150 Jahre Pariser Commune


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2022

36 Seiten


Leseprobe

„Nichts kann für den Sozialismus lehrreicher sein, wie das Studium der Geschichte der Kommune.“ (August Bebel)

Am 18. März 1871 wurde die Pariser Commune proklamiert, nachdem der Versuch der bürgerlichen Regierung unter Ministerpräsident Thiers, das Organ der kapitalistischen Klasse, gescheitert war, die proletarische Nationalgarde zu entwaffnen. Die Bürgerlichen hatten vor der Pariser Nationalgarde mehr Angst als vor der preußischen Armee, die Paris als ein Ergebnis des deutsch-französischen Krieges umstellt hatte. Bismarck blickte mit Genugtuung auf Paris herab. Die Pariser Commune endete bereits am 28. Mai 1871, obwohl das rachsüchtige Morden an den Revolutionären noch bis Mitte Juni andauerte. 1. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in Paris wurden quasi durch einen völlig unerwarteten, misslungenen Coup alter, bürgerlicher Generäle in diese Revolution hineingejagt, nachdem all ihre Versuche gescheitert waren, einen Bürgerkrieg zu verhindern. Die Commune war für Rosa Luxemburg nicht das Ergebnis eines zielbewussten Kampfes, sondern sie fiel „ausnahmsweise als von allen verlassenes herrenloses Gut in den Schoß“ 2. Der junge Engels hatte schon 1847 in den Grundsätzen des Kommunismus darauf hingewiesen, dass eine friedliche Enteignung der Enteigner das Sinnvollste wäre zur Gründung einer gerechten Gesellschaft, sah aber voraus, dass die Arbeiterklasse eher zu einer gewaltsamen Revolution gedrängt werden wird 3. Der alte Engels hatte 1891 den Feinden der Arbeiterklasse zugerufen: „Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren Bourgeois!“ 4. Und in Paris hatte der Herr Bourgeois zuerst geschossen, zwang eine Diktatur des Proletariats herbei, die zur Gewaltanwendung gegenüber der Bourgeoisie folglich legitimiert war. Die Bourgeoisie arbeitet sowohl für als auch gegen das Proletariat. Der Sieg fiel der Arbeiterklasse in den Schoß, aber sie war gespalten in Blanquisten (die die Mehrheit stellte) und Proudhonisten (die Minderheit). Nach dem Urteil von Engels “ wußten beide nicht, was zu tun war. Ebenso unfruchtbar wie 1848 die Überrumpelung, blieb 1871 der geschenkte Sieg“. 5. Wie unvorbereitet der Anschlag auf die Kanonen der Nationalgarde die Pariser Arbeiter traf, wird allein schon durch die Tatsache deutlich, dass Auguste Blanqui, einer ihrer Hauptvertreter, kurz vorher Paris verlassen hatte, um eine Kur anzutreten. Keiner hatte auf der Rechnung, dass im Gefolge eines Nationalkrieges die Erhebung der Hauptstadt des Verlierers stehen würde. Die Kommune stellte die erste aus einer Arbeiterrevolution heraus geborene Arbeiterregierung dar, zugleich war sie die erste Majoritätsrevolution in der Weltgeschichte, war die „Morgenröte der sozialen Revolution“, obwohl um 1870 das Proletariat in keinem europäischen Land die Mehrheit bildete. Die glühende Kommunistin und Revolutionärin Louise Michel schrieb in ihrer Geschichte der Pariser Commune von Tagen, “in denen die Freiheit uns mit ihren Flügeln streifte“ 6. Frankreich war noch ein vorwiegend kleinbürgerliches Agrarland ohne effektive großkapitalistische Technik und Organisation, in Paris konzentrierte sich vorwiegend die Luxusindustrie. ‚Wo das Proletariat auftritt, hört die Bourgeoisie auf, eine fortschrittliche Klasse zu sein‘, pflegte Kautsky, auf den noch näher einzugehen ist, zu sagen. „Die liberale Bourgeoisie hat vor der Selbständigkeit dieser Klasse hundertmal mehr Angst als vor jeder beliebigen Reaktion“ 7. Sie vereinigte die Todfeinde eines nationalen Krieges zu einem Pakt, um Paris, diese verdammte Stadt, “die vom Glück aller träumte“ 8., vom leibhaftig gewordenen ‘Gespenst des Kommunismus‘ zu “befreien“. Die Commune war bis dahin ein einmaliges Beispiel. Obwohl sie eine Revolution ohne Arbeiterpartei, ohne Revolutionsschulung und ohne umfassende Gewerkschaften und Genossenschaften war, diente sie Karl Marx zur Überprüfung seiner Theorie. Im letzten Kapitel des 18. Brumaire hatte Marx 1852 prognostiziert, dass die nächste Aufgabe einer europäischen Revolution in der Zerschlagung der bürgerlichen Staatsmaschine bestehen würde. Und in der Tat stellte die Commune diese Frage in den Mittelpunkt. Die Kommune hatte keine Ideale zu realisieren; sie hatte nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der eingehenden bürgerlichen Gesellschaft entwickelt hatten.

