Auf dem Weg zum Volkssport

Einführung und Verbreitung des Fußballs in Deutschland


Bachelorarbeit, 2007

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Das ,Mutterland‘: Herausbildung des modernen Fußballs in England

3. Turnen – der ,Sport‘ im Deutschland des 19. Jahrhunderts

4. Der Fußball kommt nach Deutschland: Die Anfänge im Kaiserreich
4.1 Pionierarbeit durch Engländer und Konrad Koch
4.2 Erste Vereinsgründungen, erste Spiele
4.3 Eine Sache des Bürgertums und der Mittelschichten
4.4 Arbeiter im Fußball
4.5 Vorbehalte gegen den neuen Sport

5. Um die Jahrhundertwende: Organisation und ,Eindeutschung‘ des Fußballs
5.1 Der Deutsche Fußball-Bund schafft Strukturen
5.2 Nationale Aneignung: Fußball wird ein ,deutsches‘ Spiel
5.3 Tendenz zur Militarisierung und politischen Funktionalisierung des Fußballs?
5.4 Der DFB zwischen ,Lobbyarbeit‘ und nationalem Konservatismus

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Einige Leute behaupten, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht. Ich kann denen versichern, dass es viel ernster ist als das.“1 Diese berühmten Sätze stammen von der schottischen Fußball-Legende Bill Shankly (1913- 1981). Auch wenn dieser Ausspruch Shanklys, der als Trainer des englischen Traditionsklubs FC Liverpool in den 60er- und 70er-Jahren zu Ruhm und Ehren kam, jeden rationalen Rezipienten schmunzeln lässt, so sagt er doch einiges aus über die Bedeutung, die der Fußball im 20. Jahrhundert gewonnen hat. Er zeigt erstens, mit welcher ideologischen Überhöhung der Sport heute teilweise beladen wird. Er verdeutlicht zweitens, welche Relevanz das Spiel, individuell oder kollektiv, besitzen kann.

Dass Shanklys Äußerung die Initialzündung für die Geschichtswissenschaft war, sich mit dem Fußball auseinanderzusetzen, ist kaum anzunehmen. Dennoch ist das Massenphänomen auch an der Forschung nicht vorbeigegangen und gibt seit den 1970er- Jahren Anlass zu einer Vielzahl von Publikationen über den Fußball. Bis zum verstärkten Aufkommen der Alltagsgeschichte galt der Gegenstand als unseriös. Wichtiges Merkmal der Sportgeschichte ist ihr interdisziplinärer Charakter: Historiker, Sozialwissenschaftler und Sportwissenschaftler beteiligen sich an der Erforschung des Themenfeldes.2 Die Etablierung ist in Deutschland noch nicht abgeschlossen, aber der Fußball ist definitiv zu einem sozial- und alltagsgeschichtlichen Gegenstand geworden.

Welchen gesellschaftlichen Stellenwert der Sport heute besitzt, demonstrierte nicht zuletzt vergangenes Jahr die Weltmeisterschaft in Deutschland, die Millionen Menschen weltweit in ihren Bann zog und sie für rund vier Wochen auf ein sportliches Großereignis fokussieren ließ. Die Zusammensetzung aktueller Profi- und Amateurmannschaften sowie des Publikums von den Bundesligastadien bis hin zu den Dorf- und Kleinstadtplätzen kommt einem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft gleich. Fußball hat heute in allen Schichten und Milieus Anhänger und aktive Teilnehmer und wird damit zu Recht als Volkssport bezeichnet.

Dass dem jedoch nicht immer so war, liegt auf der Hand. Vielmehr dauerte es nach der Einführung des ,englischen Spiels‘ in den 1870er-Jahren über ein halbes Jahrhundert, ehe der Fußball die deutsche Bevölkerung in größerem Ausmaß erfasste. Diese Arbeit befasst sich daher mit der Einführung und Verbreitung des Fußballsports in Deutschland. Sie untersucht die Faktoren, die für die Verbreitung des Spiels von Bedeutung waren und fragt nach den hauptsächlichen sozialen Trägern seiner Entwicklung. Zu klären ist weiterhin, welche gesellschaftlichen und politischen Umstände den Etablierungsprozess des Fußballs verlangsamten bzw. beschleunigten. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich von der Einführung des Spiels in den 1870er-Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, der wie für Deutschland generell auch für die Fußballgeschichte eine Zäsur darstellte. Mehr als einen knappen Ausblick auf die weitere Entwicklung in der Weimarer Republik kann diese Arbeit aufgrund des vorgegebenen Umfangs nicht leisten.

