Autonomiebedürfnisse bei älteren Frauen und Männern im Vergleich


Studienarbeit, 2007
6 Seiten, Note: "keine"

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Einleitung

Der Autonomie alter Menschen in Alters- und Pflegeheimen wird heute grosse Bedeutung beigemessen. Die persönliche Autonomie nimmt in der aktuellen Diskussion Bezug zur Menschenwürde. Eingriffe in die Freiheit zur Selbstbestimmung sind demnach grundsätzliche Verletzungen der menschlichen Würde.1 In fast jedem Leitbild wird Selbstbestimmung als gewährleistet beschrieben und in Publikationen werden immer wieder Missstände und Mängel angeprangert.

Allgemein geht man offenbar davon aus, dass der Heimeintritt mit einer Aufgabe der Selbstbestimmung und Einschränkung einer eigenständigen Lebensführung einhergeht.2

Die Bedeutung des Themas Autonomie alter Menschen in Institutionen ist im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel zu betrachten. Man spricht von einer individualisierten Gesellschaft, in der die unpersönlichen Systeme der institutionellen und professionellen Hilfe dem Einzelnen zu wenig Chancen bietet seine persönlichen Autonomiebedürfnisse zur Geltung zu bringen.3

Im Jahre 2000 lebten 20.5% der über 80 Jährigen und 58.4 % der über 95 Jährigen in sozio-medizinischen Einrichtungen.4 Der Anteil Frauen in institutionellen Wohneinrichtungen ist in allen Altersgruppen höher als bei den Männern. Während nur jeder Siebte über 80 jährige Mann in einem Alters- und Pflegeheim wohnt, ist dies bei Frauen mehr als jede Vierte.5 Das heisst, heute leben in Alters- und Pflegeheimen vorwiegend hochaltrige Frauen.

Viele der heute Hochaltrigen waren verheiratet, der Anteil lediger und geschiedener ist in dieser Kohorte gering. Die Geburtenrate betrug im Jahre 1950 fast 2.5.6 Von den über 65 Jährigen Männern leben nur 17% in einem Einpersonenhaushalt, bei den Frauen hingegen sind es 42%.7 Für die über 80 Jährigen sind diese Zahlen sicherlich noch höher.

Die Mugsla Studie ging der Frage nach Autonomie in Heimen nach und kam zum Schluss, dass die Handlungsspielräume von Heimbewohnern eher gering einzuschätzen sind. Allerdings wurden in dieser Studien vorwiegend Pflegende und nicht Bewohnende befragt.8

Welche Autonomiebedürfnisse haben die heute hochaltrige Menschen? Ist ein Geschlechtsunterschied erkennbar? Und mit welchen Veränderungen ist in Zukunft zu rechnen?

Autonomie

Der Begriff Autonomie ist aus den griechischen Wörtern autos – selbst und nomos – Gesetzt abgeleitet. Demnach bedeutet Autonomie die Möglichkeit, für sich selbst eigene Gesetzte aufzustellen und das Recht, nach diesen zu leben. Doch Autonomie ist alles andere als ein eindeutiger Begriff. Darunter wird unter anderem Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit, Wahlmöglichkeiten, Selbständigkeit, Individualität, Kreativität und Emanzipation verstanden.10 Jeder dieser Autonomiebegriffe ist wiederum nicht eindeutig. Unter Selbständigkeit beispielsweise kann im Kontext des Themas die körperliche Selbstpflege im Gegensatz zur Abhängigkeit von Pflegeleistungen, die Fähigkeit eigenverantwortlich zu handeln im Gegensatz zur Notwendigkeit einer Bevormundung bzw. der Unterstützung durch

Vertrauenspersonen oder auch die vorhandene Ressource in einer bestimmten Situation zwischen zwei angebotenen Alternativen wählen zu können, verstanden werden. In diesen Definitionen wird Autonomie als Eigenschaft wahrgenommen. Baltes und Wahl versuchten die Autonomie als prozessuales Wechselspiel mit der Sicherheit zu beschreiben, das heisst, sie gehen davon aus, dass ein Patient zwischen Autonomie- und Sicherheitsbedürfnissen hin und her schwankt.11

Ein andere Weg sich dem Begriff Autonomie anzunähern wird besonders im Umfeld der Psychiatrie vorgeschlagen. In diesem Kontext ist Autonomie als Gegenteil von Zwang eine Kernfrage, denn seelische Störungen selbst beeinträchtigen die Autonomie des Betroffenen und in der Psychiatrie werden oft Behandlungen notwendig, die mit einer Beschränkung der Autonomie verbunden sind, wie beispielsweise die Zwangseinweisungen.12

Lensing beschreibt die Autonomie als ein „Zustand, in dem der alte Mensch sich in der Lage sieht, seine Lebensziele durch den Gebrauch eigener Verhaltenskompetenzen und Ressourcen zu erreichen. Autonomie bedeutet demnach, Entscheidungen unabhängig und eigenständig treffen sowie das eigene Leben aktiv beeinflussen und gestalten zu können.“13

In den folgenden Ausführungen, werde ich mich auf die Autonomie im Sinne von Entscheidungsspielräumen bei der Wahl zwischen verschiedener Alternativen beschränken.

