben, durch die er unfreiwillig nach Irland geriet. In dieselben Jahrzehnte fällt auch der rasante Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. Nach dem Toleranzgesetz unter Kaiser Konstantin 313 wurde das Christentum 391 unter Kaiser Theodosius (379-395) zur Staatsreligion erklärt. Theodosius konnte auch das römische Verteidigungssystem noch notdürftig aufrecht erhalten, sein Nachfolger Honorius (395-423) überließ 410 die Briten ihrer eigenen Verteidigung, wodurch den nichtrömischen Bewohnern die Bewaffnung erlaubt wurde. Durch den allmählichen Niedergang des weströmischen Reiches löste sich auch die zivile Verwaltung in Britannien bis um 415 praktisch auf. Bis zum Jahre 428 wurde es aber noch in die römische Verwaltung eingeschlossen, was aus dem jährlichen Verwaltungsregister, der Notitia Dignitatum, hervorgeht. Durch den Abzug der letzten römischen Legionen wurde Britannien zum schutzlosen Opfer der Einfälle der Sachsen, Pikten und Schotten. Durch innere Kämpfe lokaler Machthaber war eine gemeinsame Verteidigung praktisch unmöglich geworden. Wegen der häufigen Plünderungen verfielen die Städte, auch die lateinischen Spracheinflüsse verschwanden allmählich bis auf Spuren in einigen Stämmen im Westen und Norden. Unter den Römern hatte sich das Christentum vor allem in den Städten Britanniens verbreitet, nach deren Abzug blieb es hauptsächlich in den Randgebieten zurück. Während Patricks Wirkungszeit in Irland vernichteten die Angelsachsen zum größten Teil den christlichen Glauben in Britannien. Einige Jahrzehnte später wurden die nun wieder heidnischen Briten von Irland aus missioniert, wo sich der christliche Glaube vorher unter Mitwirkung Patricks ausgebreitet hatte.

2. Irland:

Die frühe Geschichte Irlands versinkt im Nebel der Mythologie. Wahrscheinlich kamen im 1. Jahrhundert vor Chr. die ersten Gälen von Gallien direkt nach Irland, wo sie ein Mischvolk aus früheren Einwanderern von England und dem Festland vorfanden. Einige dieser Gruppen sprachen einen keltischen Dialekt, ähnlich dem Gälischen. Die vorgälische Bevölkerung und die gälischen Eroberer stießen in kriegerischen Auseinandersetzungen aufeinander, der Abschluß der gälischen Eroberung kann frühestens im 5. Jahrhundert n. Chr. stattgefunden haben. Auch danach bildeten die Gälen nur eine beherrschende Minderheit. Die Bevölkerung verschmolz zwar miteinander, formal blieb aber die Unterscheidung zwischen „freien“ und „tributpflichtigen“ Stämmen bis zum 12. Jahrhundert. Unter Ihnen entstand in Irland eine größere Anzahl verschiedener Stammesbereiche, die von einem König oder Fürsten regiert wurden, wobei der Schwerpunkt nicht auf territorialer Zugehörigkeit, sondern im persönlichen Führungsanspruch des Königs lag. Während des 5. Jahrhunderts kann man sieben Provinzkönige nachweisen, von denen ein „Hochkönig“ die Vormachtstellung innehatte. Seine Verfügungsgewalt war in der Praxis nicht so groß und der Zusammenhang von Irland als solchem bestand eher kulturell als politisch – in Sprache, Religion und Recht. Die Sprache war das dem Land aufgezwungene Gälisch, das Rechtssystem setzte sich aus einer Sammlung von Rechten zusammen, die von den Brehonen[6] ausgelegt wurden, die Religion war eine Art keltischen Druidentums.