Die Herausbildung des modernen Fußballs in England und Erläuterungen über das Turnen als dem deutschen ,Sport‘ des 19. Jahrhunderts markieren den Ausgangspunkt der Arbeit. Das erste Hauptkapitel umfasst die Frühphase des Fußballs im Kaiserreich, in der sich abzeichnete, in welchen Teilen der Gesellschaft das Spiel sich etablieren und wo es auf Widerstände treffen würde. Im zweiten zentralen Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf der Zeit nach der Jahrhundertwende, in der sich der Fußball organisatorisch weiterentwickelte und zu einem ,deutschen Spiel‘ wurde. Im Rahmen der Arbeit spielt die Streitschrift von Karl Planck „Fusslümmelei – Über Stauchballspiel und englische Krankheit“ aus dem Jahr 1898 eine wichtige Rolle.

2. Das ,Mutterland‘: Herausbildung des modernen Fußballs in England

England gilt gemeinhin als ,Mutterland‘ für den heute weltweit verbreiteten Fußball. Dort bildeten sich alle Strukturen, die den Sport bis heute prägen, als erstes aus, seien es Regeln, Verbände, Wettbewerbe, Kommerzialisierung oder Professionalisierung. Die Anfänge des Spiels gehen bis auf das Hochmittelalter zurück. Ein erster schriftlicher Beleg für seine Existenz stammt allerdings erst aus dem 14. Jahrhundert, als der englische Herrscher Edward II. den folk oder village football 1313 per königlichem Dekret verbot. Das auffälligste Merkmal dieser Frühform des Fußballspiels: Sie wurde ohne fixierte Regeln hinsichtlich der Spieldauer, des Spielfeldes oder der Anzahl der Spieler praktiziert. Weitere Charakteristika waren die explizite Körperbetontheit (daraus resultierte, dass folk football in erster Linie von Männern gespielt wurde) sowie die hauptsächliche Verbreitung in den niedrigen Ständen.3 Das Spiel erfreute sich bei der Obrigkeit keiner großen Beliebtheit, sondern wurde von Monarchie und Kirche zumeist argwöhnisch betrachtet. Spiele an kirchlichen Feiertagen ließen den folk football in Konkurrenz zur Religion treten, stellten eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar, waren in Fällen der Verletzungen von Spielern der englischen Militärkraft abträglich, so lauteten die Bedenken. Auch in der entstehenden Arbeiterschaft existierten Anfang des 19. Jahrhunderts Vorbehalte dergestalt, es sei eine für die Klassenbelange nutzlose Tätigkeit. Die Begleiterscheinungen der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung, wie fixe Arbeitszeiten und Platzmangel infolge der Urbanisierung, zählen zu den Ursachen, die das vorläufige Ende des Volksfußballs bedeuteten, das auf Mitte des 19. Jahrhunderts zu datieren ist.4 Zum Fortbestand bzw. zur Fortentwicklung des folk football trugen die public schools entscheidend bei, indem sie ihn als Schulspiel institutionalisierten:

„Die Bedeutung der Public Schools sollte vorrangig darin bestehen, dass hier das rohe Spiel einem Verregelungs- und Zivilisierungsprozess unterzogen wurde. In den Public Schools wurde der Volksfußball sukzessive zu einem modernen Sportspiel – mit fester und formaler Organisation und einem vielfältigen und schriftlich niedergelegten Regelwerk.“5

