Kinderarmut und die Agenda 2010

Führt die Agenda 2010 zur Verschärfung der Armutsproblematik von Kindern und Jugendlichen?


Seminararbeit, 2004

26 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Problemstellung

1. Armutskonzepte in der Diskussion
1.1 Absolute versus relative Armut
1.1.1 Eindimensionale Armutskonzepte
1.1.2 Mehrdimensionale Armutskonzepte
1.2 Die „Neue Armut“
1.3 Annäherung an ein kindgerechtes Armutskonzept

2. Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen
2.1 Struktur der Betroffenen
2.2 Armutsfolgen
2.2.1 Macht Armut krank?
2.2.2 Schule und Armut
2.2.3 Sozialisationsauswirkungen

3. Die Agenda 2010
3.1 Leitgedanken
3.2 Finanzreformen
3.2.1 Die Steuerreform
3.2.2 Die Gemeindefinanzreform
3.3 Reformen auf dem Arbeitsmarkt
3.3.1 Neues Kündigungsschutzrecht
3.3.2 Neuregelungen für Arbeitslose
3.3.3 Das „neue“ Arbeitsamt
3.4 Weiter Reformmaßnahmen
3.4.1 Gesundheitsreform
3.4.2 Rentenversicherung

4. Die Agenda 2010 und die Kinderarmut
4.1 Folgen der Gesundheitsreform
4.2 Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen
4.3 Reformkonsequenzen für Alleinstehende
4.4 Ausbau der Kinderbetreuung

5 Resümee

Literaturverzeichnis

Problemstellung

Die Arbeitsmarktbilanz ist verheerend, das Volkseinkommen schrumpft und die Haushaltsdefizite drohen außer Kontrolle zu geraten. Deutschland steckt in der längsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte und in der Ungewöhnlichsten dazu. Schlagen sich die Unternehmen im internationalen Vergleich doch hervorragend.

Getreu der Devise „Weniger Sozialstaat = mehr Beschäftigung“ hat der Wettlauf um den Abbau der Kernelemente des Sozialstaats begonnen. Die Agenda 2010 hat sich dabei die Bezeichnung als „massivsten sozialpolitischen Kahlschlag seit Bestehen der Bundesrepublik“ eingehandelt.1

Generell besteht Einigkeit, dass Deutschland endlich die Reformblockade durchbrechen muss und in nahezu allen Bereichen durchgreifende Strukturreformen gefragt sind. Hierbei gilt, dass die Reformen, die Einsparungen einbringen müssen, möglichst familienverträglich auszugestalten sind. Schlagen doch die Risiken der Gesellschaft auch direkt auf die Kinder und Jugendliche durch. So hat sich die Zahl der Kinder, die von Sozialhilfe leben müssen mittlerweile verdreifacht, während die Kinderzahl in Deutschland deutlich zurückgegangen ist. Kinder in Armut sind somit zu einer zunehmenden Realität geworden.2

Der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Kinderschutzbund warnen vor einer Verschärfung der Armutsbetroffenheit von Kindern aufgrund des Reformbündels der Agenda 2010. Sie sehen diese nicht als Sozialreform, sondern als „eine Politik, die spaltet satt integriert und Armut in unserem Land erzeugt, statt sie zu bekämpfen.“3 Die Bundesregierung hingegen spricht von notwendigen sozialpolitischen Reformen, die auch für Familien wichtige Vorteile bringen und diese in ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit unterstützen.4

Es stellt sich nun die Frage, welche Folgen die Agenda 2010 für das Fortschreiten der Kinderarmut wirklich mit sich bringen wird und wie sich die einzelnen Reformmaßnahmen auf die Armutsbetroffenheit von Kindern auswirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierzu soll im ersten Teil der Arbeit ein kinderorientierter Armutsbegriff entwickelt werden, um ein genaues Verständnis der Kinderarmut zu erhalten. Im zweiten Abschnitt werden die Risikogruppen, Ursachen, Ausmaß und Folgen der Kinderarmut näher untersucht. Nachfolgend sollen die Grundzüge der Agenda 2010 und ihre Reformmaßnahmen in den wichtigsten Bereichen vorgestellt werden, um daraus aufbauend die Folgen der Agenda für die Kinderarmut genauer analysieren zu können.

