Transkription einer Frauenrolle - Marie Duplessis - Marguerite Gautier - Violetta Valéry

Von Dumas zu Verdi


Seminararbeit, 2008

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Dumas` Kameliendame im gleichnamigen Roman
1.1 Vom Leben in die Literatur oder Marie Duplessis als Vorbild der Marguerite Gautier
1.2 Marguerite Gautier, die Romanfigur: Allgemeine Charakterisierung
1.3 Das Kollektiv der Kurtisane und die Verwandlung zum Engel

2. Von Dumas` Kameliendame im gleichnamigen Drama zur Traviata; ein Vergleich
2.1. Akt- und Bildschlüsse
2.2 Dumas` zweiter Akt
2.3 Violetta und der Tod
2.4 Kamelien als Metapher der schwindsüchtigen Schönheit

3. Einige abschließende Überlegungen

Literaturangaben

Einleitung

Die literarische Vorlage des Romans Die Kameliendame[1] von Alexandre Dumas, darf sicherlich in der Manon Lescaut Abbé Prévosts gesehen werden. Hierfür spricht die auffällige Verweisdichte auf den Roman Prévosts bzw. auf seine Heldin, sowie auch die Tatsache, dass es sich bei Manon Lescaut um Dumas` Lieblingswerk handelte. Nicht Manon Lescaut, sondern Marie Duplessis lautet dagegen der Name der realen Inkarnation der Kameliendame. Mit 23 Jahren, 1824 geboren, ist sie 1847 an Schwindsucht gestorben, nachdem sie, zunächst auf dem Lande geboren, das Leben einer Pariser Kurtisane geführt hat, welches in vielen kleinen Einzelheiten jenem der Kameliendame zum Verwechseln ähnelt.

1844 lernt Dumas fils Marie Duplessis auf einer Gesellschaft bei Freunden kennen und als sie sich von einem Hustenanfall geschwächt zurückziehen muss, folgt er ihr. Gerührt von seiner aufrichtigen Besorgnis, wird sie seine Geliebte. Da er aber nicht vermögend genug ist, muss er sich bald von ihr verabschieden. 1847 stirbt Marie Duplessis an einer Lungenkrankheit, zwei Jahre nach der Trennung von Dumas, der sich zu dieser Zeit im Ausland befindet.

Im Folgenden werde ich darlegen, wie aus der realen Figur der Marie Duplessis Marguerite Gautier entsteht. Letztere wird es nicht nur auf die Bühne, sondern auch bis in die Oper schaffen. Die Transkription der Frauenrolle aus der Realität, zur Roman-Marguerite, in die Drama-Marguerite und endlich zur Opern-Violetta, soll dabei meinen Fokus ausmachen. Besondere Beachtung schenke ich dabei auch der Charakterisierung der Roman-Marguerite, um als Ausgangspunkt ein Bild der Frauenrolle entstehen zu lassen, um die es in den verschiedenen Versionen geht.

1. Dumas` Kameliendame im gleichnamigen Roman

1.1 Vom Leben in die Literatur oder Marie Duplessis als Vorbild der Marguerite Gautier

Die Parallelen zwischen den beiden Frauenfiguren sind auffällig. Ich werde zunächst deren äußere Erscheinung näher betrachten. Dumas beschreibt Marie Duplessis als

[…] groß, sehr schlank, schwarzhaarig mit rosig-hellem Teint. Sie hatte einen kleinen Kopf, längliche Augen aus Email wie eine Japanerin, aber lebhaft und fein, kirschrote Lippen, die schönsten Zähne der Welt;[2]

Auch Jules Janin, Zeitgenosse Dumas`, betont die Blässe[3] ihres Gesichts und seine schöne ovale Form, sowie die Anmutigkeit der ganzen Gestalt[4] in seinem Vorwort zur zweiten Auflage der Kameliendame. Die Beschreibung der Marguerite Gautier, also der Romanfigur, weist klare Parallelen zur realen Vorlage auf:

La tête, une merveille, était l`objet d`une coquetterie particulière. [...]Dans son ovale d`une grâce indescriptible, mettez des yeux noirs surmontés de sourcils d`un arc si pur qu`il semblait peint; voilez ces yeux de grands cils qui, lorsqu`ils s`abaissaient, jetaient de l`ombre sur la teinte rose des joues [...] dessinez une bouche régulière, dont les lèvres s`ouvraient gracieusement sur des dents blanches comme du lait [...] Les cheveux noirs comme du jais [...]. »[5]

Auf diese gemeinsamen Äußerlichkeiten verweist noch eine weitere Parallele: Sei es Marie Duplessis als auch Marguerite Gautier, beide besitzen ein von dem Künstler Vidal angefertigtes Portrait[6].

Auch Marguerites Liebe fürs Theater[7] scheint Maries Leben entnommen. Selbst der letzte Theaterbesuch kurz vor Marguerites Tod[8] findet seinen Ursprung in Marie Duplessis Theaterbesuch kurz vor ihrem Tod. Man hatte Marie Duplessis auf einer Art Pritsche herein- und auch wieder heraustragen müssen.[9]

Die Liebhaber Marguerites lassen kaum Zweifel an den realen Vorbildern von Maries Geliebten.[10]

Manon Lescaut scheint beiden Figuren, der fiktiven[11] und der realen[12], ein Lieblingsbuch gewesen zu sein, ausgeschmückt mit vielen Randbemerkungen.

Als Marie Duplessis am 3. Februar 1847 stirbt, gleicht ihre Wohnung einem Jahrmarkt. Adel und Halbweltfiguren treffen sich in der Wohnung am Boulevard Madeleine (auch der Wohnort stellt eine weitere Parallele zu Marguerite, wenn auch nur im Drama, dar), um der Versteigerung der Kostbarkeiten dieser ausgehaltenen Frau beizuwohnen, denn ebenso wie anhand der Romanfigur dargestellt, hatte auch Marie Duplessis Schulden. Die literarischen Beschreibungen Jule Janins und Dumas`, also einmal auf die reale[13], sowie einmal auf die fiktive[14] Figur gerichtet, legen ihren Fokus beide auf die Schaulustigkeit der Menge und das Vermengen der sozialen Schichten.

Der Wohnort gegenüber der Kirche Madeleine ist darüber hinaus auch insofern interessant, da Marie Duplessis als sehr religiös erinnert wird und die Religion wiederum in der Kameliendame eine wichtige Rolle spielt. (Vgl. Abschnitt 1.3 zur christlich geprägten Metaphorik.)

Neben vielen weiteren unerheblichen Details fällt natürlich die Situation der ersten Begegnung von Alexandre Dumas Fils mit Marie Duplessis ins Auge. Die Parallelität zu den Geschehnissen im Roman liegt klar auf der Hand. Auch dass er sich im Ausland aufhält, als sie stirbt, wird im Roman wiederholt.

Aber natürlich ist und bleibt Marguerite eine Romanfigur und so sind auch die Differenzen zu Marie Duplessis deutlich.

Auch Armand, Marguerites Geliebter, hat mit seinen Finanzen zu kämpfen, aber sichert sich und Marguerite durch sein Glücksspiel ein wenig ab. Trotzdem muss Marguerite ihre Habe nach und nach verkaufen, was nicht dem Verhalten ihrer Vorlage entsprungen ist. In der Realität beendet die finanzielle Situation des Paares die Liaison schlichtweg.[15]

Die wohl wichtigste Änderung in dieser Beziehung ist die Bedeutung von Armands Vaters Germont als Symbol für die Gesellschaft, die eine Beziehung dieser Art nicht segnen kann. Die „Wilde Ehe“ war damals noch verpönt, auch wenn im Frankreich der Doppelmoral vieles inoffiziell doch ausgelebt wurde. So lange es nicht offiziell war, auch wenn es jeder wusste, wurden Beziehungen vieler Art toleriert. Erst nachdem Marguerite sich gegen den Baron entscheidet und auf dem Lande offen zu ihrer Liebe stehen will, beginnt das eigentliche Drama.[16]