Im ‘Kommunistischen Manifest‘ wurde im November 1847 das Resultat einer Arbeitererhebung noch ganz abstrakt als ‘Erkämpfung der Demokratie‘ gefasst. Diese politische Leitlinie wurde auch durch die Erfahrungen der 48er Revolution, die durchaus Fortschritte in der Arbeiterbewegung brachten, nicht präzisiert. Die Ergebnisse der 48er Revolution ließen das Manifest von einer Korrekturhand unberührt. Die Pariser Kommune ereignete sich jetzt vor den Augen von Marx und Engels konkret und beide lernten von der Commune, dieser letzten großen Revolution, deren Zeitzeuge sie noch waren: die proletarische Demokratie mit dem Endzweck der Beseitigung der Klassenherrschaft war “… ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit“. So schrieb es Marx am 17. April 1871 aus London an Dr. Kugelmann in Hannover. War die Beseitigung der Klassengesellschaft das Geheimnis der Arbeiterbewegung überhaupt, so bestand das Geheimnis der Pariser Commune darin, dass sie für Marx und Engels schlicht eine Regierung der Arbeiterklasse war. 9. Die Kommune war noch ein “Staat“, aber ein Staat ohne Ausbeuter, sie war von kurzer Lebensdauer, aber mit einer geballten Kraft von antizipierenden Skizzen zukünftiger kollektiver Lebensformen, der die bisher ausgebeuteten Massen zum Regieren heranzog. Es gab während der Pariser Kommune dreiundvierzig Arbeiterproduktionskooperativen, sieben Konsumvereine und vier Kooperativrestaurants. 10.

Die Kommune bedeutet Krieg, Bürgerkrieg – und das hatten die Kommunarden anfangs zu wenig begriffen. Sie waren noch in der Illusion befangen, der Arbeitsvertrag sei einer auf gleicher Augenhöhe ausgehandelter und unterschriebener. Die Einsicht lag nicht gründlich vor, dass die bürgerliche Theorie des Vertrages ein Gaukelwerk ist, um Lohnsklaven in die Irre zu führen, auf dass sie sich mit ihren Blutsaugern vertragen. Der Kapitalist saugt Blut und dabei soll der Prolet stillhalten. Das ist nach Marx der Grundzug bürgerlicher Vertragswerke. In diesen ist genau ausgetüftelt, wie der Arbeiter übers Ohr zu hauen ist. Die Kommune war der Krieg der produktiven Klassen, angeführt aus den Bezirken von Montmarte mit seinem halb aufs Handwerk fußendem Proletariat in engen Straßen, gegen den Staat der unproduktiven Klassen, angeführt von der Thiers-Administration im royalen Versailles mit seinen weit ausholenden Parkanlagen. Und diese Pariser Arbeiterklasse mit ihrer Revolution vom 18. März bewegte Marx und Engels, ihr Manifest von 1848, eine veritable Bürgerkriegsschrift, zu „korrigieren“: Im in London am 24. Juni 1872 geschriebenen Vorwort zur zweiten deutschen Ausgabe des Manifestes erklärten beide, dass ihr Manifest „heute stellenweise veraltet“ sei: „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann“ 11.