1. Armutskonzepte in der Diskussion

1.1 Absolute versus relative Armut

Der Konstrukt Armut ist ein vieldeutiger Begriff, der durch seinen Gebrauch in öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Kontexten entsprechend differenziert benutzt wird. Auch wenn in der Fachwelt das Bestreben nach einem objektiven Armutsbegriff vordergründig ist, besteht jedoch Einigkeit darin, dass es eine allgemeingültige Definition von Armut nicht gibt, da sie letztlich immer politisch – normativer Natur ist. Es ist folglich eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft, ab welchem Grad der Unterversorgung Armut beginnt.1

Absolute Armut kennzeichnet dabei das physische Existenzminimum, bei dem die notwendigen Bedürfnisse zur Selbsterhaltung, wie Nahrung, Kleidung oder Obdach nicht mehr gewährleistet sind. Dieses Konzept nimmt in der Armutsdebatte der Industrieländer jedoch eine untergeordnete Rolle ein.2

Der relative Armutsbegriff hingegen bezeichnet Personen, die aufgrund ihrer geringeren materiellen, kulturellen und sozialen Mittel von der Lebensweise ausgeschlossen werden, die innerhalb einer Gesellschaft als unterste Grenze gilt.3 Hierbei kann sich die Armut einerseits auf die Gesamtgesellschaft und deren soziale Normen, und andererseits auf die sozial differenzierte Wahrnehmung oder die Bewertung von ungenügenden Lebensverhältnissen, beziehen.

Weiterhin ist zwischen einem eindimensionalen Armutsbegriff, der sich ausschließlich auf das Einkommen bezieht und mehrdimensionalen Ansätzen, die auch weitere Dimensionen integrieren, zu unterscheiden.4

Abbildung 1 gibt einen Überblick zu den Armutskonzepten, die im folgenden vorgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1.1 Eindimensionale Armutskonzepte

Eindimensionale Armutskonzepte beschränken sich bei ihrer Bestimmung von Armut ausschließlich auf das Einkommen, wobei jedoch unterschiedliche Bezugsgrößen als Maßstab herangezogen werden.

So stellt die Sozialhilfe die politisch festgelegte Armutsgrenze dar.1

Der Sozialhilfebedarf orientiert sich dabei an den Konsumausgaben unterer Bevölkerungsschichten. Hierbei wird die Hilfe in 2 Formen gewährt, der Hilfe zum Lebensunterhalt und der Hilfe in besonderen Lebenslagen. Als Armutsmaß wird jedoch nur die Statistik zu Hilfen zum Lebensunterhalt berücksichtigt.

Dieses staatlich fixierte Existenzminimum als Armutsgrenze bietet den Vorteil einer einfachen Definition mittels vorhandener Statistiken. Der Aussagewert der Sozialhilfe ist jedoch problematisch zu bewerten, da die Sozialhilfestatistik nicht die real vorhandene Armut aufzeigt, sondern nur die offiziell erfasste (bekämpfte) Armut darstellt. Die Personen, die trotz Anspruch keine Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen, stellen einen erheblichen Anteil Armutsbetroffener dar (verdeckte Armut). So kommen laut einer Studie von NEUMANN und HERTZ auf 100 Sozialhilfeempfänger 110 verdeckte Arme, die ihre Ansprüche nicht nutzen und ein Leben unterhalb der politischen Armutsgrenze führen.2

Ein weiteres Problem der politischen festgelegten Armutsgrenze besteht in ihrer Abhängigkeit von Sparmaßnahmen. Fände beispielsweise eine Kürzung der Sozialhilfe statt, würde folglich der Anteil der Armen sinken, obwohl ihre Lage unverändert wäre.

Die Probleme der Nichterfassung verdeckter Armut und die engen Grenzen eines politischen Existenzminimums können durch die Definition von Armut im Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen überwunden werden. Das Konzept der relativen Einkommensarmut versteht Armut als prozentualen Abstand zum äquivalenzgewichteten Durchschnittseinkommens eines Landes.3 Das äquivalenzgewichtete Durchschnittseinkommen berücksichtigen die Anzahl der Haushaltsmitglieder, die vom monatlichen Haushaltsnettoeinkommen leben. Hierfür werden Personengewichte gebildet, wobei die erste erwachsene Person den Faktor 1,0 jede weitere Person über 15 Jahre den Faktor 0,5 und Kinder unter 15 Jahren den Faktor 0,3 erhalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am verbreitetsten ist hierbei die 50% Grenze, wobei folglich die Hälfte des äquivalenzgewichteten Durchschnittseinkommens als Armutsschwelle festgelegt wird.

