Zur Einschätzung von Slasher-Filmen als misogyn. Unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des "Final Girl" nach Carol J. Clover


Hausarbeit, 2010

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundstrukturen des Slasher-Filmes

3 Die Funktion des Final Girl im Slasher-Film
3.1 Charakterisierung des Final Girl
3.2 Das Wechselspiel zwischen Serienkiller und Final Girl

4 Geschlechterrollen im Slasher-Film

5 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Dem modernen Horrorfilm, insbesondere dem Subgenre des Slasher- und Splatter-Films wird aus verschiedenen Gründen von verschiedensten Seiten Frauenfeindlichkeit nachgesagt. Als Beleg für diese Zuschreibung wird bereits die unbestrittene Tatsache gewertet, dass es fast ausschließlich männliche Adoleszente sind, die sich diesem Genre mit Begeisterung widmen und am Leiden weiblicher Körper auf sadistische Weise weideten.1 Weiblichen Rezipienten hingegen wird häufig abgesprochen, sich aus intrinsischer Motivation Horrorfilme anzuschauen. Stattdessen wird unterstellt, dass sich Frauen entweder vom sadistisch angehauchten Freund während des Schauens beschützen lassen möchten oder sich in Frauengrüppchen zur oberflächlichen Gruselunterhaltung an Feiertagen wie z.B. Halloween ins Kino begeben, um sich gleichnamige Horrorfilme anzuschauen, die mittlerweile Kult-Status erlangt haben.

Dieser volkstümlichen Vorstellung – scheinbar eine Binsenweisheit, die keiner näheren Untersuchung bedarf – , widersprechen die Thesen der Anglistin Judith Halberstam und der Filmwissenschaftlerin Carol J. Clover, die sich mit dem Instrumentarium moderner feministischer Lesarten und Ansätze mit dem Splatter- und Slasher-Film auseinandersetzen und das Final Girl, die letzte Überlebende, weibliche Heldin und Hauptfigur, genauer in den Blick nehmen. Bevor ich mich im Detail mit der Argumentation von Clover und Halberstam auseinandersetze, möchte ich zunächst einen groben Überblick über typische Handlungsmuster und -abläufe von Slasher-Filmen geben. Den Schwerpunkt lege ich dabei auf die Charakterisierung, das Persönlichkeitsprofil und die besondere Rolle des Final Girl im Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren.

2 Grundstrukturen des Slasher-Filmes

„Das Subgenre des Slasher-Filmes ... erlebte am Ende der 1990er Jahre im Kino eine große Renaissance.“2 Slasher-Filme sind auch als „Stalk `n’ Slasher“ bekannt. Der Begriff „Slasher“ ist von dem englischen Verb „to slash“ für aufschlitzen, verstümmeln abgeleitet. Tatsächlich verübt der Killer in diesen Filmen seine Morde meist mit Hilfe von scharfen Alltagsgegenständen wie Messern, Äxten oder Sensen. Daneben lebt der Slasher-Film auch von der Spannung, die durch das Verfolgen und Beobachten der Opfer durch den Killer erzeugt wird. Daher wird er auch als „Stalker“ bezeichnet, im ursprünglichen Wortsinne jemand, der seine Opfer ausspioniert, beobachtet, belästigt und verfolgt.

Im Folgenden möchte ich zum besseren Verständnis den typischen Aufbau eines Slasher-Filmes skizzieren, exemplarisch für den modernen Horrorfilm. Das Subgenre des Slasher-Filmes zeichnet sich durch immer wiederkehrende Handlungsmuster aus. Im Grunde wird in allen diesen Filmen stets derselbe Topos abgehandelt, was von den Anhängern des Genres nicht etwa als lästige Wiederholung empfunden wird, sondern im Gegenteil geradezu erwünscht ist. Dem Slasher-Film liegt generell keine komplexe Erzählstruktur zugrunde. Unverzichtbar für einen Slasher-Film sind dagegen jene filmischen Elemente, die beim Publikum Körperreaktionen wie Spannung, „Gänsehaut“ und Schweißausbrüche erzeugen. Dies geschieht durch das Wecken von Urängsten und Schockerlebnissen, die durch „Suspense“ ausgelöst werden.3

