Unterrichtsentwurf Liebeslyrik verstehen und deuten. "Dreistufige Drohung" von Sarah Kirsch (Deutsch Gymnasium 10. Klasse)


Unterrichtsentwurf, 2016

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

1. Analyse des Gegenstands

In dem Gedicht „Dreistufige Drohung“ von Sarah Kirsch1 geht es um die enttäuschte, wütende bis resignierte Reaktion eines verlassenen lyrischen Ichs gegenüber einer ehemals geliebten Person, welche im Gedicht mit „Du“ angesprochen wird.

Bereits der Titel deutet an, dass eine „dreistufige“, eine sich steigernde Drohung ausgesprochen wird, was im Verlauf des Gedichts, ebenso wie durch seine äußere Form, der Einteilung in drei Strophen, bestätigt wird. Zu Beginn jeder dieser Strophen wird die ungläubig, enttäuschte, wütende Frage, jeweils in abgeänderter Form gestellt, ob die geliebte Person gehen wolle. Dabei handelt es sich um rhetorische Fragen, denn das „Du“ scheint sich offensichtlich nicht durch die Drohungen, die unmittelbar auf die Fragen folgen, umstimmen zu lassen. Aufgrund der Tatsache, dass die Drohungen offenbar keine Wirkung zeigen, werden die Drohungen in der jeweiligen Strophe gesteigert.

In der ersten Strophe wird, anknüpfend an die bereits erwähnte rhetorische Frage, „Du willst jetzt gehen?“ (V. 1), der Mond als personifizierte Autoritätsfigur dargestellt. Der Ausruf des lyrischen Ichs „Das sag ich dem Mond“ (V. 2) erinnert an das trotzige Verhalten eines Kindes, das sich hilflos an einen Elternteil oder ein anderes Familienmitglied wendet, das auf den „Übeltäter“ angsteinflößend oder autoritär wirken soll. Eine ähnliche Wirkung scheint sich das lyrische Ich vom Mond zu erhoffen, der im Folgenden mit dem Neologismus „weißzahnig“ (V. 5) beschrieben wird. Dieses scheinbar sehr auffällige Merkmal des Mondes untermalt die Personifikation desselben als furchteinflößende, bedrohliche Autoritätsinstanz. Es klingt fast so, als fletsche der Mond seine Zähne während er das „Du“, wie in den Versen 3-6 beschrieben, verfolgen soll. Es ist nicht eindeutig, ob sich das lyrische Ich von der Verfolgung durch den Mond erhofft, dass seine geliebte Person zu ihm zurückgebracht wird oder ob es sich an ihm rächen möchte. Da diese Strophe jedoch die schwächste Form der Drohung darstellt und es fast so wirkt, als verdränge das lyrische Ich unerwiderte Gefühle und wolle das „Du“, auch gegen seinen Willen an sich binden - erscheint die erste Variante plausibler.

Mit dem Übergang in die zweite Strophe wird deutlich, dass die erste Drohung des lyrischen Ichs offensichtlich keine Wirkung zeigt und am „Du“ regelrecht abprallt. Aus diesem Grund folgt auf die rhetorische Frage „Die Klinke drückst du?“ (V. 7), die erneut sinngemäß die Enttäuschung und Ungläubigkeit der rhetorischen Frage aus der ersten Strophe wiedergibt, eine gesteigerte Drohung. An der Stelle erfolgt die Personifikation des Windes, der ebenfalls für eine Autoritätsperson stehen soll, dessen Handlungsspielraum sich im Gegensatz zum Mond jedoch nicht nur auf Verfolgung und Bedrohung beschränkt, sondern bestrafend, verletzend wirken soll. Die Aufgabe des Windes, den ehemals Geliebten mit „Ruß und Regen“ zu „[schminken]“ ist sinnbildlich zu verstehen. Während die Verfolgung der ersten Strophe durch den Mond im großen Wagen im Zeichen der Gestirne stand, wird die Aufgabe der Bestrafung in der zweiten Strophe Naturgewalten wie Gewittern zuteil. Ruß entsteht durch Feuer, beispielsweise auf Grund eines eingeschlagenen Blitzes, was eine gefährliche Atmosphäre vermittelt, Regen durchnässt die „verlassende“ Person zusätzlich. In der gleichen Strophe erfahren diese Bestrafungen, ausgelöst durch den Wind, jedoch noch eine Steigerung. Das lyrische Ich droht mit einer Bestrafung durch den Wind mit Hilfe von Hagelkörnern, die das „Du“ „[auspeitschen]“ (Str. 2, V. 6) sollen. Das krampfhafte Festhalten an der geliebten Person weicht einer ausgeprägten Wut, die sich im Wunsch nach körperlicher Gewalt äußert. An dieser Stelle scheint die Hoffnung des lyrischen Ichs auf eine Rückkehr und Umstimmung des Geliebten durch Drohungen bereits geringer zu sein. Dass sich das lyrische Ich für das „Du“ einen vielleicht ebenso großen Schmerz wünscht, wie es selbst empfindet, wird durch den Neologismus „glasmurmelgroß“, betont, welcher gleichzeitig eine Anastrophe darstellt und durch seine Einzelstellung in diesem Vers besonders ins Auge fällt . So wird der zweiten Drohung ein besonderer Nachdruck verliehen.

