Kollektive Vermögensbildung in der Lebensversicherung im Niedrigzinsumfeld


Bachelorarbeit, 2021

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Lebensversicherung
2.1 Formen der Lebensversicherung

3. Vermögensbildung in der Lebensversicherung
3.1 Risikoausgleichsfunktionen

4. Überschussbeteiligungssystem
4.1 Überschussermittlung und Überschusszuteilung
4.2 Überschussverwendung
4.3 Rückstellung für Beitragsrückerstattung

5. Probleme der klassischen Lebensversicherung in der Niedrigzinsphase

6. Alternative Gestaltung des Überschussbeteiligungssystems
6.1 Modell des kollektiven Sparprozesses
6.2 Auswirkungen des kollektiven Sparprozesses auf den Vermögensaufbau

7. Evaluation des Modells von Goecke

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Rendite- und Risikokennzahlen für den Zeitraum 12/1957 – 12/2017

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Funktionsweise des Überschussbeteiligungssystems

Abkürzungsverzeichnis

BRSG Betriebsrentenstärkungsgesetz

RfB Rückstellung für Beitragsrückerstattung

1. Einleitung

Die starren Zinsgarantien von bis zu 4%, die Lebensversicherungsunternehmen ihren Kunden in der Vergangenheit gewährt haben, setzen die Lebensversicherungsunternehmen derzeitig erheblich unter Druck, da diese Zinssätze nicht mehr mit niedrigem Risiko am Markt erwirtschaftet werden können.1 Die Schwierigkeiten für das Versicherungsunternehmen, mit dem aktuellen Geschäftsmodell heutzutage dennoch Überschüsse zu erwirtschaften und den Versicherungsnehmern somit eine angemessene Rendite auf ihr eingesetztes Kapital zu ermöglichen, treten durch die anhaltende Niedrigzinsphase und das neuerliche Zinstief, das durch die Corona-Pandemie entstanden ist, immer stärker in den Vordergrund.2 Dadurch ging die Anzahl der Neuabschlüsse der klassischen Lebensversicherung in den letzten Jahren immer weiter zurück.3 Gleichzeitig wird das Motiv der privaten Altersvorsorge, beispielsweise durch eine Lebensversicherung, aufgrund der sinkenden gesetzlichen Rentenansprüche immer wichtiger.4 Daher ist die Frage nach einer möglichen Modifikation des Geschäftsmodells der Lebensversicherung für den wissenschaftlichen Diskurs um die Zukunft der Lebensversicherung von besonderer Bedeutung. Einen Ansatz zur Lösung der derzeitigen Probleme der Lebensversicherung liefert Prof. Dr. Oskar Goecke, der ein neues Modell als Alternative zum klassischen Geschäftsmodell der Lebensversicherung entwickelt hat. Dieses wurde jedoch aufgrund der fehlenden Kompatibilität mit den aktuellen aufsichts- und versicherungsvertragsrechtlichen Rahmenbedingungen bislang noch nicht umgesetzt.5 Die vorliegende Bachelorarbeit setzt sich daher mit der Entwicklung und den derzeitigen Problemen des Geschäftsmodells der klassischen Lebensversicherung auseinander und evaluiert das Alternativmodell von Prof. Dr. Oskar Goecke in Hinblick auf die Fähigkeit, eben diese Probleme zu lösen.

Diese wissenschaftliche Arbeit versucht konkret die Frage zu beantworten, wie im Rahmen der kollektiven Vermögensbildung in der Lebensversicherung das Überschussbeteiligungssystem unter Berücksichtigung des Niedrigzinsniveaus modifiziert werden kann.