Menschliche Urängste werden umso intensiver angesprochen, als das Böse im Slasher-Film vom Menschen selbst ausgeht, nicht von einem irrealen Monster wie im klassischen Horrorfilm, und das Böse daher nicht direkt äußerlich erkennbar ist. Vorbild für eine ganze Generation von Slasher-Filmen war der Fall des Serienmörders Ed Gein, als Prototyp eines Soziopathen, der im Gewand eines ganz gewöhnlichen, völlig unauffälligen Bürgers auftrat.4 „In ‚Psycho’ kehrt das Grauen in den Alltag ein. Slasher-Filme wie ‚Friday The 13th’ lassen den Schrecken näherkommen und machen ihn in der Familie fest.“5 Lediglich die Verhüllung durch ein Kostüm oder durch eine Maske heben den menschlichen Killer, der im Slasher-Film das Böse verkörpert, auf eine andere Ebene als die „gesunden“ Durchschnittsmenschen.

Meist besteht die Grundstruktur eines Slasher-Films aus zwei Teilen: Zunächst wird der Zuschauer mit einer Rückblende in die Vergangenheit konfrontiert. Hierbei erklärt sich grob das zuvor Geschehene. Der Ablauf ist recht simpel: Eine Person oder eine Gruppe von Menschen, meist Jugendliche, machen sich in den Augen des späteren Killers unmoralischen Verhaltens schuldig. Ein oder mehrere Menschen kommen zu Tode, beispielsweise weil ein Babysitter Sex hat und dabei seine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Der spätere (Serien-)Killer ist in irgendeiner Weise in die schrecklichen Vorfälle involviert und wird durch diese Erlebnisse traumatisiert. Er wird zum Psychopathen und schwört Rache.

Zurück in der Gegenwart kommt es beim Killer zur Erinnerung an das Vergangene und damit wird er von seinem unverarbeiteten Trauma heimgesucht. Sein mörderisches Potenzial wird durch Rachegefühle geweckt und wegen seines tiefsitzenden Hasses nimmt er die Realität nicht mehr wahr, sie verschiebt sich. Die jugendlichen Opfer hingegen sind, im Gegensatz zum Killer sexuell erfahren, doch naiv und unvorsichtig. Daher erkennen sie die Gefahr nicht, nehmen Warnhinweise nicht ernst und werden der Reihe nach abgeschlachtet.

Das Final Girl6 schließlich, eine junge Frau aus der Jugend-Clique, stößt nach und nach auf die Leichen seiner Altergenossen. Die Figur des Final Girl hebt sich in mehrfacher Hinsicht von den anderen Jugendlichen ab. In einem Punkt ist sie ihrem Gegenpart, dem Killer, ähnlich: Auch sie ist traumatisiert. Durch die neuen, vom Killer begangenen Morde wird sie daran erinnert, alte Wunden werden wieder aufgerissen. Doch im Gegensatz zum „bad guy“, dem Killer, bringt das Trauma das Final Girl dazu, für „das Gute“ zu kämpfen. Die junge Frau entwickelt daraufhin ungeahnte Kräfte, die es ihr ermöglichen, sich gegen die Angriffe des Killers zu wehren und ihn am Ende zur Strecke zu bringen.

3 Die Funktion des Final Girl im Slasher-Film

Um dem Leser eine Vorstellung vom Aufbau eines Slasher-Filmes (oder auch Splatter-Filmes) zu vermitteln, geht Carol J. Clover in dem Kapitel „Her Body, Himself“ ihres Buches Men, Women and Chain Saws anhand von Film-Beispielen aus Psycho, The Texas Chainsaw Massacre, Halloween u.a. auf immer wiederkehrende Muster und filmische Mittel ein, z.B. auf die Schauplätze, Beschaffenheit der Waffen, Charaktereigenschaften und Verhalten der jungen Erwachsenen, des Killers und des Final Girl. Besonders intensiv widmet sich die Autorin dem Wechselspiel zwischen Killer und Final Girl, indem sie die Charaktereigenschaften und die psychische Verfassung beider Hauptpersonen näher beleuchtet.