Nach Betrachtung der ersten beiden Strophen und der rhetorischen Frage, die sinngemäß wieder den rhetorischen Fragen aus den ersten beiden Strophen entspricht, erwartet der Leser nun die dritte und somit höchste Form der Drohung. Was nun folgt, kann als schlimmste Drohung verstanden werden. Allerdings beruft sich das lyrische Ich hier auf keine vergleichbare Instanz aus dem Bereich der Gestirne oder Naturgewalten, wie in den beiden Strophen zuvor. Nach den ersten beiden Strophen die vor Bildlichkeit und Symbolismus regelrecht sprühen, erscheint die dritte Strophe nüchtern und schlicht. Dies spiegelt sich auch auf inhaltlicher Ebene wieder.

Das lyrische Ich gibt in dieser Strophe den (ehemals) Geliebten frei, indem es ihm bezeugt, dass ihn niemand hindere, zu gehen. Es wird betont, dass das lyrische Ich es niemandem sagen werde und seine Abwesenheit keine Träume oder Tränen zur Folge haben würden. Diese Form der Drohung scheint auf den ersten Blick zwar die stillste und gewaltfreiste, jedoch die höchste Form der Drohung zu sein. Eine stille Gleichgültigkeit und Gefühlslosigkeit stellen in „Dreistufige Drohung“ den Klimax der Drohungen dar.

Gleichzeitig kann die letzte Strophe als eine Umkehrung des Titels, als Abfindung mit den unerwiderten Gefühlen, ohne drohenden, verletzten Unterton verstanden werden. In der letztgenannten Interpretation liegt die Betonung, nach Phasen des Nicht- Wahrhaben-Wollens, der Wut und Wunsch nach Bestrafung, schließlich auf der Akzeptanz der Situation. In dieser Phase nimmt sich das lyrische Ich wieder als Individuum, das auch ohne den ehemaligen Partner existieren kann, wahr und versteht, dass es keinen Wert hat, sich krampfhaft an jemandem festzuhalten, der die eigenen Gefühle nicht im selben Maße erwidert.

2. Didaktische Analyse nach Klafki

Für viele Jugendliche im Alter von 15-16 Jahren spielt das Thema Liebe bzw.2 Liebesbeziehungen bereits eine zentrale Rolle. Während manche sich zum ersten Mal verlieben oder die erste Liebesbeziehung erleben, haben andere auch Erfahrungen mit enttäuschter Liebe, dem Ende einer Liebesbeziehung oder unerwiderter Liebe gesammelt. Diese Erfahrungen mit Liebe werden junge Menschen im weiteren Verlauf ihres Lebens prägen. Es bietet sich daher an, dieses Thema, das kaum näher an der Lebenswelt der Schüler sein könnte, zum Gegenstand des Deutschunterrichts zu machen.

Obwohl viele Schülerinnen und Schüler der Lyrik gegenüber voreingenommen sind, begegnet ihnen vor allem moderne Liebeslyrik in Form von Liedtexten täglich. Aktuell sind deutschsprachige Künstler wie Cro oder Namika besonders beliebt, was es erleichtert, die Brücke zu modernen Liebesgedichten zu schlagen. Im Sinne der Zugänglichkeit sowie der Exemplarität, widme ich mich in dieser Einheit ausschließlich moderner Liebeslyrik und ausgesuchten Aspekten von Liebe, im Falle der vorliegenden Stunde dem Thema „Verlassen werden“ und dem Umgang mit dieser Thematik.

[...]


1 Aus: Sarah Kirsch: Erklärung einiger Dinge. Dokumente und Bilder. Elternhausen b. München: Langewiesche-Brandt, 1978.

2 Vgl. Klafki nach Meyer (1991), S. 131-179

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsentwurf Liebeslyrik verstehen und deuten. "Dreistufige Drohung" von Sarah Kirsch (Deutsch Gymnasium 10. Klasse)
Veranstaltung
Prüfungslehrprobe
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V1165849
ISBN (Buch)
9783346576859
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Anmerkungen zur Lerngruppe wurden weggelassen, da diese sehr spezifisch ist.
Schlagworte
unterrichtsentwurf, liebeslyrik, dreistufige, drohung, sarah, kirsch, deutsch, gymnasium, klasse
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Unterrichtsentwurf Liebeslyrik verstehen und deuten. "Dreistufige Drohung" von Sarah Kirsch (Deutsch Gymnasium 10. Klasse), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165849

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