Indem der Volksfußball an den public schools Einzug hielt, entwickelte er sich zunächst von einem Massensport zu einer exklusiveren Betätigung des Bürgertums und des niederen Adels. Besonders die Schulen in Eton, Rugby und Harrow machten sich um die Modernisierung des Fußballs verdient.6 So wurde Rugby Vorreiter eines pädagogischen Modells, das die Schüler zu mehr Verantwortungsbewusstsein, Disziplin, Altruismus, moralischem Verhalten und Gemeinschaftssinn erziehen sollte. Als Mittel dienten hierfür vor allem Fußball und Cricket als Spiele mit hohem Organisationsgrad und festen Regeln. Erfolg war dem football schon dadurch beschieden, dass er im auslaufenden 19. Jahrhundert zum Bestandteil der Lehrpläne wurde.7 Auf die public schools gehen auch die ersten Regelwerke zurück. Rugby gab 1846 eines heraus, das Regeln zur Art des Körpereinsatzes und zum formellen Rahmen des Spiels aufstellte. Drei Jahre später zog Eton nach. Ein gravierender Unterschied bestand darin, dass die etonian rules das Handspiel kategorisch ausschlossen. Damit war der Weg zur späteren Aufteilung des football in ein handling game und ein kicking game , in Rugby und Soccer, vorgezeichnet.8 Den wohl wichtigsten Schritt zum Fußball moderner Prägung verkörperte die Gründung der Football Association (FA) durch Londoner Vereine am 26. Oktober 1863, deren Ziel die Vereinheitlichung der Regeln war, um der Verwirrung durch die verschiedenen nebeneinander bestehenden Regelwerke entgegenzuwirken. Am 8. Dezember desselben Jahres wurden die Regeln beschlossen, Handspiel und Attacken gegen die Beine des Gegners wurden verboten. Zudem legte die FA einen runden Ball statt des eiförmigen Rugby-Leders als Spielgerät fest, erteilte Schiedsrichter-Lizenzen und publizierte ihre Regeln. Das erste Spiel nach diesen Regularien absolvierten Barnes und Richmond (0:0) am 19. Dezember 1863. Bis 1877 existierten jedoch weitere Associations in England mit eigenen Regelwerken. Erst danach wurde die FA zur zentralen und führenden Instanz.9 Zunächst dominierte aber Rugby weiterhin das Sportgeschehen, obwohl sich die Aktiven erst 1871 zu einem eigenen Verband, der Rugby Football Union (RFU) , zusammenschlossen. Dass Soccer10 dem Rugby in dem Jahrzehnt ab 1880 den Rang ablief, lag vor allem an dem weniger komplexen Regelwerk sowie an der größeren Attraktivität und dem höheren Unterhaltungswert durch mehr Abwechslung und mehr Spielfluss.11 Die Sozialstruktur der aktiven Fußballer und der Zuschauer änderte sich durch den größeren Bekanntheitsgrad, als Mittelschicht und Arbeiterklasse hinzustießen.12 Obwohl von Bürgerlichen und Adligen entscheidend forciert, besaß Soccer früh den Charakter eines Sports der arbeitenden Bevölkerung. Ihm haftete nicht der Geruch eines elitären Sports wie Rugby oder Cricket an, zu dem er ebenfalls in Konkurrenz stand.13 Fußball avancierte Ende des 19. Jahrhunderts zur Hauptfreizeitbeschäftigung der Arbeiter, und diese dominierten Mitgliederschaft und Publikum der großen Klubs.14 Die Gründung der Profi- Liga zur Saison 1888/89 verlieh dem Soccer einen erneuten Schub: Es entwickelte sich eine höhere Spielkultur, weshalb noch mehr Zuschauer zu den Spielen strömten.15 Damit war die Grundlage für den Siegeszug des Fußballs auch in Kontinentaleuropa gelegt.

3. Turnen – der ,Sport‘ im Deutschland des 19. Jahrhunderts

Wenn heutzutage in Deutschland von einer ,Sportlandschaft‘ die Rede ist, so ist dieser Begriff definitiv zutreffend angesichts eines äußerst komplexen Angebots und zahlreicher ausdifferenzierter Sportarten. Für das 19. Jahrhundert hingegen genügt dafür im Grunde ein Wort: Turnen. Denn das deutsche Turnen beherrschte das Feld der Leibesertüchtigung und -erziehung zu dieser Zeit. Die damalige Vorstellung von Körperkultur war quasi gleichbedeutend mit Turnen.16 Als Gründervater der Turnbewegung in Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn, der diese Form der sportlichen Betätigung als Reaktion auf die preußische Niederlage gegen Napoleon und die französische Besatzung initiierte.