Einen entscheidenden Wesenszug der Pariser Kommune sah Marx darin, dass sie endlich die politische Form gefunden habe, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen kann. 12. Die Befreiung der Arbeit aber bedeutet die Aufhebung einer Gesellschaft, die aus produktiven und unproduktiven Klassen besteht, sich so gegensätzlich aufeinander bezieht, und in der die Trennung von Hand- und Kopfarbeit obligatorisch ist. Lenin sah in der Pariser Commune einen „riesenhaften Anstoß“ 13. für die internationale Arbeiterbewegung. Schon Marx und Engels hatten im Manifest den ‘gleichen Arbeitszwang für alle‘ gefordert. Sozialistisch weiterentwickelt wurde diese Emanzipation der Arbeit über ‚Subbotniks‘, die für Lenin Keimformen des Kommunismus bildeten, in dem die Arbeit aus einer Last endgültig zu einer Lust umgeschlagen sein wird. Alle bisherigen Revolutionen in der Weltgeschichte wurden seit der Möglichkeit, Mehrprodukt und damit Priesterkasten und Politikaster zu produzieren, von unproduktiven, sich in der Minderheit befindlichen Kopfarbeitern initiiert, die Kommune war die erste Revolution der produktiven Klassen, die bisher in der Weltgeschichte immer nur Kanonenfutter, ein Objekt, ein Spielball sie beherrschender und sie bevormundender Kräfte waren. Die Kommune begann also mit einem Milieu- und Tabubruch, der jeder Revolution eignet. Im 18. Jahrhundert hatten bereits die Enzyklopädisten um Diderot einen Tabubruch begangen, als sie neben den schönen Künsten und Wissenschaften die Handwerke in ihrer Enzyklopädie thematisierten und damit eine unterschwellige atheistisch-materialistische Tendenz der französischen Aufklärung wiedergaben: das Tun der Menschen wird nicht aus ihrem Denken, sondern aus ihren Bedürfnissen bestimmt und sie machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Im Hintergrund stand in ökonomischer Hinsicht die historische Überwindung der grundlegenden organisierenden Kraft der anarchisch aufgebauten kapitalistischen Gesellschaft: die Aufhebung des Marktes durch eine höhere Organisation der Arbeit. Indem zum ersten Mal in der Weltgeschichte die Beseitigung der Klassenherrschaft überhaupt auf die Agenda gesetzt worden war, stellte sich sofort die Frage der Staatsmaschine in den Mittelpunkt der politischen Analyse: Hatten bürgerliche Revolutionen diese immer nur von einer Hand in die andere gebend vervollkommnet und aufgebläht, so mussten die Kommunarden sofort daran gehen, diese sie bisher knechtende Maschine, die Marx “abscheulich“ nannte, diesen überlebten politischen Überbau zu zerstören. In diesem Punkt waren sich Marx, Engels, Proudhon, Blanqui und Bakunin einig, nicht aber in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, die Marx und Engels als Prozess, Proudhon und Bakunin aber als einen einmaligen Akt nur der Zerstörung deuteten. Die Abschaffung des Geldes sei sofort möglich und man komme ohne Übergangsstaat vom Kapitalismus direkt zum Kommunismus, so der anarchistische Grundtenor. In Überzeichnung der Hegelschen Negativität, in der nicht nur zerstört, sondern auch aufbewahrt wird (im Sinne von aufheben, aufheben ist der spezifisch Hegelsche Ausdruck), schwärmte Bakunin von einer ‚Lust der Zerstörung‘, die auch immer im Sinne des ewigen Geistes zugleich eine schaffende Lust sei 14. Für die den Staat abstrakt negierenden Anarchisten lag der Kardinalfehler der Marxisten darin, dass sie die zerschlagene Staatsmaschine durch eine neue ersetzen, also destruktiv und konstruktiv in einem sein wollten. Marx hatte im Zweiten Entwurf des Bürgerkrieges in Frankreich geschrieben: „Das politische Werkzeug ihrer Versklavung kann nicht als politisches Werkzeug ihrer Unterdrückung dienen“ 15. Leider hatte Plechanow in seiner 1894 in deutscher Sprache erschienenen Broschüre „Anarchismus und Sozialismus“ die Frage der Zertrümmerung des bürgerlichen Staates gar nicht gestellt und es war wohl auch kein Zufall, dass er im April 1901 Lenins Bitte, für die ‚Iskra‘ einen Artikel zum Jahrestag der Kommune zu schreiben, zwar nicht ablehnte, aber beifällig erwähnte, die Kommune sei doch schon „alte Geschichte“. 16. Plechanow war nicht der einzige “Marxist“, der zur Pariser Commune auf Distanz gehen sollte. Aber kurz vor der Oktoberrevolution, als sich die Frage nach dem Verhältnis der proletarischen Revolution zum bürgerlichen Staat und die Frage, wodurch er zu ersetzen sei in vollem Umfang stellten, sah sich Lenin gezwungen, auf die Erfahrungen von 1871 zurückzugreifen, in seinen ‚Aprilthesen‘ verwies er auf den Kommunestaat und in der Revolution sah er im Sowjetstaat einen Staat vom Typus der Kommune. Ein Jahr nach der Oktoberrevolution tat er dies ebenfalls, nun, um die Entstellungen des Marxismus durch Kautsky nachzuweisen, der in seiner eine Kritik der rigiden bolschewistischen Revolutionspolitik darstellenden Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“ 1918 den Bolschewiki Verrat an der Reinheit der Demokratie vorwarf und deren Besprechung sowohl in der Zeitung der Börsianer (“Frankfurter Zeitung“) als auch im Scheidemanns “Vorwärts“ sehr gut abschnitt.