Als weitere wichtige Differenz zum realen Vorbild scheint mir auch die Tatsache, dass Marie Duplessis neben Dumas noch weitere Liebhaber hatte, während Marguerite ihrem alten Leben komplett entsagt.[17]

Neben weiteren kleineren und durch die Transkription in die literarische Form selbstverständlichen Differenzen, eine kleine aber interessante zu guter Letzt: Marie Duplessis hat nie den Namen „Kameliendame“ getragen, obwohl es durchaus häufig vorkam, dass eine Kurtisane sich einen Spitznamen nachsagen ließ oder selbst wählte.[18] (Zur Bedeutung der Kamelie vgl. Abschnitt 2.4.)

1.2 Marguerite Gautier, die Romanfigur: Allgemeine Charakterisierung

Gleich in der ersten Begegnung mit Marguerite Gautier lernt der Leser sie als wahre Dame kennen: In ihrem weißen Kleid steigt sie aus einem offenen Wagen, nur bewundernde Blicke begegnen ihr und der zufällig anwesende Armand fragt sich, wer diese Traumgestalt[19] sei, geschmückt mit Goldstickereien und Seidenblumen, sodass er nach ihrem Namen fragt, welchen er zwar erfährt, aber nicht in Verbindung mit ihrem Leben als femme entretenue bringt.[20] Die Ähnlichkeit in Eleganz und Physiognomie zu Marie Duplessis wird auch von Jules Janin hervorgehoben, da er in seiner Beschreibung das Wesen Maries als wahrhaftige Dame betont:

Ainsi son maintien répondait à son langage, sa pensée à son sourire, sa toilette à son personne, et l`on eût cherché vainement, dans les plus hauts sommets du monde, une créature qui fût en plus belle et plus complète harmonie avec sa parure, ses habits et ses discours.[21]

Erst als Armand Marguerite vorgestellt wird, wir ihm allmählich bewusst, dass es sich bei ihr um eine ausgehaltene Frau handelt. Trotzdem behandelt er sie mit dem größten Respekt.[22] Gleichzeitig wird die „Achtung“, die die Männer einer Kurtisane normalerweise entgegen bringen deutlich:

[...] savez-vous à quelle femme je vous présente? Ne vous figurez pas que c`est à une duchesse, c`est tout simplement à une femme entretenue, tout ce qu`il y a de plus entretenue, mon cher; ne vous gênez donc pas, et dites tout ce qui vous passera parla tête.[23]

[...]


[1] Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, Brodard et Taupin, Paris-Coulommiers, 1963 (zu erst erschienen 1848).

[2] Alexandre Dumas fils, Théâtre Complet, Paris, 1867, S. 9-10.

[3] Zum Thema der Blässe vgl. auch den Punkt „Kamelien als Metapher der schwindsüchtigen Schönheit“.

[4] « [...]ce visage d`un bel ovale, un peu pâle répondait à la grâce qu`elle répandait autour d`elle comme un indicible parfum. » Jules Janin, Mademoiselle Marie Duplessis, in: Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, Brodard et Taupin, Paris-Coulommiers, 1963, S.6.

[5] Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, a. a. O., S. 27.

[6] « Marguerite avait d`elle un merveilleux portrait fait par Vidal, le seul homme dont le crayon pouvait la reproduire. », ebd.

[7] « Marguerite assistait à toutes les premières représentations et passait toutes ses soirées au spectacle ou au bal. » ebd., S. 28.

[8] « Malgré l`ardente fièvre qui me brûlait, je me suis fait habiller et conduire au Vaudeville.» Ebd., S.237.

[9] Vgl. Joanna Richardson, Die Kurtisanen. Die Französische Demimonde im 19. Jahrhundert, Fischer Verlag, Frankfurt, 1968.

[10] Um nur ein Beispiel zu nennen: Marie Duplessis scheint tatsächlich einen ausländischen Baron gekannt zu haben, den Baron von Stackelberg, der sie an seine verstorbene Tochter erinnerte und sie aus dem Leben einer Kurtisane befreien wollte, indem er für ihren Unterhalt aufkam, solange sie keine Liebhaber mehr hatte. Eben diese Gestalt findet sich auch im Roman wieder.