Vorrangiger Zweck dabei: die Wehr ertüchtigung und Steigerung der Wehr fähigkeit der deutschen Bevölkerung.17 Jahn institutionalisierte das Turnen mit Gymnastik und Geländespielen 1811 auf der Berliner Hasenheide, die zum festen Übungsplatz für die Aktiven wurde. Die Teilnehmer setzten sich vorrangig aus Schülern und Studenten zusammen, später stießen auch junge Berufstätige hinzu.18 Christiane Eisenberg verweist darauf, dass bei den Übungen kein Kasernenhof-Ton herrschte, spricht aber von einer „unterschwellige[n] Militarisierung, die die Jahnsche Initiative charakterisierte und ihren Erfolg begründete“.19 Eine wichtige Erfolgsvoraussetzung lag auch in der forcierten Verbreitung deutscher Fachausdrücke für die Turnübungen.20 Nationalistische und sprachpuristische Gründe dürften dafür den Ausschlag gegeben haben.

Im Sinne einer gesteigerten Volkswehrfähigkeit stand das Kollektiv beim Turnen im Mittelpunkt. Eine turnerische Gesinnung wurde vor allem durch das Prinzip der Gleichheit gefördert: Alle trugen eine ,Turnuniform‘, als Anrede untereinander dienten „Du“ und „Bruder“. Dennoch schlug sich der Leistungsgedanke in der Turnbewegung nieder (wenn auch auf andere Weise als später beim Fußball): Die so genannten Turnriegen wurden nach Größe und Fähigkeit der Turner eingeteilt und wählten jeweils ihren Besten zum Vorturner.21 In Verbindung mit dem ebenfalls gewählten Turnrat drückte sich in der Wahl nach Wilhelm Hopf der demokratische Geist des Turnens aus.22 Das Turnen unter freiem Himmel gilt zudem als eine der ersten öffentlichen Versammlungsformen des deutschen Bürgertums.23 Die Turnerschaft bewegte sich in einem breiten politischen Spektrum, wurde aber von Konstitutionellen und Liberalen dominiert.24

Zieht man die integrierende Kraft des Turnens und die Ausbildung eines bürgerlichen Bewusstseins mit liberalen und nationalen Tendenzen in Betracht, verwundert es nicht, dass die Karlsbader Beschlüsse von 1819 auch die Turnbewegung trafen. Im Zuge der Reaktion wurde 1820 (bis 1842) die so genannte Turnsperre verhängt, Jahn für sechs Jahre inhaftiert. Das Verbot hing auch mit der engen Assoziation der Turnbewegung „mit den als subversiv betrachteten studentischen Burschenschaften“25 zusammen. Dennoch blieb Turnen als Unterrichtsfach an Schulen bestehen, weil der Nutzen für die Wehrkraft weiterhin geschätzt wurde. Erst in den 1860er-Jahren trat der Aspekt des Wehrturnens in den Hintergrund.26 Das in diese Zeit fallende Interesse der Turnerschaft für das Fechten, Merkmal der studentischen Verbindungen, kennzeichnet nach Hopf die Feudalisierung des Bürgertums, womit die ideologische Annäherung des traditionell demokratischen Bürgertums an den Adel nach der Revolution von 1848 gemeint ist. So konstatiert er:

„Standen die Turner bis 1848 […] als Teil der bürgerlichen Emanzipationsbewegung in scharfem Gegensatz zum Adel, so begann sich dies nach der verlorenen Revolution von 1848 zu ändern. Nach der Reichsgründung war von der freiheitlichen Tradition […] nichts mehr zu spüren.“27

In diesem Kontext verweist Dietrich Schulze-Marmeling auf die „Hinwendung großer Teile der Turnerbewegung zu einem dumpfen, konservativen Nationalismus […], der nur noch das ‚Deutsche‘ und nicht mehr den demokratischen Gedanken idealisierte“.28 Nach Arthur Heinrich entwickelte sich die Turnerschaft in der Folgezeit der Revolution zu einer Art Steigbügelhalter des Nationalismus:

„Die in der Deutschen Turnerschaft verbliebenen liberalen Strömungen verloren sich in den Folgejahren immer mehr. Freiheitliche Ambitionen wurden allenthalben zugunsten des Ziels staatlicher Einheit zurückgestellt. Der Krieg von 1870/71 und die Reichsgründung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles brachten dann die endgültige Identifikation der Turner mit dem neuen Deutschen Reich […].“29

In der Atmosphäre eines nach der Reichsgründung 1871 stärker werdenden deutschen Nationalismus’, der seinen Widerhall in der Turnbewegung fand, ist es nur allzu leicht vorstellbar, welchen Ressentiments ein ausländischer Sport wie der englische Fußball in Deutschland begegnen musste (siehe Kapitel 4.5.). Dass einige Vereine, die der 1868 gegründeten Deutschen Turnerschaft angehörten, mit der Zeit in ihren Spielabteilungen auch Fußball anboten30, war wohl eher dem Sachzwang geschuldet, sich nicht gänzlich dem populärer werdenden Sport zu verschließen, als einer tatsächlichen Wertschätzung.

4. Der Fußball kommt nach Deutschland: Die Anfänge im Kaiserreich

„Und es war der Fußball, der sich als besonders geeignet erwies, dem individualpsychologischen Bedürfnis nach freier und ungekünstelter sportlicher Betätigung mit Wettkampfcharakter gerecht zu werden.“31 Wie hier von Wolfram Pyta angedeutet, traf Soccer neben Widerständen auch auf günstige Vorbedingungen, die ihm im 20.

Jahrhundert zum Durchbruch verhalfen. Doch dafür bedurfte es einer längeren Vorlaufzeit nach seiner Einführung in Deutschland im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

4.1. Pionierarbeit durch Engländer und Konrad Koch

Entscheidenden Anteil daran, dass der Ball im 19. Jahrhundert überhaupt erstmals in Deutschland rollte, hatten englische Bürger und Adlige, die etwa als Arbeitnehmer dauerhaft hier lebten, sich als Touristen längerfristig hier aufhielten oder gar verwandtschaftliche Beziehungen mit deutschen Herrscherhäusern hatten. Eine besondere Rolle spielten dabei die „Engländerkolonien […], die sich […] in Handelszentren wie Hamburg, Berlin und Frankfurt, in Residenzstädten wie Hannover, Braunschweig und Dresden und in Modebädern wie Baden-Baden, Wiesbaden und Cannstatt angesiedelt hatten“.32 Gemeinsame sportliche Betätigungen wie Lawn-Tennis, Leichtathletik, Hockey, Rudern, Rollschuhlaufen, Angeln und eben Fußball, die so genannten english sports , erfüllten neben dem Zeitvertreib auch die Funktion der Identitätswahrung und vergewisserung englischer Staatsbürger im Ausland. Schlichtweg aus Spielermangel kamen junge Deutsche mit dem Spiel in Berührung, wenn sie die Mannschaften verstärkten. Mannschaftsspiele mit Wettkampfcharakter konnten in Deutschland zu diesem Zeitpunkt an keine Tradition anknüpfen (siehe Kapitel 3).33

Pionierarbeit auf deutscher Seite leistete vor allem der Braunschweiger Pädagoge, Philologe und Theologe Prof. Dr. Konrad Koch (1846-1911), dem seitens der Forschung die Rolle des Gründervaters des deutschen Fußballs zugesprochen wird.34 Als Lehrer führte er 1872 am Braunschweiger Gymnasium Martino-Katharineum (in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen August Hermann) die so genannten Spielnachmittage ein, die später obligatorisch wurden und bei denen der Fußball eine zentrale Stellung einnahm. Koch war bereits seit seinem Studium mit dem englischen Spielleben vertraut und von dessen erzieherischem Wert überzeugt.35 Seine pädagogische Maxime war es, die Schüler zu Selbstdisziplin, eigenverantwortlichem und selbstständigem Verhalten und Handeln zu erziehen. Obwohl Koch in der Turnertradition stand, hielt er Fußball für besser geeignet als die gängige Form der Leibeserziehung, nicht zuletzt, weil dieser Sport mehr dem Gemeinschaftssinn der Schüler entsprach.36 Die Schulspiele bestanden u.a. aus dem so genannten Barlaufen, Kaiserball und einer Frühform des Baseballs und wurden in den Sommermonaten praktiziert.