Die Beantwortung dieser Frage erfolgt in sechs Abschnitten. Der erste Teil widmet sich der Darstellung der theoretischen Grundlagen hinsichtlich der Lebensversicherung. Im Fokus des zweiten Kapitels steht die Konzeption der Vermögensbildung der Versicherungsnehmer in der klassischen Lebensversicherung. Im dritten Abschnitt soll anschließend das Überschussbeteiligungssystem erläutert werden, welches elementare Bestandteil der Vermögensbildung in der Lebensversicherung ist. Danach werden im vierten Kapitel die Probleme aufgezeigt, die sich aus dem aktuellen Niedrigzinsumfeld ergeben. Darauf aufbauend soll im fünften Kapitel eine mögliche Alternative dieses Systems, das Modell des kollektiven Sparens von Prof. Dr. Oskar Goecke, vorgestellt werden. Abschließend wird diskutiert, inwieweit das Modell des kollektiven Sparens die derzeitigen Probleme der Lebensversicherung lösen kann und was für eine Umsetzung dieses Modells erforderlich ist.

2. Definition der Lebensversicherung

Als Lebensversicherung wird im Allgemeinen die Absicherung gegen Ereignisse bezeichnet, die durch die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Lebens entstehen und für den Versicherungsnehmer ohne Absicherung zu erheblichen finanziellen Schäden führen. Für diese Absicherung ist der Versicherungsnehmer selber verantwortlich. Die enorme Bedeutung dieser Absicherung zeigt sich an dem erheblichen Beitragsvolumen der Lebensversicherung: mit über 45% des gesamten Beitragsaufkommens der Versicherungswirtschaft in Deutschland ist die Lebensversicherung der größte Zweig der Personenversicherung.6 Neben dem Motiv der Absicherung biometrischer Risiken, wie die Berufsunfähigkeit oder die Absicherung der Hinterbliebenen im Todesfall, rückte das Motiv des Sparens für die private Altersvorsorge in den letzten Jahren immer weiter in den Vordergrund.7

2.1 Formen der Lebensversicherung

Ursprünglich handelte es sich bei dem Abschluss einer Lebensversicherung um eine reine Todesfallversicherung. Hierbei zahlt das Versicherungsunternehmen bei Tod der versicherten Person eine bei Vertragsbeginn vereinbarte Summe an die Hinterbliebenen. Als Gegenleistung für die Übernahme des Todesfallrisikos zahlt der Versicherungsnehmer dem Versicherungsunternehmen regelmäßige Prämien. Grundsätzlich sind hierbei die Prämien bis zum Eintritt des Todes der versicherten Person zu zahlen, meist gibt es jedoch Begrenzungen, sodass die Prämien nur innerhalb eines bestimmten Zeitraums gezahlt werden und die Versicherung nach Ablauf des Zeitraums beitragsfrei bis zum Todesfall weiterläuft. Der Todesfallversicherung steht die Erlebensfallversicherung gegenüber. Bei der Erlebensfallversicherung wird die vereinbarte Summe vom Versicherungsunternehmen ausgezahlt, wenn die versicherte Person nach einem bei Vertragsabschluss festgelegten Zeitpunkt noch lebt.8 Aufgrund der sinkenden gesetzlichen Rentenansprüche9 gewinnt das Motiv der privaten Altersvorsorge im Rahmen der Lebensversicherung zunehmend an Bedeutung. Dadurch wandelte sich die Nachfrage nach einer reinen Todesfallabsicherung in den letzten Jahren hin zu einer nach der gemischten Kapitallebensversicherung. Die gemischte Kapitallebensversicherung verbindet die Todesfallversicherung mit der Erlebensfallversicherung, sodass sowohl die Hinterbliebenenversorgung als auch die Altersvorsorge in einer Versicherung kombiniert werden.10 Hierbei wird dem Versicherungsnehmer die Versicherungssumme sowohl bei Tod der versicherten Person, als auch bei Überleben über einen bestimmten Zeitpunkt hinaus ausgezahlt. Aufgrund der hohen Verbreitung der gemischten Kapitallebensversicherung wird diese mittlerweile auch als klassische Lebensversicherung bezeichnet.11

Neben den bereits beschriebenen Formen der Lebensversicherung sind noch die Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung, die Pflegeversicherung, sowie neuere Formen der Lebensversicherung, wie die fondsgebundene Lebensversicherung zu nennen,12 auf die im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingegangen werden soll. Aufgrund der weiten Verbreitung der klassischen Lebensversicherung und der fehlenden Möglichkeit der Vermögensbildung in der reinen Todesfallversicherung beziehen sich die Ausführungen zur kollektiven Vermögensbildung im Rahmen der Lebensversicherung in dieser Arbeit auf die klassische Lebensversicherung.

