Ausgewählte Theorien, Kontroversen und Perspektiven der Wirtschaftsgeographie


Essay, 2017

17 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG
TEIL I - DEFINITION UND EINFÜHRUNG
TEIL II - THEORIE UND KONTROVERSEN
TEIL III - PERSPEKTIVEN UND ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Gesamtkonzept der Geograph ie

Abbildung 2: Das Gliederungssystem der Wirtschaftsgeographie

Abbildung 3: Drei Stufen der Industriestandorttheorie nach WEBER

Abbildung 4: Formel und Lagerente bei einem Anbauprodukt

Abbildung 5: Entstehung hexagonaler Marktgebiete

Abbildung 6: System der zentralen Orte mit unterschiedlichen Gütern

Essay zur Teildisziplin: Wirtschaftsgeographie

EINLEITUNG

Wirtschaftsgeographie basiert auf der Entwicklung von spezifischen Theorien, Methoden und Modellen, die für die Darstellung, Erforschung und Erklärung ökonomischer Prozesse geeignet sind. Wie umfassend und dynamisch der Teilbereich der Wirtschaftsgeographie jedoch ist, fällt erst bei näherer Betrachtung auf. Die nach wie vor bestehende Aktualität vieler klassischer Theorieansätze ist zu betonen, ebenso wie die zu entdeckenden Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Theorieansätzen nicht abgeschlossen ist. Der vorliegende Essay ist in drei Teile gegliedert, wobei zunächst in Teil I die Einordnung der Wirtschaftsgeographie in das Gesamtkonzept der Geographie stattfindet. Daran anschließend folgt die Definition und Gliederung der Wirtschaftsgeographie. Zu betonen ist hierbei der raumwirtschaftliche Ansatz, sowie aktuelle Fragestellungen der Wirtschaftsgeographie erläutert werden. Der Teil II stellt ausgewählte Theorien und Kontroversen der Wirtschaftsgeographie vor. Ausführlich wird die Standorttheorie und Standortstrukturtheorie vorstellt, um explizit die Unterteilung und das Zusammenspiel von Theoriekonzepten darzustellen. Folgend werden die fehlenden Theoriekategorien: räumliche Mobilitätstheorie, regionale Wachstums- und Entwicklungstheorie sowie räumliche Organisations- und Netzwerktheorie im Überblick erläutert. Der Essay schließt mit Teil III, den Perspektiven und einer abschließenden Betrachtung der Wirtschaftsgeographie, indem vor allem aktuelle und mögliche künftige Entwicklungen der Wirtschaftsgeographie vorstellt werden.

TEIL I - DEFINITION UND EINFÜHRUNG

Wie ist die Wirtschaftsgeographie in das Gesamtkonzept der Geographie einzuordnen?

Grundsätzlich ist die Wirtschaftsgeographie fachinhaltlich und institutionell-organisatorisch als Teildisziplin der Fachwissenschaft Geographie zu bezeichnen. Wie in Abbildung 1 dargestellt, unterteilt sich die Geographie inhaltlich zunächst in die zwei großen Teilbereiche der Thematischen und Regionalen Geographie. Diese wiederum sind in vier Unterbereiche gegliedert, die Physische Geographie und die Humangeographie sind dabei eindeutig der Thematischen Geographie zuzuordnen. Demnach ist die Landes- und länderkundliche Darstellung in der Regionalen Geographie zu lokalisieren. Ein besonderer Unterbereich bildet die Regionalforschung, die sowohl Anteile der Thematischen wie auch der Regionalen Geographie enthält. In diesem Gesamtkonzept ist die Wirtschaftsgeographie als Zweig der Anthropogeographie (Humangeographie) zu verstehen, der mit den anderen beiden Zweigen: der Sozialgeographie und der Kulturgeographie eng verknüpft sind (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Gesamtkonzept der Geographie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Blotevogel 2001.

Was ist unter der Wirtschaftsgeographie zu verstehen?

