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Das Opferritual in der griechischen Tragödie und andere mimetische Formen

Ein Schritt in der Bewusstseinsevolution

Title: Das Opferritual in der griechischen Tragödie und andere mimetische Formen

Seminar Paper , 2008 , 17 Pages , Grade: 2,3

Autor:in: Laura Gemsemer (Author)

German Studies - Comparative Literature
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Katharsis, als reinigende Entladung und Ausgangspunkt gesellschaftlichen Zusammenlebens? Kollektive Abreaktion von Gewalt durch Darbringung eines Opfers?
Dies sind Fragestellungen, die uns zurück zu den archaischen Wurzeln der Menschheit führen. Weit entfernt erscheint aus heutiger Sicht das Zusammenleben des Menschen in Jagdverbänden, ebenso wie blutige Menschenopfer. Die Strukturen solcher Urtriebe dagegen durchleuchten die heutige Postmoderne noch immer und vielleicht heute sogar wieder stärker, wenn man sich darüber bewusst wird, dass wir als Menschen in einer Traumafolgekultur leben, bedingt durch zahlreiche Kriege, in denen Menschen gnadenlos „geopfert“ wurden und werden. Man erschrickt über die Blutlastigkeit unserer Gesellschaft. Wie kann etwa die Todesstrafe, in einer ach so zivilisierten Welt, weiterhin bestehen? Wie kommt es dazu, dass Schüler ihre Schule betreten, um eiskalt auf jede sich bewegende Person zu schießen? Oder Fußballfans, die sich bei einem Spiel in Hooligans verwandeln um Schlägereien anzuzetteln, die nicht nur harmlose Provokation sind?
Eine Antwort findet sich, wenn man die Menschheit als Produkt der Evolution betrachtet: Wir verkörpern eine sehr junge Spezies, vergegenwärtigt man sich das Alter der Erde mit 4,43 Mrd. Jahren und jenes der Menschheit, das auf etwa 2 Mio. Jahre geschätzt wird. Durch diesen Vergleich ergibt sich eine frappante zeitliche Nähe des heutigen Menschen zu unseren archaischen Vorfahren, um so mehr zu den antiken Griechen, um welche es hier u.a. gehen wird. Diese zeitliche Nähe ist selbstverständlich als relativer Faktor der menschlichen Bewusstseinsevolution, im Vergleich zum Erdenalter, zu sehen. Woraus sich ergibt, dass der Mensch in Stresssituationen, z.B. in Folge von Traumatisierungen, sehr schnell mit seinen archaischen Wurzeln konfrontiert werden kann, da eben diese gar nicht all zu weit zurück liegen.
Ich werde im Folgenden darlegen, weshalb das Opferritual so wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, ja für die Entstehung von Zivilisation schlechthin. Dabei schaue ich mir die Entwicklung vom Menschenopfer zum Tieropfer an und darüber hinaus die großartige Leistung der antiken Griechen, eine mimetische Form des Opfers zu begründen, wobei die Opfermetaphorik als Selbstreferentialität in der Tragödie anhand Aischylos Agamemnon exemplarische Beachtung finden soll. Dem folgt ein Einblick in die heutige Gesellschaft mit der Frage nach der Existenz moderner Katharsis oder Formen der Regression, die auf das ursprüngliche Opfer zurückzuführen sind.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Opferritual als Ausgangspunkt allen gesellschaftlichen Zusammenlebens

1.1 The Hunting Hypothesis

1.2 Das Sündenbockritual und la violence fondatrice

1.3 Ein literarisches Beispiel des Sündenbockmotivs

2. Die Griechische Tragödie als mimetisches Opferritual

2.1 Der Agamemnon des Aischylos

3. Stierkampf und andere zeitgenössische Formen des Opferrituals

Ausblick

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Opferrituals als fundamentales Element für die Entstehung und den Zusammenhalt menschlicher Zivilisationen. Dabei wird der Bogen von archaischen Jagdverbänden und Sündenbockmechanismen über die mimetische Transformation des Opfers in der griechischen Tragödie bis hin zu modernen Entladungsformen wie dem Stierkampf und anderen zeitgenössischen Phänomenen gespannt.

