In dieser Hausarbeit wird demonstriert, woraus Christian Berkels Gründe für die Konstruktion einer narrativen Identität resultieren und durch welche spezifische Methode er diese konstruiert. Hierfür bietet sich sein Roman "Der Apfelbaum" paradigmatisch als Untersuchungsgegenstand an. Ein Buch, das zwar in erster Linie Berkels Familiengeschichte gewidmet ist, in dem aber dennoch Berkels Identitätskrise beleuchtet wird.
Zuerst wird die Ursache für Berkels Identitätskrise dargelegt und wie sich diese Krise in psychischer Hinsicht auf ihn auswirkt. In einem nächsten Schritt wird demonstriert, dass dem narrativen Diskurs eine gewichtige Bedeutung und dass ebenjener Diskurs für Berkel einen Weg aus seiner Identitätskrise darstellt. Weiterhin wird im daran anschließenden Hauptteil erläutert, weshalb Berkels Mutter bei der Konstruktion einer narrativen Identität in den Fokus rückt und dass dieser Aspekt letztlich die Textform, die zwischen Faktualität und Fiktionalität oszilliert, bedingt.
Abschließend wird dargelegt, welche Erkenntnisse Berkel hieraus gewinnt und dass seine Identitätsfindung nichts Endgültiges darstellt sondern vielmehr einen Prozess beschreibt. Indem die Analyse Aufschluss über die Konstruktion einer narrativen Identität vermittelt, steht diese Analyse zugleich im aktuellen wissenschaftlichen Kontext und streift dabei Forschungsfelder aus der Literaturwissenschaft, aus der Identitäts- und Erzählforschung und bisweilen auch Aspekte aus der zeitgenössischen Psychologie.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Berkels Identitätskrise – Ursache und Wirkung
3 Narration als Ausweg: zur Bedeutsamkeit des narrativen Diskurses
4 Berkels Konstruktion einer narrativen Identität
4.1 Der Sonderstatus der Mutter
4.2 Die adäquate Textform: ein Oszillieren zwischen Faktualität und Fiktionalität
4.2.1 Zur Funktion des faktualen Textteils
4.2.2 Vom Nutzen der Fiktionalität
5 Identitätsfindung als Prozess
6 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Autor Christian Berkel in seinem Buch „Der Apfelbaum“ durch die bewusste Konstruktion einer narrativen Identität versucht, seine persönliche Identitätskrise zu bewältigen und die Lücken in seiner Familiengeschichte zu schließen.
- Psychologische Auswirkungen von Identitätskrisen und das Streben nach Kohärenz
- Die Bedeutung des narrativen Diskurses als Mittel der Wirklichkeitskonstruktion
- Das Spannungsfeld zwischen autobiographischer Faktualität und fiktionaler Gestaltung
- Die Rolle der Mutter als zentrale Figur und Auslöserin der Identitätssuche
- Identitätsfindung als permanenter, reflexiver Prozess statt als abgeschlossenes Ziel
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Zur Funktion des faktualen Textteils
Berkel musste mit sich selbst an einen bestimmten Entwicklungspunkt kommen um die geeignete Perspektive zu finden. Er macht dabei von seiner künstlerischen Freiheit Gebrauch und nimmt dabei jene Perspektive ein, die es ihm ermöglicht, Autobiographisches und Fiktionales miteinander in Einklang zu bringen. Der von Berkel stetig praktizierte Perspektivwechsel hat zwar zur Folge, dass hierdurch Brüche innerhalb des faktualen und fiktionalen Textteils entstehen. Doch wird die nachstehende Analyse zeigen, dass diese Brüche nicht willkürlich von Berkel inszeniert und herbeigeführt werden, sondern einen ganz wesentlichen Aspekt hervorheben und betonen sollen.
Zuvorderst soll der Fokus auf jene Textpassagen gerichtet werden, die sich durch Faktualität auszeichnen und reale, autobiographische Tatsachen aus Berkels gegenwärtigem Leben repräsentieren. Die besondere Signifikanz dieser Passagen besteht darin, dass Berkel hier, analog zu anderen Autobiographien, als autodiegetische Erzählinstanz in Erscheinung tritt. Hier nimmt er die Position des Protagonisten ein und kann dergestalt jene Perspektive einnehmen, die dem Rezipienten einen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt ermöglicht. Nur auf diese Weise kann er vermitteln, wie belastend für ihn das omnipräsente Schweigen seiner Mutter bezüglich des Judentums ist und dass er von ihr keinerlei Hilfe aus seiner Identitätskrise erwarten kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Identitätskonstruktion ein und stellt die These auf, dass Christian Berkel in seinem Buch „Der Apfelbaum“ eine narrative Identität nutzt, um seine Identitätskrise zu überwinden.