3. Vermögensbildung in der Lebensversicherung

In der klassischen Lebensversicherung werden sowohl die Prämien als auch die gesamten zu verrichtenden Leistungen des Versicherungsunternehmens bereits bei Vertragsabschluss festgelegt. Die Prämie wird dabei anhand des Äquivalenzprinzips festgesetzt. Der Barwert aller zu erwartenden Versicherungsleistungen und Betriebskosten entspricht hierbei dem Barwert aller zukünftigen Prämienzahlungen. Das Versicherungsunternehmen übernimmt dabei das Risiko, aus den vereinnahmten Prämienzahlungen und den Erträgen aus Kapitalanlagen sämtliche Betriebskosten und Leistungen decken zu können, die während der Vertragslaufzeit entstehen.13 Da die zu Vertragsbeginn kalkulierten Prämien über die Vertragsdauer unverändert bleiben, die zugrunde gelegten Rechnungsgrundlagen aber im Zeitablauf variieren und nur schwer abzuschätzen sind, werden die Prämien zur sicheren Seite hin verschoben. Sie sind also höher als unter realistischen Bedingungen notwendig wäre. Dadurch soll dem entstandenen Änderungsrisiko für das Versicherungsunternehmen entgegengewirkt werden.14 Durch diese sehr vorsichtige Prämienberechnung entstehen nahezu zwangsläufig Überschüsse, die den Versicherungsnehmern zustehen und diesen nachträglich wieder gutgeschrieben werden müssen.15

Bei der Kalkulation der Prämien werden im Wesentlichen die Sterbewahrscheinlichkeit der versicherten Person, der zugrunde gelegte Rechnungszins, sowie Kostenzuschläge berücksichtigt. Insofern kann die Prämie in die Bestandteile Risikobeitrag, Sparbeitrag für die Altersvorsorge und Kostenbeitrag untergliedert werden.16 Der Risikobeitrag dient dazu, das Risiko für den Todesfall der versicherten Person abzudecken und wird anhand von Sterbetafeln berechnet. Da die vom Versicherungsnehmer gezahlte Prämie im Zeitablauf konstant ist, das Todesfallrisiko aber mit zunehmendem Altem steigt, sind für die zu Beginn zu hohen Prämien Deckungsrückstellungen zu bilden. Diese Deckungsrückstellungen für das Todesfallrisiko werden zu Beginn der Vertragslaufzeit aufgebaut und zum Ende der Vertragslaufzeit sukzessive wieder abgebaut, sodass sie am Ende der Vertragslaufzeit vollständig aufgebraucht sind.17 Die Sparbeiträge werden vom Versicherer mit dem vereinbarten Rechnungszins verzinst und in der Deckungsrückstellung zur Finanzierung der garantierten Ablaufleistung angesammelt. Die Deckungsrückstellungen für die Sparbeiträge steigen im Gegensatz zu den Deckungsrückstellungen für das Todesfallrisiko bis zum Ende der Vertragslaufzeit kontinuierlich an.18 Sie haben demnach durch die im Zeitablauf konstante Prämie einerseits eine Zeitausgleichsfunktion und durch die verzinsliche Ansammlung der Sparanteile andererseits eine Sparfunktion.19 Neben den Rückstellungen, die einzelnen Verträgen individuell zugeordnet sind, enthält die Deckungsrückstellung auch kollektive Verbindlichkeiten, die der gesamten Versichertengemeinde zustehen. Eine Veränderung der kalkulierten Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel eine höhere Sterblichkeit in Folge einer Epidemie oder eine erhöhte Lebenserwartung führt zu einem Anstieg der erforderlichen Deckungsrückstellung.20 Die vorsichtig bemessene Deckungsrückstellung ist ein wesentlicher Bestandteil der Risikotragung eines Versicherungsunternehmens.21

