Die Fragestellung der Hausarbeit lautet: Was bedeutet der Schiffbruch für den Mensch? Die sehr breite Fragestellung wird sich in einigen Unterfragen aufklären, diese wären die Bedeutung eines eigenen Schiffbruchs oder die Betrachtung des Schiffbruchs eines Anderen, wobei hier eine Einzelperson, eine Gruppe von Menschen oder ein ganzer Staat gemeint ist.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt: In einem ersten Schritt wird auf den Forschungskontext und die Entwicklung der Fragestellung genauer eingegangen. Das dritte Kapitel behandelt bereits die Quellenlage, wobei antike Quellen zentral sein werden. Der Hauptteil beschäftigt sich mit dem Schiffbruch bei Hans Blumenberg (1920-1996), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Heinrich Heine (1797-1856) und Friedrich Nietzsche (1844-1900) und nebenbei einigen Gedanken von Johann Gottfried Herder (1744-1803).
Die Begründung der genannten Hauptquellen respektive deren Autoren, welche mit ihren Gedanken zum Schiffbruch nur einen
Bruchteil des Ganzen beitragen, liegt einerseits in ihrer Herkunft als deutsche Dichter und Philosophen und bietet zweitens einen literarisch-epochalen Übergang vom Sturm und Drang (Goethe) zur Klassik (Goethe/Herder) über den Vormärz (Heine) zu den (früh-)neuzeitlichen Philosophen Nietzsche und Blumenberg. Nach den Gedanken der Dichter und Philosophen zur
Schiffbruch-Metapher komme ich zu einem expliziten Fallbeispiel: Deutschland als Robinson Crusoe nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wird unter anderem auf die von Blumenberg erwähnte, von Paul Lorenzen (1915-1994) aufgegriffene demiurgische Robinson-Sehnsucht eingegangen.
Ziel des Fallbeispiels ist somit eine mögliche Horizonterweiterung für den/die Leser*in, was die Metaphorisierung allgemein, vor allem aber diejenige der Schiffbruchsmetapher betrifft. Diese ist –metaphorisch oder wortwörtlich – keineswegs ausschließlich negativ zu konnotieren, kann man Nietzsches Glückseligkeit doch vergleichen mit dem Schiffbrüchigen, „der
an’s Land gestiegen ist und mit beiden Füßen sich auf die alte feste Erde stellt – staunend, daß sie nicht schwankt.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungskontext und Entwicklung der Fragestellung
3. Schiffbruch in der antiken Literatur
4. Die Schiffbruchmetapher in ihrer (poetologischen) Entfaltung
4.1. Hans Blumenbergs „Schiffbruch mit Zuschauer“
4.1.1. Die nautische Daseinsmetapher
4.1.2. Der Schiffbruch: Mit dem Beispiel Ludwig Börne
4.1.3. Der Zuschauer
4.2. Johann Wolfgang von Goethes „Seefahrt“
4.3. Heinrich Heines „Lore-Ley“
4.4. Friedrich Nietzsche: Die Wahrheit oder: der Schiffbruch des Lebens
4.5. Der deutsche Staat – Der schiffbrüchige Robin Crusoe des 20. Jahrhunderts
4.5.1. Tagebucheinträge über das Staatschiff inmitten des Sturms
4.5.2. Der Sturm über dem Staatsschiff oder: Der Neubau des Staatsschiffs
5. Konklusion
6. Ausblick
7. Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnis
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Quellenverzeichnis
7.3. Abbildungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine diachrone Analyse der Schiffbruchmetapher von der Antike bis in die Neuzeit durchzuführen, wobei der Fokus auf deren literarischer Metaphorisierung und der Rolle des Zuschauers liegt. Dabei wird insbesondere untersucht, wie das Konzept des Schiffbruchs als Daseinsmetapher das menschliche Selbstverständnis sowie politische Identitäten, speziell am Fallbeispiel Deutschlands nach 1945, prägt.