„Die Wirtschaftsgeographie erfasst und erklärt räumliche Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster, die sich aus wirtschaftlichen Handlungen des Menschen [...] ergeben. Sie untersucht das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Raum und bemüht sich deshalb um eine Synthese von Wirtschafts- und geographischer Forschung.“ (LESER 2010:1080)

Nach dieser Definition ist die Wirtschaftsgeographie als Schnittstelle zwischen den Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften, Geographie und Sozialwissenschaft zu bezeichnen. Die maßgebliche Besonderheit der Wirtschaftsgeographie ist hierbei das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Raum, welches bspw. ermöglicht, wirtschaftliche Aktivitäten von unterschiedlichen Akteuren in der räumlichen Perspektive zu erfassen, darzustellen, zu bewerten und gegebenenfalls vorherzusagen.

LIEFNER und SCHÄTZEL (2017:12f.) stellen dabei folgende Definition der Wirtschaftsgeographie auf, die besonders gut auf das Zusammenspiel von Struktur, Interaktion und Prozess im Raum hinweist. Wirtschaftsgeographie ist die.

„Wissenschaft von der räumlichen Ordnung und der räumlichen Organisation der Wirtschaft. Sie stellt sich im raumwirtschaftlichen Ansatz die Aufgabe, räumliche Strukturen und ihre Veränderungen - aufgrund interner Entwicklungsdeterminanten und räumlicher Interaktionen - zu erklären, zu beschreiben und zu bewerten. Dabei sind die Verteilung ökonomischer Aktivitäten im Raum (Struktur), die räumliche Bewegung von Produktionsfaktoren, Gütern und Dienstleistungen (Interaktion) sowie deren Entwicklungsdynamik (Prozess) als interdependentes Raumsystem zu verstehen.“

Historisch betrachtet ist die Wirtschaftsgeographie seit dem entstandenen Interesse der frühen Neuzeit von Paradigmenwechseln geprägt, welche die Fragestellungen der Forschung beeinflussten. Im 19. Jahrhundert wurde demnach von der Geographie des Welthandels (KARL ANDREE 1808-1875) gesprochen, da durch die Kolonialisierung eine Produktenkunde von Nöten wurde (vgl. BRAUN, SCHULZ 2012:10). Daran anknüpfend entstand zu Beginn der 1920er- Jahre die Ausprägung der Wirtschaftsgeographie als Subdisziplin der Geographie vor allem durch das Wechselwirkungsprinzip (RUDOLF LÜTGENS 1881-1972) zwischen Natur und Mensch sowie der Geo- oder Naturdeterminismus (FRIEDRICH RATZEL 1844-1904) (vgl. EBD.:11). Nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein weiterer Paradigmenwechsel hervorzuheben, der vor allem die theoretische und methodische Orientierung der Wirtschaftsgeographie voranbrachte und ins Zentrum der Fragestellungen die Standortoptimierung stellte. Die exakten Entwicklungsphasen der Wirtschaftsgeographie lassen sich in zahlreichen Werken, wie bspw. von KULKE (2017:13) verfolgen. Zentral für diesen Essay ist, dass ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die quantitativen Forschungsmethoden den raumwirtschaftlichen Ansatz hervorgebracht haben. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die „Neue Wirtschaftsgeographie (New Economic Geography (nach PAUL KRUGMAN in den 1990er Jahren gegründet (vgl. LIEFNER, SCHÄTZEL 2017:11)) mit in wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen und Prozesse eingebundener Theoriebildung“ entstanden, ebenso wie die „Geographical Economics mit Einbeziehung räumlicher Komponenten (z.B. unvollkommene Märkte, Transport-/ Transaktionskosten, externe Effekte, economies of scale) in wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungen“ Beachtung erlangte (KULKE 2013:13). Historisch ist demnach nicht nur die neue Theoriebildung zu beachten, sondern auch die Übergänge von der Agrar-, zur Industrie­, zur Wissensgesellschaft, die eine Veränderung in den Wechselwirkungen zwischen Produkt, Betrieb und Standort zur Folge hatte. Während in der Agrargesellschaft eine Einheit dieser drei Aspekte vorlag, fand in der Industriegesellschaft eine strikte Trennung von Konsum und Produktion (The First Unbundling nach RICHARD BALDWIN (2006) (vgl. LIEFNER, SCHÄTZEL 2017:14)) statt. Schließlich löste der Übergang zur Wissensgesellschaft die Dekonzentration der Produktion aus, woraus eine Vielzahl an Zwischenprodukten und produktspezifischen Dienstleistungen resultieren (The second greand unbundling nach RICHARD BALDWIN (2006)), aus denen erhebliche Um- bzw. Neustrukturierungen der Theorien für die Wirtschaftsgeographie entstanden sind und zudem die Komplexität weiter erhöhten (vgl. LIEFNER, SCHÄTZEL 2017:14).