Die Berechnung der Deckungsrückstellung kann entweder prospektiv oder retrospektiv erfolgen. Während die prospektive Methode nur die zukünftigen Zahlungen berücksichtigt, sind für die retrospektive Methode die Zahlungen der Vergangenheit entscheidend. Grundsätzlich muss die Berechnung der Deckungsrückstellung prospektiv erfolgen. Eine retrospektive Berechnung ist nur erlaubt, wen die Anwendung der prospektiven Methode nicht möglich ist. Die Deckungsrückstellung entspricht laut der prospektiven Methode der Differenz aus dem Erwartungswert des Kapitalwerts der zukünftigen Leistungen und dem Erwartungswert des Kapitalwerts zukünftiger Prämieneinnahmen, jeweils diskontiert auf den jeweils aktuellen Bilanzzeitpunkt.22

3.1 Risikoausgleichsfunktionen

Ein Wesentlicher Bestandteil der Vermögensbildung in der Lebensversicherung ist die Risikotransformation sowohl im Kollektiv als auch in der Zeit. Der Risikoausgleich im Kollektiv zeichnet sich dadurch aus, dass für die einzelnen Mitglieder eines Versichertenkollektivs jährlich jeweils entweder weniger oder mehr Schäden entstehen, als ursprünglich kalkuliert wurden. Im gesamten Versicherungsbestand eines Versicherungsunternehmens gleichen sich diese Unter- und Überschäden jedoch größtenteils aus.23 Die Mitglieder eines Versichertenkollektivs ersetzen somit ihre individuellen Risikopositionen mit dem Durchschnitt aller Risikopositionen des Kollektivs. Durch diese Risikoumwandlung wird zwar nicht die Höhe des erwarteten Schadens verringert, die Standardabweichung wird aber deutlich reduziert, sodass der Gesamtschaden für das Versicherungsunternehmen deutlich kalkulierbarer ist. Mit zunehmender Größe des Versichertenkollektivs reduziert sich der Unsicherheitsgrad des Gesamtschadens deutlich und nähert sich dem Wert Null an.24 Dies bezieht sich jedoch lediglich auf den Risikoanteil der Prämie. Für den Sparanteil der Prämie kann es einen derartigen Risikoausgleich im Kollektiv nicht geben, da alle Versicherungsnehmer am selben Kapitalmarkt agieren. Einen Risikoausglich im Spargeschäft ergibt sich also nur durch die Risikoteilung zwischen verschiedenen Sparergenerationen, also einem Risikoausgleich in der Zeit.25 Durch den Risikoausgleich kann das durch den Sparanteil individuell angesparte Kapital von den Erträgen, die das Versicherungsunternehmen mit diesem Kapital durch Investitionen erwirtschaftet, getrennt werden.26 Der Risikoausgleich in der Zeit ist elementarer Bestandteil des Überschussbeteiligungssystems, welches im folgenden Kapitel genauer erläutert werden soll.

