„Dann werden die Jahre durchlässig“ - Der Brief als Medium der Erinnerung in Monika Marons Familiengeschichte „Pawels Briefe“

Gedächtnisdiskurs/theorien und Briefroman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.1. Pawels Briefe als Briefroman
1.2. Der Brief als literarische Form
1.2.1.Der Brief als Gespräch
1.2.2. Der Brief als Informationsträger
1.3. Fazit

2 Strukturelle und formale Annäherung an die Familiengeschichte
2.1. Rekonstruktionsverfahren
2.2. Auslösendes Moment und Erzählphasen
2.3. Fotografien als Medium der Rahmenbildung
2.4. Orte als Erinnerungsträger

3. Brüche in der Familiengeschichte
3.1. Brüche als Kontinuität/strukturierendes Element
3.2. Brüche in der Autobiographie
3.3. Brüche im kommunikativen Gedächtnis

4. Erinnern und Vergessen
4.1. Das autobiographische Gedächtnis
4.2. Das Familiengedächtnis/ das kollektive Gedächtnis
4.3. Verortung literarischer Texte
4.4. Kritisches und nostalgisches Erinnern
4.4.1. Die Figur Pawels
4.4.2. Die Figur Hellas

5 Identitätskonstruktion / Pawels Vermächtnis

6 Bibliographie

1.1 Pawels Briefe als Briefroman

Mitte des 18. Jahrhunderts etablierte sich das Schreiben von Briefen zu einer gesellschaftlich akzeptierten literarischen Form, in der vor allem Frauen eine ihnen bislang verweigerte öffentliche Ausdrucksform fanden. Der Brief war das Kommunikationsmedium schlechthin. Mit dem Aufkommen neuer literarischer Formen und nicht zuletzt technischer Errungenschaften wie der Telekommunikation nahm seine Bedeutung jedoch gesamtgesellschaftlich wieder ab. Monika Marons Familiengeschichte Pawels Briefe basiert auf der Wiederentdeckung eines vergessenen Briefwechsels zwischen ihrem Großvater und seinen Kindern, welche die Rekonstruktion der eigenen Familienvergangenheit nach sich zieht. Diese Familiengeschichte ist von Brüchen in den Lebensläufen der einzelnen Individuen geprägt, welche in der Textstruktur durch das Vergessen und Wieder-Erinnern gespiegelt werden. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Vergessen und Erinnern zu den Eckpfeilern eines Familienbildes und einer Identitätskonstruktion werden. Die Briefe spielen hierbei als ein die Brüche in der Familiengeschichte überdauerndes Medium eine zentrale Rolle. Das kommunikative Gedächtnis wird mittels ihnen überbrückt, sodass ein mehr oder minder unmittelbarer Zugang zu Geschehnissen außerhalb der eigenen Biographie (der Erzählerin) möglich ist.

1.2 Der Brief als literarische Form

Im Zuge der Aufklärung und damit einhergehend der Alphabetisation gewinnt der Brief als literarisches Medium Mitte des 18. Jahrhunderts große Popularität. Es wird ein Raum der Schriftlichkeit geschaffen, in welchen die Schreibenden sich zurückziehen, reflektieren und individuell ausdrücken können.[1] Gellert stellt in seiner Brieflehre die Normen für einen formal korrekten, jedoch ausdrucksstarken Brief auf. Der Brief gilt demnach als Gespräch zwischen zwei abwesenden Personen, und wird nicht nur als Substitut, sondern als gutes, das heißt gepflegtes, Gespräch gesehen. Die Natürlichkeit der Sprache muss gewahrt bleiben.

Das erste, was uns bei einem Brief einfällt, ist dieses, daß er die Stelle eines Gesprächs vertritt.[...] Ein Brief ist kein ordentliches Gespräch; es wird also in einem Brief nicht alles erlaubt seyn, was im Umgange erlaubt ist. Aber er vertritt doch die Stelle einer mündlichen Rede, und deswegen muß er sich der Art zu denken und zu reden, die in Gesprächen herrscht, mehr nähern als einer sorgfältigen und geputzten Schreibart.[2]

1.2.1 Der Brief als Gespräch

Damit ist eine erste wichtige Funktion des Briefes gegeben: Einen Gedankenaustausch zu gewährleisten, der Raum und Zeit überbrückt, ohne dabei vollkommen seinen unmittelbaren Charakter zu verlieren. Er kann also einer Art sekundärer Oralität zugeordnet werden. Problematisch hierbei ist, dass Briefe und Briefwechsel nicht die Natürlichkeit eines spontanen Gespräches ersetzen können, da eine Reflektion und Selektion des Briefschreibers über die relevanten Themen und angemessenen stilistischen Ausdrucksmittel erfolgt. Der Brief besitzt also eine sehr spezifische Kommunikationsstruktur mit dialogischem Charakter, der durch die körperliche Abwesenheit der Gesprächspartner, die rhetorische Reflektion und die räumlich-zeitliche Distanz dieses fiktionalen Gespräches auch als „defiziente Kommunikation“ charakterisiert werden kann.[3]