Im Bereich der Europäischen Union wird sie als relative Einkommensarmutsgrenze verwendet, wodurch internationale Vergleiche möglich werden. Diese Grenzziehung ist jedoch relativ willkürlich und folglich verwenden viele Studien mehrere Grenzen. Meist wird hier gleichzeitig die Armutsbevölkerung für die 40% Grenze (strenge Armut), 50% Grenze (Armut) und die 60% Grenze (Niedrigeinkommen) berechnet.

Bei diesen relativen Einkommensstandards besteht nicht die Gefahr den Bezug zur allgemeinen Wohlstandsentwicklung zu verlieren, da sich mit wachsendem gesellschaftlichen Reichtum die Armutsgrenze automatisch nach oben bewegt.

Niederländische Forscher sind noch weiter gegangen und delegierten die Frage der Armutsgrenze an potentiell Betroffene zurück. Hierfür wurden diese beispielweise nach dem gerade noch ausreichenden Einkommen befragt, um aus den Antworten Armutsgrenzen bilden zu können. An diesem Konzept der subjektiven Einkommensarmut bestehen jedoch Zweifel, ob es sich hierbei nicht eher um subjektive Subsistenzunsicherheit als den Einkommensmindestbedarf handelt.1

Die eindimensionalen Ansätze, die sich ausschließlich auf das Einkommen beziehen, erfassen die Armutsproblematik nur unzureichend und folglich wurden mehrdimensionale Konzepte konstruiert, um sich der Komplexität des Armutsbegriffs weiter anzunähern. Diese sollen im folgenden vorgesellt werden.

1.1.2 Mehrdimensionale Armutskonzepte

Die mehrdimensionalen Armutskonzepte legen ihren Augenmerk auf die Multidimensionalität der Armutsproblematik.

Der Lebenslagenansatz erweitert das einkommensbezogene Armutsverständnis durch die Berücksichtigung bestehender Unterversorgung in anderen zentralen Lebensbereichen, wie Wohnen, Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, soziale Integration u. a.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Konzept der Lebenslagen vermag den Konstrukt Armut aufgrund seines multidimensionalen Zugangs am ehesten zu erfassen. Die praktische Umsetzung erweist sich jedoch als äußerst schwierig. Zum einen müssen Art und Zahl der Lebens- und Versorgungsbereiche definiert werden. Und zum anderen müssen für jeden dieser Bereiche Indikatoren ausgewählt und für jeden Indikator Unterversorgungsschwellen festgelegt werden. Aufgrund des Versuchs Armut multidimensional abzubilden wird die Lebenslagenarmut zu einem nicht leicht handhabbaren Forschungsvorhaben.

Eine Erweiterung dieses Armutskonzeptes stellt der Lebensstandartansatz dar.1 Armut wird hier als relativer Deprivation verstanden. Ist ein solcher Ausmaß von Deprivation erreicht, dass die Lebenschancen der Betreffenden erheblich eingeschränkt sind, spricht man hier von Armut. Deprivation seht hierbei für den Ausschluss von einem gesellschaftlich allgemein akzeptierten Lebensstandard, der aus Sicht der Bevölkerung ermittelt wird.

Im Gegensatz zu dem Lebenslagen- und dem Lebensstandardansatz haben milieubezogene Armutskonzepte nicht das Ziel eine objektive und allgemeingültige Armutsdefinition zu entwickeln.2 Vielmehr steht die sozial differenzierte Wahrnehmung von Lebensverhältnissen im Mittelpunkt, die objektivierende Ansätze zu ergänzen vermag.

1.2 Die neue Armut

Betrachtet man das Phänomen Armut rückt das Konzept der „neuen Armut“ unweigerlich in den Vordergrund, das die Heterogenität der Armutspopulation untersucht.3

Hierbei fällt auf, dass sich Armut kaum noch auf klassisch Arme beschränkt, sondern die Armut bis tief in die Mittelschicht hineinreicht und zunehmend Normalhaushalte bedroht. Die neue Armut ist ebenso durch eine Verschiebung von Altersarmut hin zu einer wachsenden Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen geprägt.