4. Überschussbeteiligungssystem

Eine vorsichtige Prämienkalkulation bedeutet, dass die Versicherungsnehmer höhere Beiträge zahlen, als sie unter realistisch bemessenen Rechnungsgrundlagen hätten zahlen müssen. Die dadurch entstandenen Überschüsse gehören nicht dem Versicherungsunternehmen, sondern müssen mit Hilfe des Überschussbeteiligungssystems an die Versicherungsnehmer zurückgezahlt werden.27 Das Versicherungsunternehmen kann hier als eine Art Treuhänder für das Vermögen der Versicherungsnehmer angesehen werden.28 Die Beteiligung der Versicherungsnehmer an den entstandenen Überschüssen wird jährlich im Voraus für das kommende Jahr vom Versicherungsunternehmen festgesetzt.29

Das Versicherungsunternehmen muss sich bei der Überschussdeklaration an gesetzliche und aufsichtsrechtliche Rahmenbedingungen halten.30 Für Verträge, die bis zum 31.12.1994 abgeschlossen wurden, musste das Versicherungsunternehmen mindestens 90% des gesamten erwirtschafteten Überschusses an die Versicherungsnehmer weitergeben. Für Verträge, die ab dem 01.01.1995 abgeschlossen wurden, bezog sich die Partizipation von 90% ausschließlich auf die Zinsüberschüsse. Für die sonstigen Überschüsse war lediglich eine angemessene Beteiligung vorgeschrieben. Ebenfalls sind seitdem auch Verträge möglich, die eine Beteiligung des Versicherungsnehmers an den Überschüssen explizit ausschließen. Seit 2008 ist die Höhe der Überschussbeteiligung in der Mindestzuführungsverordnung geregelt. Diese neuen Regelungen gelten sowohl für Altverträge wie auch für Neuverträge.31 Laut §6-§8 der Mindestzuführungsverordnung in der derzeitigen Fassung vom 18.04.2016 ist das Versicherungsunternehmen dazu verpflichtet, den Versicherungsnehmern 90% des Zinsüberschusses, 90% des Risikoüberschusses und 50% der sonstigen Erträge gutzuschreiben.

Die Höhe des zu verteilenden Überschusses ergibt sich aus dem vom Versicherungsunternehmen erstellten Jahresabschluss nach HGB.32 Die genaue Ermittlung und Zuteilung der Überschüsse erfolgt in drei Phasen, welche im Folgenden erläutert werden sollen. Ziel dabei ist es, den Versicherungsnehmern die entstandenen Gewinne möglichst zeitnah, restlos und verursachungsgerecht zuzuteilen.33

4.1 Überschussermittlung und Überschusszuteilung

In der ersten Phase werden gleichartige Verträge anhand ihrer Ertrags- und Kostenstruktur in Bestandsgruppen zusammengefasst. Die Partizipation am Zinsüberschuss erfolgt im Verhältnis der Passiva einer Bestandsgruppe zu den Gesamtpassiva. Demnach orientiert sich der Anspruch der Bestandsgruppe am Zinsergebnis an jenem Kapital, das diese Gruppe zur Erwirtschaftung des Zinsergebnisses zur Verfügung gestellt hat. Bezüglich des Risikoergebnisses werden diese Bestandsgruppen getrennt voneinander betrachtet und abhängig von der jeweiligen Risikosituation der Bestandsgruppe am Risikoüberschuss beteiligt. Die Kosten sollen möglichst verursachungsgerecht zugeordnet werden.34

In der zweiten Phase müssen die Überschüsse nach ihren entsprechenden Quellen für jede Bestandsgruppe einzeln ermittelt werden. Analog zu der Einteilung der Prämie in einen Risiko-, einen Kosten-, und einen Sparanteil wird im Rahmen der Überschussermittlung auch der Überschuss in Abhängigkeit von diesen drei Bestandteilen separat ermittelt.35

Der Risikoüberschuss ergibt sich aus der Differenz der Risikobeiträge und der tatsächlichen Aufwendungen für die Todesfallleistungen zuzüglich der freiwerdenden Deckungsrückstellung.36 Der Risikoüberschuss kann auch als Sterblichkeitsgewinn bezeichnet werden, da er mit abnehmender Mortalität des Versichertenkollektivs steigt.37