EXKURS: Kautsky behauptete prototypisch, trotz der Existenz von Klassen gäbe es Demokratie in Reinkultur und folglich komme alle Macht von den Stimmzetteln her und nicht aus den Gewehrläufen. Aber weder Kautsky noch die Menschewiki haben von den Aprilthesen 1917 bis zu Kautskys Broschüre ‚Die Diktatur des Proletariats‘ “1918 auch nur ein einziges Mal versucht, die Frage des Staates vom Typus der Kommune zu untersuchen“. 17. Was Kautsky an der Kommune positiv bewertete, ihr abstraktes Demokratieverständnis, gereichte ihr gerade zum Nachteil. Mit seiner Gegenbroschüre „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ wollte Lenin den Nachweis erbringen, dass die Politik der Bolschewiki in der Staatsfrage, also in der Frage der Diktatur des Proletariats nicht verfehlt sei: demokratisch für die arme Mehrheit des Volkes, zugleich diktatorisch gegen die reiche Minderheit, der man, über die Pariser Commune hinausgehend, das Wahlrecht entzogen hatte. Das bewog Kautsky dazu, dem Bolschewismus in seiner Broschüre ‚Terrorismus und Kommunismus‘ eine terroristische Anlage zu unterschieben unter Verweis auf das uneingeschränkte Wahlrecht der Pariser Commune. War dieser Rechtsentzug von Lenin auch keineswegs als obligatorisch für eine proletarische Revolution ausgegeben worden, so ging es ihm in seiner Polemik gegen Kautsky doch um die Behauptung des Bolschewismus „als Vorbild der Taktik für alle“ mit dem Ziel einer revolutionären, vorübergehenden Diktatur des Proletariats durch revolutionäre Gewalt unter der Führerschaft einer Kaderpartei, für die die gewaltsame Unterdrückung der ‚Weißen‘ zunächst im Vordergrund stand. Was Kautsky, dessen Schwachstelle zugegebenermaßen die Philosophie war (konkreter war es die materialistische Dialektik), nicht begriffen hatte, war, dass es Demokratie und Demokratie gibt: eine bürgerliche gegen den Feudalismus und eine proletarische gegen den Kapitalismus. Sein Verharren auf der bürgerlichen Demokratie und damit auf dem Parlamentarismus zusammen mit seinem Vorwurf des Sowjet-Terrorismus veranlasste Trotzki zu dem Bild, dass Kautskys zentristisches Schiff der Revolution stille Buchten bevorzuge. In der Tat sah Kautsky in seiner ersten Broschüre gegen die Bolschewiki das Parlament und die alte zaristische Armee, dieser festesten Stütze des Eigentums und der bürgerlichen Verhältnisse, als Ordnungsfaktoren an und kritisierte die wilde Landnahme am Großgrundbesitz. Er begriff nicht den tiefen demokratischen Gehalt der Diktatur des Proletariats und erhoffte sich eine Wiederherstellung einer Duma-Demokratie, während Engels bekanntlich vom Absterben der Demokratie im Sozialismus sprach, dass eben das Absterben des Staates auch das Absterben der Demokratie beinhalte. Kautsky sah in der Oktoberrevolution, die für ihn aus der glücklichen Situation einer Augenblickskonstellation entsprungen war, die letzte der bürgerlichen Revolutionen und nicht die erste der sozialistischen. Durch die Anwendung der diktatorischen statt der demokratischen Methode versuchten nach seiner Lesart die Bolschewiki, aus der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen zu springen und erstere wegzudekretieren. „Aber wenn man im Bilde bleiben will, dann gemahnt uns ihre Praxis mehr an eine schwangere Frau, die die tollsten Sprünge vollzieht, um die Dauer ihrer Schwangerschaft, die sie ungeduldig macht, abzukürzen und eine Frühgeburt herbeizuführen“ 18. Die Hauptkrankheit der Oktoberrevolution sah Kautsky in der Zersplitterung der Landwirtschaft, durch die sie angeblich einen kleinbäuerlichen Charakter annahm. „Das auffallendste Merkmal der jetzigen russischen Revolution ist ihre Arbeit im Sinne von Eduard David. Er und nicht Lenin gibt dort die eigentliche Richtung der Revolution an“ 19. Wer war dieser Eduard David? Eduard David (1863 bis 1930), war ein Anhänger Bernsteins und ab 1914 Hauptinitiator der Burgfriedenspolitik, er stand auf dem rechten Flügel der SPD und vertrat eine Hinwendung dieser Partei zu bäuerlichen Wählergruppen. Für Kautsky lief die russische Revolution auf eine Diktatur der Bauern hinaus, da das von den Leninisten angestrebte Bündnis zwischen Proletariat und Bauernschaft unter russischen Bedingungen zum Scheitern verurteilt sei. Der zwischen dem Dorf und der Stadt stattfindende Warenverkehr wird nach Kautsky unweigerlich zum Gegensatz zwischen den Bauern und den Proletariern führen: der Bauer sei selbstredend an hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte interessiert wie an niedrigen Preisen für Industrieprodukte. Im Gegensatz zur Staatsindustrie kann es ihm im Privatsektor der Industrie gleichgültig sein, wie diese niedrigen Preise zustande kommen, in der Staatsindustrie ist er aber aus Steuererwägungen an hohen Profiten, also niedrigen Arbeitslöhnen interessiert, da niedrige Profite auf diesem Sektor für ihn mehr Steuern bedeuten würden, denn niedrige Staatseinnahmen werden durch ein höheres, vornehmlich von den Bauern zu tragendem Steueraufkommen kompensiert werden. (ENDE DES EXKURSES).