Auslöser hierfür sind strukturelle oder systembezogene Ursachen. An erster Stelle steht hierbei die wachsende Arbeitslosigkeit bzw. das zu geringe Erwerbseinkommen aufgrund von prekären Arbeitsverhältnissen. Ebenso führt der unzureichende Familienlastenausgleich zu einem erhöhten Armutsrisiko für kinderreiche Familien. Der Anstieg der Scheidungsquote und der damit steigende Anteil der Alleinerziehenden, hat eine Verarmung betroffener Kindern zur Folge. Und schließlich führt der erhebliche Wohnungsmangel insbesondere in Großstädten zu ungenügenden Wohnbedingungen und einer überdurchschnittlichen finanziellen Belastung.

Die neue Armut ist somit zu einem normalen und integrativen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden und kann fast jeden treffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie bereits erwähnt sind Kinder und Jugendliche besonders stark von Armut gefährdet und betroffen. Es zeigt sich jedoch als nicht ausreichend sie bei

der Armutsdiskussion nur als erhöhten Risikofaktor bzw. als Haushaltsmitglieder armer Familien zu betrachten, um Kinderarmut annähernd real abzubilden.

Vielmehr besteht die Notwendigkeit einen kinderorientierten Armutsansatz zur Grundlage der weiteren Betrachtungen festzulegen.

1.3 Annäherung an ein kinderorientiertes Armutskonzept

Das nun im folgenden vorgestellte kinderbezogene Armutskonzept orientiert sich überwiegend an den Ergebnissen der AWO-ISS-Studie „Gute Kindheit – Schlechte Kindheit“.1

In dieser Studie wagt man den Versuch einen erweiterten kindlichen Armutsbegriff zu entwickeln. Hierzu wird eine Reihe von Grundbedingungen formuliert2:

- Prinzipiell muss die Definition vom Kind ausgehen und somit die spezielle Lebenssituation der untersuchten Altersgruppe, die Entwicklungsaufgaben und die subjektive Wahrnehmung berücksichtigen.
- Ebenso besteht die Notwendigkeit den familiären Zusammenhang und die Gesamtsituation des Haushaltes einzubeziehen.
- Gleichzeitig ist eine kindorientiertes Armutskonzept mehrdimensional, um der Lebenswelt und den Entwicklungsaufgaben Rechnung zu tragen.
- Und zudem darf Armut von Kindern nicht als Sammelbegriff für benachteiligte Lebenslagen verwandt werden, vielmehr spricht man nur dann von Armut, wenn eine materielle Mangellage der Familie vorliegt, wobei hier von einer Unterschreitung der relativen Einkommensarmut von 50% ausgegangen wird.

Als Dimensionen der kindlichen Lebenslage wurde die materielle Situation der Kinder, ihre Versorgung im kulturellen Bereich, ihre soziale Situation, sowie ihre psychische und physische Lage in den Blick genommen.

Hieraus ergibt sich folgender kindbezogener Armutsbegriff: „ Von Armut wird ... gesprochen, wenn familiäre Armut vorliegt, d.h., wenn das Einkommen der Familie des Kindes bei maximal 50% des deutschen Durchschnitteinkommens liegt. Kinder bei denen zwar Einschränkungen bzw. eine Unterversorgung in den genannten Lebenslagendimensionen festzustellen sind, jedoch keine familiäre Armut vorliegt, sind zwar ... als benachteiligt zu bezeichnen, nicht jedoch als arm.“3

Wird anhand dieser Definition versucht sich dem Konstrukt der Kinderarmut zu

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

nähern, bleibt eine Reihe von bedeutenden Fragen noch unbeantwortet, wie z.B.

nach der Struktur der Betroffenen, dem Umfang der Kinderarmut und möglichen Folgen. Auf diese Fragen soll anschließend eingegangen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut und die Agenda 2010
Untertitel
Führt die Agenda 2010 zur Verschärfung der Armutsproblematik von Kindern und Jugendlichen?
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V116697
ISBN (eBook)
9783640189328
ISBN (Buch)
9783640189540
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderarmut, Agenda, Sozialpolitik
Arbeit zitieren
Denise Kouba (Autor), 2004, Kinderarmut und die Agenda 2010, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116697

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