- Analyse von Hans Blumenbergs „Schiffbruch mit Zuschauer“ als zentrale Primärliteratur
- Untersuchung der metaphorischen Entwicklung in der Literatur von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
- Bedeutung der Zuschauerposition und deren Ambivalenz zwischen Distanz und Betroffenheit
- Politische Kontextualisierung der Metapher, insbesondere bei Heine und in Bezug auf das „Staatsschiff“
- Fallstudie: Deutschland als schiffbrüchiger „Robinson Crusoe“ nach dem Zweiten Weltkrieg
Auszug aus dem Buch
4.1.2. Der Schiffbruch: Mit dem Beispiel Ludwig Börne
Zuallererst, noch vor einem möglichen Schiffbruch – man ignoriere hier die Vorstellung, dass das Leben sich auf dem Schiff abspielt – befindet man sich im „sicheren Hafen“ und entscheidet sich für eine Schiffreise. Doch bereits in diesem angeblich sicheren Hafen, Montaigne fügt diesem den Anhang „der Selbsterhaltung“ hinzu, scheitern nach Ebendiesem bereits viele bereits genau dort („mais gare le heurt! Il en est mille qui rompent au port”33). Für Montaigne bedeutet die Entscheidung, den Hafen zu verlassen, sich der optischen Subjektivität, nach Montaigne dem Tod, zu überlassen. Sollte der Hafen verlassen werden, dann muss – nach Descartes – der gerade Kurs bewahrt werden.34 Verlassen wir dennoch unseren Hafen des Komforts und segeln in uns unbekannte Gewässer, so sind Schiffsbrüche ein durchaus rationaler Faktor. Blumenberg konstatiert in diesem Kontext, dass die Reaktion des/der Schiffbrüchigen und das zukünftige Verhalten essenziell ist, da ein Schiffsbruch das Material für neue Schiffe liefert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Metaphorik der Seefahrt und Schiffbruch als Daseinsmetapher sowie Darlegung der Fragestellung und Vorgehensweise.
2. Forschungskontext und Entwicklung der Fragestellung: Definition des Rahmens für die literaturwissenschaftliche Analyse und Einordnung der zentralen Forschungsfrage.
3. Schiffbruch in der antiken Literatur: Untersuchung antiker Quellen und der Ursprünge der Schiffbruchmetapher, einschließlich ihrer frühen Verknüpfung mit dem Staatsschiff.
4. Die Schiffbruchmetapher in ihrer (poetologischen) Entfaltung: Hauptteil der Arbeit, der die Metapher bei verschiedenen Autoren analysiert und die Rolle des Zuschauers detailliert betrachtet.
5. Konklusion: Zusammenfassende Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse über die Schiffbruch-Zuschauer-Konfiguration und deren historische Entwicklung.
6. Ausblick: Diskussion möglicher zukünftiger Forschungsrichtungen, einschließlich anderer Sprachräume, aktueller Krisenereignisse und der Erweiterung auf visuelle Medien.
7. Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Primär- und Sekundärquellen sowie der Abbildungsnachweise.
Schlüsselwörter
Schiffbruchmetapher, Hans Blumenberg, Seefahrt, Zuschauerposition, Daseinsmetapher, Literatur, Staatsschiff, Robinson Crusoe, Metaphorik, Antike, Politische Rhetorik, Scheitern, Subjektivität, Philosophie, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die literarische Bedeutung der Schiffbruchmetapher von der Antike bis in die moderne Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Daseinsmetaphorik, die philosophische Rolle des Zuschauers, die politische Symbolik des Staatsschiffs und das Thema des Scheiterns.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich auf die Entstehung der Schiffbruchmetapher in der Antike sowie deren kontinuierliche Entwicklung und Metaphorisierung in der Literatur bis zur Neuzeit.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig ein „Close Reading“ der zentralen Primärliteratur von Hans Blumenberg sowie eine diachrone literaturwissenschaftliche Analyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Interpretation der Schiffbruchmetapher bei Autoren wie Goethe, Heine und Nietzsche sowie das spezifische Fallbeispiel des deutschen Staates als „schiffbrüchiger Robinson“ nach 1945.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Schiffbruchmetapher, Daseinsmetapher, Zuschauerposition, Politische Rhetorik und literarisches Scheitern charakterisiert.
Wie interpretiert der Autor die „Zuschauerrolle“?
Die Zuschauerrolle wird als hochambivalent dargestellt, schwankend zwischen einer boshaften Befriedigung aus der Sicherheit heraus und der unwillkürlichen Involviertheit in das Leid des anderen.
Welche besondere Bedeutung hat das Fallbeispiel „Robinson Crusoe“ für Deutschland?
Der Topos dient als Sinnbild für die Situation deutscher Frauen und des Staates nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei die Insel als Zufluchtsort der Selbstbetrachtung inmitten eines staatlichen Schiffbruchs fungiert.
Warum wird der „Hafen“ als nautisches Element analysiert?
Der Hafen fungiert als Kontrast zur Schiffbruchmetapher und symbolisiert die Ambivalenz zwischen Sicherheit und einem möglicherweise „verpassten Leben“.
- Arbeit zitieren
- Nicolas Silvani (Autor:in), 2021, Die Schiffbruch-Zuschauer-Konfiguration als Metapher von der Antike bis in die Neuzeit. Schiffbrüche, überall!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165633