Der Zinsüberschuss entspricht dem Zinsgewinnanteil multipliziert mit dem bestandseigenen Guthaben der Versicherungsnehmer.38 Aus den jährlich tatsächlich erwirtschafteten Gewinnen des Versicherungsunternehmens müssen zunächst die Garantiezinsen bedient werden, die den Versicherungsnehmern bei Vertragsabschluss zugesprochen wurden.39

Der Zinsgewinnanteil ergibt sich dementsprechend aus dem Zinssatz, den das Versicherungsunternehmen am Kapitalmarkt tatsächlich erzielt hat, abzüglich des Garantiezinssatzes. Zusammengefasst lässt sich der Zinsüberschuss mit folgender Formel ermitteln:

"Zinsüberschuss = " (erzielter Zinssatz – Garantiezins) x Guthaben Versicherungsnehmer " 40 (1)

Da der tatsächlich erzielte Zins in der Vergangenheit meist erheblich über dem Garantiezins lag, bildete dieses Zinsergebnis den signifikant größten Anteil am Rohüberschuss.41

Der Kostenüberschuss errechnet sich aus der Differenz zwischen den kalkulierten Kosten und den tatsächlich entstandenen Kosten. Da die Abschlusskosten meist über den eingerechneten Kosten liegen, ist das Kostenergebnis oft negativ.42

Der Versicherungsnehmer ist außerdem zu 50% an den sonstigen Ergebnisquellen zu beteiligen. Hierzu zählen insbesondere das Kalkulationsergebnis aufgrund von stornierten Verträgen und das Kalkulationsergebnis aus Rückversicherungsverträgen.43

Der Saldo der einzelnen Überschüsse wird als Rohüberschuss bezeichnet. Durch die Saldierung der einzelnen Positionen kann ein schlechtes Kostenergebnis verschleiert werden.44 Die ermittelten Beträge werden zunächst der Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) zugeführt. Die Mittel in der Rückstellung für Beitragsrückerstattung gehören jedoch noch nicht dem einzelnen Versicherungsnehmer, sondern sind Eigentum des Versichertenkollektivs.45

In der dritten Phase wird dieses Gemeinschaftseigentum nun den einzelnen Versicherungsnehmern zugeteilt. Für die Zuteilung der Überschüsse stehen dem Versicherungsunternehmen das mechanische und das natürliche Gewinnverteilungssystem zur Verfügung. Beim mechanischen Gewinnverteilungssystem werden bestimmte Kriterien definiert, anhand derer die Überschüsse bemessen werden. Kriterien können beispielsweise die Versicherungssumme oder die vom Versicherungsnehmer gezahlte Prämie sein. Für das natürliche Gewinnsystem wird erneut auf die einzelnen Überschussquellen Bezug genommen. Für diese werden individuelle Kriterien definiert, die den Beitrag des Versicherungsnehmers an den Überschüssen genauer abbilden sollen. Dies kann für den Zinsüberschuss beispielsweise das Guthaben eines Versicherungsnehmers und für den Risikoüberschuss ein bestimmter Promillesatz des vom Versicherungsunternehmen riskierten Kapitals sein. Da beim mechanischen System eine verursachungsgerechte Zurechnung der Überschüsse nur ungenau möglich ist, wird es heute meist nicht mehr verwendet. Aufgrund der hohen Komplexität des natürlichen Gewinnverteilungssystems werden in der Praxis jedoch oft Mischformen verwendet.46

4.2 Überschussverwendung

Die Überschüsse können vom Versicherungsnehmer entweder, wie bei der Sofortgewinnbeteiligung oder der Ausschüttung, zur Reduktion der Prämie oder, wie bei der verzinslichen Ansammlung oder dem Bonussystem, zur Erhöhung der Versicherungsleistung verwendet werden. Die Entscheidung über die Überschussverwendung wird bei Vertragsabschluss festgelegt und gilt für die gesamte Vertragslaufzeit. Im Folgenden sollen die fünf gebräuchlichsten Beteiligungen erläutert werden.

