Prousts Roman A la recherche du temps perdu ist ein Zeitroman und ein Entwicklungsroman, in dem sich der Held auf die Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Diese besteht für ihn in Erinnerungen an vergangene Momente, die zu Beginn des Romans für ihn nicht mehr existent sind. Mit der Zeit entwickeln sich aber Erkenntnisse, die ihm genau diese verlorene Zeit wiederzubringen vermögen und weitere Einsichten, die ihn diese Momente sogar für die Ewigkeit bannen lassen. In der vorliegenden Hausarbeit soll besonders auf das erstere Ereignis eingegangen werden, nämlich auf die Konzeption der Erinnerung, die in mémoire volontaire und mémoire involontaire eingeteilt wird. Dabei werden besonders auch die Metaphern betrachtet, mit deren Hilfe die Vorstellungen des reflektierenden Subjekts Marcel von der mémoire involontaire bildlich ausgedrückt werden. Eine eingehendere Betrachtung erfährt dabei in dieser Arbeit Marcels Wahrnehmung des Telefons, welches auch als Metaphernfeld für die Beschreibung der unbewussten Erinnerung genutzt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erkenntnisse der Madeleine-Episode
2.1 Die Charakterisierung der mémoire volontaire
2.2 Die Charakterisierung der mémoire involontaire
2.3 Metaphern der mémoire involontaire
2.3.1 Das Gedächtnis als Gebäude
2.3.2 Geologische Metapher
2.3.3 Metapher der Ankerlichtung
2.3.4 Die Lichtmetapher
2.3.5 Mythologische Metaphern
3. Erkenntnisse der Episoden auf der Matinée Guermantes
4. Das Telefon als Metaphernfeld für die mémoire involontaire
4.1 Das Telefon als Medium
4.2 Das Telefon zwischen Magie und Technik
4.3 Das Telefon zwischen Fluch und Segen
4.4 Das Telefon im Metaphernfeld der Mythologie
4.5 Wahrnehmung des Gesprächspartners
4.6 Die Todesthematik
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeption der Erinnerung in Marcel Prousts "A la recherche du temps perdu". Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Differenzierung zwischen der willkürlichen (mémoire volontaire) und der unwillkürlichen Erinnerung (mémoire involontaire) sowie der Analyse der vielfältigen Metaphern, durch die diese mentalen Prozesse im Werk dargestellt werden.
- Charakterisierung von mémoire volontaire und mémoire involontaire
- Analyse der Metaphorik des Gedächtnisses (Gebäude, Geologie, Licht)
- Untersuchung der mythologischen Bildsprache bei Proust
- Das Telefon als Medium und Metaphernfeld für unbewusste Erinnerung
- Die Verbindung von Erinnerung, Verlust und Todesthematik
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Das Gedächtnis als Gebäude/Raum
Geruch und Geschmack tragen laut Marcel in sich „l’édifice immense du souvenir.“13 Die Erinnerung ist wie ein Gebäude, in dem Erinnerungsbilder hängen. Wenn das Erinnern vom Willen abhängt, kann der Mensch diese Bilder umgehen (wie z.B. bei dem willentlichen Nichterinnern Marcels an andere Orte in Combray), aber wenn er zufällig auf versteckte Erinnerungen trifft, ist es natürlich unausweichlich: „A ce moment […] ma pensée, qui jusqu’ici avait navigué en souriant sur ces eaux bienheureuses, éclatait soudain, comme si elle eût heurté une mine invisible et dangereuse, insidieusement posée à ce point de ma mémoire.“14 Hierin liegt auch ein weiteres treffendes Bild für die Entstehung der mémoire involontaire, nämlich das der Mine: ein unvorbereitetes Treffen auf eine Erinnerung bedingt ihr plötzliches Auftauchen in ganzer Fülle und mit neuer Bedeutung, wie bereits gezeigt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Zeit- und Entwicklungsroman sowie Definition der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Erinnerungskonzeption.
2. Erkenntnisse der Madeleine-Episode: Analyse der Schlüsselszene, die den Übergang von bewusster zu unbewusster Erinnerung und die Verwendung komplexer Metaphern einleitet.
3. Erkenntnisse der Episoden auf der Matinée Guermantes: Untersuchung weiterer Momente der unwillkürlichen Erinnerung, die den Protagonisten auf seinem Weg zur literarischen Berufung voranbringen.
4. Das Telefon als Metaphernfeld für die mémoire involontaire: Darstellung der Wahrnehmung des Telefons als mystisches Medium, das Distanzen überbrückt und die Todesthematik sowie unbewusste Erinnerungsprozesse spiegelt.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass Proust das System der Metaphern nutzt, um die innere Welt und die Suche nach der verlorenen Zeit greifbar zu machen.
Schlüsselwörter
Marcel Proust, A la recherche du temps perdu, mémoire involontaire, mémoire volontaire, Erinnerung, Metapher, Madeleine-Episode, Zeitroman, literarische Berufung, Telefon, Mythologie, Wahrnehmung, Zeitlichkeit, Identität, verlorene Zeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Konzepte der bewussten und unbewussten Erinnerung im Werk "A la recherche du temps perdu" von Marcel Proust.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Unterscheidung der Gedächtnisformen, die Analyse metaphorischer Darstellungen sowie die symbolische Bedeutung technischer und mythischer Elemente.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Marcel Proust mittels Metaphern die unwillkürliche Erinnerung bildlich greifbar macht und wie diese Prozesse den Weg des Protagonisten zum Schriftsteller ebnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf Textinterpretationen und dem Abgleich mit literaturtheoretischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Madeleine-Episode, der Szenen der Matinée Guermantes sowie eine detaillierte Untersuchung der Telefon-Metaphorik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind mémoire involontaire, Metaphorik, Zeitroman, literarische Berufung und das Telefon als Medium.
Warum spielt die Madeleine-Episode eine so bedeutende Rolle für das Verständnis?
Sie gilt als "signpost"-Episode und als Schlüsselstelle, die den Übergang von der "dunklen" Welt der Unkenntnis zur "Erleuchtung" durch die unwillkürliche Erinnerung markiert.
Wie wird das Telefon in der Arbeit interpretiert?
Das Telefon wird nicht nur als technisches Gerät, sondern als komplexes Metaphernfeld analysiert, das zwischen Magie, Technik, Verlust und einer Brücke zum Jenseits oszilliert.
In welchem Zusammenhang stehen Orpheus und das Telefon bei Proust?
Marcel wird mit Orpheus verglichen, da er vergeblich versucht, eine verlorene Stimme (die der Großmutter) durch das Medium Telefon "zurückzuholen", was die Vergänglichkeit und den Verlust verdeutlicht.
Wie unterscheidet sich die "mémoire involontaire" von der "mémoire volontaire"?
Während die willkürliche Erinnerung vom Verstand geordnet und oft lückenhaft ist, ist die unwillkürliche Erinnerung durch Zufall ausgelöst, sensorisch fundiert und offenbart die Essenz des Erlebten.
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- Julia Schlichter (Author), 2007, Die Konzeption von Erinnerung in Marcel Prousts "A la Recherche du Temps Perdu", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116486