[11] Vgl. ebd.

[12] « Se fut pendant ce temps-là qu`elle lut si souvent Manon Lescaut. Je la surpris bien des fois annotant ce livre [...]. » Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, a. a. O., S. 163.

[13] « J` ai entendu les plus grandes dames et les plus habiles coquettes de Paris s`étonner de l`art et de la recherche de ses moindres instruments de toilette. [...] On a vendu des bottines qu`elle avait portées, et les hônnetes femmes ont lutté entre elles à qui mettrait ce soulier de Cendrillon. » Jules Janin, Mademoiselle Marie Duplessis, a. a. O., S.17.

[14] « Il y avait là toutes les célébrités du vice élégant, sournoisement examinées par quelques grandes dames qui avaient pris encore une fois le prétexte de la vente, pour avoir le droit de voir de près des femmes avec qui elles n`auraient jamais eu occasion de se retrouver, et donc elles avaient peut-être en secret les faciles plaisirs. » Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, a. a. O., S. 32.

[15] „ […]Ich bin nicht reich genug, um Sie so zu lieben, wie ich es möchte, und nicht arm genug, um so geliebt zu werden, wie Sie es wünschen […]“ Vgl. Ernest Newman: More Opera Nights, The Bodley Head Ltd, London, 1954, S. 570.

[16] « […] le duc ne voudra plus rien faire pour vous. » [...] « Non, reprit-elle, je ne quitterai pas Armand, et je ne me cacherai pas pour vivre avec lui. C`est peut-être une folie, mais je l`aime! » Alexandre Dumas fils, La Dame aux Camélias, a. a. O., S. 161.

[17] « Marguerite n`était plus la fille que j`avais connue. [...] Elle avait rompu avec ses amies comme avec ses habitudes, avec son langage comme avec les dépenses d`autrefois. [...] on n`eût jamais cru que cette femme [...] était cette Marguerite Gautier qui, quatre mois auparavant, faisait bruit de son luxe et de ses scandales. » ebd., S. 162.

[18] Vgl. bspw. Celeste Mogador, die eigentlich Celeste Vénard hieß. Aber auch Marie Duplessis wurde als Alphonsine Plessis geboren. Marie Duplessis empfand sie als edler und wohlklingender.

[19] « Cette vision » Ebd., S. 67.

[20] Vgl.: « La première fois que je l´avais vue, c`était place de la Bourse, à la porte de Susse. Une calèche découverte y stationnait, et une femme vêtue de blanc en était descendue. Un murmure d`admiration avait accueilli son entrée dans le magasin. [...] Elle était élégamment vêtue; elle portait une robe de mousseline tout entourée de volants, un châle de l` Inde carré aux coins brodés d`or et de fleurs de soie [...] .» Ebd..

[21] Jules Janin, Mademoiselle Marie Duplessis, a. a. O., S. 7.

[22] « Demandez-lui-en d`abord la permission. » - « Ah ! pardieu, il n`y a pas besoin de se gêner avec elle ; venez. » [...] - « Je dis donc à mon ami que je tenais à ce qu`elle lui accordât la permission de me présenter [...]. » Ebd.,

S. 68f.

[23] Ebd., S. 69.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Transkription einer Frauenrolle - Marie Duplessis - Marguerite Gautier - Violetta Valéry
Untertitel
Von Dumas zu Verdi
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Modul AVL 221a, PS – Text und Bearbeitung: Literatur unter den Bedingungen von Musik
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V116477
ISBN (eBook)
9783640186426
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transkription, Frauenrolle, Marie, Duplessis, Marguerite, Gautier, Violetta, Valéry, Bearbeitung, Literatur, Musik, La Traviata, Dumas, Kameliendame
Arbeit zitieren
Laura Gemsemer (Autor), 2008, Transkription einer Frauenrolle - Marie Duplessis - Marguerite Gautier - Violetta Valéry, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116477

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