  • Evolutionäre und archaische Ursprünge des menschlichen Zusammenlebens
  • Die Funktion des Sündenbocks und la violence fondatrice nach René Girard
  • Opfermetaphorik in der Literatur am Beispiel von Stephen Kings "Der Nebel"
  • Die griechische Tragödie als ritualisierte, mimetische Katharsis
  • Analyse moderner Regressionstendenzen und Gewaltentladungen

Auszug aus dem Buch

2.1 Der Agamemnon des Aischylos

Aischylos bedient sich in seinem Agamemnon einer exemplarischen Opfermetaphorik. Er lässt Klytaimnestras Mord an Agamemnon als ein Opfer erscheinen. Die ausgeprägte Opfermetaphorik durchzieht dabei das gesamte Stück und wird somit zum Leitmotiv. Schon die Vorgeschichte handelt von einem Opfer, nämlich jenes der Iphigenie, Agamemnons Tochter. Iphigenies Opfer lässt sich übrigens mit der Situation von Abraham und Isaak vergleichen: Im letzten Moment wird das Menschenopfer zum Tieropfer.

Im Einzugslied des Chores stellt sich das erste Bild des Opfers dar: eine trächtige Häsin von Raubvögeln gerissen. Im griechischen Wort für „zerreißen“ steckt auch das Wort für „opfern“ (überhaupt häufen sich tierische Metaphern in diesem Stück). Kurz darauf reflektiert der Chor das Opfer Iphigenies. Die Opfermetaphorik jenseits des eigentlichen Opfers ist dabei augenscheinlich, wenn der Chor sie mit einer Ziege vergleicht.

Zusätzlich muss man sich als Leser darüber im Klaren sein, dass während der gesamten Szenen im Hintergrund die von Klytaimnestra entzündeten oder zumindest veranlassten, Opferfeuer flackern, auf Grund der Rückkehr Agamemnons.

Als dieser nun endlich im Wagen vorfährt, Kassandra schweigend neben ihm, begrüßt Klytaimnestra ihn mit der Schilderung all ihres Leides, ihrer Qualen, die sie in seiner Anwesenheit ertragen musste, dann schwenkt sie ganz auf Widersehensfreude um und ermahnt die Mägde, die schon längst den Boden mit purpurnen Decken hätten auslegen sollen. Sie will Agamemnon willkommen heißen, wie es ihm gebührt. Über Purpur solle er ins Haus schreiten. Agamemnon wehrt sich dieser göttergleichen Ehren zunächst, aus Angst die Götter zu beleidigen. Er hat „Angst auf dieser roten Zunge“ sein Haus zu betreten.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die archaischen Wurzeln des Opferrituals und stellt die Frage nach einer modernen Katharsis in einer von Traumata geprägten Gesellschaft.

1. Das Opferritual als Ausgangspunkt allen gesellschaftlichen Zusammenlebens: Dieses Kapitel erörtert die soziale Funktion von Aggressionskontrolle und Entladung durch rituelle Tötungen in frühen Gesellschaftsstrukturen.

1.1 The Hunting Hypothesis: Hier wird der Zusammenhang zwischen kollektiver Jagd, Fleischkonsum und der Entstehung solidarischer Gemeinschaften durch ritualisiertes Töten untersucht.

1.2 Das Sündenbockritual und la violence fondatrice: Das Kapitel analysiert, wie in Krisenzeiten die kollektive Aggression auf einen Sündenbock gelenkt wird, um durch dessen Opferung den sozialen Frieden wiederherzustellen.

1.3 Ein literarisches Beispiel des Sündenbockmotivs: Anhand der Novelle "Der Nebel" wird verdeutlicht, wie moderne Literatur das Bedürfnis nach Sündenbockopfern in lebensbedrohlichen Situationen reflektiert.