Zwar war die Commune im Gegensatz zum bürgerlichen Staat, der der repressive Schmarotzerstaat im eigentlichen Sinn des Wortes geworden war, eine “übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft“ 20., schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr, war der Beginn des Absterbens des Staates und ein Übergangsstaat zum Kommunismus hin, aber noch galt es, die Minderheit der Konterrevolutionäre durch die Autorität des bewaffneten Volkes zu unterdrücken und Unterdrückung bedeutet, dass staatliche Strukturen noch vorhanden sein müssen. „Die Kommune beseitigt nicht den Klassenkampf, durch den die arbeitenden Klassen die Abschaffung aller Klassen, und folglich aller Klassenherrschaft erreichen wollen, (weil sie keine Sonderinteressen vertritt. Sie vertritt die Befreiung der ‚Arbeit‘, d.h. der grundlegenden natürlichen Bedingungen des individuellen und sozial Lebens, die durch Usurpation, Betrug und künstliche Machenschaften von der Minderheit der Mehrheit auferlegt werden kann), aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise durchlaufen kann“. 21. Die Vernichtung der Ausbeuter mit einem Schlag ist eine sehr große Seltenheit, schon ihre größere Routine im Militärwesen, ihr Geldbesitz, die Fläche Frankreichs sprachen dagegen und die Unbeweglichkeit der Provinz, die für die Pariser Proleten nur wenige Finger rührte. Frankreich ließ Paris im Stich.