Wie ist die Wirtschaftsgeographie gegliedert?

Bei der Gliederung der Wirtschaftsgeographie gibt es unterschiedliche Ansätze. In diesem Essay wurde das Gliederungssystem nach ELMAR KULKE (2017:19) ausgewählt, bei dem zunächst die einzelwirtschaftliche Ebene (Standorte und Standortsysteme) von der gesamtwirtschaftlichen Ebene (Räume und Raumsysteme) unterschieden wird (vgl. Abbildung 2). Grundlage beider Ebenen ist jedoch die Untersuchung der räumlichen und dynamischen Struktur. Zunächst wird die linke Hälfte der Abbildung 2, der einzelwirtschaftliche Ansatz genauer erläutert. Die einzelwirtschaftliche Ebene, auch Mikroökonomie, beinhaltet die Gliederung in Sektoren, d.h. die Arten der wirtschaftlichen Aktivitäten, wie z.B. die hier dargestellte klassische Unterteilung in Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen. Weiterhin wird in der Abbildung 2 die wissenschaftliche Betrachtungsebene vor allem entsprechend des dominierenden raumwirtschaftlichen Ansatzes dargestellt, der die theoretische Erklärung, die empirische Messung und die Entwicklung einer Gestaltungsempfehlung vereint, sowie die einflussnehmende Akteursgruppe, welche sich nicht nur auf die Anbieter/Unternehmen beschränkt, sondern auch die Nachfrager/Konsumenten und die Planer/Politiker betrachtet und somit die Einflussnahme aller drei Akteursgruppen betont wird. Hierbei hebt KULKE (2017:20) diese Berücksichtigung aller Akteursgruppen hervor, da viele Autoren nur die Anbieter/Unternehmen betrachten und somit keine einzelwirtschaftliche Querschnittsbetrachtung, wie bspw. die „empirische Messung des räumlichen Nachfrageverhaltens nach Dienstleistungen“ möglich ist.

Auf der rechten Seite der Abbildung 2 ist die gesamtwirtschaftliche Ebene, auch makroökonomischer Ansatz genannt, dargestellt. Zunächst unterteilt sich die Betrachtungsebene des Gesamtraumes in den internationalen, nationalen oder regionalen Raum, wobei durchaus Zwischenmöglichkeiten vorhanden sind, wie z.B. die Betrachtung der Europäischen Union als supranationaler Integrationsraum. Entsprechend der einzelwirtschaftlichen Ebene verfolgt auch die gesamtwirtschaftliche Ebene den raumwirtschaftlichen Ansatz (s.o.). Letzlich wird im Zuge der gesamtwirtschaftlichen Ebene die räumliche Verteilung und auch räumliche Disparitäten, sowie die räumliche Interaktion von Gütern und Produktionsfaktoren als Untersuchungsgegenstand behandelt. Zwei Beispiele für typische Teilmodule, welches mit Hilfe dieses Ansatz untersucht werden kann sind „die theoretische Erklärung des internationalen Güteraustauschs oder die empirische Messung nationaler Disparitäten“ (KULKE 2017:21).

Abbildung 2: Das Gliederungssystem der Wirtschaftsgeographie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kulke 2017:19.

Dieses ausgewählte Gliederungssystem der Wirtschaftsgeographie nach KULKE 2017 ist in die traditionellen Ordnungsprinzipien der Wirtschaftsgeographie in weiterentwickelter Form einzuordnen. Eine weitere mögliche Gliederung wäre bspw. die reine sektorale Gliederung (Drei-Sektoren-Hypothese nach FOURASTIÉ 1949/1954), wobei in den primären (rohstoffbasierte Aktivitäten, Land- und Forstwirtschaft), sekundären (Industrie, Handwerk) und tertiären Sektor (öffentliche und private Dienstleistungen) unterteilt wird und weiterhin eine Verschiebung zwischen den Sektoren im Zuge von Mechanisierung und Automatisierung stattfindet (vgl. BRAUN, SCHULZ 2012:18ff.).