Insgesamt war die geographisch abgeschiedene Lage Irlands mit entscheidend für seine politische Entwicklung. Einflüsse vom Kontinent drangen nur spärlich durch, und wenn doch, dann über England. Da Irland niemals von den Römern erobert wurde, fehlt hier auch zum großen Teil der romanische Einfluß, der in den kontinentalen Staaten eine große Rolle gespielt hat. Im 4. und 5. Jahrhundert gehörten die Bewohner Irlands[7] zu den plündernden Stämmen, welche die zusammenbrechende römische Zivilisation in Britannien zerstörten. Allerdings drang das Christentum auch bis hier vor. Die Hauptrolle darin spielt der Überlieferung nach der später als St. Patrick bezeichnete ehemalige britannische Sklave. Vor ihm gab es zwar einzelne Christen auf der Insel, sie waren aber nicht kirchlich organisiert und hatten keine Ältesten oder Bischöfe. Die Christianisierung Irlands muß friedlich von Statten gegangen sein, denn man findet keinen beurkundeten Hinweis auf Märtyrer in den Quellen. Das irische Christentum entwickelten sich in vieler Hinsicht recht eigenständig im Vergleich zur Kirche im Römischen Reich. In den folgenden Jahrhunderten waren es gerade irische Missionare, die den christlichen Glauben nach England zurückbrachten, wo er mit dem Verschwinden der römischen Kultur ebenfalls auszusterben drohte.

Das erste feste Datum, das uns aus der irischen Geschichte bekannt ist, ist das Jahr 431, in dem der Papst Caelestin I. den römischen Diakon Palladius als ersten irischen Bischof auf die Insel schickt, um die dort lebenden Christen kirchlich zu organisieren[8]. Also muß es in Irland zu jenem Zeitpunkt so viele Christen gegeben haben, daß ein Bischof nötig geworden war. Der frühen irischen Überlieferung nach soll Patrick 432 von demselben Papst Caelestin (der in diesem Jahr starb) als Nachfolger des Palladius nach Irland geschickt worden sein und dort sein Missionswerk begonnen haben.[9] In der Volksüberlieferung sind Rolle und Persönlichkeit dieser beiden irischen Bischöfe möglicherweise an manchen Stellen vermischt und bei manchen Ereignissen oder Daten kann man heute nicht mehr klar sagen, was zu Patricius und was zu Palladius gehört.[10]

[...]


[1] Siehe dazu Bieler, Ludwig: Die Patrickslegende. Geschichtliche Bedingungen, thematische Entfaltung, literarische Formung. Sonderdruck aus dem Anzeiger der phil.-hist. Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1965, Graz/Wien/Köln 1965

[2] Nach A.C.J. Loos: Keltentum. Untergang und Auferstehung. Die altirische Kirche, 19xx, S. 80.

[3] nach Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1991, S. 2-11.

[4] Der Hadrianswall ist ein 73 Meter langer Limes mit Wachttürmen und 17 Kastellen.

[5] Näheres dazu im Kapitel III, Abschnitt 2 und 3.

[6] Stand von Berufsrichtern, deren Amt vererbbar war.

[7] Die Bewohner Irlands werden in den zeitgenössischen lateinischen Quellen als „Scotti“ bezeichnet.

[8] Bekannt aus der Chronik Prospers von Aquitanien, nach Bieler, Patrickslegende, S. 209.

[9] Siehe Bieler, Patrickslegende, S. 213.

[10] Siehe dazu Thomas O’Rahilly: The two Patricks. A Lecture On The History Of Christianity In Fifth-Century Ireland, Dublin 1957.

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Details

Titel
Patrick von Irland - Sein Leben in frühmittelalterlichen Quellen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar, Abteilung für mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Barbaren und Bischöfe: Die Christianisierung Europas im Frühmittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V11643
ISBN (eBook)
9783638177498
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit bietet einen Überblick über die historisch relevanten Quellen, die zu dem Leben des irischen Nationalheiligen Patrick vorhanden sind und beschreibt, was aus seinem Leben anhand dieser Quellen historisch zuverlässig bekannt ist, in Abgrenzung zu den zahlreichen Legenden, die es über Patrick gibt.
Schlagworte
Mittelalterliche Heilige, Irland, St. Patrick, Missionare
Arbeit zitieren
Naemi Fast (Autor), 2003, Patrick von Irland - Sein Leben in frühmittelalterlichen Quellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11643

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