Auch dieser Aspekt wird in Pawels Briefe deutlich: Pawel und Josefa Iglarz tauschen sich fortwährend aus, wie die Nachbarin beobachtet: „Offenbar hatte sie die beiden seit fast zwanzig Jahren im Fenster sitzen sehen und konnte in ihrem eigenen Leben keine Erklärung für diese Redseligkeit finden“[4] Als die Ehepartner durch die Internierung Pawels im KZ getrennt werden, erlischt diese fortwährende Kommunikation. Briefe versagen als Substitut, denn Josefa ist Analphabetin. Diktierte Briefe und vorgelesene Antworten verlieren zusätzlich an Unmittelbarkeit und sind ein mangelhafter Ersatz für die „Gespräche auf der Fensterbank“. Josefas einziger überlieferter Brief ist neben der Verschriftlichung durch eine weitere Person zudem einer doppelten Verfremdung unterworfen: Es erfolgt ein Übertrag von der Handschriftlichkeit auf die getippte Schreibmaschinenversion und eine Übersetzung von der polnischen in die deutsche Sprache. Er beinhaltet viel indirekte Rede und erweckt einen eher unbeholfenen Eindruck. Ihr letzter Wunsch vor ihrem Tod ist nun auch: „Nun bitte ich Dich sehr, ob Du Dich nicht bemühen könntest, nocheinmal herzukommen. [...] Ich würde mich so gern noch einmal mit Dir sehen; es wird sicherlich schon das letzte Mal sein“.(20) Der Analphabetismus der Großmutter offenbart zudem nicht nur den (gewaltsamen) Bruch im Leben und Gespräch mit ihrem Mann, sondern auch die Auslöschung ihrer Existenz im Gedächtnis der nachfolgenden Generationen, da keine persönlichen Quellen von ihr überliefert sind: „Außer dem Brief an ihren Mann, den Josefa einen Tag vor ihrem Tod diktiert hat, gibt es kein Zeugnis, in dem sie über sich selbst Auskunft gibt. Ich weiß über sie nur, was ich den Briefen der anderen über sie entnehme und was Marta und Hella mir erzählt haben“.(55) Mit dem Sammeln dieser Versatzstücke schreibt Maron aktiv gegen das Vergessen an.

1.2.2 Der Brief als Informationsträger

Weiterhin erhebt der Brief einen Anspruch auf Wirklichkeit, d.h. „das Mitgeteilte bezieht sich auf das Erfahrungs- oder Erlebnisfeld des Aussagesubjekts“ und auch des Adressaten.[5] In der Isolation des Briefschreibers existiert ein sozialer Bezug nurmehr in der Vorstellung und nimmt dementsprechend eine vorrangige Stellung ein. Die Tatsache, dass ein Brief insbesondere durch seine fixierte schriftliche Form bestimmten inhaltlichen Kriterien genügen und nicht nur oberflächliche Sachverhalte transportieren sollte, wird auch in Pawels Briefe deutlich.

Hella beklagt sich bei ihrem Vater: „Du schreist immer noch nach inhaltsvollen Briefen, obwohl wir dir schon sehr oft klargemacht haben, daß wir nichts anderes zu schreiben wissen. Du mußt dich schon mit diesen Briefen abfinden“.(120) Das Leben der Kinder Pawels verläuft weiterhin in einem die Normalität wahrenden Rahmen, so werden Alltagsepisoden und der neueste Klatsch aus der Nachbarschaft berichtet. Die Illusion eines glücklichen Lebens wird also auch in die Isolation Pawels transportiert. Dieser jedoch, Tag für Tag mit einer unerträglichen Existenz konfrontiert, benutzt die Briefe, um sich seinen Kindern wirklich mitzuteilen, um Botschaften zu verfassen, die auch nach seinem (zwangsläufigen) Tode noch ihre Gültigkeit bewahren. Die Oberflächlichkeit der Briefe der Kinder zeigt, dass vor der großen Katastrophe, die die bis dato glückliche Familie heimgesucht hat, auch die Worte verstummen. Die selektive Auswahl der im Text eingefügten Korrespondenz gewichtet somit auch die Briefe Pawels im Textanteil um einiges schwerer. Hier werden auch die Verdrängungsmechanismen offenbar, die Hellas Biographie begleiten und immer wieder

thematisiert und durch die Textstruktur reflektiert werden, wie im folgenden gezeigt werden soll.