Die Commune war die in Paris mit einer neuen Maschine kommandierende Diktatur der Mehrheit über die Minderheit und die europäische Konterrevolution, die ihre Taktik rasch von der Diplomatie und dem raffinierten Massenbetrug auf die tierisch-grausame Unterdrückung à la Sulla verlegt hatte, tötete in einem Blutrausch, der die Bartholomäus-Nacht in den Schatten stellte. Das Journal ‘Officiel‘ hetzte, keine Gefangenen zu machen und die Verletzten wurden mit den Toten begraben, die Commune als kriminelle Vereinigung angeprangert im Zusammenprallen zweier Städte: dem Paris des Luxus und dem Paris des Elends, in einem entsetzlich blutigen Mai-Massaker nach Standrecht besonders um den Friedhof Père Lachaise mit mehr Toten in einem Monat als die bürgerliche Revolution im Jahr 1789 insgesamt zu verzeichnen hatte, ehe der Umschlag von Quantität in Qualität zur Anarchie hin sich ereignen konnte. „Man vergißt nämlich immer, daß die Aufhebung des Staates auch die Aufhebung der Demokratie bedeutet, daß ein Absterben des Staates ein Absterben der Demokratie ist“. 22. In „der kommunistischen Gesellschaft wird die Demokratie, sich umbildend und zur Gewohnheit werdend, absterben …“ 23. Den Kern der Demokratie der Arbeiter und Armen, die zugleich zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine Diktatur der Mehrheit über die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten und Reichen war, bildete die Volksbewaffnung, die den Halbstaat abzusichern hatte. Das Proletariat regiert mit einer neuen Staatsmaschine, die es aufzuheben gilt: “Im Sozialismus werden alle der Reihe nach regieren und sich schnell daran gewöhnen, daß keiner regiert“. 24. Bekanntlich ging Lenin in der Frage des Staates mit den Anarchisten gar nicht auseinander. „Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallenlassen“, hatte Engels im März 1875 an August Bebel geschrieben, „besonders seit der Kommune …“ Sozialismus und Staat vertragen sich nicht. Und Engels schlägt vor, statt ‚Staat‘ das Wort ‚Gemeinwesen‘ zu setzen, „ein gutes altes deutsches Wort, das das französische ‚Kommune‘ sehr gut vertreten kann“ 25. Der Kommune“staat“ ist folglich ein ‚System der Gemeinden‘, “an Stelle einer besonderen Repressionsgewalt trat die Bevölkerung selbst auf den Plan“ 26. Die Kommune wies noch Spuren eines Staates auf, die in ihr von selbst abgestorben wären. Am Ende der Pariser Kommune hätte es in ihr nichts ‚Staatliches‘ mehr zu tun gegeben. Lenin holt hier das Letzte an Staat und Anarchie heraus, was aus der Pariser Kommune herauszuholen ist.