Was ist unter dem raumwirtschaftlichen Ansatz zu verstehen?

Wie bereits deutlich wurde liegt der Unterschied zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsgeographie in der Erfassung der ökonomischen Systeme ohne und mit direktem Raumbezug. Auch die Wirtschaftsgeographie besteht aus den Teilbereichen der Theorie, Empirie und Politik, wobei in diesem Essay besonderes Augenmerk auf die Theorie gelegt wird. Im Mittelpunkt der Theoriebildung steht die Frage nach der „Verteilung ökonomischer Aktivitäten im Raum, [...] Verflechtung zwischen den Standorten sowie [...] Veränderung von Raumstruktur und Interaktion in der Zeit [...] als ökonomisches Raumsystem, als interdependente Gesamtheit [.].“ (LIEFNER, SCHÄTZEL 2017:13). Weiterhin teilen LIEFNER und SCHÄTZEL (Ebd.) die Raumwirtschaftstheorien in vier Theorienkomplexe ein: „die Standorttheorien, die räumlichen Mobilitätstheorien, die regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien sowie die räumlichen Organisations- und Netzwerktheorien“.

Welche zentralen Fragestellungen sind aktuell in der Wirtschaftsgeographie relevant?

In der modernen Wirtschaftsgeographie liegt eines der Kerninteressen in der Ursachen- und Folgenforschung für ungleiche Entwicklungen, wodurch vor allem die Optimierung der Ökonomie in schwachen Regionen angestrebt bzw. zumeist eine Verbesserung einzelner schwächerer Zonen innerhalb einer Region auf das Durchschnittsniveau der Region angehoben werden soll. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Ermittlung (un)günstiger Standortfaktoren sowie deren positiven und negativen Auswirkungen auf Standortentscheidungen. Aus diesen beiden Kerninteressen heraus lassen sich zentrale Fragestellungen der Wirtschaftsgeographie ableiten:

- „Wie lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit von Wirtschaftsregionen politisch und planerisch fördern?
- Welche Standorte sind für Industriebetriebe oder Einzelhandelsgeschäfte besonders geeignet?
- Warum führt die Globalisierung an manchen Orten zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, während sie woanders zu einer Konzentration von sozialen und ökologischen Problemen beiträgt?
- Wie reagiert die Wirtschaft auf den wachsenden Einfluss energie-, umwelt- und klimapolitischer Maßnahmen?“ (BRAUN, SCHULZ 2012:8f.)

Zunächst wurde von der Variante, eigene Fragestellungen auf Basis der Literatur zu generieren, ausgegangen, jedoch sind die zentralen Fragestellungen durch BRAUN und SCHULZ (2012) hervorragend formuliert und treffen auch aus Sicht der Autorin die aktuell relevanten Themenbereiche exakt. So sind bspw. die Wettbewerbsfähigkeit und Standortentscheidung einige seit Jahren bzw. Jahrzehnten konstant relevante Themen, während die Globalisierung zunehmend wichtiger geworden ist und zuletzt die Reaktion der Wirtschaft auf wachsende klimapolitische Maßnahmen z.B. im Zuge des „Diesel-Skandals“ topaktuell sind.

TEIL II - THEORIE UND KONTROVERSEN

Die Raumwirtschaftstheorien wurden bereits in die vier Theorienkomplexe: „die Standorttheorien, die räumlichen Mobilitätstheorien, die regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien sowie die räumlichen Organisations- und Netzwerktheorien“ (LIEFNER, SCHÄTZEL 2017:15) eingeteilt. Hierbei wird die Standorttheorie am ausführlichsten beleuchten und ist zunächst der Struktur zuzuordnen. Der Aspekt der Interaktion wird maßgeblich durch räumliche Mobilitätstheorien vertreten, demnach wird der Aspekt des Prozesses durch die regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien vertreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Theorien, Kontroversen und Perspektiven der Wirtschaftsgeographie
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Bilanzmodul
Note
13
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V1165942
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geographie, Wirtschaftsgeographie, Bachelor Geographie, Teildisziplin
Arbeit zitieren
Stefanie Menstell (Autor:in), 2017, Ausgewählte Theorien, Kontroversen und Perspektiven der Wirtschaftsgeographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165942

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