1.3 Fazit

Pawels Briefe ist kein Briefroman im eigentlichen Sinne, es wird keine vollständige Korrespondenz wiedergegeben, und der Textanteil der eigentlichen Briefe in Relation zum Gesamtvolumen ist gering. Zudem erfolgen die meisten Reflektionen auf anderen Textebenen wie eingefügten Erzählungen und Gedankengängen. Die Briefe jedoch sind die Grundlage, auf der Familiengeschichte transparent wird. Hierfür ist die besondere Funktion des Briefes als Erinnerungs- bzw. Erlebnisträger verantwortlich. Stimmen aus der Vergangenheit erwachen hier zu neuem Leben und bieten Raum für Wiederentdeckung. Dieses Wiederentdecken ist der Kern von Pawels Briefe.

2 Strukturelle und formale Annäherung an die Familiengeschichte

2.1 Rekonstruktionsverfahren

Die Rekonstruktion der vergangenen Leben erfolgt mittels mehrerer Faktoren. Unmittelbarer Auslöser ist das Wiederauffinden der längst vergessenen Korrespondenz zwischen Pawel und seinen Kindern. Zu Hilfe gezogen werden aber neben diesen Briefen auch amtliche Dokumente, Photographien, Statistiken, die Erinnerung von Zeitzeugen und eigene Mutmaßungen der Autorin zum Hergang der Geschichte. Es lassen sich drei Erzählphasen erkennen, die sich in die Handlung des (auto-)biographischen Werkes einfügen.

2.2 Auslösendes Moment und Erzählphasen

Die Familiengeschichte beginnt strukturell mit einer Reflektion über Erinnerung an sich und den Auslöser, das Buch zu schreiben: Das Interview eines holländischen Fernsehteams zur deutschen Vergangenheit fördert den vergessenen Briefwechsel zutage und rückt damit den Fokus auf das Vergessen Hellas. Der Rückblick in die Vergangenheit und die Auseinandersetzung der Erzählerin mit dieser beginnt mit dem Brief Josefas an ihren Mann einen Tag vor ihrem Tod. Nachfolgend werden Daten und Fakten aus Photographien, Dokumenten und der Erinnerung entnommen. Dem Leben und den Persönlichkeiten Pawels und Josefas wird so weit wie möglich minutiös nachgespürt, obschon viele Lücken und Vermutungen bleiben. Die ersten gemeinsamen Jahre der Familie Iglarz bilden also die erste Erzählphase und die Basis der in den Text eingeflochtenen weiteren Erzählphasen. Diese Lebensgeschichte zieht sich als roter Faden durch das Werk. So wird der Text immer wieder durch neue Episoden und Reflektionen gebrochen, nach Erzählansätzen gesucht und getragen von der Verknüpfung mit früheren Zeiten. Auf Grundlage dieser können auch die Lebensgeschichten der Mutter und der Tochter erzählt werden. Die Erzählerin liefert eine Begründung für die Zusammenhänge dieser Biographien, wenn sie schreibt:

Erinnerungen haben ihre Zeit. [...] Ich mußte aufgehört haben, meine Eltern zu bekämpfen, um mich über das Maß der eigenen Legitimation hinaus für meine Großeltern und ihre Geschichte wirklich zu interessieren. Ich mußte bereit sein, den Fortgang der Geschichte, die Verbindung zu mir, das Leben meiner Mutter, einfach nur verstehen zu wollen, als wäre es mein eigenes Leben gewesen. (13)

[...]


[1] Koschorke, Albrecht: Alphabetisation und Empfindsamkeit. In: Schings, Hans-Jürgen : Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Hans-Jürgen Schings. Stuttgart und Weimar 1994. S. 605-628. S. 610.

[2] Ebrecht,Angelika, Regina Nörtemann, Herta Schwarz (Hrsg.): Brieftheorie des 18. Jahrhunderts. Texte, Kommentare, Essays (Stuttgart 1990), S. 56-98. S. 61.

[3] Müller, Wolfgang: Der Brief. In: Prosakunst ohne Erzählen. Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa. Hrsg. von Klaus Weissenberger. Tübingen: Niemeyer 1985. S. 67– 89. S. 71.

[4] Maron, Monika: Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte. Limitierte Sonderausgabe. Frankfurt am Main: Fischer 2001. S. 32. Alle weiteren Zitate aus diesem Werk werden im fortlaufenden Text durch Angabe der Seitenzahl gekennzeichnet.

[5] Müller, W.: Der Brief. S. 67.

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Details

Titel
„Dann werden die Jahre durchlässig“ - Der Brief als Medium der Erinnerung in Monika Marons Familiengeschichte „Pawels Briefe“
Untertitel
Gedächtnisdiskurs/theorien und Briefroman
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V116481
ISBN (eBook)
9783640186464
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jahre, Brief, Medium, Erinnerung, Monika, Marons, Familiengeschichte, Briefe“
Arbeit zitieren
Meike Kohl (Autor), 2007, „Dann werden die Jahre durchlässig“ - Der Brief als Medium der Erinnerung in Monika Marons Familiengeschichte „Pawels Briefe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116481

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