Im Zahn der bürgerlichen Zeit war die Kommune der erste Stich des Schmerzes, der ankündigte, dass der Zahn von Fäulnis befallen ist und der zweite Weltkrieg gegen die Sowjetunion war die heftige Reaktion auf die zunehmenden Schmerzen, die von der Oktoberrevolution bewirkt wurden. Können sich Kleinbürger ein Leben ohne Staat gar nicht vorstellen, so bildet für die Kapitalisten, für die modernen Sklavenhalter diese Vorstellung verständlicherweise ein Horrorszenario, denn eine Kommune beginnt mit der einfachen Organisation der bewaffneten Massen, sie ist ein Staat, den die bewaffneten Arbeiter bilden, die dazu übergehen, das gesamte Volk zur Beteiligung an der Miliz heranzuziehen, Volk und Miliz in eins zu setzen.“ 27. Ist aber das gesamte Volk bewaffnet und ist es als bewaffnetes Volk selbst die Regierung, dann ist darunter kein Platz für die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten mehr möglich. (Obwohl die Konterrevolution mit ihrer Niederlage nicht gleich verschwindet und ungefährlich wird). Und deshalb ist der Staat der Kommune schon kein Staat im eigentlichen Sinne. Die höchste Reife, die in der Natur und in der Geschichte erreicht wird, ist diejenige, in der der Untergang beginnt. Und das gilt auch für die Demokratie, die erst als Kommune ihre höchste historische Stufe erreicht hat. “Je vollständiger die Demokratie, umso näher der Zeitpunkt, zu dem sie überflüssig wird. Je demokratischer der „Staat“, der aus bewaffneten Arbeitern besteht und “schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist, umso rascher beginnt jeder Staat abzusterben“ 28.