Autonomiebedürfnisse

In der gerontologischen und pflegewissenschaftlichen Literatur wird unter anderem die Interpretation der Autonomie alter und kranker Menschen mit den Begriffen der (Mit)Entscheidung, (Mit)Bestimmung oder der Wahlfreiheit umschrieben. Verbunden mit diesem Autonomiebegriff ist auch die Voraussetzung der Ausübung der Autonome wie die Fähigkeit, die Macht oder Erlaubnis den Entscheidungsspielraum nutzen zu können.14 In Forschungskonzepten zum Thema Autonomie in Alters- und Pflegeheimen werden zum Beispiel folgende Bereiche untersucht15:

- Selbst- oder Mitbestimmung des Tagesablaufes wie flexible Essenszeiten, individuelle Zeiten für das Aufstehen bzw. zu Bette gehen oder Gestaltung der Freizeit und Aktivitäten

- Selbst- oder Mitbestimmung im Wohnbereich wie die Einrichtung des privaten Wohnbereiches, die Achtung der Privatsphäre oder die Mitgestaltung der öffentlichen Räumlichkeiten

- Selbst- oder Mitbestimmung bei den angebotenen Dienstleistungen vor allem der Pflege und Betreuung

- Mitsprache und Mitbestimmung, welche die gesamte Institution betreffen wie das Vorhandenseins eines Bewohnerrates, regelmässige Versammlungen mit der Heimleitung

Der wesentliche Faktor für die Entscheidung sich in einem Alters- und Pflegeheim anzumelden, ist die Sicherheit bei Bedarf Hilfe zu erhalten. Die Selbstbestimmung spielt für diese Personengruppe eine grosse Rolle. Mehr als 40% derjenigen älteren Menschen, die sich bereits in einem Alters- und Pflegeheim angemeldet haben, sind der Meinung, dass man im Heim nichts mehr selber entscheiden kann. Ungefähr 70% geben in der gleichen Befragung an, dass es für sie sehr wichtig ist, die Teilnahme an Aktivitäten selber wählen zu können, hingegen sind nur gerade 20% sehr interessiert an der Mitbestimmung bei der Menueauswahl und ungefähr weitere 50% bezeichnen dieses Autonomiebedürfnis als eher wichtig. 80% wollen die Zimmereinrichtung selber bestimmen, 70% möchten ihre eigenen Möbel mitnehmen, aber nur etwa 40% erwarten, dass sie vom Personal in der Selbständigkeit unterstützt werden.16.

Wie Menschen ihre Autonomie erleben hängt mit der eigenen Biographie und den persönlichen Interpretationsmustern zusammen.17

Autonomie und Geschlecht

Möglicherweise definieren heute hochaltrige Frauen den Begriff Autonomie anders als ihre männlichen Zeitgenossen. Die soziale Konstruktion der Geschlechtszugehörigkeit bedeutet, dass vieles (oder alles) durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen bestimmt wird. Dies trifft auch auf den Begriff der persönlichen Autonomie zu, der in der feministischen Emanzipationsbewegung einen besonders hohen Stellewert hatte. Die heute hochaltrigen Frauen sind in einer Gesellschaft gross geworden, die den Frauen weniger Wahlmöglichkeiten zubilligte als den gleichaltrigen Männern. So durften sich diese Frauen erst seit 1971 mit der Einführung des Frauenstimmrechtes am politischen Leben beteiligen. Da waren heute alte Frauen bereits zwischen 40 und 60 Jahre alt. In der Hochkonjunktur nach dem zweiten Weltkrieg heirateten die heute alten Frauen früh und kümmerten sich dank der guten Wirtschaftslage meist ausschliesslich um Haushalt und Kindererziehung.18 Damit erübrigte sich die Möglichkeit Berufe, Bildung und Arbeitsstellen zu wählen. In der Altersgruppe von 60 bis 69 Jahren hatten in der Volkszählung 2000 die Männer viermal häufiger einen universitären Abschluss als Frauen. Mehr als 50% der Frauen zwischen 25 und 64 Jahren verfügten im Jahre 1980 nur über einen obligatorischen Schulabschluss.19 Im Jahre 1988 wurde das neue Eherecht eingeführt, das eine Gleichstellung der Frau in der Ehe erstmals vorsah. Damit erhielten die Frauen beispielsweise das Recht, den gemeinsamen Wohnort mitbestimmen zu dürfen. Den eigenen Wohnort selbst zu wählen gehört heute mit zum Standard der persönlichen Autonomie und wird auch für die Wahl eines Eintrittes in ein Alters- und Pflegeheim gefordert.