Während bei der Sofortgewinnbeteiligung die vom Versicherungsnehmer zu zahlende Prämie unmittelbar um den zugeteilten Überschussanteil gekürzt wird, erhalten die Versicherungsnehmer bei der Ausschüttung ihre Überschüsse direkt ausgezahlt. Beide Verfahren führen unmittelbar zu einer Beitragsentlastung für den Versicherungsnehmer.47

Bei der verzinslichen Ansammlung werden die Gewinne wie auf einem Sparbuch angesammelt und verzinst. Dadurch erhöht sich bei der klassischen Lebensversicherung die Höhe der Ablaufleistung. Beim Bonussystem werden die Überschüsse in die Deckungsrückstellung eingestellt und sind ihrerseits wieder überschussberechtigt. Die Erhöhung der Deckungsrückstellung bewirkt eine Erhöhung der Todesfallleistung oder der gezahlten Rente. Der Unterschied der beiden zuletzt genannten Systeme besteht im Wesentlichen in der Verzinsung der Überschüsse einerseits und der Partizipation an weiteren Überschüssen andererseits. Im Falle der Dauerabkürzung werden die Überschüsse ebenfalls genutzt, um die Deckungsrückstellung zu erhöhen. Im Gegensatz zum Bonussystem werden hier aber weder die Versicherungssumme noch die Rentenzahlungen erhöht, sondern die Dauer des Vertrages reduziert sich. Dadurch beginnt die Rentenzahlung früher und dauert dementsprechend länger an.48

[...]


1 Vgl. Goecke (2012), S. 8.

2 Vgl. Heidemann (2021), S. 38.

3 Vgl. Hinterberger/Reim (2021b), S. 34.

4 Vgl. Florian (2015), S. 32.

5 Vgl. Goecke (2012), S. 35.

6 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 222-223.

7 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 222-223.

8 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 224-225.

9 Vgl. Florian (2015), S. 32.

10 Vgl. Gehrhardt (1961), S. 140.

11 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 226.

12 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 226-227.

13 Vgl. Wagner (2011), S. 395.

14 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 230.

15 Vgl. Schradin/Pohl/Koch (2006), S. 9.

16 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 230.

17 Vgl. Schradin/Pohl/Koch (2006), S. 8.

18 Vgl. Kurzendörfer (2000), S. 68.

19 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 231.

20 Vgl. Kurzendörfer (2000), S. 70.

21 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 235.

22 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 231-232.

23 Vgl. Tekülve (2007), S. 12.

24 Vgl. Goecke (2009), S. 293-296.

25 Vgl. Goecke (2009), S. 299.

26 Vgl. Albrecht/Weinmann (2015), S. 80.

27 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 235.

28 Vgl. Eifert (1997), S. 70.

29 Vgl. Goecke/Will/Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH (2002), S. 6.

30 Vgl. Schradin (2005), S. 4.

31 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 235-236.

32 Vgl. Wagner (2011), S. 662.

33 Vgl. Hagelschuer (1991), S. 189.

34 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 236.

35 Vgl. Goecke/Will/Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH (2002), S. 6.

36 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 236.

37 Vgl. Wagner (2011), S. 663.

38 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 236.

39 Vgl. Albrecht/Weinmann (2015), S. 80.

40 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 236.

41 Vgl. Eifert (1997), S. 71.

42 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 236.

43 Vgl. Schradin/Pohl/Koch (2006), S. 12.

44 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 237.

45 Vgl. Eifert (1997), S. 75.

46 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 237.

47 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 237.

48 Vgl. Nguyen/Romeike (2013), S. 237-238.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Kollektive Vermögensbildung in der Lebensversicherung im Niedrigzinsumfeld
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
45
Katalognummer
V1165060
ISBN (Buch)
9783346571748
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kollektive, vermögensbildung, lebensversicherung, niedrigzinsumfeld
Arbeit zitieren
Paula Wirz (Autor:in), 2021, Kollektive Vermögensbildung in der Lebensversicherung im Niedrigzinsumfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165060

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