Elementare Wesenszüge der durch und durch ausdehnungsfähigen proletarischen Demokratie, die als munizipale Erhebung und zugleich als Vorstufe einer Weltrepublik gedeutet wurde, bestanden darin, dass die von den Volksmassen Gewählten jederzeit absetzbar waren und dass der Sold für ihre Tätigkeiten dem eines Arbeiterlohnes zu entsprechen hatte, Dienstwohnungen wurden abgeschafft, dafür aber die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Die Offiziere der Volksarmee sollten nicht von oben eingesetzt, sondern von unten gewählt werden. Unternehmern wurde verboten, Arbeiter und Arbeiterinnen durch Lohnkürzung zu bestrafen. Der bürgerliche Beamtenapparat war zerschlagen worden und die Pariser Polizei wurde ihrer politischen Funktionen entkleidet, die Pfaffenmacht wurde gebrochen, leerstehende Wohnungen beschlagnahmt und verteilt. Die Befreiung der Armen von Pfandschulden wurde in Angriff genommen. Vor allem aber war die Commune keine parlamentarische Körperschaft, sondern eine arbeitende, gesetzgebend und vollziehend in einem. Sie hat den Beweis erbracht, dass die proletarische Demokratie und der bürgerliche, theoretisch in England im 17. Jahrhundert geborene Parlamentarismus sich ausschließen. Seine Theorie wurde durch Voltaires “Lettres sur les Anglais“ (oder auch “Philosophische Briefe“) 1633 in das katholische Frankreich vermittelt und fand in Montesquieus Werk seine für die Bourgeoisie akzeptable Ausprägung. Schon Adam Smith sah in der Montesquieuschen Gewaltenteilung eine Würfelverdrehung des Rechts gegen die Arbeiter. 29. Und der französische Ökonom Simon-Nicolas-Henri Linguet verhöhnte regelrecht Montesquieu, indem er als den Geist der Gesetze das Eigentum bezeichnete. 30. Die Ausrufung der III. Republik und damit das Ende der fast zwanzigjährigen oft plebiszitär und durch imperialistische Kriegsunternehmen gestützten Herrschaft des Zweiten Kaiserreichs, eine wichtige Weichenstellung für die Commune, verdankt sich des Eindringens republikanisch gesinnter Pariser Massen in den Sitzungssaal des Corps législatif am 4. September 1870. Die Blumenfrauen auf dem Boulevard verkauften an diesem Tag nur rote Nelken. Und doch war es der reaktionäre General Trochu, der die gerade geborene Republik mit seiner Parole: Gott, Familie, Eigentum nicht in die Sonne von 1789 stellte (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), sondern unter den Schatten der bürgerlichen Reaktion. Erst durch die Commune standen sich dann eine neue und eine alte Welt gegenüber: Die Commune zeigte, dass nur das Proletariat noch zu einer gesellschaftlichen Initiative fähig war, zugleich zeigte sie in aller Deutlichkeit, “daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherrn ansieht“. 31. Leo Trotzki steigert das noch, und das ist durchaus nicht falsch: die französische Bourgeoisie habe im Mai 1871 die alten Grausamkeiten des Feudaladels noch übertroffen 32. Durch den Aufstand in Paris wird der Kreis der bürgerlichen Revolution geschlossen: War diese 1789 revolutionär gegen ihre Feudalherren, so nimmt sie gegenüber dem revolutionären Proletariat nur siebzig Jahre später dessen Position ein. Für Lenin war die Commune ein Markstein der neueren Geschichte, der sich zu ihrer Periodisierung eignete: eine stürmische Zeit von 1848 bis zur Commune, ab dieser eine ihr folgende Epoche der politischen Reaktion mit einem relativ friedliches Vorwärtsschreiten bis zum Beginn der sozialen Revolution, bis zur russischen Revolution von 1905 und sodann ab dieser Revolution. (Die Krönung der russischen Revolution von 1905 war der elf Tage währende Moskauer Aufstand, der von S. Tschornomordik in ‚Istoritscheskije, Band 18, Moskau, 1946, Seite 3 bis 41‘ geschildert wird. Tschornomordik weist auf Querverbindungen dieses Aufstandes zum Pariser Communeaufstand hin). Eine Querverbindung besteht zum Beispiel in der spezifischen Herrschaftsform des Proletariats: der Rätediktatur. Ein Vergleich zwischen Paris und Moskau muss herausarbeiten, dass in Russland der Sowjet aus einem politischen Streik heraus geboren wurde, was für die Commune nicht zutraf, wie überhaupt der politische Streik in Westeuropa eine sehr seltene Erscheinung war im Gegensatz zum aufgewühlten Russland von 1905 und 1917. In Russland war er die Hauptmethode des Kampfes. Die Räte sind jedoch kein Staatstypus, den eine russische Volksbewegung erfunden hat, sondern gefunden wurde dieser von den Massen 1792 und 1871 in Frankreich, Sowjets sind also Schöpfungen der Franzosen. 33. Der deutsch-französische Krieg und vor allem die Niederlage der Pariser Revolution verschoben den Schwerpunkt der europäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland und die deutsche sozialdemokratische Partei wurde so ein Muster einer disziplinierten und organisierten Kampfpartei.

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Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
150 Jahre Pariser Commune
Autor
Jahr
2022
Seiten
36
Katalognummer
V1165082
ISBN (Buch)
9783346573469
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jahre, pariser, commune
Arbeit zitieren
Magister artium Heinz Ahlreip (Autor:in), 2022, 150 Jahre Pariser Commune, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165082

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