3.1 Charakterisierung des Final Girl

Das Final Girl, das oft als einziges Mitglied der Clique überlebt und am Ende den Serienkiller zur Strecke bringt, unterscheidet sich schon rein äußerlich von den weiblichen Opfern des Killers. Diese sind in aller Regel vollbusig und entsprechen den gängigen Schönheitsidealen und Klischees weiblicher Attraktivität.7 Das Final Girl ist dagegen oft flachbrüstig und mit weiteren androgynen Merkmalen, etwa Schlupflidern, ausgestattet. Zudem verzichtet sie darauf, etwa mit Make-up, ihre weiblichen Reize zu betonen.

In psychologischer Hinsicht hebt sich das Final Girl besonders durch seine soziale, emotionale und intellektuelle Reife von den Altersgenossen ab. Dies kann auf ihr teilweise bereits emotional verarbeitetes Trauma zurückgeführt werden. Das hat sie psychisch abgehärtet. Folglich nimmt sie ihr Umfeld distanzierter und mit einer gehörigen Portion Skepsis wahr. Die daraus resultierende Vorsicht rettet ihr, im Gegensatz zu den – in jeglicher, auch sexueller Hinsicht - leichtfertigen anderen Jugendlichen das Leben. Dank ihrer erhöhten Aufmerksamkeit nimmt sie die Warnhinweise ernst, die auf die Taten des Killers deuten, und entwickelt im Laufe des Geschehens immer mehr Sicherheit in der Beurteilung des durch den Killer beabsichtigten Psychospiels, das dieser mit den Opfern betreibt, bevor er sie tötet.

Carol J. Clover hat die herausragende Bedeutung der Final-Girl-Figur für die Narration eines Slasher-Films wie folgt beschrieben:

The one character of stature who does live to tell the tale is in fact the Final Girl. She ... is the only character to be developed in any psychological detail. … She is intelligent, watchful, levelheaded; the first character to sense something amiss and the only one to deduce from the accumulating evidence the pattern and extend of the thread; the only one, in other words, whose perspective approaches our own privileged understanding of the situation.8

3.2 Das Wechselspiel zwischen Serienkiller und Final Girl

Der Serienkiller des Slasher-Films ist fast immer ein männlicher, psychisch gestörter Mensch, der seine jugendlichen oder heranwachsenden Opfer auf sadistische Art und Weise verfolgt und psychisch sowie physisch quält. Er befindet sich in einer Identitätskrise, die populärwissenschaftlich mit dem Ödipuskomplex erklärt wird:

In populärpsychologischer Weise nutzt „Psycho“ – und vollziehen dies mit ihm die anderen Slasher-Filme – das Motiv des Serienmörders mit dem Ödipus-Komplex, um den Täter zu motivieren. Der männliche Mörder hat ein dominantes Über-Ich, das die Ausbildung einer eigenen Identität verhindert. Dieses Über-Ich befiehlt dem Täter, die Objekte seiner sexuellen Begierde zu töten. Die Zerstückelung der Opfer wird dabei zum Ersatz für den Geschlechtsverkehr.9

Den Killer zeichnet ein hoher moralischer Anspruch aus, der letztlich in ein hohes Maß an Doppelmoral mündet, da er ein schweres Kindheitstrauma nicht überwunden hat. Dieses lässt ihn nachtragend und rachsüchtig werden und zwingt ihn, bestialische Morde zu begehen. Er kompensiert seine Minderwertigkeitskomplexe hinsichtlich sexueller Potenz, indem er in das pubertäre Verhalten einer Gruppe Jugendlicher, die zu seinen Opfern werden, moralisches Fehlverhalten hineinprojiziert. Dazu zählen typische Dinge, mit denen junge Erwachsene das Erwachsenwerden ausprobieren, wie z.B. Sex, Drugs and Rock `n’ Roll. Der blinde Hass des Killers richtet sich letztendlich gegen seine eigene Mutter, die eben diese Dinge, vor allem aber jegliche Form von Sexualität, verurteilt. Damit der Killer sich selbst nicht mehr für seine Begierden verurteilen muss und um sein unterentwickeltes Ich von der Dominanz der Mutter zu befreien, tötet er stellvertretend für die eigene Mutter andere Jugendliche.10