Damit ein autonomes Leben möglich ist, müssen einerseits Wahlmöglichkeiten vorhanden sein, anderseits muss die Person aber auch aktiv werden und tatsächlich wählen. Der Grad der Autonomie einer Person ist demnach an ihren Entscheidungen und ihren Handlungen hinsichtlich dieser Entscheidungen ersichtlich. Erst wenn der Mensch entsprechend seinen Wünschen und seinem Willen entscheidet und tatsächlich wählt, lebt er autonom. Wählt der Mensch hingegen ohne sich zu überlegen, ob dies tatsächlich seinen Wünschen und seinem Willen entspricht, ist er nicht autonom Die Häufigkeit und Tiefe der Selbstreflexion betreffend eigener

Wünsche und das Handeln danach, sind von der durchlebten Sozialisation geprägt.20 Die Sozialisation heute alter Frauen und Männer in der Schweiz hat sich genderspezifisch unterschieden. In der Regel erlernten die Männer einen Beruf und übten bis zur Pensionierung eine Erwerbsarbeit aus. Die Frauen hingegen erlernten weit weniger häufig einen Beruf und widmeten sich meist der Hausarbeit und Kindererziehung. Diese Rollen wurden von der Gesellschaft im Allgemeinen auch erwartet und Mütter, die neben her Geld verdienten waren entweder von ihren Männern verlassen worden, arm oder Rabenmütter. Frauen, die nicht heirateten und keine Kinder hatten, wurden abschätzig als alte Jungfern bezeichnet. Noch weniger Angesehen waren ledige Frauen mit Kindern. Friedman geht deshalb davon aus, dass Männer und Frauen unterschiedliche Vorstellungen von Autonomie haben.

Während Männer, auch Ehemänner und Väter, von Freiheit träumten, waren Frauen finanziell und gesellschaftlich darauf angewiesen, dass ihre Männer diese Wünsche nicht auslebten.

[...]


1. Huber M. et al. (2005): Autonomie im Alter. Pflege kolleg schlütersche Verlag

2. Siegrist, Ch. und Gut, K (2003): Selbstbestimmung im Altersheim. Edition Soziothek, Bern

3. Geser, Hans (2001): Zur Krise des Helfens in der individualisierten Gesellschaft, www.socio.ch/health/t_geser1,html

4. Höpflinger F. und Hungentobler V. (2004): Pflegebedürftigkeit in der Schweiz. Hans Huber Verlag

5. Höpflinger F. ((2004): Traditionelles und neues Wohnen im Alter. Age Report

6. Bundesammt für Satistik, Demografisches Protrait der Schweiz 2005: www.bfs.admin.ch/bfs…publikationskatalog.Document.66633.html (Eheschliessungen und Geburtenrate) und Demografisches Porträt der Schweiz 2006:

7. www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/gleichstellung satlas/familien_und_haushaltsformen/aeltere_personen.html

8. www.pflegeunterlich-online.de/autonomie-im- Alter/praesentation/c8d3f695470dc9c0d/index.html

9. Huber M. et al. (2005): Autonomie im Alter. Pflege kolleg schlütersche Verlag

10. dito

11. dito

12. Hoff, P. und Rössler, W. (2005): Psychiatrie zwischen Autonomie und Zwang. Springer Verlag

13. Lensing, Th. (1999): Vorschau oder Rückblick? Lebensziele von Menschen im Altenheim. In Moers, M. et al. Pflegeforschung zum erleben chronisch kranker und alter Menschen, Hans Huber

14. Seidl, E. et al. (2000): Autonomie im Alter, Studien zur Verbesserung der Lebensqualität durch professionelle Pflege. Pflegewissenschaft heute Bd.6, Verlag Wilhelm Maudrich.

15. Siegrist, Ch. und Gut, K (2003): Selbstbestimmung im Altersheim. Edition Soziothek, Bern

16. Zwinggi S. und Schelling R. (2005) :Warum ins Heim? Gründe für den Eintritt in Zürcher Altersheim. www.uzh.ch/static/2005/zwinggi_schelling_motive_ah_kb.pdf

17. Huber, M. Zusammenfassung erster Resultate des Projektes Autonomie, (persönliche Mitteilung)

18. Höpflinger, F.: Zwischen Ehesakrament und Liebesbeziehung – zur Geschichte der Ehe in der Schweiz. www.mypage.bluewin.ch/hoepf/fhtop/fhfamil1a.html

19. www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/einkommen_und_lebensqualität/gle ichstellung/gleichstellung/kennzahlen/blank/publikationen.htlm

20. Friedman, M. (2003): Autonomy, Gender, Politics. Oxford University Press

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Details

Titel
Autonomiebedürfnisse bei älteren Frauen und Männern im Vergleich
Hochschule
Institut Universitaire Kurt Bösch  (INAG)
Veranstaltung
Universitäres interdisziplinäres Nachdiplomstudium in Gerontolgie
Note
"keine"
Autor
Jahr
2007
Seiten
6
Katalognummer
V116531
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autonomiebedürfnisse, Frauen, Männern, Vergleich, Universitäres, Nachdiplomstudium, Gerontolgie
Arbeit zitieren
Judith Dominguez (Autor), 2007, Autonomiebedürfnisse bei älteren Frauen und Männern im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116531

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