[...]


1 Zitiert nach: Schulze-Marmeling, Dietrich: Fußball: Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen 2000, S. 8.

2 Zum Stand der Forschung und ihrer Geschichte siehe Pyta, Wolfram: Einleitung: Der Beitrag des Fußballsports zur kulturellen Identitätsstiftung in Deutschland. In: Ders. (Hrsg.): Der lange Weg zur Bundesliga: Zum Siegeszug des Fußballs in Deutschland. Münster 2004, S. 1 ff; Zimmermann, Moshe: Die Religion des 20. Jahrhunderts: Der Sport. In: Dipper, Christoph u.a. (Hrsg.): Europäische Sozialgeschichte. Berlin 2000, S. 331-350, hier 331 ff.

3 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 11 ff.

4 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 13 ff.

5 A.a.O., S. 16.

6 Vgl. a.a.O., S. 17 f.

7 Vgl. a.a.O., S. 20 f.

8 Vgl. a.a.O., S. 23.

9 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 25 f; Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Fußball, soccer, calcio: Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997, S. 7-21, hier S. 8.

10 Abgeleitet von Association , daher als Kurzform für das association game in Abgrenzung zum Rugby verwendet.

11 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 27.

12 Vgl. Mason, Tony: Großbritannien. In: Eisenberg, Fußball, soccer, calcio, S. 23 ff.

13 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 29.

14 Vgl. a.a.O., S. 30 und Mason, Großbritannien, S. 27.

15 Vgl. Mason, Großbritannien, S. 29.

16 Vgl. Hopf, Wilhelm: „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“. In: Ders. (Hrsg.): Fußball: Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart. Münster 1998, S. 54-80, hier S. 56.

32 Eisenberg, Christiane: Deutschland. In: Dies.: Fußball, soccer, calcio, S. 94-129, S. 95.

33 Vgl. a.a.O., S. 95 ff.

34 Vgl. stellvertretend Eisenberg, Deutschland, S. 98, Hopf, „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“, S. 54; Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 66 f.

35 Vgl. Hoffmeister, Kurt: Fußball – Der Siegeszug begann in Braunschweig. Braunschweig 2004. S. 20 ff.

36 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 67.

17 Vgl. Hopf, „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“, S. 56; Eisenberg, Christiane: „English sports“ und deutsche Bürger: Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn u.a. 1999, S. 108, die eine äußerst detaillierte Beschreibung der Entstehung der Turnbewegung und über deren Hintergründe bietet.

18 Vgl. Eisenberg, „English sports“, S. 109 f.

19 A.a.O., S. 111.

20 Vgl. a.a.O., S. 113.

21 Vgl. a.a.O., S. 113 f.

22 Vgl. Hopf, „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“, S. 58.

23 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 64.

24 Vgl. Eisenberg, „English sports“, S. 123.

25 Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal!: Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fussballs. Zürich 2002, S. 39.

26 Vgl. Eisenberg, „English sports“, S. 120 ff.

27 Hopf, „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“, S. 63.

28 Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 63.

29 Heinrich, Arthur: Der Deutsche Fußball-Bund: eine politische Geschichte. Köln 2000, S. 17.

30 Vgl. Brüggemeier, Franz-Josef: Anfänge des modernen Fußballs. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung 290 (2006) 1, S. 7-13, hier S. 11.

31 Pyta, Beitrag des Fußballsports, S. 7.

32 Eisenberg, Christiane: Deutschland. In: Dies.: Fußball, soccer, calcio, S. 94-129, S. 95.

33 Vgl. a.a.O., S. 95 ff.

34 Vgl. stellvertretend Eisenberg, Deutschland, S. 98, Hopf, „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“, S. 54;Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 66 f.

35 Vgl. Hoffmeister, Kurt: Fußball – Der Siegeszug begann in Braunschweig. Braunschweig 2004. S. 20 ff.

36 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 67.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Auf dem Weg zum Volkssport
Untertitel
Einführung und Verbreitung des Fußballs in Deutschland
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V116666
ISBN (eBook)
9783640184699
ISBN (Buch)
9783640184712
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volkssport
Arbeit zitieren
Folko Damm (Autor), 2007, Auf dem Weg zum Volkssport , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116666

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