2. Die Griechische Tragödie als mimetisches Opferritual: Das Kapitel zeigt auf, wie die griechische Tragödie eine Transformation vom physischen Menschenopfer zur mentalen, theatralischen Teilhabe des Zuschauers vollzieht.

2.1 Der Agamemnon des Aischylos: Eine detaillierte Analyse der im Drama verwendeten Opfermetaphorik, insbesondere hinsichtlich der Deutung des Mordes an Agamemnon als rituelles Opfer.

3. Stierkampf und andere zeitgenössische Formen des Opferrituals: Untersuchung aktueller Gewaltentladungen und ritueller Praktiken wie dem Stierkampf im Kontext des Bedürfnisses nach Katharsis.

Ausblick: Das Fazit skizziert das Ziel, archaische Emotionen durch narrative Mimesis statt durch aktives Ausagieren zu verarbeiten.

Schlüsselwörter

Opferritual, Griechische Tragödie, Aischylos, Agamemnon, Katharsis, Mimesis, Sündenbock, la violence fondatrice, Hunting Hypothesis, Aggression, Gewaltentladung, Trauma, Bewusstseinsevolution, Opfermetaphorik, Stierkampf.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die tief verwurzelten, archaischen Mechanismen des Opferrituals und deren Bedeutung für die Entstehung und den Erhalt gesellschaftlicher Strukturen von der Antike bis in die Moderne.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentrale Themen sind die menschliche Aggressionsbewältigung, die Rolle der Mimesis in der Kunst, die Funktion von Sündenböcken in Krisenzeiten sowie die Transformation von realen Tötungsritualen in symbolische oder theatralische Handlungen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es darzulegen, wie das Opferritual als notwendiges Fundament der Zivilisation dient und wie der Übergang vom Menschenopfer zur mimetischen Form in der Tragödie einen Fortschritt in der menschlichen Bewusstseinsevolution darstellt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt, der evolutionsbiologische Konzepte (wie die Hunting Hypothesis), soziologische Theorien (René Girard) und eine literaturwissenschaftliche Analyse antiker und moderner Texte kombiniert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen des Opferkults, wendet diese auf den "Agamemnon" des Aischylos an und untersucht schließlich zeitgenössische Gewaltformen wie den Stierkampf auf ihren rituellen Gehalt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Kernbegriffe wie Opferritual, Katharsis, Mimesis, Sündenbock, Bewusstseinsevolution und Gewaltentladung prägen das wissenschaftliche Profil dieser Arbeit.

Warum wird Stephen Kings "Der Nebel" als literarisches Beispiel herangezogen?

Die Novelle dient als Beleg dafür, dass Sündenbockmechanismen und der Wunsch nach einer rituellen Opferung auch in der modernen Literatur und in klaustrophobischen Gefahrensituationen der heutigen Zeit präsente, archaische Verhaltensmuster sind.

Wie interpretiert die Autorin den Mord an Agamemnon in Aischylos' Tragödie?

Der Mord wird nicht nur als Racheakt gesehen, sondern als eine durchgehende Opferhandlung gerahmt, bei der Klytaimnestra metaphorisch als Opfererin agiert, womit die Tragödie selbst als selbstreferentielles Opferritual erkennbar wird.

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Details

Title
Das Opferritual in der griechischen Tragödie und andere mimetische Formen
Subtitle
Ein Schritt in der Bewusstseinsevolution
College
Free University of Berlin  (Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Course
Modul AVL 231a (16 410) PS Griechische Tragödie. Ritualität - Mythologie - Motive – Rezeptionen
Grade
2,3
Author
Laura Gemsemer (Author)
Publication Year
2008
Pages
17
Catalog Number
V116478
ISBN (eBook)
9783640186433
Language
German
Tags
Opferritual Tragödie Formen Griechische Tragödie Ritualität Mythologie Motive Rezeptionen Stephen King Der Nebel Aischylos Agamemnon
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Laura Gemsemer (Author), 2008, Das Opferritual in der griechischen Tragödie und andere mimetische Formen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116478
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