2 Berkels Identitätskrise – Ursache und Wirkung: Dieses Kapitel beleuchtet den auslösenden Initialschock durch die Konfrontation mit jüdischen Wurzeln und die psychischen Folgen des familiären Schweigens.
3 Narration als Ausweg: zur Bedeutsamkeit des narrativen Diskurses: Es wird analysiert, wie Sprache und das Erzählen von Geschichten dem Autor als mächtiges Instrument dienen, um eine sinnstiftende Wirklichkeit zu erzeugen.
4 Berkels Konstruktion einer narrativen Identität: Hier wird untersucht, wie Berkel durch die Fiktionalisierung seiner Mutter und die spezifische Textgestaltung Barrieren überwindet und Identität konstruiert.
4.1 Der Sonderstatus der Mutter: Der Abschnitt fokussiert auf die schwierige Beziehung zur Mutter und die Notwendigkeit, sie als Kunstfigur zu begreifen, um die Wissenslücken zu kompensieren.
4.2 Die adäquate Textform: ein Oszillieren zwischen Faktualität und Fiktionalität: Es wird die hybride Textform analysiert, die zwischen autobiographischen Fakten und Romanhandlung oszilliert.
4.2.1 Zur Funktion des faktualen Textteils: Dieser Teil untersucht, wie autobiographische Passagen dem Leser Einblick in die emotionale Verfassung des Autors geben.
4.2.2 Vom Nutzen der Fiktionalität: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie das Reich der Fiktion es ermöglicht, das Schweigen der Mutter zu überwinden und Identität stabil zu setzen.
5 Identitätsfindung als Prozess: Das Kapitel schließt, dass Identität nicht als festes Ziel, sondern als stetiger reflexiver Prozess zu begreifen ist.
6 Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass Berkel durch den Umweg über die Fiktion seine Wurzeln stabilisieren und sich mit seiner Geschichte versöhnen konnte.
Schlüsselwörter
Identität, Identitätskonstruktion, narrative Identität, Christian Berkel, Der Apfelbaum, Autobiographie, Fiktionalität, Faktualität, Schweigen, Familiengeschichte, Identitätskrise, Erzählforschung, Selbstdefinition, Identitätsfindung, Auto-Heterofiktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Konstruktion einer narrativen Identität in Christian Berkels Buch „Der Apfelbaum“ und untersucht, wie der Autor persönliche Identitätskrisen durch das Schreiben verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung des Erzählens für die Identitätsfindung, das Spannungsverhältnis zwischen Fakt und Fiktion sowie die psychologischen Folgen familiären Schweigens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, aus welchen Gründen Berkel eine narrative Identität konstruiert und welche spezifischen Methoden er dabei anwendet, um seine Identitätskrise zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Elemente der Identitätsforschung, Erzähltheorie und Aspekte aus der Psychologie interdisziplinär verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung von Berkels Identitätskrise, der Bedeutung des narrativen Diskurses sowie dem Wechselspiel zwischen faktualen und fiktionalen Textpassagen im Buch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie narrative Identität, Autobiographie, Fiktionalität, Familiengeschichte und den Identitätsfindungsprozess charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Mutter in Berkels Identitätsfindung?
Die Mutter fungiert als zentrale Figur, deren Schweigen über ihre jüdische Herkunft die Identitätskrise des Autors erst auslöste; durch ihre Fiktionalisierung im Buch kann Berkel die Lücken ihrer Geschichte schließen.
Wie unterscheidet sich die Textform des Buches von einer reinen Autobiographie?
Das Werk oszilliert zwischen Faktualität und Fiktionalität, weshalb es eher als „Auto-Heterofiktion“ denn als klassische Autobiographie bezeichnet wird, da der Autor reale Erlebnisse durch fiktionale narrative Strukturen erweitert.
- Arbeit zitieren
- Verena Dolch (Autor:in), 2020, Konstruktion narrativer Identität. Am Beispiel von Christian Berkels Roman "Der Apfelbaum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1167873