Ihm gegenüber agiert das Final Girl, eine junge Frau aus einer Gruppe Adoleszenter, die gegenüber ihren Altersgenossen durch ihr wesentlich reiferes Verhalten heraussticht. Sie ist sexuell abstinent und unerfahren, konsumiert keine Drogen und ist wenig am Feiern interessiert. Ihre soziale und intellektuelle Reife bestimmt das Interesse des Killers, der sie vordergründig als moralisch „rein“ empfindet und sie deshalb als Auserwählte für sein mörderisches Spiel bestimmt. Er sucht sich eine Person aus, der er vordergründig ähnlich ist.

Der „Reife“ des Final Girl liegt eine Traumatisierung zugrunde, die im Gegensatz zum Killer bereits (in Teilen) psychisch verarbeitet wurde. Sie ist sich ihres Traumas bewusst und ist somit unempfindlich, abgehärtet und demnach für den Kampf um Leben und Tod gerüstet. Diese psychische Härte korrespondiert meist mit einem androgynen Erscheinungsbild und motorisch-technischem Geschick beim Kampf – einer eher männlich konnotierten Eigenschaft – sowie einem Unisexvornamen. Der Killer geht in der Angriffssituation selbst äußerst brachial vor, denn er ist derart von blinder Wut getrieben, dass er (z.B. in Scream) fast ungeschickt gegenüber der wehrhaften weiblichen Kämpferin wirkt. Das Final Girl dagegen besitzt eine innere Ruhe, die ihr beim Kampf zugute kommt und entscheidend dazu beiträgt, dass sie am Ende das durch den Serientäter verkörperte Böse besiegt.

[...]


1 Vgl. Judith Halberstam: Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters, Durham / London 1995, S. 138.

2 Gerhard Hroß: Horror. „Friday the 13th“ und der Schrecken des Erwachsenwerdens, in: Thomas Hausmanniger, Thomas Bohrmann (Hrsg.): Mediale Gewalt: Interdisziplinäre und ethische Perspektiven, München 2002, S. 81-95; hier: S. 81.

3 Vgl. G. Hroß: Horror, S. 82.

4 „Die Ablösung traditioneller Monster und konventioneller Verbrecher durch den Typ des Serienmörders hat seine Wurzeln im Fall Ed Gein. Dieser hatte in den 1950er Jahren in einer kleinen Stadt in Wisconsin 15 Frauen getötet. Als er 1957 verhaftet wurde, stellte man fest, dass er die Frauen ausgeweidet und zerstückelt hatte.“ (ebd., S. 84)

5 Ebd., S. 84.

6 Der Begriff des „Final Girl“ wurde von Carol J. Clover erstmals anhand des Films The Texas Chainsaw Massacre entwickelt. Siehe dazu die ausführliche Beschreibung in Kapitel 3.

7 Vgl. C. Clover: Men, Women and Chain Saws. Gender in the Modern Horror Film, London 1992, S. 42.

8 Ebd., S. 44.

9 G. Hroß: Horror, S. 83.

10 Vgl. ebd., S. 83 f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zur Einschätzung von Slasher-Filmen als misogyn. Unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des "Final Girl" nach Carol J. Clover
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften)
Veranstaltung
Medien- und kulturtheoretische Analysen; Video und Videothek
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V1165008
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einschätzung, slasher-filmen, unter, berücksichtigung, rolle, final, girl, carol, clover
Arbeit zitieren
Jasmin Lienstädt (Autor:in), 2010, Zur Einschätzung von Slasher-Filmen als misogyn. Unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des "Final Girl" nach Carol J. Clover, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165008

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